Tiptree Jr. Yanqui Doodle
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903061-33-0
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sämtliche Erzählungen, Band 7
E-Book, Deutsch, Band 7, 520 Seiten
Reihe: Sämtliche Erzählungen
ISBN: 978-3-903061-33-0
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
James Tiptree Jr. (1915-1987) ist das männliche Pseudonym von Alice B. Sheldon. Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, es müsse sich um einen Mann handeln. Die Aufdeckung, noch zu ihren Lebzeiten, war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod enden, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen verfasst worden. Sie zählt unter Science-Fiction-Fans zu den großen Klassikern, gleich neben Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. Ihre Kurzgeschichten, die sie erst im Alter von einundfünfzig Jahren zu schreiben begann, und von denen einige wohl zu den besten des späten 20. Jahrhunderts gehören, brachten ihr schnell Ruhm und zahlreiche Auszeichnungen ein. Dennoch litt sie ständig unter schweren Depressionen und Todessehnsucht. Nach einem vorab geschlossenen Selbstmordpakt erschießt Sheldon im Alter von einundsiebzig Jahren erst ihren vierundachtzigjährigen Mann und dann sich selbst.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Herz Drei
»Lieber Bolingbroke, lieber Loomis«, sagt sie zu dem Brief-Recorder. »Könnt ihr euch an die Frau von Terra erinnern, die ihr beim Warten auf euer Shuttle am Knotenpunkt Centaurus getroffen habt?«
Nein, das würde nicht hinhauen. Mittlerweile hätten sie wahrscheinlich Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, wo Terra überhaupt liegt, oder was »Frau« bedeutet. Überdies sollte sie ihre Kehle entspannen, damit ihre Stimme verführerischer klingt.
Sie spult zurück und beginnt nochmal von vorn, setzt aber diesmal »weiblicher Mensch« ein. Menschen kannte man in der ganzen Galaxie.
»Nun«, fährt sie fort, »sie erinnert sich jedenfalls an euch. Und zwar sehr eindringlich. Dies hier soll euch einfach sagen -« Hier hält sie den Brief-Recorder an, um nachzudenken. Was genau will sie ihnen mitteilen, nach all diesen Jahren? Ja, tatsächlich, genau das, was sie schon gesagt hat - dass sie sich erinnert, dass sie einfach nicht vergessen kann, absolut nicht vergessen kann. Obwohl ihr Leben sicherlich voll und abwechslungsreich genug ist, um sie so gut wie alles vergessen zu lassen, jedenfalls was flüchtige sexuelle Erfahrungen betrifft. Warum dann nicht auch diese beiden, Loomis und Bolingbroke? Warum? Es muss etwas mit dem ganzen Drumherum zu tun haben, damit, was sie mit ihr getan haben und sie mit ihnen, damit, was sie durch sie zu tun versucht haben.
Sie stößt einen wohligen Seufzer aus, als sie die Erinnerung ganz wiederkehren lässt; während draußen vor den Fenstern ihres schönen Büros die Lichter von Luna City angehen, weit unten …
Es hatte wie eine völlig alltägliche Begegnung angefangen, in diesem Zeitalter der Sternenreisen und Formverwandlungen. Sie sieht sich selbst vor sich, als wäre es gestern gewesen, wie sie in ihrem besten weißen Reisekleid am Knotenpunkt Centaurus steht, eine Mantilla auf ihren langen schwarzen Haaren, einen edelsteinbesetzten Gürtel um die Taille und Slipper an den Füßen - eine ganz normale hochklassifizierte Nachwuchsvertreterin für Luxusartikel.
Sie ist mit dem Shuttle von Terra zum Knotenpunkt Centaurus gereist; wie gewöhnlich hat es länger gedauert, zum Weltraum-Sprunghafen Deep Space zu kommen, als sie für die Reise ins Deneb-System benötigt, wo sie versuchen würde, der dort herrschenden Lebensform eine ganze Palette der makrozellularen Gerätschaften zu verkaufen, die ihre Firma produziert.
Wie sich herausstellt, hat sie sechsundzwanzig Standardstunden zu warten.
Nachdem sie überprüft hat, dass ihre wertvollen Musterkoffer im Deneb-Zielschacht verstaut sind, spaziert sie hinaus, um sich unter der großen Uhrenwand, die die lokalen Zeiten im ganzen bekannten Weltraum anzeigen, einen Belebungsdrink zu genehmigen. Sie sollte sich am besten gleich an die Deneb-Zeit gewöhnen - obwohl sie natürlich im Kälteschlaf reisen wird, der alle ihre physiologischen Zyklen wieder in Grundstellung bringt.
Während sie nach Deneb sucht, wird sie sich einer angenehmen Anspannung in ihrem Schritt bewusst, das Kribbeln und Kitzeln sexueller Erregung. Sie hatte in letzter Zeit zuviel an Sex gedacht - und der Kälteschlaf würde daran sicher nichts ändern. Tja, und dies war so ziemlich ihre letzte Chance, unter Menschen zu sein. Wenn sie einen geeigneten Partner ausfindig machen würde, könnte sie die Wartezeit ganz gut nutzen.
Sie vergisst Deneb und schaut sich um, aber an den Tischen und der Theke sieht sie keinen anderen Menschen, der ihr gefallen könnte. Da sind ein paar nette Aliens, von denen sie weiß, dass sie scharf auf Sex mit Menschen sind, aber sie scheinen alle ihre Jungen dabei zu haben - Familien im Urlaub zweifellos. Die paar einzelnen Aliens, die sie entdecken kann, kommen ihr seltsam vor; mit keinem von ihnen würde sie eine sexuelle Begegnung riskieren, außer als allerletzten Ausweg. Und natürlich war da wie immer der eine oder andere Ovidianer, die sowieso allzeit bereit waren, deren sexuelle Gewohnheiten aber niemanden interessierten. Nun, vielleicht wird ja noch jemand auftauchen.
Sie macht sich wieder daran, die Uhrenwand zu studieren, und hat gerade festgestellt, dass es auf Deneb IV Mitternacht ist, als jemand den Arm anstößt, in dem sie ihren Drink hält.
»Verzeihung«, sagt der Fremde. Es ist ein Mensch. Sie muss zwinkern vor Überraschung: Er ist atemberaubend hübsch, ein großer, braungebrannter Junge mit lockigen roten Haaren - für gewöhnlich eine katastrophale Kombination, aber bei ihm sieht es toll aus. Und auch noch gut angezogen.
»Verzeihung«, sagt er wieder, mit einem ziemlich sonderbaren Akzent. Und wiederholt dann noch einmal: »Verzeihung, bitte.«
»Oh, das macht doch nichts.« Sie lächelt. Soeben hat sie festgestellt, dass er eine unübersehbare Erektion hat, die einen Zipfel seines Sporttapperts hochdrückt und die er sich gar nicht zu verbergen bemüht. Ein zweiter junger Mann steht neben ihm, ein Dunkelhaariger, den man ebenfalls als auffällig attraktiv bezeichnet hätte, wenn er nicht im Schatten des spektakulären Rotschopfs gestanden wäre. Und auch er hat eine gut sichtbare zeltförmige Ausbuchtung in seinen gut geschnittenen Beinkleidern.
»Verzeihung«, sagt der Rotschopf zum vierten Mal. Sie ist schon fast dabei, ärgerlich zu werden, aber als er versucht, weiterzusprechen, merkt sie, dass er Probleme mit dem Galaktischen hat.
»Verzeihung, ich darf eine persönliche Fragen stellen? Ja?«
»Ja, natürlich.«
»Sie haben von Natur diese Gestalt? Und kommen von Terra, richtig?«
»Das ist richtig. Ich bin von Natur aus ein weiblicher Mensch, eine Frau von Terra. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie vor kurzem Ihre Gestalt verändert haben?«
»Ah! Ja! Sie verstehen gut!« Er wirft einen dankbaren Blick auf seinen Gefährten, und sie willigen beide ein, als sie ihnen bedeutet, Platz zu nehmen. »Es ist alles in großer Eile geschehen, wissen Sie, die Berufung auf die Diplomatenposten auf Terra war gerade eröffnet worden. Wir mussten nehmen, was gerade zu haben war, und haben keine Informationen bekommen. Wir sind Berufsdiplomaten aus Tumnor, aber Menschen sind wir noch nie gewesen. Anscheinend haben wir Schwierigkeiten mit der Biologie« - er zeigt auf seinen Schoß - »und die Gebrauchsanweisung ist dummerweise in unserem Reisegepäck verstaut. Wir kennen nicht einmal die rudimentärsten Formalien.«
»Ich verstehe. Also gut! Nun, zuallererst, mein Gesichtsausdruck ist ein Lächeln, das ist ein Zeichen für Wohlwollen.« Die beiden Fremden setzen schlagartig ein gewinnendes Lächeln auf. »Und beim Kennenlernen ist es üblich, dass man den Namen nennt - nicht unbedingt Ihren vollen Namen, nur etwas, damit man angesprochen werden kann. Ich zum Beispiel bin Sheila. Und oft schütteln wir uns die Hände, wenn wir uns begrüßen. Ihre rechte Hand, bitte. Oh! Meine Güte, Sie sind ja heiß! Ist das normal, oder fühlen Sie sich nicht gut?«
»Oh, nein«, sagt er, während sie behutsam nochmal seine Hand ergreift und ein Schütteln demonstriert. »Es muss damit zu tun haben, dass unser natürlicher Metabolismus durchschlägt. Unser Verwandlungscoach sagt, dass es die Körper nicht beschädigt. Aber ist es unangenehm?«
»Nein, nur sehr auffällig. Und wenn ich mich an die Höflichkeitsregeln halten würde, hätte ich es gar nicht erwähnen sollen. Aber vielleicht verpacken Sie es in Zukunft in einen kleinen Scherz, um die Leute zu warnen. Und Ihre Namen?« Während er spricht, fragt sie sich, ob wohl sein ganzer Körper so heiß ist. Interessant …
»Ich bin Bolingbroke«, stellt er sich vor. »Und mein vorgesetzter Kollege hier ist Loomis.«
»Wirklich? Wie altmodische Terranernamen?«
»Sind sie unpassend? Näher konnten wir mit dem, was wir an Terranerliteratur haben, nicht kommen. Zu Hause in Tumnor heiße ich Bol …« Er äußert eine unentwirrbare Silbenfolge. »Und er ist Lo…« Es folgt eine weitere Unaussprechlichkeit.
»Nein, sie passen recht gut. Und sie sind sehr malerisch. Und äußerst empfindsam - Terraner hätten ihre Schwierigkeiten damit gehabt. Nun, Sie haben die Biologie erwähnt. Sie werden feststellen, dass es auf Terra üblich ist, so offensichtliche sexuelle Reaktionen zu unterdrücken oder zu verbergen.« Diskret deutet sie auf die Ausbuchtung, die jetzt zuckt. »Oder haben Sie etwa nicht gewusst, was es damit auf sich hat?«
»Oh!« Er senkt den Blick und versetzt dem Anstoß erregenden Glied einen Klaps, wobei er ein wenig zusammenfährt. »Der Verwandlungscoach sagte, dass unsere Körper extra jung und kräftig sind, und dass dieser Teil hier sich aufblähen würde, wenn wir in den Reproduktionsmodus übergehen. Aber wir haben nicht erwartet - ist es beleidigend für Sie?«
Der dunkle Typ, den er Loomis genannt hat, sein »vorgesetzter Kollege«, erhebt plötzlich die Stimme. »Boley, es hat etwas mit ihrer Nähe zu tun. Mit unserer Nähe zu Ihnen.« Seine Stimme ist sanft und tief und angenehm. Unverwandt lächelnd fragt er: »Dürfen wir daraus folgern, dass Sie auch im Reproduktionsmodus sind?«
Sheila lacht. »Nun, es gibt da keine allgemeingültige Regel, weil so junge Körper wie die Ihren sich auch, ähm, spontan aufblähen können. Aber, nun ja, ganz zufällig hatte ich etwas ganz ähnliches im Sinn, mir die Wartezeit zu vertreiben.«
»Wie wunderbar!«, ruft Bolingbroke aus. »Als wir erfahren haben, dass wir so lange warten müssen, vierundzwanzig Standards, haben wir den Entschluss gefasst, irgendeine größere terranische Aktivität auszuprobieren. Und wir haben uns für Sex entschieden. Würden Sie sagen, dass das eine größere terranische Aktivität ist?«
Sie lacht...




