Tiptree Jr. Houston, Houston!
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903061-29-3
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sämtliche Erzählungen, Band 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 488 Seiten
Reihe: Sämtliche Erzählungen
ISBN: 978-3-903061-29-3
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
James Tiptree Jr. (1915-1987) ist das männliche Pseudonym von Alice B. Sheldon. Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, es müsse sich um einen Mann handeln. Die Aufdeckung, noch zu ihren Lebzeiten, war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod enden, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen verfasst worden. Sie zählt unter Science-Fiction-Fans zu den großen Klassikern, gleich neben Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. Ihre Kurzgeschichten, die sie erst im Alter von einundfünfzig Jahren zu schreiben begann, und von denen einige wohl zu den besten des späten 20. Jahrhunderts gehören, brachten ihr schnell Ruhm und zahlreiche Auszeichnungen ein. Dennoch litt sie ständig unter schweren Depressionen und Todessehnsucht. Nach einem vorab geschlossenen Selbstmordpakt erschießt Sheldon im Alter von einundsiebzig Jahren erst ihren vierundachtzigjährigen Mann und dann sich selbst.
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Es liegt nicht an Ihrem Gerät
– live aus unserem Studio im wunderschönen Porcupine Crossing, die Stimme der Near North Woodlands. Leute, all denjenigen, die überzeugt waren, dass wir hier im oberen Bluegill County zu dieser späten Stunde keine fabelhaft faszinierenden Interview-
partner auftreiben würden, kann ich nur sagen: Sag niemals nie! Wow, unsere heutigen Gäste können sich sehen lassen. Vielen Dank an dieser Stelle an Uncle Carl’s Candlelight Supper-Club an der Route 101, übrigens bis direkt vor der Brücke asphaltiert. Nicht vergessen, Leute, bei Uncle Carl findet ihr gediegene Unterhaltung für die ganze Familie. Schaut einfach mal nach der Arbeit vorbei ... Oh Mann, diese Beef-Patties! Und nun würde ich euch gern unseren ersten Gast vorstellen, Mrs. Charlene Tumpak aus Wabago Falls. Mrs. Tumpak, Sie sehen großartig aus. Nennen Sie mich einfach Dick, in Ordnung? Jetzt würde ich aber gerne erfahren, wie es kommt, dass Sie zweiunddreißig neue Stoppschilder bei der Gemeinde einklagen, Mrs. Tumpak.
Sicher, Dick, haha. Naja, ich mag nun mal Stoppschilder. Tun wir das nicht alle?
Was sagt man dazu, Leute? Habe ich nicht gesagt, dass wir ein paar außergewöhnliche Persönlichkeiten kennenlernen werden? Mrs. Tumpak, möchten Sie nicht erzählen, was Ihnen an Stoppschildern so gefällt? Wann haben Sie diese Vorliebe entwickelt? Darf ich Charlene zu Ihnen sagen?
Sicher, machen Sie ruhig, mein Ehemann ist schwerhörig. Ach, ich schätze, das hat wohl alles mit dem Gelb angefangen.
Sie meinen, dass Sie, ähm, auf gelb stehen, Charlene?
Nein, Dick, zuallererst ist da dieses grüne Licht, das ist so furchtbar kalt. Als ob es einen vorantreiben wollte. Los, beweg dich – das sagt das Grün zu mir. Du hast hier nichts verloren. Total unfreundlich. Und dann wird es gelb, wissen Sie? Wärmer. Als ob es sich’s anders überlegt hätte.
Na, das ist mal eine faszinierende Idee, Leute, meint ihr nicht?
Ja. Und dann wird es rot. Ganz warm! Als würde es sagen, bleib ein Weilchen. Sieh dich um, entspann dich, sagt das Rot zu mir. Und das mach ich auch, so wie jeder von uns, oder etwa nicht? Immer was Neues um einen herum, und die ganzen anderen Autos, es ist wie eine Party. Ich liebe Partys.
Das ist ja eine richtige Philosophie, die Sie da entwickelt haben, Charlene.
Ja. Wenn ich also gelb sehe, werde ich immer ganz langsam. Weil es nämlich rot werden wird, wissen Sie. Und wenn ich das altbekannte Grün sehe, bremse ich auch, weil ja bald das Gelb kommen könnte, verstehen Sie? Und all diese kleinen Stoppschilder, die ohne Lichter, da kann man einfach stehen bleiben, solange man will und sich in Ruhe umsehen. Wissen Sie, was ich gestern gesehen habe, an dem Stoppschild auf der Fernstraße? Zwei Erdhörnchen. Ich sage lieber nicht, wobei ich sie beobachtet habe, haha. Wir brauchen mehr Stoppschilder, dann hätten die Menschen wieder mehr Zeit für sich.
Ich muss schon sagen, das ist eine faszinierende Theorie, Charlene. Sie haben erwähnt, dass jeder Stoppschilder mag. Können Sie auch ganz bestimmt sagen, dass es anderen Menschen genauso geht wie Ihnen?
Na klar, Dick. Sie winken mir schließlich immer zu. Und hupen. Du meine Güte, wie da immer gehupt wird.
Na, das war wirklich interessant, Charlene. Ich bin sicher nicht der Einzige, der Ihnen viel Glück bei Ihrer Kampagne für mehr Stoppschilder wünscht! Ist das nicht so, Leute? Yippie, und jetzt ist unser nächster fabelhafter Gast aus dem oberen Bluegill County an der Reihe, präsentiert von Bill and Betty’s Bait and Booze Shoppe, unserem Laden für Angelköder und Alkoholika am Square Corners. Leute, was auch immer für den einen kapitalen Fang fehlt, bei Betty bekommt man es! Und hört euch ihr Angebot der Woche an – zwei Dutzend Regenwürmer gratis zu jeder Flasche Wilkins Family, der Whiskey, den man nicht vergessen kann. Wow, behalten Sie mir eine Flasche auf, Betty! Und nun zu unserem ganz besonderen Gast, Mr. Elwin Eggars. Mr. Eggars ist aus London, England, hierhergezogen, Leute. Er wusste wohl, dass Near North Woodland unschlagbar ist, wenn man rund ums Jahr Spaß haben will! Erzählen Sie mal, Mr. Eggars, stimmt es, dass Ihre Geburt etwas unüblich verlief?
Nun, das kann man wohl sagen. Ich kam voll ausgewachsen auf die Welt. Bloß viel kleiner, versteht sich.
Ach du liebe Zeit, wollen Sie damit sagen, dass Sie bei der Geburt ein voll ausgewachsener Mann waren, Mr. Eggars? Nur klein?
Ganz genau. Glücklicherweise waren meine Eltern überzeugte Anhänger einer natürlichen Geburt. Ansonsten wäre es gleich vorbei mit mir gewesen, verstehen Sie.
Wieso das, Mr. Eggars?
Sie wissen schon, der Arzt. Der Gynäkologenbursche. Dabei war er eigentlich gar nicht der Chef, sondern ein Assistenzarzt, der mich auffing. Kaum machte ich die Augen auf, hielt er mich schon kopfüber nach unten. Ich boxte wild um mich, ich bekam ja keine Luft. Der ganze Schleim! Aber ich konnte den Hass, der mir entgegenschlug, spüren. Wenn mein Dad nicht da gewesen wäre, hätten sie mich ohne mit der Wimper zu zucken beseitigt.
Na Leute, das ist mal eine Geschichte, die das Leben schreibt! Wie kam es, dass Ihr Vater da war, Mr. Eggars?
Das ist das Natürliche an der Geburt, verstehen Sie, mit dem Ehemann – also meinem Dad, in dem Fall – an der Seite der Frau. Wirklich ein Riesenglück. Sie müssen wissen, dass meine Eltern die ganze Sache hundertmal in allen Einzelheiten besprochen hatten. Deswegen wusste ich auch genau, was auf mich zukommen würde. Eine Geburt ist eine entsetzliche Angelegenheit, ich war komplett erschöpft.
Ich bin überzeugt davon, dass unsere Zuschauer gern mehr über dieses einzigartige Erlebnis erfahren würden, Mr. Eggars. Möchten Sie uns erzählen, welche Rolle Ihr Vater dabei spielte?
Nun. Ich wusste, dass er da war, müssen Sie wissen, obwohl ich ihn da noch nicht sehen konnte, so kopfüber und um mich schlagend und mit dem ganzen Kleister. Aber sobald ich konnte, schrie ich nach ihm: »Dad! Dad! Hilf mir!« So laut wie nur möglich. Ich rief nach ihm, verstehen Sie, weil mir klar war, dass Mutter in keiner Verfassung dafür sein würde.
Und woher konnten Sie Englisch? So früh, meine ich?
Ach, das kam wie von selbst. Eher Bruchstücke, sollte ich vielleicht dazu sagen. Um den fünften Monat herum begann ich, einiges aufzuschnappen, wenn mich nicht alles täuscht. Ich erzähle Ihnen lieber nicht, was ich als Erstes lernte. Haha.
Ach, wieso denn nicht, Mr. Eggars? Unsere Zuschauer da draußen sind bestimmt genauso gespannt wie ich auf alles, was Sie uns erzählen. Wir wollen alles darüber erfahren, nicht wahr, Leute? Was haben Sie als Erstes gelernt, Mr. Eggars?
Ach nein, wirklich, das gehört sich nicht. Haha.
Kommen Sie schon, spannen Sie uns nicht auf die Folter, Mr. Eggars. Die Kinder sind schon alle im Bett.
Nun, haha. Lassen Sie es mich so ausdrücken. Kleinkinder lernen eine Sprache durch Assoziation, verstehen Sie. Wir sehen einen Hund und hören jemanden Miau sagen, oder was auch immer.
Wuff-wuff – aber erzählen Sie weiter.
Achja. Nun, ich konnte natürlich nichts sehen, aber ich konnte einiges spüren, müssen Sie wissen. Und sie reden hören. Und wenn man meine Lage in diesen ersten Monaten bedenkt, wird man unschwer verstehen, dass ich viele, sagen wir mal, »stechende« Erfahrungen machte, die mit bestimmten Wörtern assoziiert waren?
Fantastisch, wirklich fantastisch, hahaha.
Ich muss zugeben, dass mich das äußerst neugierig machte, müssen Sie wissen. Ich konnte nicht herausfinden, was zum Kuckuck die einfachsten Dinge bedeuteten. Verschiedene Gurgelgeräusche und Ähnliches konnte ich natürlich als Essen identifizieren, und das Rütteln war der Wagen, und so weiter. Aber stellen Sie sich mal den Versuch vor, andere Dinge zu enträtseln – das Hemd, zum Beispiel? Oder – naja, ich habe schon genug gesagt.
Hey Leute, ist es nicht absolut großartig, wie er spricht? Mr. Eggars, wie hat denn Ihr Paps reagiert, als Sie nach ihm riefen?
Er brachte den Assistenzarzt selbstverständlich dazu, mich loszulassen, und ich schaffte es, aufzustehen. Da hatte ich noch nicht realisiert, dass ich an einen Teil meiner Mutter gelehnt war. Aber ich sagte »Hallo, Dad« und gab ihm die Hand.
Sie haben sich die Hände geschüttelt, ehrlich?
Ja, das hatte ich die ganze Zeit vor, müssen Sie wissen. Ich war ziemlich stolz auf mich, dass ich es geschafft hatte herauszufinden, was Hände sind und so. Ich wollte mich unbedingt korrekt verhalten. Um ihm zu zeigen, dass er einen Sohn hatte, auf den er stolz sein konnte. Die richtige Sorte von Dad kann einen ja nachhaltig prägen. Und mein Dad war so einer.
Ich muss sagen, das ist eine wirklich bewegende Beschreibung. Und was war mit Ihrer Mutter?
Ach, ich hatte mich sehr darauf gefreut, sie kennenzulernen. Aber es war natürlich ziemlich verwirrend, alles zum ersten Mal zu sehen, und ich war verdammt dreckig – Verzeihung. Ich sagte zu Dad: »Könnte ich mich kurz frisch machen?« Er verstand sofort. Eine der Schwestern wusch mich mit einem Waschlappen. Ungeschickter Trampel. Ich glaube, der Assistenzarzt hatte sich schon aus dem Staub gemacht, und irgendjemand lag am Boden. Als ich halbwegs präsentabel war, hob Dad mich hoch und brachte mich zu Mutter – an ihr vorderes Ende, natürlich.
Was sagt man dazu, Leute? Was hat sie gesagt?
Nun, naja, all das war ziemlich emotional, müssen Sie wissen. Ich dankte ihr natürlich; ich hatte schon längere Zeit darüber nachgedacht, was ich zu ihr sagen würde. Ich...




