E-Book, Deutsch, Band 40, 166 Seiten
Reihe: Sherlock Holmes - Neue Fälle (Historische Kriminalromane)
Tippner Sherlock Holmes - Neue Fälle 40: Der unheimliche Mönch
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-239-4
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 40, 166 Seiten
Reihe: Sherlock Holmes - Neue Fälle (Historische Kriminalromane)
ISBN: 978-3-95719-239-4
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dr. Watson in Angst. Zurück aus dem Urlaub berichtet er von einem Mönch, der vermutlich Morde begangen hat. Holmes geht der Spekulation seines Freundes nach und nimmt eine unglaubliche Spur auf. Ein weiterer Fall reißt den Meisterdetektiv in die eigene Vergangenheit zurück. Jemand trachtet ihm nach dem Leben. Und das bereits seit vielen Jahren.
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Holmes in Gefahr
Aus den Tagebucheintragungen des Doktor Watson
Es hat mich wieder einmal geärgert, wie Holmes die letzte Erscheinung meiner Geschichten-Sammlung Der Fall aus der Vergangenheit augenscheinlich und sehr kritisch beäugt hatte. Während ich ihm die letzte Fassung meiner Erzählung reichte, noch mit den Anmerkungen und Fähnchen des Lektorats versehen, hatte er nichts weiter getan, als zu sagen: „Wie immer, Watson, literarisch auf dem Niveau der billigsten Effekthascherei und dem Drang, dort Spannung zu erzeugen, wo Logik, Deduktion und Beurteilung ihren Platz finden sollte. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie Ihre Leser ernsthaft diese Art der Literatur schätzen können.“
Mein schmallippiges: „Es bereitet mir Freude und den Lesern Spaß“, hätte ich mir später am liebsten verkniffen, als ich wieder zu Hause angekommen war und meiner Mary meinen Kummer berichtete.
Meine Frau, ein Engel, wie er im Buche steht, hatte sich zu mir auf meinen Schoß gesetzt, nachdem ich meinen Platz auf dem Sessel gefunden hatte. Sie strich mir eine Haarlocke, so, wie sie es immer tat, aus der Stirn, gab mir ein Küsschen auf die Nasenspitze und meinte: „Ärgere dich doch nicht immer über ihn. Du weißt doch, wie er ist.“
„Dennoch ...“, antwortete ich ihr ärgerlich und legte meinen Kopf gegen ihre Brust.
„Du bist so versessen darauf, dass Holmes dich lobt, dass du deine eigentlich erzielten Erfolge als Autor gänzlich vergisst.“
Ich schaute auf.
Sie lächelte, nickte noch einmal und wiederholte, was sie eben zu mir gesagt hatte. Und fügte, als sie die skeptische, breite Falte auf meiner Stirn verlaufen sah, hinzu: „Lass ihn reden. Er kann es auch nicht besser als du.“
„Er will es nicht verstehen.“
„Er kann es nicht“, verbesserte sie mich. Dabei schenkte sie mir wieder ein Lächeln, ein kurzes, mich aufmunterndes Zucken ihrer Mundwinkel, und ließ mich erahnen, warum ich sie so sehr von ganzem Herzen liebte. „Weil er da eine Maschine hat, wo du ein Herz besitzt, mein Schatz.“
„Du bist zu lieb zu mir.“
„Weil ich dich liebe.“
Um mir dann, als ich sagte: „Ich dich auch. Dennoch wünschte ich mir, wenn Holmes es würdigen würde, was ich für ihn tue“, ein weiteres charmantes, hinterlistig anzusehendes Lächeln zu schenken, das mich neugierig den Kopf zur Seite neigen ließ. „Was hast du?“
„Hast du Holmes schon einmal eine Geschichte selbst schreiben lassen?“
„Ja“, nickte ich. „Er berichtete zum Beispiel über den kreidebleichen Soldaten. Warum fragst du?“
„Weil ich finde, er sollte sein Talent noch einmal unter Beweis stellen.“
„Wieso das?“
„Um zu sehen, wie es ist, wenn man eine Geschichte erzählt. Er vergisst immer zu gerne, was es bedeutet, einen guten Anfang, einen spannenden Mittelteil und ein ausgewogenes Ende bereithalten zu müssen. Logik, Deduktion, Beurteilung!“
„Du hast recht“, nickte ich ihr zu. „Das könnte es sein.“
„Ist es.“
Damit machte ich mich am nächsten Morgen, bevor ich die Praxis öffnete, wieder auf, um Holmes in der Baker Street 221b zu besuchen. Ich trat in seinen Wohnbereich, schaute mich missmutig um aufgrund der vorherrschenden Unordnung, und fragte ihn: „Sie haben die beiden Fälle gelesen, Holmes?“
„Gewiss.“
„Ihr Urteil bleibt dasselbe?“
„Natürlich.“
„Sie hätten den Fall anders beschrieben?“
„Absolut.“
„Sehr fein. Dann hätte ich eine Bitte an Sie.“
„Die wäre, Watson?“
„Unseren zurückliegenden Fall, Sie erinnern sich, den von vor einer Woche?“
„Lebhaft und erschreckend erlebe ich diese Momente zurzeit wieder und wieder.“
„Schreiben Sie den Fall doch bitte auf.“
„Ich?“
Ich muss gestehen, liebes Tagebuch, dass ich mich jetzt noch schelmisch darüber freue, wie Holmes mich angeschaut hatte. Waren seine Gesichtszüge bis zu diesem Zeitpunkt mit einem Hauch von Langeweile erfüllt, so geschah es, dass sich jetzt etwas in seine Augen schlich, das ich mit vager Unsicherheit gleichsetzen wollte. Ich bemerkte, wie er anfing, mich zu studieren, wie seine Blicke die meinen suchten, dass er hoffte, etwas in ihnen zu finden, das ihm verriet, dass ich einen Spaß auf seine Kosten machte.
Was ich nicht tat.
Ganz und gar nicht.
Ich starrte ihn nur unweigerlich an, fragte dann, als er sich noch zu keiner weiteren Antwort hatte hinreißen lassen: „Sie trauen sich nicht, Holmes?“, und griff dabei auf den unordentlich gehaltenen Papierstapel, der meine Manuskripte beinhaltete.
„Ich bitte Sie. Ich habe Ihnen längst bewiesen, dass auch ich die Kunst der Schreiberei ausgesprochen gut beherrsche.“
„Ihre Verkaufszahlen lagen deutlich unter den meinen.“
„Weil die Menschen nicht verstanden haben ...“
„Nein, nein, nein, Holmes“, schmunzelte ich. „Keinerlei Ausflüchte und keinerlei Vorträge über die fehlende Intelligenz meiner Leser oder deren minder ausgeklügelten Fähigkeiten, Sachverhalte in logischer und richtiger Reihenfolge abfassen zu können.
Ihre Verkaufszahlen waren schlecht, sehr schlecht.
Darum mein erneutes Angebot an Sie: Schildern Sie den Fall, in dem Sie in Gefahr schwebten, so, wie Sie es für richtig halten.“
„Deduktiv? Logisch? Beurteilend?“
„Ganz, wie es Ihnen beliebt!“
Holmes’ Augen weiteten sich vor Freude. Er lächelte mich an und gestand mir: „Um ehrlich zu sein, Watson, ich habe schon länger auf solch eine Gelegenheit gewartet. Wollte aber nicht, aus Pietät unserer Freundschaft, um noch eine weitere Chance bitten.“
„Nur zu. Sie scheinen mehr davon zu verstehen als ich.“
Er lächelte immer breiter. „Das würde ich mir nicht anmaßen zu sagen, aber ja, ich glaube, ich wüsste, wie ich eine Geschichte zu erzählen hätte, die eben all diese von mir bemängelten Attribute besitzen würde.“
„Nur zu. Beginnen Sie zu schreiben.“
„Das werde ich“, nickte er mir zu, lehnte sich in seinem Sessel zurück, schlug die Beine übereinander und schloss die Augen.
„Sie suchen nach einem Anfang?“, wollte ich mit einem heiteren, stichelnden Unterton in der Stimme wissen, da ich mir sicher war, dass Holmes die von mir gestellte Aufgabe nie und nimmer in Angriff nehmen würde; selbst wenn er mir beteuerte, dass es ihm in den Fingern juckte und er unbedingt selbst zur Feder greifen wollte.
„Ich distanzierte mich von den Emotionen“, erklärte er mir und nahm mir den Wind aus den Segeln.
„Ach so.“
„Nur wenn ich die zurückliegenden Ereignisse ganz ohne Gefühle in Angriff nehme, kann ich den Kern der Geschichte erzählen.“
„Sie sind der Autor“, sagte ich und musste später zugeben, dass mein Gedanke: Na, das kann ja nie und nimmer heiter oder gar unterhaltsam werden, nicht ausgesprochen fair, geschweige denn freundschaftlich ihm gegenüber gewesen war.
Aber dennoch, liebes Tagebuch, bin ich gespannt, was mein Freund zu Papier bringen wird. Und ich verspreche hoch und heilig und auf diesen Zeilen, dass ich seiner Geschichte eine Chance geben werde, ohne sie vorab zu zerreißen oder gar überschwänglich schlecht zu kritisieren.
Watson hatte mich ja schon mehrmals dazu aufgefordert: „Schreibe die Geschichten doch selbst auf, wenn dir meine Interpretationen nicht gefallen“, nachdem ich seine Werke als zu oberflächlich und nach dem Geschmack des Publikums gerichtet kritisiert hatte. Wie schon bei meinem Versuch, das Geheimnis um den kreidebleichen Soldaten auf nichts weiter zu beschränken als die ausgemachten und unumstößlich auf der Hand liegenden Fakten, musste ich beim Redigieren der hier nun vorliegenden Geschichte schweren Herzens eingestehen, dass man schnell dazu neigt – wie soll ich es anders sagen? –, blumig zu werden.
So fiel es mir auf, dass ich die zurückliegenden Ereignisse doch in einen anderen Kontext zu setzen versuchte, als sie sich wirklich zugetragen hatten. Während ich immer wieder anmerkte, dass Watson seine Heldenverehrung zu sehr übertrieb und mich auf ein Podest stellte, auf dem ich gar nicht stehen wollte, fiel mir auf, dass ich dasselbe tat. Es war mir, als schaute ich beim Schreiben durch andere Augen.
Nicht, dass ich mich selbst als Held, geschweige denn als Mann der bestandenen Gefahren beschreiben wollte.
Aber im Laufe meiner Erzählung spitzten sich die Ereignisse dermaßen zu, dass ich gar nicht anders konnte, als einen Schritt in die Richtung des Romanautors zu tun.
Erklärend möchte ich dahin gehend erzählen, dass ich mir meiner Situation vollkommen bewusst war. Und dass ich diesen nun vorliegenden Fall nicht anders hätte lösen können, wie ich es getan hatte.
In diesem Augenblick aber, wo ich nun mein eigen Geschriebenes betrachte, es lese, wäre es mir am liebsten, diese Geschichte gar nicht zu veröffentlichen.
Nicht, weil sie nicht in den literarischen Kontext von Watsons Geschichten passt, sondern deshalb, weil ich zugeben muss, dass ich die Arbeit meines Freundes immer wieder unterschätze.
Aber gut, ich hatte Watson versprochen, meine Gedanken, Taten und Handlungen zu Papier zu bringen.
Was ich hiermit getan habe.
Ich habe unserer Freundschaft genüge getan und gebe offenherzig zu, was sonst ganz und gar nicht meine Art...




