E-Book, Deutsch, 44 Seiten
Tippner Der Blick zurück
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-3644-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 44 Seiten
ISBN: 978-3-7412-3644-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Tippner wurde am 10.07.1980 in Reinbek geboren. Schon während der Schulzeit veröffentliche er eigene Kurzgeschichten und eine Serie, die er unter den Klassenkameraden verteilte. Seit 2006 ist Thomas Tippner als professioneller Autor aktiv und veröffentliche überwiegend im Hörspielbereich. Dort arbeitete er mit den Labels Canora Media, Romantruhe, Nocturna Entertainment, Maritim und Higscore Music und ZYX zusammen. Zu den bekanntesten VÖs gehören: Captain Future, Star Trek, Alpha Base und der Roman Tochterherz.
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Es war schon seltsam. Da lebte man sein Leben, machte den einen Schritt vor, manchmal wieder zurück oder zur Seite, um dann doch wieder ein Stück vorwärtszukommen. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, passierte es einem.
Man ahnte es vielleicht, tief in sich drin, weil man immer heimlich, still und leise danach gesucht hatte, aber bewusst erlebt hatte man es nie. Aber aus heiterem Himmel war das, was man nur in ganz einsamen Stunden vermisst hatte, da. Erst war es nur ein Gefühl, eine Regung, die man nicht wahrhaben wollte.
Ein kurzer Gedankenblitz, der einen innehalten ließ in seinem Tun, um sich dann zu fragen, als die erste Verwirrung abgeklungen war: Um nach zwei, drei Tagen, an denen man seinen Alltag verfolgt, gestaltet und gelebt hatte, an diesen Augenblick zurückzudenken, der so sehr verwirrt hatte.
?
Warum ausgerechnet ?
, fragte Gordon Heller sich, als er vor dem Tiefkühlregal im Supermarkt stand und gerade nach der fettreduzierten Margarine grif.
Und jetzt, schlagartig, als wäre sie nie weggewesen, war sie wieder da und saß so fest in seinem Kopf, dass ihm flau im Magen wurde.
, dachte er und vergaß völlig den um sich herum herrschenden Trubel. ?
Gordon war sich nicht sicher, während er nachdachte, ob er sie überhaupt jemals wiedergesehen hatte.
Er blinzelte, als er sich vage daran erinnerte, dass er vor vier oder fünf Jahren einmal im Internet nach ihr gesucht hatte. Er hatte blind den Namen bei Google eingegeben, hatte nichts von ihr gefunden – außer dass sie ihr Abitur abgeschlossen hatte. Und das noch im gleichen Stadtteil, in dem sie zusammen aufgewachsen waren.
So hatte sich ihre Spur dann wieder verloren.
Bis heute wusste Gordon nicht einmal, warum er nach ihr gesucht hatte. Schließlich lebte er seit mehr als sieben Jahren mit ein und derselben Frau zusammen. Sie erwartete sein Baby. Und jetzt, wo er mit Sabrina einkaufen war, dachte er an eine Frau, die ihm gar nichts mehr sagte – gar nichts mehr sagen konnte.
Sie waren – im Großen und Ganzen – Fremde füreinander.
, fragte er sich ehrlich,
Um es ganz genau zu nehmen: Katharina-Linda Paulsen.
, dachte er und musste schmunzeln.
Er hatte den Namen immer sehr schön gefunden. Besonders, weil er zu Katharina gehörte. Und dann der Nachname Paulsen. Irgendwie war das alles eine runde Sache gewesen.
Der Name sowie das Mädchen.
Er war damals schon, als sie zusammen auf die Grundschule gingen, total in sie vernarrt gewesen. Das ganze Geschwätz von Jungs und Mädchen, dass sie sich nicht mochten und ärgern mussten, hatte nie zwischen ihm und ihr existiert. Er hatte sie eher beschützt, weil er dachte, sie beschützen müssen zu müssen.
Das war vom ersten Tag an so gewesen, und wenn er ehrlich zu sich selber war, würde er sie auch heute noch beschützen.
, schüttelte er den Kopf,
Oh ja, sie hatte damals dagestanden, durch den Türspalt geguckt und ihm einen Blick zugeworfen, den nur Mütter ihren Söhnen zuwarfen, wenn sie merkten, dass sich in ihnen etwas regte, das sie selbst einmal wie eine zum Himmel lodernde Flamme durchfahren hatte.
, dachte er heute grinsend und erinnerte sich so lebhaft an das Schamgefühl, das in ihm aufgestiegen war, dass es ihm jetzt noch durch den Magen wehte. Nicht so stark wie damals, eher wie ein weicher, vergehender Windhauch, der raschelnd über eine Wiese wehte und es kaum schaffte, die Grashalme zu bewegen.
Gordon musste wieder schmunzeln, als er an die Situation dachte. Ja, er hatte sich damals wirklich ertappt gefühlt. So, als hätte er was angestellt und war erwischt worden. Dabei aber hatte er zu nichts anderem als zu einem Lied gesungen, in dem es eigentlich um nichts anderes ging als eine olle Insel im Meer, auf der Menschen ihren Spaß hatten.
In dem Moment jedoch, als er auf seinem Bett gestanden hatte, um darauf herumzuspringen, die Schallplatte das Lied spielte, hatte er genau so gefühlt, wie Farin Urlaub und Bela B. den Text gesungen hatten. Er hatte ebenso Sehnsüchte gehabt, war ebenso begeistert und verwirrt gewesen, aber doch auf einen einzigen Punkt fixiert, der ihn nicht mehr losließ.
Der ihn bis heute nicht mehr losließ ... und ihn verwirrte – besonders der Moment, der ihm vorhin wieder in den Sinn gekommen war.
Er hatte im Büro gesessen und sich mit Akten beschäftigt, als er plötzlich an dachte.
Nicht an Sabrina, nicht an das Baby, nein, an An Katharina-Linda Paulsen.
Warum auch immer.
Er drehte sich um, um zum Einkaufswagen zu gehen. Ihn verwirrte die Tatsache, dass er sich an so viele Dinge erinnern konnte, die mit Katharina-Linda Paulsen zu tun hatte, noch mehr.
Der erste Schultag.
Das Verrückte daran war: Seltsamerweise konnte er sich nicht erinnern, was Sabrina damals getragen hatte, als sie sich kennenlernten – was Katharina, aber schon.
Es war ein weißes, schlichtes T-Shirt gewesen, dazu eine kurze Hose und schwarze, wenn er sich nicht irrte, glänzende Lackschuhe. Ihre blonden Haare waren zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden gewesen. Und die übergroße, rosafarbene Schultüte war ihm ebenso präsent wie die Tatsache, dass sie ihn an ihrem ersten Tag schon angelächelt hatte. Ihn, den Jungen aus einfachen Verhältnissen, der damals noch gar kein Verständnis für Rollenbilder und Statussymbole gehabt hatte.
An den ersten Geburtstag von Katharina, zu dem er eingeladen war, konnte er sich jedoch lebhaft erinnern. Und die Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen. Er wusste genau, dass er damals den ausgetragenen, alten AC/ DC-Pullover seines Bruders angezogen hatte und sich ganz schäbig fühlte, als er in Katharinas Wohnung trat. Die Cordhose war ebenso ausgeblichen gewesen und an seine Frisur wollte er gar nicht erst denken. Prinz Eisenherz wäre damals stolz auf ihn gewesen.
Als Kind war es ihm nie in den Sinn gekommen, sich über Statussymbole Gedanken zu machen. Außerdem kam er aus einem armen Haushalt. Nach der Scheidung seiner Eltern war seine Mutter froh gewesen, überhaupt irgendetwas zum Anziehen für die Kinder zu haben. Hätte es damals Oma und Opa mütterlicherseits nicht gegeben, wäre die Familie sicherlich das eine oder andere Mal hungrig ins Bett gegangen.
Gordon wurde bei all den Gedanken schwindelig. Warum brachen sie jetzt gerade auf ihn ein? Dazu noch in einem Supermarkt?
, fragte er sich selber und erinnerte sich daran, dass er bei dem besagten Geburtstag neben Katharina...




