E-Book, Deutsch, 163 Seiten
Timtschenko Briefbombe
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7485-9764-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Monologe und Gespräche
E-Book, Deutsch, 163 Seiten
ISBN: 978-3-7485-9764-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bin ein Ukrainer, der schon lange in Deutschland lebt, ein Immigrant in der ersten Generation. Ich habe Journalistik in Kyjiw und Recht und Wirtschaft in München studiert, einige Sachbücher (Schwerpunkt Osteuropa) in Deutschland veröffentlicht (Aufbau, Diederichs, Hugendubel, Herbig u.a. Verlage). Da ich die deutsche Sprache sehr respektiere, habe ich nie gewagt, auf Deutsch Belletristik zu schreiben. Das ist mein erster Versuch.
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Geisterbahn
Der Kleinmessebesuch ging zu Ende. Kinder und Betreuer standen vor dem Höhepunkt der Attraktionen, der Geisterbahn. Das ganze Programm wurde schon reichlich absolviert: die Karussells, Ponyreiten, Riesenrad, „Wikingerschaukel“, Wildwasserbahn und sogar „Crazy Looping“, eine große Achterbahn, hatte die bunte Gruppe bereits hinter sich.
Sie war tatsächlich bunt. Viele Besucher schauten die Gesellschaft etwas verdutzt an. Das waren sicher keine befreundeten Familien beim Sonntagsausflug. Die Erwachsenen waren weiß, die Kinder eher dunkelhäutig. Aber es war Sommer, und es war Ferienzeit, deshalb dachten die verwunderten Besucher an Kinderaustauschprogramme, Schulpartnerschaft und angenehme Folgen der Globalisierung...
Es waren fast so viele erwachsene Betreuer wie Kinder, deshalb hatte fast jeder Fürsorger „sein“ persönliches Kind, damit fast jedes Kind eine Bezugsperson. Das half aber wenig: die Kinder sprachen weder Deutsch noch Englisch, weder Spanisch noch Französisch, und sie hatten nur einen Dolmetscher, der bei allem Einsatz nicht bei jedem Gespräch dabei sein konnte. Deshalb setzte man in der Kommunikation auf Hände, Füße, Gesten, Mimik und den besten Dolmetscher der Welt, das Lächeln.
Die Kinder lachten aber wenig. Witze, die ab und zu mal die Betreuer rissen, konnten vermutlich nicht so spaßhaft übersetzt werden, deshalb lachten am meisten die Betreuer selbst. Was hätten sie noch besseres tun können?
Deshalb war das die glücklichste Idee, die Kleinmesse. Kein Film, kein Theaterbesuch, nicht einmal „Schneewittchen“, kein Orgelkonzert und kein Kabarett. Ein Ballett, Rettungsanker für alle ausländische Delegationen in der Hauptstadt, war in dieser Ortschaft nicht vorhanden. Kleinmesse bedeutet aber frische Luft, Bewegung, Spaß, Zuckerwatte und gute Laune.
...Sarah hatte auch „ihr“ Kind. Es war ein Junge, vielleicht acht, vielleicht zehn Jahre alt, ein runder Kopf, zwei Ohren, Mund, Nase. Und die Augen, die ein halbes Gesicht einnahmen. So ein Kind zu begleiten und zu betreuen machte Sarah zum ersten Mal. Deshalb wollte sie alles sehr gewissenhaft tun und „ihrem“ Kind von Deutschland einen bleibenden aufbauenden Eindruck vermitteln. Sie war ausgesprochen nett zu dem Kind, lächelte es ständig an, begegnete aber einem eher reservierten Blick der Teeuntertassenaugen.
Sarah beobachtete den Jungen sehr aufmerksam. Sie bemerkte nichts, was ihn äußerlich von den anderen abheben würde. Nur der bleierne Blick, nur der immer graue Schimmer im Gesicht, angespannte Bewegungen, eine allgemeine Unlust, wie Sarah sie von einigen launischen Kindern schon kannte. Er nickte gehemmt, als sie ihm Zuckerwatte kaufte, zuckte zusammen, wie ein Tiger vor dem Sprung, auf der Schaukel, und war sehr verkrampft, als das Riesenrad sie zusammen über die Baumkronen, über die Stadt zu den Vögeln und in die Nähe der Wolken hievte.
Und jetzt kamen sie zur Geisterbahn, eine von Sarahs Lieblingen, die sie schon in ihrer Kindheit nicht erschreckt hatte, sondern erregte, ihre Sinne reizte, verwirrte und in einen fast ekstatischen Zustand versetzte, wie sie ihn erst viel später und unter ganz anderen Umständen wieder erlebte...
Sarah wird mit der Geisterbahn mitfahren, nicht nur um sich selber zu vergnügen, sondern mehr, um den Jungen zu beobachten, um herauszufinden, was ihn bewegt und was ihn kalt lässt, und ob das Kind überhaupt, flackerte es klammheimlich im Unterbewusstsein, adäquat auf die Wirklichkeit reagieren kann.
Sie setzten sich in den kleinen Waggon, er wackelte und fuhr los.
Die Lichter blitzten ins Gesicht - und flugs herrschte eine satte Dunkelheit. Dann plötzlich loderte aus dem Rachen eines Drachens eine grelle Flamme – Sarah bemerkte das alles nicht. Sie starrte ins Gesicht ihres Nachbars, sie versuchte alle Bewegungen seiner Seele an seinem Gesicht abzulesen, zu entschlüsseln, was ihn am meisten erregt, rührt, was ihm gefällt, wo er Angst bekommt, was ihn endlich mal aus dem Meditationsgleichgewicht bringt und ihn zu einem normalen lustigen unbekümmerten Kind macht.
Seine Stirn war glatt, und seine Gesichtsmuskeln bewegten sich kaum. Als eine hässliche Hexe sie mit Wasser bespritzte, und als Sarah zum ersten Mal ihre Augen vom Jungen abwandte und instinktiv Tropfen von der Wange wischte, hob er keine Hand, das Wasser kullerte wie kleine Tränen herab. Er betrachtete reglos Skelette, einen sich öffnenden Sarg, und zuckte nicht zusammen beim gespenstischen Lachen. Er atmete nur einige Male stoßweise durch die Nase, als ob er wie ein Hund Luft schnupperte, und das war tierisch komisch für Sarah. Als sie bei voller Dunkelheit die Fäden an Kopf und Schultern Angst erregend streiften, machte er nur eine müde Bewegung mit dem Kopf, wie man im Herbst zur Apfelernte besonders zudringliche Fliegen vertreibt, wenn man weiß, die nächste kommt gleich. Früher, wusste Sarah, hingen hier nicht so leichte Fädchen, die wie Spinnweben Ekelgefühl hervorrufen sollten und einige verschreckte Gäste zu nervösem Lachen brachten, sondern ein nasser Lappen. Der nasse Lappen war der Kick der ganzen Geisterfahrt, war die Inkarnation des Schocks, und desto klirrender wurde das zittrige Lachen danach, als die Leute verstanden - das war bloß ein nasser Lappen.
Auch der Junge beobachtete Sarah. Er war zum ersten Mal in so einem Land, wo alles anders war als bei ihm zu Hause. Anders waren die Häuser, anders die Wege, anders die Läden, anders sahen die Menschen aus. Die Menschen selbst waren anders. Sie lächelten viel und lachten viel. Er hatte den Eindruck, viel zu viel, mehr als nötig, mehr als normal. In dieser Gegend war der Tag länger und die Nacht kürzer. Dafür gab es hier keinen Mond und Sterne überhaupt nicht. Anstelle des Mondscheins brannten hier viele grelle Lichter. Bei diesem Licht konnte man alles besser sehen, aber ausruhen konnte man hier nicht. Man aß hier viel, auf alle Fälle viel mehr, als man braucht, um den Hunger zu stillen, und nach dem Essen sah der Junge, dass auch viel weggeworfen wurde, noch gute Essenstücke und Brot. Weil das Essen teuer ist, versuchte er seinen Riesenteller sauber aufzuessen. Und als er fertig war, bekam er einen Nachschlag... Man sang hier keine Lieder, wie es bei ihm daheim alltäglich ist, nicht einmal zur Nacht. Man zeigte den Kindern ein Stückchen Fernsehprogramm, und danach mussten sie schlafen gehen. Der Junge vermisste schon seit langem ein Lied, von damals, von früher, als die Mutter an seinem Bett saß und sang. In dem Lied waren schöne, liebliche Worte: „Ouahu mbanio, ouahu mbanio, ihiou“. Ihre Stimme strahlte Geborgenheit und Ruhe aus... . Diese Geborgenheit fehlte ihm hier. Aufsicht, Fürsorge, Betreuung waren da, er merkte auch, wie die Leute um ihn herum sich aufrichtig bemühten. Aber das war nicht nötig, das Gefühl der Geborgenheit konnte ihm nur das Lied von „Ouahu mbanio“ geben.
Und heute, auf diesem Tummelplatz war ihm alles zu hektisch, zu lärmend, zu turbulent. Er versuchte mit seinem Blick gleich vieles im Auge zu behalten, er war in der Sache geübt, aber trotzdem kanteten ihn irgendwelche Leute überraschend an, ein Luftballon platzte, als er vorbeiging, und ein Verkäufer an der Bude schrie unvermutet. Bei allen Karussells, die er besteigen musste, überlegte er schnell, wie er am besten und am schnellsten raus kommt, sollte sich etwas Unerwartetes ereignen. Bei einer großen Schaukel, die wie ein Schiff aussah, wäre es am besten herauszuspringen, wenn man unten, dem Boden am nächsten, vorbeirauscht. Er würde kopfüber springen, auf den Händen landen und eine Rolle machen. Deshalb schnallt er sich auch vorsorglich unbemerkt ab, so dass das Mädchen, was ihn ständig begleitete, es auch nicht sah. Aber einige Geräte waren ihm zu gefährlich: eine Schaukel mit Überschlag, eine schnelle Bahn, wo man auch kopfüber fahren muss, und ein Riesenrad... Wenn man oben angekommen ist und eine Granate einschlüge, würde man wie ein Stein aus der Gondel geschleudert. Man hätte da keine Chance... Dort oben ist man auch eine gute Zielscheibe für Scharfschützen. Deshalb versuchte er gerade dort oben sich in den Sitz hinein zu pressen, um sich halbwegs vernünftig aus der Schusslinie raus zu drücken. Das Mädchen... Das Mädchen hatte keine Ahnung vom Leben. Sie schaute sich nur selten um, sie ging überall einfach drauflos, und er vermutete, so pummelig, wie sie war, würde sie auf der Flucht kaum 80 Kilometer am Tag schaffen. Ansonsten war sie nett und zuvorkommend. Er hatte sie nicht darum gebeten, wollte auch nicht, aber sie kaufte ihm eine Riesenspule mit den weißen Weben. Sie waren weiß wie Schnee in den Bergen, aber süß wie reiner Zucker. Das schmeckte gut, machte aber nicht satt, deshalb war das eher Luxus, Schwelgerei, Geldverschwendung, und gerade deshalb rechnete der Junge dem Mädchen diese Großzügigkeit hoch an.
Ehrlich gesagt war das einzige, was ihn an dieser Vergnügungsstätte interessieren würde, ein Schießstand. Als er ihn entdeckte, bekam er zum ersten Mal Bauchschmerzen vor Lachen: Die Gewehre sahen aus wie aus dem Museum. Er sah dort weder ein Maschinengewehr noch ein vernünftiges Sturmgewehr. So wie er beim Vorbeigehen merken konnte, hatte der Mann dort auch keine Handfeuerwaffen und keine Panzerfaust. Der Junge war schon zwölf, und natürlich konnte er gut schießen, wie alle Jungs in seiner Gegend. Eine Panzerfaust ist bekanntlich viel besser als ein Maschinengewehr. Eine Panzerfaust hat ein gute optische Zielvorrichtung, und man trifft bestimmt sein Ziel, wenn man das Ding erst in der Hand hat. Der Junge hatte schon aus der Panzerfaust geschossen, natürlich nicht mit Granaten, sondern mit Bolzen, aber Knall und Zielgenauigkeit waren echt. Er wusste, dass er, wenn es nötig wäre, auch einen Panzer...




