E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Tillmanns Tod im Wald der Engel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-2117-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Neuss-Krimi
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-8192-2117-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrea Tillmanns, geboren in Grevenbroich, lebt in Ostwestfalen-Lippe und arbeitet hauptberuflich als Hochschullehrerin. Sie schreibt seit vielen Jahren Gedichte, Kurzgeschichten und Romane in den verschiedensten Genres. Weitere Informationen sind auf ihrer Website www.andreatillmanns.de zu finden.
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Kapitel Eins
Anna fluchte leise, als sie über einen Ast stolperte, der mitten auf dem Weg lag. Eigentlich schien der Vollmond hell genug, doch ab und an, wenn eine Wolke an ihm vorbeijagte, war der schmale Pfad kaum noch zu erkennen.
Sie schüttelte den Kopf, als sie daran dachte, dass sie jetzt ebenso gut am ruhigen Rheinufer hätte sitzen können. Nach dieser völlig misslungenen Vernissage hätte sie einfach wie geplant nach Hause fahren, ihren Wagen abstellen und zu Fuß zum Fluss gehen sollen. Der halbe Kilometer Weg von ihrem Häuschen im Schlehenweg zur Erftmündung hätte ihr sicherlich gutgetan, und nun, kurz vor Mitternacht, würde auch der benachbarte Sporthafen den rastlosen Rhein nicht mehr übertönen.
Dass sie stattdessen nun über die Ölgangsinsel lief, ohne die erhoffte Ruhe zu finden, passte zu diesem völlig verkorksten Tag. Wenn Anna früher, bis vor fast einem Jahr, hier mit Frank spazieren gegangen war, hatte sie nur die Schönheit dieser Wildnis wahrgenommen, die Pappeln und Weiden, dazwischen die meterhohen Brennnesseln, Kletten und die ausgedehnten Bereiche voll Schilf. An manchen Stellen wuchsen damals, wie ein niedriger Wald, der gerade ihre Köpfe überragte, die riesigen Erzengelwurz-Pflanzen. Sie hatten wohl beide fest daran geglaubt, dass es ein Zeichen sein musste, dass diese mächtigen Pflanzen mit dem ungewöhnlichen Namen ausgerechnet hier zu finden waren, wo sie am liebsten spazieren gingen. Vielleicht war es auch ein Zeichen gewesen, dass sie die Erzengelwurz hier schon lange nicht mehr gesehen hatte. Damals, nachdem der Sturm Ela seine Zerstörungswut auch an der Ölgangsinsel ausgelassen hatte, hatte sich das Gesicht des Naturschutzgebietes zu verändern begonnen. Als sich das Blätterdach gelichtet hatte, hatten die Erzengelwurz-Stauden wohl zu viel Konkurrenz bekommen, nicht nur durch die allgegenwärtigen Brennnesseln, sondern auch durch die wilden Brombeeren, die es hier inzwischen wie auf so vielen sich selbst überlassenen Flächen gab, den Japanischen Knöterich und das Indische Springkraut. Sie hatte diesen Veränderungen nie viel Bedeutung beigemessen, hatte die Ölgangsinsel immer noch als ihre persönliche Oase betrachtet, auch wenn die Vegetation sich veränderte und die Wege ins Innere der Insel langsam zuwuchsen und verschwanden.
Jetzt, als sie zum ersten Mal nach der Zeit mit Frank wieder hier war, fiel ihr das ständige Rauschen der Autos auf der nahen Schnellstraße auf, und der merkwürdig süßliche Geruch der Papierfabrik hinter dem Deich ließ ihre Nase kribbeln. Weshalb hatte sie sich nur von dieser fremden Frau überzeugen lassen, die Ölgangsinsel sei genau der richtige Ort, um ein wenig Ruhe zu finden? Im Nachhinein konnte sie ihre Entscheidung nicht mehr verstehen. Vermutlich hatten einfach die Worte, mit der die Fremde diese Wildnis beschrieben hatte, einen Nerv in Anna getroffen. Wahrscheinlich war sie gerade heute, nach dieser furchtbaren Vernissage, an die sie gar nicht mehr denken wollte, besonders empfänglich für alles, was sie an Frank erinnerte.
Erschrocken blieb Anna stehen, als sie ein Geräusch hörte. Im ersten Moment dachte sie an den Ruf eines Käuzchens; damals hatten sie oft Steinkäuze gehört, die in den Kopfweiden saßen. Dann korrigierte sie sich, unwillkürlich schmunzelnd. Der Laut war noch viel harmloser gewesen, nur eine Katze, die sich hier herumtrieb.
„Komm mir nur nicht zu nahe“, sagte sie halblaut in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Nach diesem grauenhaften Abend hätte es sie nicht gewundert, wenn sich irgendeine wildfremde Katze an ihrer Samthose rieb und ihre Katzenhaarallergie ausbrechen ließ. Sie sah hinunter auf ihre Schuhe, die im Mondlicht unregelmäßig glänzten. Bei ihrem Glück hatte sie sich inzwischen bestimmt die neuen Schuhe ruiniert.
Die Katze maunzte wieder, diesmal ganz nah. Anna fand, dass der Laut merkwürdig traurig klang. „Hast du auch Kummer?“, fragte sie ins Dunkle links neben dem schmalen Weg. Sie hörte ein leises Rascheln, vielleicht bewegte sich die Katze. Vielleicht auch ein Vogel, den Anna aufgescheucht und dadurch vor der Katze gerettet hatte. Eigentlich gab es keinen Grund, nicht weiter-zugehen, dennoch blieb Anna stehen und starrte in die schwarze Wildnis, die sich neben dem Pfad ausbreitete. Wenn sie die Silhouetten der Pflanzen gegen den nachtblauen Himmel richtig deutete, stand sie inmitten eines Waldes aus Brennnesseln und irgendwelchen hohen, stacheligen Pflanzen, die sie im Dunkeln nicht erkannte. Gleich zu ihrer Linken glaubte sie eine Schneise zu erkennen, vielleicht von einem Reh niedergetreten. Gab es hier Rehe? Anna hatte nie eines bemerkt. Aber damals, als sie mit Frank hier gewesen war, hatte sie vermutlich kaum etwas anderes außer ihrem Freund wahrgenommen.
Jetzt hörte sie das Maunzen wieder, und diesmal meinte sie auch eine Bewegung in dieser Schneise zu erkennen. Vorsichtshalber trat Anna zwei Schritte zurück, bis sie mit dem Rücken die Pflanzen auf der anderen Seite des Weges berührte, die den Blick auf den Rhein verdeckten. Tatsächlich schlenderte eine hell gefleckte Katze auf den Pfad, verharrte einen Moment, in dem sie die junge Frau zu mustern schien, und spazierte dann genau auf Anna zu.
„Geh weg!“, befahl Anna erschrocken. Sie glaubte schon zu spüren, wie ihre Augen feucht wurden und ihre Nase zu kribbeln begann, obwohl sie selbst wusste, dass ihre Allergie nicht so schnell ausbrechen konnte. Schnell ging sie ein paar Schritte weiter den Weg entlang, doch mit einem empörten Maunzen überholte die Katze sie und stellte sich ihr in den Weg. Im Mondlicht schimmerten die großen Flecken auf ihrem hellen Fell merkwürdig rötlich. Sicher nur eine optische Täuschung, dennoch runzelte Anna die Stirn. Ob das Tier verletzt war? Brauchte es vielleicht Hilfe?
Während sie langsam in die Hocke ging, verfluchte sie ihre Gutmütigkeit. Sicherlich wollte dieses verflixte Viech sie nur ärgern. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass ausgerechnet Katzen, die einzigen Tiere, auf die sie allergisch reagierte, absichtlich ihre Nähe suchten.
Die Katze kam nun näher, ohne jede Scheu, und schmiegte sich gegen Annas linkes Knie. Die junge Frau seufzte. Das hatte ihr wirklich gerade noch gefehlt.
Vorsichtig berührte sie den großen Fleck an der Seite des Tieres, der sich tatsächlich feucht an-fühlte. Sie betrachtete ihre Fingerspitzen, roch daran. Der metallische Geruch nach Blut war unverkennbar. Anna nahm ein Päckchen Taschentücher aus der Jackentasche, bemerkte erst dabei, dass der Saum ihres Kurzmantels den aufgeweichten Boden berührte, und seufzte ergeben. Irgendwann in ein paar Wochen oder Monaten würde sie über diesen grauenhaften Abend lachen können, zumindest hoffte sie das.
Sie spuckte auf ein Taschentuch und begann vorsichtig, das Blut von der Katze abzureiben. Vielleicht war die Verletzung ja nur klein, und sie konnte das Tier guten Gewissens sich selbst überlassen. Und falls sie die Katze wirklich zum Tierarzt fahren musste, wollte sie sich zumindest nicht noch die Autositze ruinieren.
Das Blut schien noch recht frisch zu sein, jedenfalls gelang es Anna bald, die Flecken größtenteils zu entfernen. Eine Verletzung fand sie allerdings nicht. Einerseits war sie erleichtert, dass ihr die Suche nach einem Tierarzt mit Bereitschaftsdienst nun erspart blieb; andererseits machte sich in ihrem Magen ein beklemmendes Gefühl breit. Wie konnte dieses kleine Tier überhaupt so viel Blut verlieren, ohne geschwächt zu wirken? Hätte die Katze nicht zumindest zusammenzucken müssen, als Anna die Wunde berührte?
Sie strich noch einmal mit beiden Händen am Körper der Katze entlang, über Beine und Köpfchen. Das Tier schnurrte leise. Woher kam das Blut?
Anna spürte, dass sie zu schwitzen begann. Hatte die Katze vielleicht Hilfe für ein anderes Tier holen wollen? Lag dort im Schutz des Dickichts eine zweite Katze? Und wie sollte Anna in dieser völligen Dunkelheit ein Tier finden, ohne eine Taschenlampe? Sie hatte nicht mal eine im Auto; wenn sie an der nächsten Tankstelle eine Lampe kaufen würde, würde sie diesen Platz hier sicherlich nicht wiederfinden. Dafür hatte sie zu wenig auf den Weg geachtet, war zu sehr in Gedanken vertieft gewesen. Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie den Weg nahe dem Rhein bereits entlanggegangen war, wie weit der Hafen noch vor ihr lag und wo der Querweg an den verbrannten Bäumen vorbei war, der sie zurück zu ihrem Wagen führen würde. Und die Schneise, die sie vorhin zu sehen geglaubt hatte, hätte sie vermutlich selbst bei hellem Sonnenlicht kaum wiedergefunden.
Die Katze vor ihr maunzte leise. Anna nickte gedankenverloren. „Keine Sorge“, murmelte sie. Sie konnte nicht einfach nach Hause fahren und tun, als wäre nichts geschehen. Aber woher sollte sie eine Lampe bekommen? Zumindest hatte sie ihr Handy nicht im Wagen gelassen. Doch wen konnte sie anrufen? Wer war jetzt, kurz nach Mitternacht, noch wach?
Kurz entschlossen wählte sie die 112. Die Dame in der Zentrale klang zwar wacher, als Anna sich fühlte, wirkte aber dennoch reichlich irritiert. Anna versuchte zu erklären, verhedderte sich,...




