Tillmanns | Erik im Land der Drachen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 206 Seiten

Tillmanns Erik im Land der Drachen


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-0506-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 206 Seiten

ISBN: 978-3-8192-0506-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Erik wird in der neuen Schule wegen seiner auffälligen Hautkrankheit verspottet und ausgegrenzt. Der Junge wünscht sich nichts mehr als die Befreiung von dieser Krankheit - und sein Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen, als ihm ein Märchenbuch den Weg in eine fremde Welt öffnet. Doch dort stellt er bald fest, dass der Rückweg viel schwerer zu finden ist als der Hinweg. Zu allem Überfluss sind ihm die Soldaten eines grausamen Herrschers bereits auf den Fersen - und ein furchtbares Monster wartet schon auf ihn ... Für Kinder ab 8 - und Erwachsene, die das Träumen nicht verlernt haben.

Andrea Tillmanns, geboren in Grevenbroich, lebt in Ostwestfalen-Lippe und arbeitet hauptberuflich als Hochschullehrerin. Sie schreibt seit vielen Jahren Gedichte, Kurzgeschichten und Romane in den verschiedensten Genres. Weitere Informationen sind auf ihrer Website www.andreatillmanns.de zu finden.
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Kapitel Zwei


Zuerst erkannte Erik die Quelle gar nicht.

Klares Wasser schoss aus einem Felsen empor, landete auf einer Wiese und wurde dort zu einem Bächlein, so schmal, dass er sich nicht sicher war, ob das Wasser nicht im nächsten Tal spurlos versickern würde, ohne jemals den Weg zum Meer zu finden.

Irgendwie hatte er sich vorgestellt, dass diese besondere Quelle auch an einem besonderen Ort entspringen müsste, wie einer Tafel aus poliertem Stein, in die die Worte ‚Quelle der Hoffnung‘ gemeißelt wären. Dennoch begriff er schließlich, was er da im Traum vor sich sah.

Erik wollte näher an die Quelle herangehen, doch dann merkte er, dass er gar nicht auf dem Boden stand. Er musste ein Stück über der Quelle in der Luft schweben. Wenn er seine Hände bewegte, als wolle er schwimmen, konnte er die Quelle langsam umkreisen, kam jedoch nicht näher heran. Er streckte die Hände nach dem Wasser aus, das ihn heilen konnte, aber zu viele Meter trennten ihn vom Boden. Je mehr er strampelte, desto höher wurde er gehoben, bis ihn schließlich ein Wind erfasste, der ihn weit weg über Berge und Wälder trug, immer schneller und weiter, bis die Welt direkt unter ihm in einem riesigen Wasserfall endete.

Als er erwachte, glaubte er noch das Echo seines eigenen Schreies zu hören. Sein Pyjama war durchgeschwitzt, und er atmete so schnell wie nach einem Hundertmeterlauf. So ein verrückter Traum, dachte er und ärgerte sich im gleichen Moment, dass er diesem Unfug überhaupt so viel Beachtung geschenkt hatte. Am nächsten Morgen würde er das alte Märchenbuch einfach in die Truhe legen, in der sein Kinderspielzeug aufbewahrt wurde, und keinen weiteren Blick hineinwerfen. Dieser Quatsch war nur etwas für kleine Kinder, aber nicht für zehnjährige Jungen, die schon aufs Gymnasium gingen.

Langsam öffnete sich Eriks Tür. „Alles in Ordnung?“, fragte seine Mutter leise.

Erik nickte. „Nur ein Alptraum“, sagte er, „aber jetzt ist wieder alles okay.“

Seine Mutter lächelte ihm zu und zog die Tür leise wieder ins Schloss, als müsse sie noch auf jemand anderen Rücksicht nehmen, der nicht wach war. Manchmal, dachte Erik, schien sie einfach vergessen zu haben, dass sein Vater nicht mehr hier war.

Am nächsten Morgen räumte er das Buch seiner Oma schnell in die Spielzeugtruhe, ehe er zum Frühstück hinunterging.

„Ist auch wirklich alles in Ordnung?“, fragte die Mutter, als sie ihm Orangensaft eingoss.

Erik wusste, worauf sie anspielte; er hatte selbst beim Waschen die neuen Stellen am Hals und am linken Arm entdeckt, wo er sich in der Nacht gekratzt haben musste.

„Vielleicht sollte ich die Handschuhe nochmal probieren“, schlug er vor. Eigentlich hasste er es, mit diesen dünnen weißen Stoffhandschuhen schlafen zu gehen, aber das war immer noch besser, als morgens mit lauter neuen Wunden aufzuwachen.

„Ich hatte gedacht, das sei nicht mehr nötig“, sagte die Mutter.

Erik senkte den Kopf. Er wollte nicht, dass Mama sich seinetwegen immer so viel Sorgen machte. Gerne hätte er sie beruhigt und ihr versprochen, dass das nicht mehr vorkommen würde, aber das konnte er nicht.

„Ich rufe René nachher mal an, vielleicht können wir heute Nachmittag zusammen Schwimmen gehen“, sagte er stattdessen.

Die Mutter nickte. Sie schien immer zufrieden zu sein, wenn Erik mit anderen Kindern zusammen war. Genaugenommen blieb nur noch René, sein bester Freund aus der Grundschule. Er hatte nie viele Freunde gehabt, auch wenn er früher immer mit allen Klassenkameraden gut ausgekommen war. Doch das genügte nicht, einen von ihnen anzurufen und gemeinsam etwas zu unternehmen. Außerdem waren Fahrradtouren und Schwimmen mit René einfach am spannendsten, und mit niemandem sonst hatte Erik je ein so tolles Baumhaus gebaut.

Aber erst mal musste er den Morgen in der Schule überstehen. Diesmal gelangte er problemlos ins Klassenzimmer, doch schon in der ersten Fünfminutenpause setzten sich zwei der blödesten Jungen auf seinen Tisch und unterhielten sich so laut über einen Science Fiction-Film, dass alle anderen Kinder es hören mussten – „Boh, waren die Außerirdischen eklig“, sagte der eine, „zum Glück haben normale Menschen nicht so eine zerfledderte Schlangenhaut!“

„Normale Menschen waschen sich ja auch und leben nicht auf Müllbergen zwischen Würmern und Ratten“, fügte der andere hinzu, „da ist es ja kein Wunder, dass die Außerirdischen so eklig sind!“

Auch wenn Erik sich fest vorgenommen hatte, nicht zu reagieren – jetzt sprang er auf und ging schnell hinaus in den Flur. Er hörte die ganze Klasse noch lachen, als er schon die Treppe hinunterlief, die auf den Schulhof und zu den Toiletten führte. Als er schnelle Schritte hinter sich hörte, drehte er sich verwundert um und sah das Mädchen, das ihn gestern so erschrocken angeschaut hatte, als er herumgeschubst worden war.

„Hey, warte doch mal“, rief sie.

Da platzte Erik der Kragen. „Könnt ihr mich nicht einfach mal in Ruhe lassen?“, fauchte er das Mädchen an, das verdutzt stehenblieb.

Sie sah traurig und vielleicht ein wenig verletzt aus, als er sich umwandte und davonlief. Aber das konnte ihn nicht täuschen. Er wusste genau, dass er in dieser neuen Klasse keine Freunde hatte. Hier waren alle gegen ihn.

Während der anderen Stunden blickte er stur geradeaus, auch wenn noch so viele Papierkügelchen in seinen Haaren landeten, und dachte nur an den Nachmittag, wenn er mit seinem besten Freund spielen würde.

Erst auf dem Heimweg bemerkte er, dass er diesmal auch mit Kletten beworfen worden war, diesen kleinen grünen Knübbelchen, die man manchmal auf der Hose fand, nachdem man auf einem verwilderten Grundstück Indianer gespielt hatte. Die meisten konnte er unauffällig vom T-Shirt zupfen, und die anderen entfernte die Mutter aus Eriks Haaren, ohne ein Wort zu sagen. Vielleicht, so hoffte er, dachte sie, er hätte in der Pause mit den anderen Kindern im Gebüsch rings um den Schulhof Verstecken gespielt.

Wenigstens hatte René am Nachmittag tatsächlich Zeit und Lust, zum Baggersee Schwimmen zu gehen. Erik war schon lange nicht mehr im Hallenbad gewesen. Die Erwachsenen sahen ihn dort immer so prüfend an, und in dem klaren Wasser konnte er seine verkrusteten Wunden und die Narben nicht verstecken. Außerdem juckte seine Haut danach immer stärker, vielleicht wegen des Chlors, meinte seine Mutter.

Am Baggersee mit René war alles anders. Erik spürte, wie gut ihm die Sonne tat. In der Hitze löste sich die abgestorbene Haut, bis er sich tatsächlich wie eine Schlange fühlte. Und das Wasser brannte anfangs ein bisschen, fühlte sich dann aber wunderbar weich an. Am meisten liebte er es, sich an dem Holzfloß in der Mitte des Sees festzuhalten und an seinen Füßen den Tang vorbeischweben zu spüren, der ihn sanft streichelte.

Als sie an diesem Nachmittag nebeneinander in der Sonne lagen, hatte Erik plötzlich das Gefühl, René von dem Märchen über die Quelle der Hoffnung erzählen zu müssen. Beste Freunde waren schließlich dafür da, dass man mit ihnen zusammen träumen konnte.

„Hör mal, ich habe gerade in einem Buch etwas gelesen“, begann er, „über eine Quelle, die Hautkrankheiten heilen kann, wenn man von ihr trinkt.“

Obwohl er noch gar nicht erwähnt hatte, dass es sich bei diesem Buch um ein Märchenbuch handelte, hörte er seinen Freund neben sich leise lachen.

„Klar, und vor ein paar Wochen konnte irgendwo in Südamerika eine blinde Frau plötzlich wieder sehen, nachdem sie aus einer anderen Quelle getrunken hatte“, entgegnete René. „Habe ich auch in den Nachrichten gesehen. Quellen sind momentan ziemlich angesagt. Aber du glaubst doch hoffentlich nicht an diesen Quatsch?“

„Nein, natürlich nicht“, hörte Erik sich sagen. „Ich bin doch kein Kind mehr.“

„Na also“, murmelte René zufrieden.

Vielleicht, dachte Erik, hatte sein Freund gar nicht so unrecht. Märchen waren wirklich etwas für Kinder. Es hatte keinen Zweck, wenn er weiter von dieser dummen Quelle träumte, die ja doch nicht existierte. Immerhin gab es auch andere Dinge als die Schule, zum Beispiel hier am Baggersee in der Sonne zu liegen und ungestört dösen zu können.

„Wie sieht’s aus, sollen wir mal zum Floß schwimmen?“, fragte René irgendwann.

„Schwimm ruhig schon vor, ich bleibe noch ein bisschen liegen“, sagte Erik träge, ohne die Augen zu öffnen. Er hörte, wie René sich hochrappelte, die Taucherbrille aus dem Rucksack nahm und dann in Richtung Ufer lief.

Nach kurzer Zeit wurde es Erik in der Sonne zu warm. Erst überlegte er, sich ein Eis zu holen und damit unter einen der großen Bäume zu setzen, die ein Stück weiter vom Ufer entfernt standen. Dann beschloss er, zu probieren, wie lange er die Luft anhalten konnte. Er hatte sich vor ein paar Wochen, als das Wetter genauso schön gewesen war,...



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