E-Book, Deutsch, Band 9, 192 Seiten
Reihe: Luzifer junior
Till Luzifer junior (Band 9) - Ein Dämon im Klassenzimmer
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7320-1540-5
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lustiges Kinderbuch ab 10 Jahre
E-Book, Deutsch, Band 9, 192 Seiten
Reihe: Luzifer junior
ISBN: 978-3-7320-1540-5
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jochen Till, geboren 1966 in Frankfurt/M., sitzt seit nunmehr zwanzig Jahren in der Hölle in Abteilung 66 (Schriftsteller und andere Lügenerfinder), von Luzifer höchstpersönlich dazu verdonnert, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben. Was der Teufel allerdings nicht weiß: Er fühlt sich pudelwohl dort unten und hat höllischen Spaß dabei.
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Schweißzapfen
»Hatschi!«
Wie bitte? Was war das?
»Haaaaaatschi!«
Komisches Geräusch. Hab ich noch nie gehört. Wo bin ich überhaupt?
»HAAAAAATSCHI!«
Ja, ist ja gut, nicht so laut, ich schlafe noch. Oder eher nicht. Okay, dieses Geräusch hat mich offenbar geweckt. Und ich liege in meinem Bett in St. Fidibus. Stimmt, gestern war unser Geburtstag. Wir haben noch ziemlich lang bei Lilly drüben gefeiert, das war echt schön. Es gab Kuchen und wir haben lustige Spiele gespielt, bis Herr Rosenberg uns um zehn Uhr rausgeschmissen hat, weil wir heute früh aufstehen und in den Unterricht gehen müssen. Deshalb habe ich vor dem Einschlafen extra noch meinen Wecker gestellt.
»HATSCHI! HATSCHI! HATSCHI!«
Ist das etwa mein Wecker, der diese seltsamen Geräusche macht? Das wäre neu.
»HAAAAAAATSCHI!«
Irgendetwas Feuchtes klatscht in mein Gesicht. Ich greife an meine Stirn. Das Zeug ist glibberig. Nein, das ist definitiv nicht mein Wecker.
Ich öffne die Augen und sehe Cornibus. Er sitzt auf meiner Brust und macht ein komisches Gesicht.
»HA … HA … HAAAAAATSCHI!«
Etwas Grünes fliegt aus seinem Mund und klatscht an meine linke Wange. Ich greife danach, es fühlt sich glibberig an.
»Kannst du mir mal verraten, was das soll, Cornibus?«, frage ich.
»Cornibus nicht wissen«, antwortet er weinerlich. »Cornibus aufgewacht. Kopf wie Matsche. Nase verpropft. Grüner Schleim lustig. Cornibus trotzdem Angst. Luzie Cornibus helfen?«
»Oje, du Armer. Das ist ja seltsam.«
Ich schnuppere an dem grünen Glibberzeug an meinen Fingern, es riecht nach nichts.
»Was ist das denn? Hast du das gestern aus der Hölle mitgebracht?«
»Nicht aus Hölle. Cornibus’ Nase Schleim selbst gemacht. Aber nicht gefragt, ob Nase das darf. HA … HA … HA … HATSCHI!«
Und wieder klatscht eine Ladung des grünen Zeugs in mein Gesicht.
»Jetzt hör doch mal auf damit. Das ist eklig.«
»Cornibus nicht Schlappsicht macht. Schleim schießt wie Pistole ganz allein.«
»Absicht. Das heißt Absicht, Cornibus. Und das Geräusch, das du machst, ist tatsächlich fast so laut wie eine Pistole. Geht das nicht leiser?«
»Geräusch auch nicht Schlappsicht. Kritzelt in Nase, dann Explosion. Cornibus kann nicht stoppen.«
»Das ist ja echt seltsam. Was machen wir denn da?«
»Vielleicht Schlotzolade gut? Schlotzolade immer gut. Für alles.«
»Aha, darauf hast du es abgesehen«, sage ich lachend. »Aber okay, irgendwas stimmt nicht mit dir. Und vielleicht kann Schokolade da wirklich helfen, einen Versuch ist es wert.«
Ich krame eine Tafel Schokolade aus meinem Nachttisch, wickle sie aus und lege einen Riegel vor Cornibus auf meiner Brust ab. Er greift sofort zu, stopft sich die Schokolade in den Mund und beginnt, genüsslich zu kauen. Der Genuss scheint allerdings nicht lang anzuhalten, denn sein Blick beim Kauen wird immer skeptischer.
»Schlotzolade kaputt«, sagt er schließlich enttäuscht. »Kein Geschmeck. Wie Luft.«
»Das heißt Geschmack, Cornibus«, verbessere ich ihn. »Warte, lass mich mal probieren.«
Ich schiebe mir ein Stück Schokolade in den Mund, es schmeckt lecker wie immer.
»Nein, die Schokolade ist nicht kaputt«, sage ich. »Mit der ist alles in Ordnung.«
»Dann Cornibus kaputt?«, fragt er und kleine Tränen steigen in seine Augen. »Cornibus nicht will kaputt sein. Luzie Cornibus unkaputt machen?«
Ich richte mich im Bett auf und drücke ihn ganz fest an mich.
»Keine Sorge, das kriegen wir bestimmt wieder hin«, sage ich und streichle ihn. »Ich frage nachher Aaron, der guckt sich das mal an. Er weiß ganz bestimmt, was mit dir los ist. Aaron weiß nämlich fast alles. Er wird …«
»HAAAAAAAATSCHI!«
Na super. Jetzt hat mich die volle Ladung erwischt. Grüner Schleim tropft von meiner Nase und läuft an meinem Kinn herunter.
»Tschuldibung«, sagt Cornibus.
»Nicht schlimm«, sage ich und wische mit der Bettdecke über mein Gesicht. »Aber vielleicht sollte ich Aaron doch besser sofort holen.«
Ich stehe auf und setze Cornibus auf meinem Kissen ab.
»Bleib schön da sitzen«, sage ich. »Ich bin gleich wieder zurück.«
Ich verlasse mein Zimmer und klopfe an die Tür gegenüber.
»Moment!«, ertönt Aarons Stimme von drinnen. »Ich bin noch nicht fertig! Fertig!«
Ach ja, Aaron muss ja morgens immer jede Menge seiner Ticks erfüllen. Er hat mir mal erklärt, was er alles machen muss, bevor er sein Zimmer verlassen kann. Zehnmal im Kreis laufen, zwölfmal mit beiden Händen auf seinen Schreibtisch klopfen, achtzehnmal in den Spiegel gucken und was weiß ich noch alles, das kann sich niemand außer Aaron merken.
Eine ganze Weile später öffnet sich die Tür.
»Ah, Luzie, du bist’s«, stellt er fest. »Verzeihung, dass es so lang gedauert hat. Heute ist Mittwoch. Ich musste noch achtundvierzigmal mein Kopfkissen wenden. Was machst du denn so früh schon hier? Ist alles in Ordnung? Kann ich dir irgendwie helfen? Helfen?«
»Mir nicht«, antworte ich. »Aber Cornibus hoffentlich. Irgendwas stimmt mit ihm nicht. Kannst du ihn dir bitte mal kurz angucken?«
»Natürlich, gern«, sagt Aaron. »Ich muss nur noch kurz meine Schuhe anziehen und sie links beginnend achtmal binden. Binden.«
Fünf Minuten später betreten wir gemeinsam mein Zimmer. Mein erster Blick gilt meinem Kissen – kein Cornibus zu sehen.
»Wo ist er denn?«, fragt Aaron. »Hat er sich versteckt? Oder verwandelt? Verwandelt?«
»Keine Ahnung«, sage ich. »Eigentlich hatte ich ihm gesagt, er soll auf meinem Kissen …«
»HATSCHI!«, erklingt es plötzlich gedämpft aus Richtung des Betts.
»War das Cornibus? Cornibus?«, fragt Aaron.
Ich nicke. Wir gehen näher an das Bett heran. Meine Bettdecke wackelt.
»HATSCHI!«, ertönt es erneut.
Ich ziehe an der Bettdecke, darunter erscheint Cornibus, sein ganzer kleiner Körper zittert wie verrückt.
»Wieso versteckst du dich denn?«, frage ich. »Ich habe doch gesagt, ich bin gleich wieder da.«
»C-C-C-C-ornib-b-b-bus n-n-n-icht v-v-versteckt«, antwortet er mit klappernden Zähnen. »C-C-C-C-Cornibus auf einmal k-k-k-k-kalt wie Schweißzapfen. HATSCHI!«
»Eiszapfen«, verbessere ich ihn und wende mich an Aaron. »Das mit dem Zittern ist neu. Aber dieses laute Geräusch macht er die ganze Zeit, ich bin sogar davon aufgewacht. Und seine Nase ist verstopft, sagt er. Und er spuckt ständig grünen Schleim in der Gegend herum.«
»Seine Nase ist verstopft?«, fragt Aaron verwundert. »Ich wusste gar nicht, dass er eine Nase hat. Nase hat.«
»Doch, doch«, sage ich. »Sie ist nur sehr flach, man sieht sie unter seinem Fell nicht.«
»Ach so, interessant«, sagt Aaron. »Dann ist es ganz eindeutig: Er hat sich einen Schnupfen eingefangen. Eingefangen.«
Schnupfen? Das habe ich schon einmal gehört. Als wir bei Oma waren. Und in meinem Handbuch stand das Wort auch schon mal bei einem der Sprüche. Aber in beiden Fällen wollte ich nicht wieder als dumm dastehen, weil ich irgendwelche Wörter nicht kenne, deshalb habe ich nicht nachgefragt. Das muss ich jetzt aber wohl doch machen.
»Einen Schnupfen? Wer oder was ist das?«
»Ein Schnupfen ist eine Infektionskrankheit, ausgelöst durch Viren oder Bakterien«, erklärt Aaron. »Der grüne Schleim lässt auf Bakterien schließen. Schließen.«
»Okay. Und was sind Bakterien?«
»Bakterien sind winzig kleine Lebewesen. Allein auf deinem Körper befinden sich ungefähr eine Billion davon. Wobei, so selten, wie du duschst, sind es wahrscheinlich eher zwei Billionen. Die meisten Bakterien sind sehr nützlich und harmlos, aber es gibt eben auch welche, die Krankheiten hervorrufen. In Cornibus’ Fall ist das ein Schnupfen. Schnupfen.«
Wie bitte, was? Da sind zwei Billionen kleine Viecher auf mir? Wo denn?
»Igitt! Das ist ja gruselig!«, rufe ich und fange an, hektisch über meine Haut zu streichen und mich zu schütteln.
»Die wirst du so nicht los«, sagt Aaron lachend. »Aber das musst du auch gar nicht. Wie gesagt, die meisten davon sind hilfreich und für Menschen sogar überlebensnotwendig. Du müsstest dich eher gruseln, wenn du keine Bakterien auf dir hättest. Hättest.«
»Okay«, sage ich und atme erleichtert auf. »Aber wie wird man denn dann die bösen Bakterien los? Also die, die Cornibus diesen Schnupfen verpasst haben.«
»C-C-C-Cornibus Kackterien f-f-f-fressen. Dann nicht mehr b-b-b-böse«, sagt Cornibus schlotternd.
»Genau das ist ja leider das Problem, Cornibus«, sagt Aaron. »Du hast die Bakterien schon in dir. In dir.«
»Und wie kriegen wir sie wieder aus ihm raus?«, will ich wissen.
»Da hilft leider nichts außer aussitzen«, antwortet Aaron. »So ein Schnupfen erledigt sich normalerweise nach ein paar Tagen von selbst. Von selbst.«
»Ein paar Tage? So lang schleimt und zittert und hatschiet er jetzt rum?«
»Das nennt man Niesen«, erklärt Aaron. »Die Symptome werden langsam besser. Das Zittern sollte am schnellsten vorbeigehen. Am besten, er bleibt im Bett. Er muss viel schwitzen und ganz viel trinken, das hilft. Hat er denn Fieber? Fieber?«
Er legt eine Hand auf Cornibus’ Kopf und lässt sie für eine kurze Weile dort...




