E-Book, Deutsch, 206 Seiten
Till König für einen Sommer
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95520-293-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 206 Seiten
ISBN: 978-3-95520-293-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jochen Till, geboren 1966 in Frankfurt, wollte eigentlich Rockstar werden. Trotz seines unbestreitbaren Desinteresses an Buchhaltung schloss er im Alter von 22 Jahren das Wirtschaftsgymnasium ab. Neun Jahre später veröffentlichte er sein erstes Buch. Nachdem er einige Jahre in einem Comic-Laden gearbeitet hat, widmet er sich heute ausschließlich dem Schreiben - und dem Genuss zahlreicher Fernsehserien. Von Jochen Till erschienen bei dotbooks 'Bekenntnisse eines Serienjunkies', 'Der große Nick', '30 Tage Sonnenschein' und 'König für einen Sommer'.
Autoren/Hrsg.
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PROLOG
ES WAR Mittwoch ... oder Donnerstag? Ich wusste es nicht genau, als ich meine Augen öffnete. Ernsthaft Sorgen machte ich mir deswegen nicht, schließlich war es nicht das erste Mal, dass ich meine innere Uhr verloren hatte; sie würde schon wieder auftauchen. Da war noch etwas anderes, das fehlte, etwas Größeres, aber ich kam nicht drauf, was es sein könnte. Ich lag auf meinem Bett und der Reißverschluss meiner Lederjacke piekste in meiner linken Backe, was mich vermuten ließ, dass ich am Abend zuvor wohl recht heftig getrunken hatte. Apropos linke Backe: Meine gesamte linke Gesichtshälfte schmerzte höllisch. Es brannte, als ob mir jemand ein Brandzeichen in der Größe eines Bügeleisens verpasst hätte, doch ich konnte mich an nichts erinnern. Ich stand auf. Mein Mund war so trocken, als hätte ich einen Staubsaugerbeutel gefrühstückt. Der Gedanke an Flüssigkeit veranlasste meinen Körper, mir einen Überschuss selbiger anzuzeigen, und so schlurfte ich erst mal ins Bad.
Nachdem ich mich erleichtert hatte, stand ich schließlich meinem Spiegelbild gegenüber, und was ich dort sah, wollte mir überhaupt nicht gefallen. Verdammt, was war bloß passiert? Meine linke Backe war knallrot und dick geschwollen, mein linkes Auge gab der Farbe Blau eine völlig neue Bedeutung. Und dann mein Mund! Beim Anblick meiner Unterlippe musste ich unwillkürlich an das Foto eines afrikanischen Medizinmannes denken, das ich kürzlich in einer Illustrierten gesehen hatte. In dessen Unterlippe hätte man locker zehn Weihnachtsbaumkugeln piercen können, in meine jetzt mindestens fünf.
Wenigstens wusste ich jetzt, dass der Schmerz beim Aufwachen keine Einbildung gewesen war.
Ich ging in die Küche. Im Kühlschrank war außer ein paar Flaschen Bier und einer säuerlich riechenden Tüte Milch nichts Trinkbares zu finden. Schweren Magens entschloss ich mich für ein Bier und ging ins Wohnzimmer. Ich schob eine Oasis-CD ein, drehte auf, fläzte mich auf die Couch und steckte mir eine an wie immer, wenn es mir dreckig ging. Das Bier und die Zigarette taten mir – zumindest meinem Kopf – gut, doch die Erinnerung an den letzten Abend weigerte sich nach wie vor zu mir zurückzukehren. Ich schloss die Augen und sang leise »Wonderwall« mit.
DIE KLINGEL meiner Haustür riss mich aus einem Traum, ich war wohl wieder eingeschlafen. Es klingelte Sturm, sehr aufdringlich und hektisch, und ich schleppte mich widerwillig zur Tür. Durch den Spion sah ich meinen guten Freund Flo. Ich öffnete die Tür und Flo stürzte herein.
»Hey, David! Noch mal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Hier, mein Geschenk. Hatte ich gestern vergessen.«
Er drückte mir etwas verpacktes CD-Förmiges in die Hand und zog seine Jacke aus. Ich hatte also Geburtstag. Das war mir neu, erklärte aber das Übermaß an Alkohol am Abend zuvor. Wie alt ich wohl geworden war?
»Mann, sieht ja krass aus, dein Gesicht! Hätte nie gedacht, dass sie so zuschlagen kann. Und, wie fühlt man sich so mit 25 und ohne Freundin?«
Das war es! Das war es, was ich nach dem Aufwachen auch vermisst hatte. Meine Freundin. Warum war sie nicht hier? Und das an meinem 25. Geburtstag. Ich war verwirrt.
»Moment«, sagte ich. »Jetzt mal ganz langsam! Lass uns erst mal in die Küche gehen und dann erzählst du mir alles ganz genau. Ich weiß nämlich absolut gar nichts mehr von gestern Abend.«
Ich bugsierte ihn in die Küche, platzierte ihn auf einem Stuhl und machte uns zwei Bier auf.
»So«, fuhr ich fort, »jetzt noch mal von vorn. Ich hatte bis eben sogar vergessen, dass ich heute Geburtstag habe. Oder hatte ich gestern schon? Der Wievielte ist heute überhaupt?«
Flo lachte.
»Also«, drängte ich, »was sollte das vorhin bedeuten? Du willst mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass Christine mich so zugerichtet hat? Nicht meine Chris! Warum sollte sie?«
»Doch, doch, glaub's mal. Es war Chris. Und sie hatte einen guten Grund dafür. Kannst froh sein, dass du noch lebst. Ich dachte, sie bringt dich um.«
»Aber warum, verdammt?«
Flo grinste über sein ganzes breites Gesicht. Nichts machte ihm in diesem Moment mehr Spaß, als mich zappeln zu lassen, und ich hasste ihn dafür.
»Jetzt lass dich nicht so feiern!«, sagte ich ungeduldig. »Du weißt, wenn es um Chris geht, hört der Spaß bei mir auf. Was ist passiert? Warum hat sie das gemacht? Raus damit!«
»Okay, okay, reg dich ab. Ich erzähl's ja schon«, hörte ich ihn sagen, musste aber noch mit ansehen, wie er sich genüsslich und scheinbar in Zeitlupe eine Zigarette ansteckte und einen tiefen Schluck aus seiner Flasche nahm.
»Also, pass auf«, begann er endlich fast lehrerhaft. »Wir waren gestern Abend im Jenseits, um in deinen Geburtstag reinzufeiern.«
»Wer alles?«, wollte ich wissen.
»Die ganze Crew. Andi, Wolf, Beckmann, Simone, Claudia, Jessie, Pia, du und ich. Na, dämmert's ein bisschen?«
Bei einem der Namen war es mir kalt den Rücken heruntergelaufen, aber da ich dieses Gefühl nicht einordnen konnte, verneinte ich diese Frage. Flo fuhr fort.
»Du hast mit Wolf, Andi und Beckmann Asse ziehen gespielt und nur verloren. Danach hast du noch schätzungsweise zehn Wodka-O und etliche Biere abgezogen. Alles noch vor zwölf.«
»Okay, ich war also voll.«
»Sternhagelvoll. Erinnerst du dich vielleicht noch daran, wer die ganze Zeit neben dir saß?«
»Nein, nichts.«
»Pia saß den ganzen Abend neben dir.«
Das war der Name, den ich gefürchtet hatte. Pia. Nichts gegen Pia; sie ist sehr nett. Und seit zwei Jahren hinter mir her, als wäre ich das letzte Exemplar meiner Gattung. Ich hatte ihr schon tausendmal gesagt, direkt gesagt und offen ausgesprochen, dass ich nichts von ihr will, aber das hinderte sie keinesfalls daran, es immer wieder zu versuchen. Mir schwante Böses.
»Und?«
»Na ja, als Chris um Punkt zwölf hereinkam, um dich zu überraschen, hattest du gerade deine Zunge in Pias Mund und deine Hand unter ihrem T-Shirt.«
»Verdammte Scheiße! Ich Vollidiot!«
»Ja, genau. Aber das war noch nicht alles.«
»Was denn noch?«
»Chris ist natürlich sofort ausgerastet. Sie schrie dich an und versuchte dich von Pia wegzuzerren, aber du hast dich an ihr festgeklammert. Chris schrie immer lauter und hysterischer und schlug auf dich ein. Weißt du, was du dann gemacht hast?«
»Keine Ahnung.«
Flo fing an zu lachen.
»Du hast ...«, gluckste er, »du hast deinen Köpf ... Du hast deinen Kopf zwischen Pias Möpse gesteckt, um dich vor Chris' Schlägen zu schützen. Du hättest dich sehen sollen!«
»Oh Gott!«
»Chris hat dich an den Haaren gepackt, deinen Kopf von Pia weggezogen und dreimal voll zugeschlagen. Du hast den Tisch geküsst und Chris ist heulend rausgerannt. Wolf ist ihr gleich hinterher. Sein Auto stand übrigens eben vor ihrem Haus.«
»Ha! Mein Freund Wolf! Der hat doch nur drauf gewartet, dass es bei uns kracht. Dieses Arschloch!«
»Klar ist Wolf ein Arschloch. Das hab ich dir schon immer gesagt. Aber das dürfte jetzt wohl kaum dein größtes Problem sein, oder?«
Flo hatte natürlich Recht. Es ging nicht um Wolf. Ich hatte Mist gebaut. Trotzdem jagte mir die Vorstellung, dass er gerade bei ihr war und die Nummer des uneigennützigen Trösters gab, eine Höllenangst ein. Er hatte diese Nummer schon oft abgezogen, bei anderen, und er war verdammt gut darin.
»Was willst du jetzt machen?«, fragte Flo. »Glaubst du, sie verzeiht dir?«
»Ich weiß nicht. Bis jetzt konnte ich es immer noch hinbiegen, wenn wir Zoff hatten, aber das gestern war wohl doch 'ne Spur zu hart. Ich Volltrottel! Mit Pia! Ich hab sie doch echt nicht mehr alle.«
»Ruf sie doch an!«
»Ich soll sie anrufen?«
»Klar.«
»Jetzt?«
»Logisch jetzt! Wann sonst? Übermorgen? Hier.« Flo drückte mir das Telefon in die Hand.
Als ich ihre Nummer wählte, meldete sich mein Magen wieder. Ich hatte panische Angst. Was sollte ich ihr sagen? Wie entschuldigt man sich für etwas, das nicht zu entschuldigen ist?
Der Alkohol war schuld. Nein, das war zu billig. Pia war schuld. Nein. Schließlich war ich es, der seinen Kopf zwischen ihre ... Chris meldete sich.
»Hi, Chris, ich bin's. Hör zu, ich ...«
Sie hatte aufgelegt. Ich versuchte es noch einmal, aber sie nahm nicht mehr ab. Ich feuerte das Telefon in die Spüle.
»Und jetzt?«, fragte ich Flo, der als Antwort nur mit den Achseln zucken konnte. »Kannst du mich zu ihr fahren?«
»Du willst zu ihr?«
»Was bleibt mir denn anderes übrig?«
»Wolf ist bei ihr.«
»Ich weiß. Das erspart mir einen Weg.«
»Was hast du mit ihm vor?«
»Nichts. Ich will nur mit Chris reden.«
FLO SETZTE mich vor ihrem Haus ab. Chris' Wohnung war im zweiten Stock. Als ich die Treppen hinaufstieg, setzten die Magenkrämpfe wieder ein und meine Knie wurden weich, als ob ich gerade einen Marathon hinter mir hätte. Zitternd und mit einem Herzschlag, den man bestimmt noch drei Straßen weiter hören konnte, stand ich schließlich vor ihrer Tür. Ich klingelte. Jemand näherte sich von innen.
»Wer ist da?«, hörte ich Chris rufen.
»Ich bin's, David.«
»Verschwinde!«
»Lass mich bitte rein, Chris! Wir müssen reden.«
»Es gibt nichts mehr zu reden. Es ist vorbei. Hau ab und lass mich in Ruhe!«
Ich hörte, wie sie sich von der Tür entfernte, und begann mit Händen und Füßen dagegenzutrommeln.
»Bitte lass mich rein, Chris! Ich weiß, ich hab Mist gebaut, und es tut mir Leid, verdammt Leid. Aber du kannst doch...




