E-Book, Deutsch, 137 Seiten
Till Der große Nick
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95520-294-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
16 Stories
E-Book, Deutsch, 137 Seiten
ISBN: 978-3-95520-294-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jochen Till, geboren 1966 in Frankfurt, wollte eigentlich Rockstar werden. Trotz seines unbestreitbaren Desinteresses an Buchhaltung schloss er im Alter von 22 Jahren das Wirtschaftsgymnasium ab. Neun Jahre später veröffentlichte er sein erstes Buch. Nachdem er einige Jahre in einem Comic-Laden gearbeitet hat, widmet er sich heute ausschließlich dem Schreiben - und dem Genuss zahlreicher Fernsehserien. Von Jochen Till erschienen bei dotbooks 'Bekenntnisse eines Serienjunkies', 'Der große Nick', '30 Tage Sonnenschein' und 'König für einen Sommer'.
Autoren/Hrsg.
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Männer allein Zuhaus
Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mich mal freue, wenn das Wochenende vorbei ist, ist aber so, weil, das war ganz schön anstrengend, das Wochenende, und daran ist nur Mama schuld, und Tante Birgit. Die verschenkt nämlich immer Gutscheine, wenn jemand Geburtstag oder Weihnachten hat, weil, mit einem Gutschein, da kann man nichts falsch machen, sagt sie immer, das ist wie Geld, sieht aber schöner aus, da freut sich jeder drüber, ja, von wegen. Mama hat sich zuerst auch nicht so richtig gefreut, als Tante Birgit ihr einen Gutschein zum Geburtstag geschenkt hat.
„Ein Wellness-Wochenende im Schwarzwald?“, hat sie gesagt. „Ich weiß nicht, ich glaub, das ist nichts für mich. Kann man das weiter verschenken? Die Frau Meier von nebenan sieht in letzter Zeit gar nicht gut aus, die könnte ein bisschen Wellness vertragen.“
„Nix da!“, hat Tante Birgit da gesagt. „Du fährst da hin und ich komm mit! Wirst schon sehen, das ist ganz toll, da kriegst du heiße Steine auf den Popo gelegt und wirst in Matsch eingepackt und von starken Männern mal so richtig durchgeknetet.“
„Das kommt ja mal überhaupt nicht in Frage!“, hat Papa da gesagt. „Wenn hier einer an Gisela rumknetet, dann bin ich das!“
Da hat Mama ganz laut gelacht und gesagt: „Ach ja?! Und wann hast du das zum letzten Mal gemacht? Auf unserer Hochzeitsreise?“
„Das ist nicht fair!“, hat Papa da gesagt. „Du weißt ganz genau, dass mir bei so was immer so schnell die Hände wehtun!“
„Ach ja?!“, hat Mama da gesagt und nicht mehr gelacht. „Das ist ja komisch! Wenn du den halben Sonntag an deinem blöden Fahrrad rumschraubst, tut dir überhaupt nichts weh!“
„Ja, aber das kann man doch gar nicht vergleichen!“, hat Papa gesagt. „Das ist doch eine ganz andere Bewegung! Ist ja auch egal, jedenfalls fährst du nicht zum Wellness und lässt irgendwelche Typen an dir rumkneten!“
„Na, das wollen wir doch mal sehen!“, hat Mama da gesagt, und zwar ziemlich laut. „Birgit, pack schon mal die Koffer! Wir fahren zum Wellness, und zwar gleich am Wochenende!“
Und das war dann auch so, am Freitag stand Tante Birgit mit gepacktem Koffer bei uns in der Küche und Mama hat einen großen Zettel auf den Tisch gelegt.
„Hier“, hat sie gesagt. „Das müsst ihr alles machen, wenn ich weg bin, weil, das mach ich sonst auch immer am Wochenende und das muss gemacht werden.“
„Du spinnst wohl“, hat Papa da gesagt. „Du lässt dich schön faul im Schwarzwald von irgendwelchen Typen durchkneten, und wir sollen hier schuften? Das kannst du mal voll vergessen.“
„Genau, vergiss es“, hab ich da gesagt, weil, am Wochenende irgendwas schuften, das ist ja total bescheuert, dann ist das ja kein Wochenende mehr, da kann ich ja gleich in die Bank gehen.
„Ihr habt mir wohl nicht richtig zugehört“, hat Mama dann geknurrt und ihren bösen Blick aufgelegt. „Ich hab gesagt, das muss gemacht werden, also macht ihr das auch. Sonst fahr ich nämlich für immer zum Wellness und dann könnt ihr mal sehen, wo ihr bleibt, kapiert?!“
Da haben Papa und ich nur noch genickt, weil, gegen Mamas bösen Blick kommt keiner an, da sagt man besser gar nichts mehr.
„Na also, geht doch!“, hat sie dann gesagt. „Und es wird keine Pizza bestellt, verstanden?! Ich hab extra für die zwei Tage für euch vorgekocht, steht alles im Kühlschrank, müsst ihr nur noch warm machen, am besten im Ofen, aber vorheizen. Steht alles auf dem Zettel, aber hinten drauf. Und wehe, ihr macht Unfug! Ich will, dass das Haus blitzblank ist, wenn ich zurückkomme. Haben wir uns verstanden?“
Da haben Papa und ich wieder genickt.
„Das will ich euch auch geraten haben“, hat Mama gesagt. „Bis Sonntag dann. Tschüssi.“
Dann hat Papa kurz gewartet, bis das Auto von Tante Birgit aus der Einfahrt war und dann hat er Pizza bestellt, zwei große, mit Zwiebeln, Salami und ganz viel Knoblauch, weil, die dürfen wir sonst nämlich nicht essen, wenn Mama da ist, die mag nämlich keine Salami.
Das war vielleicht lecker, weil, wir haben im Wohnzimmer gegessen und dabei Fernsehen geguckt, das dürfen wir nämlich sonst auch nicht, wegen dem teuren Teppich von Opa Waldemar, ist aber nichts passiert, nur ein ganz kleiner Brandfleck, als mir die Zigarre runter gefallen ist, die Papa nach dem Essen spendiert hat, das hat kurz ein bisschen gekokelt, aber Papa hat schnell sein Glas Rotwein drüber gekippt und alles war wieder okay.
Danach wollte ich eigentlich zum Adrian, weil, am ersten Freitag im Monat, da pokern der Adrian, der Uwe und ich immer, weil, da hat der Uwe noch Geld, am zweiten dann nicht mehr, aber dann hat Papa gesagt: „Och, nö, bleib doch hier, sonst bin ich ja ganz allein den ganzen Abend und weiß gar nicht, was ich machen soll. Oder weißt du was? Ruf doch den Adrian und den Uwe an, die können doch herkommen und dann pokern wir alle zusammen, ihr müsst mir nur kurz erklären wie das geht. Aber sag, sie sollen was um Knabbern mitbringen, von der Tankstelle, am besten Flips und Salzstangen, die mag ich am liebsten. Bier haben wir noch genug im Keller von meinem Geburtstag letztes Jahr, und eine Flasche Uiski auch, das reicht locker für Vier.“
Und dann sind der Adrian und der Uwe mit Flips und Salzstangen zu uns gekommen und Papa hat den Küchentisch ins Wohnzimmer gestellt und wir haben gepokert.
Das war sehr lustig, weil, Papa, der hat die ganze Zeit verloren, und dann hatte er kein Geld mehr, aber zum Glück hat er ja Mamas Versteck für ihr Einkaufsgeld unter der Spüle gekannt, das hat er dann aber auch noch alles verloren und die Flasche Uiski war auch ratzfatz leer. Schlechte Laune hat er deswegen aber nicht gekriegt, im Gegenteil, dann wurd’s erst richtig lustig, dann hat Papa nämlich seine alten Schallplatten und den Plattenspieler aus dem Keller geholt und wir haben Karaoke gemacht. Papa hat mit einem Tennisschläger so getan, als würde er Gitarre spielen und hat „Heiwäi tu häll“ von Äissie/Diessi gesungen.
Danach war der Uwe dran, der ist auf den Tisch geklettert und hat Elvis nachgemacht, das kann er echt gut, der Uwe, aber dann ist er voll mit dem Kopf an die Deckenlampe geknallt, ist aber nichts passiert, weil, der Uwe hat einen ganz schön harten Schädel, nur bei der Lampe war ein Stück raus gebrochen. Dann sind der Adrian und ich auf den Tisch geklettert und haben Bietels gesungen, aber nicht lang, weil, dann hat es plötzlich an der Tür geklingelt, das war der Herr Meier von nebenan, im Schlafanzug, der hat gesagt: „Sagt mal spinnt ihr, hier so einen Radau zu machen?! Es ist schon nach zehn! Wenn ihr nicht sofort damit aufhört, hol ich die Polizei!“
„Ach, komm, jetzt sei doch nicht so, Meier“, hat Papa da gesagt. „Wir machen doch nur ein bisschen Karaoke.“
„Karaoke, Schmaraoke“, hat der Herr Meier dann gesagt. „Mir doch egal, wie das heißt, dieser neumodische Kram, jedenfalls ist es zu laut, ich will schlafen.“
„Ach, schlafen kannst du doch noch genug, wenn du tot bist“, hat Papa dann gesagt. „Komm, mach doch mit! Das macht echt ganz viel Spaß und jung hält es auch!“
„Echt?“, hat der Herr Meier dann gesagt. „Was muss ich denn da machen?“
„Ach, das ist ganz einfach“, hat Papa dann erklärt. „Guck, ich hab hier meine alten Platten, da suchst du dir ein Lied aus, das du ganz doll gern magst und dann singst du das ganz laut mit und tust so, als ob du der Sänger wärst und machst eine Riesenschau dazu, auf dem Tisch, aber pass auf die Lampe auf.“
„Oh ja!“, hat der Herr Meier da gesagt. „Das hört sich toll an, das wollt ich immer schon mal machen! Hast du auch Diep Pörpel?“
„Nein, die hab ich leider nicht“, hat Papa geantwortet.
„Macht nix, ich aber!“, hat der Herr Meier da gesagt. „Warte, ich hol sie schnell!“
„Supi!“, hat Papa da gesagt. „Und kannst du noch eine Flasche Uiski mitbringen?“
Hat er dann auch gemacht, der Herr Meier, und seine alte Jeansjacke hat er auch noch irgendwo ausgegraben, da stand „Hells Angels“ hinten drauf, die sah vielleicht lustig aus über dem Schlafanzug. Dann hat Papa Diep Pörpel aufgelegt und wir haben dem Herr Meier geholfen auf den Tisch zu klettern und da hat er dann „Smook on se woater“ gesungen und Tennisgitarre gespielt.
Dann wollte der Uwe noch mal Elvis singen, aber Papa und der Herr Meier haben ihn nicht gelassen, weil sie lieber selbst zusammen „Ti En Ti“ singen wollten, haben sie dann auch gemacht, bis der Tisch zusammen gekracht ist, ist aber nichts passiert, der Papa ist auf den Herr Meier drauf gefallen, das war ganz weich, für Papa jedenfalls.
Dann hat es wieder an der Tür geklingelt und ich hab aufgemacht, da standen dann zwei Polizisten und der eine hat gesagt: „Was ist denn hier los? Euch hört man ja bis auf die Autobahn, so geht das aber nicht. Wer ist denn der Chef hier?“
„Das bin ich“, hat Papa gesagt. „Wir machen Karaoke. Wollt ihr mitmachen? Wir haben sogar Diep Pörpel!“
„Das ist mir gerade mal pupsegal, ob ihr Diep Pörpel habt“, hat der eine Polizist da gesagt. „Ihr könnt doch nicht um die Uhrzeit so einen Lärm machen, die Leute rufen schon die ganze Zeit bei uns an, die wollen schlafen.“
„Aber...




