E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Tigner Der Preis der Zeit
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86552-914-5
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Thriller
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-86552-914-5
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Autoren/Hrsg.
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2 Eine Lösung Lisa Perera betrachtete den Vorstandschef ihrer Firma eingehend, während sie versuchte, den leeren Stuhl zu ihrer Linken zu ignorieren. Sie hegte schon lange den Verdacht, dass seine Eltern ihm erst seinen Namen gaben, nachdem sie seine Augen gesehen hatten. Sein Blick war durchdringend wie ein Piercing. Sie spürte, wie er sie anstarrte, und sie starrte zurück. Pierce hatte die ganze Palette menschlicher Gefühlsregungen innerhalb weniger Sekunden durchlaufen. Er war verärgert gewesen, verwirrt, ungläubig, hoffnungsfroh, berauscht und niedergeschlagen, und nun schlug seine Stimmung schnell in Richtung Zorn um. Sie würde schon ihr Lasso schwingen, den Cowboy einfangen und ihn wieder glücklich machen. Doch zuerst sollte er ruhig ein bisschen schwitzen. Er hatte sich angeschickt, ihnen den Geldhahn zuzudrehen und die Firma verhungern zu lassen. Es war nur klug, ihn im Moment seines größten Triumphes eine Weile lang leiden und ihre Macht spüren zu lassen, damit er in Zukunft nicht mehr zaudern würde, wenn sie seine Unterstützung brauchte. »Warum können wir Eos nicht verkaufen?«, fragte Pierce zähneknirschend. »Denken Sie an die Konsequenzen«, sagte sie. »Ich habe an nichts anderes gedacht, während ich Ihnen Schecks über eine Million Dollar ausstellte … 28 Mal.« »Vergessen Sie einen Augenblick lang das Geld und betrachten Sie das große Ganze.« Pierce fuchtelte mit den Händen wie ein frustrierter Affe. »Sie sagen dem Mann, der seit sieben Jahren Ihre Träume und Ihren Lebensunterhalt finanziert, dass er das Geld vergessen soll? Das ist überaus bequem von Ihnen. Und völlig unrealistisch.« Silicon Valley zog die Besten und die Klügsten an. Die Zähesten und die Durchtriebensten. Sie alle waren darauf versessen, sich an vielversprechenden Projekten zu beteiligen und rund um die Uhr zu schuften, weil sie auf Ruhm und unermesslichen Reichtum hofften. Dies war einer der seltenen Momente, in denen einige ausgewählte Forscher und Ingenieure sämtliche Erwartungen übertrafen und in denen Traum und Wirklichkeit zusammenfanden. Lisa würde jede Sekunde auskosten. Und ihr Team teilhaben lassen. Sie wendete sich David zu und übergab ihm den sprichwörtlichen Stab. »Wie sieht eine Welt aus, in der niemand mehr altert?«, fragte David in einem ruhigen Tonfall. Seine Miene war von dem Wutausbruch des Vorstandschefs völlig unbeeindruckt. Lisa bewunderte es immer wieder, wie ihr CSO es schaffte, zu jedem einen Draht zu finden, und zwar augenblicklich. Da war etwas an ihm, das die Menschen sowohl entwaffnend als auch inspirierend fanden, ganz gleich unter welchen Umständen. Ihre Hypothese lautete, dass er ihre guten Geister heraufbeschwören konnte, indem er sein großes Hirn benutzte, um die Dinge von ihren Standpunkten aus zu betrachten. Das und seine christusgleiche Erscheinung: langes Haar, kantige Gesichtszüge, einfühlsame Augen. Pierce’ Miene entspannte sich ein wenig, bevor er die Frage beantwortete. »Ohne Alterung sähe die Welt viel weniger runzelig aus. Und der Konkurrenzkampf um einen Platz in der Bikini-Ausgabe der Sports Illustrated wäre gnadenlos.« Am Tisch brach Gekicher aus. Nur bei David nicht. »Tatsächlich würde die Welt noch viel überfüllter und verdreckter sein. Sie …« Lisa schaltete gedanklich ab, während David seine Beschreibung der finsteren Welt, die sie mit einem Schwund der Sterblichkeitsrate erschaffen würden, zum Besten gab. Sie hatten schon so oft darüber gesprochen, inklusive Tränen, Schreie und kalten Schauern, die ihnen über die Rücken liefen. Sie fand es seltsam, dass in den ersten Jahren niemand von ihnen über den Preis eines Triumphes nachgedacht hatte. Sie erklärte sich diese gemeinsame Verfehlung damit, dass ihnen ihr Ziel so schwer zu fassen, so mythisch erschienen war und dass jeder von ihnen sich zu 100 Prozent darauf konzentrierte, es zu erreichen. Darauf und auf den Ruhm und den persönlichen Reichtum, die es mit sich bringen würde, wenn man das größte medizinische Rätsel in der Geschichte der Menschheit knackte. Erst als sie an den Punkt kamen, wo sie sich Nadeln in das eigene Fleisch schoben, widmeten sie sich den umfassenden Auswirkungen auf die Zukunft und den Folgen für das Ökosystem, die Wirtschaft, die menschliche Psyche. Pierce schlug seine Faust auf den Tisch und riss Lisa aus ihrer Gedankenwelt. »Die Menschheit wird schon einen Weg finden, damit fertigzuwerden. So haben wir es schon immer gemacht. Wir passen uns den Herausforderungen an.« Seine Augen schossen Blitze auf den Mann, dem es bestimmt war, all seine Träume wahr werden zu lassen. Lisa wusste, dass diese Reaktion nicht einem mangelnden Taktgefühl oder einer gescheiterten Strategie entsprang. Es gehörte zu Davids Plan, sie zu provozieren. »Ich werde nicht einfach Abermilliarden in den Wind schlagen, nur um Ihr Gewissen zu beruhigen«, fuhr Pierce fort. »Sie werden sich jede Therapie der Welt leisten können, wenn Sie eine brauchen. Verdammt, Sie können eine ganze Universität aus dem Boden stampfen, eine, die zu Ihren Ehren benannt ist und sich keinem anderen Thema widmet. Machen Sie mit Ihrem Geld, was Sie wollen. Aber versuchen Sie ja nicht, sich zwischen mich und mein Geld zu drängen.« Jetzt übernahm Lisa wieder das Wort, genau wie sie es geplant hatten. »Niemand will Ihnen Ihren großen Zahltag nehmen, Pierce. Wir würden nur gern einen alternativen Weg vorschlagen, ihn wahr werden zu lassen. Ein Weg, der Ihr neues Leben beträchtlich angenehmer machen wird.« Pierce schwenkte seinen Blick in ihre Richtung. Mit seinen 54 Jahren war er rund 20 Jahre älter als die anderen am Tisch, auch wenn kaum jemand, der ihn sah, das vermuten würde. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er unzählige Millionen mit einem Patent zur Erdölverarbeitung verdient hatte. Pierce sah aus wie der kerngesunde, zurückgezogen lebende Naturbursche, der er war. Er war der Typ, den man mit einem Messer bewaffnet in den Wald schicken konnte und der mit einem erlegten Bären zurückkommen würde. Er trug nichts anderes als Jeans und Flanellhemden und hatte stechend grüne Augen, stets zerzaustes Haar und einen Stoppelbart. »Sie haben einen besseren Plan, um Eos zu Geld zu machen, als es an einen Pharmariesen zu verkaufen?«, fragte Pierce. Lisa lächelte. »Einen viel besseren. Erlauben Sie uns, ihn näher zu erläutern.« »Also gut.« Pierce hockte sich wieder auf seinen Stuhl und legte die Füße auf den Tisch. Er trug Wanderschuhe, keine Cowboystiefel und erst recht keine dieser geschniegelten Lederslipper, wie man sie die Gangway eines Privatjets hinuntersteigen sah. Ihr machte es nichts aus. Sie ignorierte dieses Zeichen der Geringschätzung gern, solange sich ihr Investor dadurch wie das Leittier fühlte, während er in Wahrheit ein Teil ihrer Herde war. »Die Pharmaindustrie ist so mächtig, weil sie über Instrumente verfügt, die es ihr ermöglichen, die Massen zu bedienen. Handelsvertreter. Beziehungen zu Ärzten. Werbemittel. Aber warum sollten wir die Massen bedienen?« Pierce nahm die Füße vom Tisch und lehnte sich vor. »Sie wollen die Verkäufe auf die Oberschicht begrenzen?« Lisa ignorierte die Frage. »Angenommen wir versehen Eos mit einem Preisschild von einer Million Dollar. Es gibt ungefähr 40 Millionen Millionäre auf der Welt, und viele von ihnen besitzen viele Millionen. Wenn man ihre Familien und Freunde in die Rechnung einbezieht, haben wir bestimmt 100 Millionen Kunden, von denen jeder ohne Probleme eine Million Dollar aufbringen kann. Das würde der Firma 100 Milliarden Dollar erwirtschaften. Das ist eine Eins mit elf Nullen und mehr, als wir acht in einer Million Jahren ausgeben könnten.« Lisa war sich sicher, dass Pierce die Mathematik des persönlichen Reichtums schon durchgegangen war. Mit nur einer Milliarde auf dem Bankkonto würde man 100 Jahre lang jede Stunde 1000 Dollar ausgeben können und trotzdem noch ein Vermögen übrig behalten. »Fahren Sie fort«, sagte Pierce. »Und kommen Sie zum Punkt.« »Wenn die Zahlen solch eine Größenordnung erreichen, wäre es töricht, die finanzielle Rendite bis zum Äußersten auszureizen. Welchen Sinn hätte es, wenn wir das Geld niemals ausgeben könnten?« Pierce gab ihr eine ehrliche Antwort. »Es würde einen Heidenspaß machen, es zu versuchen.« Lisa ließ die Falle zuschnappen. »Eigentlich nicht. Sobald bekannt wird, dass es Unsterblichkeit zu kaufen gibt, wird jeder, der sie hat, zur Zielscheibe von Vorurteilen und enormer Feindseligkeit von jedem, der sie nicht hat. Letztendlich wird man uns im Zuge einer populistischen Revolution lynchen und unsere Formel stehlen, was bedeutet, dass jeder Unsterblichkeit erlangt …« »Was die Welt in das von David beschriebene Chaos stürzt. Ich verstehe«, sagte Pierce. »Und ich erkenne die Verlockung, einen alternativen Weg zu finden. Das ist einer der Gründe, warum ich in Montana lebe. Dort gibt es so wenige Menschen, die die Luft verschmutzen, dass man nachts noch immer die Sterne sehen kann. Aber wie sieht die Alternative aus? Glauben Sie bloß nicht, dass Sie diese Entdeckung geheim halten können. Das wird nicht funktionieren. Menschen reden.« »Sie haben recht. Menschen reden. Selbst wenn wir einen Preis von 100 Millionen Dollar verlangen und nur an Menschen herantreten, von denen wir wissen, dass sie es sich leisten können, wird die Neuigkeit irgendwann durchsickern. Dafür ist die Sache einfach zu pikant. Dann gibt es...




