E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Tigner Betrayal – Der Verrat
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86552-935-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Thriller
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-86552-935-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2 Asgard Island, Chesapeake Bay FBI-Direktor Wiley Proffitt setzte sein Weinglas etwas zu hastig ab. Ein Tropfen schwappte über, landete auf der blütenweißen Tischdecke und fraß sich wie ein düsteres Vorzeichen in den Stoff. Er war nervöser, als er geglaubt hätte. Erneut hob er das Glas und nahm einen Schluck, bevor er dem Blick seiner Geliebten begegnete. »Wie würde es dir gefallen, First Lady zu werden?« »Der Vereinigten Staaten?« »Ja.« Er grinste. Und während er den verwirrten Blick in Cassi Carrs bernsteinfarbenen Augen genoss, fühlte er sich augenblicklich besser. Sie ließ sich von seiner Heiterkeit anstecken. »Weiß der Direktor des FBI etwas über Anna Beth Carver, das dem Rest von uns Sterblichen noch unbekannt ist?« »Tatsächlich ist es Aaron Dish«, erwiderte er ausdruckslos. Verschwörerisch beugte sie sich zu ihm rüber. »Die First Lady hat eine Affäre mit dem Vizepräsidenten?« Wiley schüttelte den Kopf. Sechs Monate lang hatte er dieses erschütternde Geheimnis für sich behalten, ohne eine Andeutung der Zukunft, die sie erwartete, oder des Bündnisses, das er geschlossen hatte. Dieses Geheimnis endlich mit Cassi zu teilen fühlte sich großartig an. Er entschied sich, mit den Hintergründen anzufangen, um die Spannung langsam zu steigern. »Dish ist gesundheitlich angeschlagen. Er wird bei der Wiederwahl nicht an Carvers Seite stehen.« »Verstehe«, gab Cassi zurück, die ihm eindeutig nicht glaubte, aber bereitwillig mitspielte. Ihre Augen funkelten. »Und wie macht mich das zur First Lady?« »Tut’s nicht«, antwortete er und schüttelte den Kopf, während sie Enttäuschung vorspielte. »Darauf wirst du mindestens fünf Jahre warten müssen. Aber bis dahin macht dich das zur Second Lady – ab Januar in einem Jahr.« Wiley sah Verwirrung in Cassis Gesicht aufblitzen. Sie wirkte unsicher, ob er sie veräppelte oder es ernst meinte. »Dish ist wirklich krank, oder? Und Carver hat wirklich dich gefragt, ob du mit ihm antrittst?« »Ja und nein«, räumte Wiley ein. »Ja, Dish ist wirklich krank. Und nein, Präsident Carver hat mich noch nicht gefragt, ob ich mit ihm kandidiere – noch nicht. Aber er wird.« »Aha, und warum wird er das?« Wiley beugte sich so weit vor, dass seine Lippen fast Cassis Ohr berührten. Bevor er ihr die Prophezeiung zuflüsterte, hielt er kurz inne, um ihr süßliches Parfüm zu inhalieren. Sie trug einen neuen Duft. »Weil Terrorismus sich bald an der Spitze der amerikanischen Agenda befinden wird.« Von seinen Worten ernüchtert wich sie vor ihm zurück. Immerhin waren ihre Eltern am 11. September gestorben. »Du rechnest mit einem Anschlag?« »Das tue ich. Diese ganzen Heimatschutzreden, die ich in letzter Zeit gehalten habe … Erinnerst du dich?« Sie nickte. »Das war nicht die typische Jag-ihnen-Angst-ein-Taktik.« Cassi brauchte einen Moment, um das zu verdauen. Er sah, wie sich die Zahnräder hinter ihrem besorgten Gesicht drehten. »In einer bestimmten Hinsicht vielleicht nicht«, sprach sie ihren Gedanken laut aus. »Du glaubst also, dass Carver dich wegen dieser Reden mit an Bord holt. Immerhin haben sie dir den Beinamen ›Antiterror-Zar‹ eingebracht.« Wiley hob sein Weinglas, um ihr zuzuprosten. »Auf deine deduktiven Fähigkeiten.« Cassi erwiderte die Geste, doch er konnte sehen, dass sie immer noch über die Implikationen seiner Offenbarung nachdachte. Als sie mit weit aufgerissenen Augen zu ihm aufsah, wusste er, dass der Groschen gefallen war. »Ich werde Second Lady?«, fragte sie mit einem gepressten Flüstern. Wiley versuchte zu lächeln, doch seine Lippen bewegten sich nicht. Dann versuchte er zu nicken, doch auch das gelang ihm nicht. Panik hielt ihn in ihrem eisernen Griff. Er konnte sich nicht bewegen. Während er mit sich kämpfte, fuhr Cassi ahnungslos fort. »Fragst du mich, ob ich dich heiraten will?« Wiley bemerkte eine kalte Hand, die sich über seinen Mund gelegt hatte. Für einige Sekunden war er völlig orientierungslos, dann dämmerte es ihm. Seine Unterhaltung mit Cassi war ein Traum gewesen. Der Eindringling in ihrem Schlafzimmer und die kalte Hand auf seinem Mund waren real. Wileys Augen weiteten sich vor Schreck, während sich der dunkle Schatten über ihm lautlos bewegte. Ein stacheliger Kloß füllte seinen Hals aus, während sich ein muskulöser Arm zurückzog. Endgültig erwacht versuchte Wiley etwas im Dunkeln zu erkennen, suchte nach dem Aufblitzen eines Messers, das das Bild vervollständigen und sein Leben beenden würde. Doch er konnte nur verschwommene Schatten erkennen. Ein Teil seines Verstandes konzentrierte sich auf die Tatsache, dass Cassi neben ihm schlief. Das Bedürfnis, sie zu warnen und zu beschützen, baute sich in seiner Brust auf, aber die schwere Decke, der Schraubstock über seinem Gesicht und die Angst in seinem Herzen nagelten ihn fest wie die Nägel Jesus ans Kreuz. Während er sich bereit machte, sich aufzubäumen und aufzuspringen, wurde die Lampe auf seinem Nachttisch eingeschaltet und Wiley erkannte das Gesicht des Eindringlings. Seine Anspannung ließ nach. Er hätte es wissen müssen. Sobald sich die Hand von seinem Mund löste, sah er zu Cassi rüber. Sie schlief tief und fest. Zumindest schien es so … »Halothan«, las Wileys Gast dessen Gedanken. »Wie Chloroform, nur ungefährlicher.« »Und aromatischer«, murmelte Wiley, während er sich an das Parfüm aus seinem Traum erinnerte. Langsam wandte er seinen Blick dem nächtlichen Besucher zu und stellte mit den Augen die offensichtliche Frage. Stuarts Antwort war schlicht. »Wir müssen reden.« Stuart Slider war der Unsichtbare. Kompakt und kräftig gebaut mit einem Durchschnittsgesicht. Bei jedem ihrer Treffen überraschte es Wiley erneut, wie unerwartet klein er war. Slider genoss die nervige Fähigkeit, ganz nach Belieben aufzutauchen und zu verschwinden. Zumindest wirkte es oft so. Wiley dagegen begann diese Seite an ihm zu verabscheuen. »Was zum Teufel machen Sie hier mitten in der Nacht?«, fragte Wiley. »Wollen Sie ein weiteres Loch in Ihrem Kopf?« Seit sechs Monaten arbeiteten sie jetzt im Geheimen zusammen, aber dies war das erste Mal, dass Stuart sein Zuhause auf Chesapeake Island betreten hatte. Zumindest war es das erste Mal, dass Wiley es mitbekam, überlegte er. »Wir müssen reden«, wiederholte Stuart. »Ungesehen, ungestört und allein.« Er stand auf und neigte den Kopf Richtung Tür. »Lassen Sie uns in Ihr Arbeitszimmer gehen. Kein Grund, der schlafenden Schönheit hier Albträume zu bereiten.« Ohne auf eine Antwort zu warten, griff Stuart nach der Nachttischlampe und schaltete sie aus. Wiley folgte ihm. Mehr aus Neugierde als aus Gehorsam. Lautlos gingen sie über den edlen Teppich den Flur entlang bis zu dem Zimmer an seinem Ende. Die massive Eichentür zum schalldichten Arbeitszimmer stand weit offen. Ein unheimliches Leuchten drang daraus hervor. Es stammte von dem 1000-Liter-Aquarium im Inneren. Die gespenstische Atmosphäre passte perfekt zu ihrem mit Halothan abgesicherten geheimen nächtlichen Rendezvous. Weshalb Wiley das Licht nicht einschaltete, als sie das Zimmer betraten. Schlaflose Fische warfen ihre herumflitzenden Schatten in den Raum, während schwaches Mondlicht von Osten her hereinschimmerte. Wiley wählte seinen Lieblingssessel aus schwarzem Leder. Als er sich hinsetzte, bemerkte er den dampfenden Starbucks-Becher, der direkt neben seinem Arm auf dem Tisch stand. Unglaublich, dachte er. Stuart war noch nie zuvor auf dieser Insel gewesen, und doch stand hier ein Becher mit Low-Fat-Latte, genau das, was er jetzt brauchte, genau dort, wo er es brauchte. So unheimlich sich das auch anfühlte, der Latte war eine fürsorgliche und entschuldigende Geste. Und doch bestand sein vorwiegender Zweck darin, Wileys Flamme anzufachen. Der unsichtbare, unerschütterliche Stuart Slider selbst trank weder Kaffee noch Tee oder Cola. Er rauchte nicht und trank keinen Alkohol. Wiley war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt schlief. Und doch war er immer hellwach, in Alarmbereitschaft und kontrolliert. Er war ein Mistkerl. Wiley hob den vertrauten Becher an, mehr über sich selbst irritiert, so schwach zu sein, als vor Freude über seine übliche Dosis. Trotz des weiten Weges vom Festland war der Latte noch immer heiß. Stuart musste jedes Detail im Voraus geplant und einen Thermobehälter eingepackt haben. Akribischer Mistkerl. Wiley nahm einen Schluck, nickte dankend und bedeutete seinem Gast, endlich mit der Sprache rauszurücken. »Stimmt es, was ich über dieses Zimmer gehört habe?«, fragte Stuart stattdessen. Wiley wollte wieder ins Bett. Trotz Latte. Stuart sollte gefälligst zur Sache kommen und verschwinden. Aus Erfahrung wusste er aber, dass es zielführender war, wenn er mitspielte und keinen Widerstand leistete. »Was haben Sie gehört?« »Ich habe gehört, dass der Secret Service Ihr Arbeitszimmer in eine Festung verwandelt hat, weil Sie sich weigern, die Proffitt-Familienresidenz Ihrer Vorfahren mit den technologischen und sicherheitstechnischen Fortschritten des letzten Jahrhunderts auszustatten.« Wiley verdrehte die Augen. »Für eine Organisation, deren Zweck darin besteht, nationale Ikonen zu beschützen, besitzt der Secret Service erstaunlich wenig Respekt vor Geschichte und Tradition. Ich bin froh, dass ich nur ein einziges Mal mit ihm zu tun hatte. Sie bezeichnen es als...




