Tieck | Vittoria Accorombona | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

Tieck Vittoria Accorombona

Bereicherte Ausgabe. Untergang der römischen Familie Accoromboni
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-3853-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bereicherte Ausgabe. Untergang der römischen Familie Accoromboni

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

ISBN: 978-80-272-3853-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Ludwig Tiecks Werk 'Vittoria Accorombona' taucht der Leser in die Welt der italienischen Renaissance ein, in der Intrigen, Machtspiele und dunkle Geheimnisse die Handlung vorantreiben. Der Roman zeichnet sich durch eine prachtvolle Sprache und detaillierte Beschreibungen aus, die die Atmosphäre der damaligen Zeit lebendig werden lassen. Tieck verbindet geschickt historische Fakten mit fiktionalen Elementen, um eine fesselnde Erzählung zu kreieren, die den Leser in ihren Bann zieht. Durch die Verwendung von Dialogen und inneren Monologen werden die Charaktere lebendig und vielschichtig dargestellt, was dem Werk eine besondere Tiefe verleiht. Als einer der bedeutendsten Vertreter der Romantik setzt Ludwig Tieck mit 'Vittoria Accorombona' ein Meisterwerk literarischer Darstellungskunst. Die Kombination aus historischer Genauigkeit und emotionaler Tiefe macht das Buch zu einem faszinierenden Leseerlebnis für alle, die sich für historische Romane und anspruchsvolle Literatur interessieren. Tauchen Sie ein in die Welt der Renaissance und lassen Sie sich von Tiecks meisterhafter Erzählkunst verzaubern.

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Zweites Kapitel

Da die Familie Accoromboni sehr viele Bekannte und Freunde hatte, vorzüglich im nahen Rom, so war es natürlich, daß alle diejenigen, die von ihnen wußten, bald durch das Gerücht jene Begebenheit erfuhren, und zwar mit Übertreibungen, so daß manche glauben mußten, die junge und schöne Vittoria sei der Welt durch einen frühzeitigen Tod entrissen worden. Die Mutter, welche ihre tiefe Rührung verbarg, da sie die Äußerung einer jeden Schwäche scheute, hoffte den jungen Camillo bald wiederzusehn und ihm noch einmal Dank zu sagen und bei ihm selbst zu erforschen, auf welche Art sie ihm vielleicht auf seinem künftigen Lebenswege nützlich sein könne. Als er aber nicht erschien, ward sie besorgt und Vittoria noch mehr, daß der Jüngling wohl erkrankt sein könne, denn sie konnten nicht glauben, daß er, ohne von ihnen Abschied zu nehmen, nach Rom zurückgereist wäre. In dieser Erwartung sagte die Mutter zur Tochter an einem Morgen: »Mein Kind, es ziemt sich nicht, daß wir uns um den jungen Menschen, dem wir dein Leben zu danken haben, so gar nicht kümmern. Er ist arm, seine Eltern, wie ich gehört habe, leben in der Stadt nur sehr kümmerlich, man sagt, daß er sich dem geistlichen Stande widmen soll, wir müssen also irgendeine Summe ihm oder seinen Eltern einhändigen, damit er seine Studien bequemer fortsetzen könne, und ihn nachher einigen unsrer wohlwollenden Gönner dringend empfehlen, damit er bald zu einer einträglichen Stelle befördert werde, so daß er nachher seine armen Eltern selber unterstützen kann. Bei solchen Gelegenheiten kehrt mir immer wieder der Wunsch zurück, daß ich reich sein möchte, um durch meine Wohltat das Glück eines solchen Hülfsbedürftigen auf dauernde Weise gründen zu können. Ans jeden Fall werde ich ihm die hundert Skudi geben, die ich neulich für unerwartete Fälle von meinem Ersparnis zurücklegen konnte. Empfehlung, wenn sie wirksam ist, kann nachher als eine große Summe angerechnet werden. Was meint ihr, Kinder, Flaminio und du, Vittoria, zu dieser meiner Absicht?«

Flaminio stimmte unbedingt der Mutter bei, doch Vittoria schüttelte lächelnd den Kopf, so daß die Mutter sie betroffen ansah und mit ihrem forschenden Blicke ihre Meinung erraten wollte. »Nein! nein!« rief das lebhafte Mädchen, »glaubt mir nur, unser Camillo ist ganz anders, als wie ihr ihn euch denkt. Ich habe ihn seit lange beobachtet und kenne ihn ganz genau. So blöde das junge Wesen scheint, so schwachgemut und ungewiß in seinem Denken und Tun, was vielleicht daher kommt, daß sein Charakter noch nicht ausgebildet ist, so stolz ist doch dieser Jüngling, so daß er gewiß, verwundet und gekränkt, diese Wohltat, die ihm wohl gar als eine Bezahlung erscheinen möchte, ausschlagen würde. Glaube auch nicht, liebe Mutter, daß es sein Wunsch ist, ein Geistlicher zu werden. Er hat mir schon vor einigen Monaten in Rom bekannt, daß ihm dieser Stand verhaßt sei; Soldat möchte er werden oder als Handelsmann auf Reisen gehn, eine Seefahrt versuchen und fremde Länder sehn. Wunderliche Schicksale der Seeleute, der großen Feldherren und Kondottieri – das reizt ihn, solche Bücher wie das alte Gedicht von dem Feldhauptmann Picciuini liest er am liebsten und versäumt, wie er nur irgend kann, Messe und Gottesdienst, so daß ihm auch viele seiner Schulgenossen feind sind und ihn erbost nur den Ketzer und Lutheraner nennen. – Und dann – hundert Skudi! Liebe Mutter – wenn ich nun doch einmal bezahlt werden soll, bin ich denn nicht mehr wert? Diese Taxe ist allzu gering, dafür schlage ich mein Hündchen noch nicht einmal los.«

»Törichtes Wesen!« sagte die Mutter lächelnd, »wie kindisch du zuweilen sprechen kannst, da dich doch viele kluge Männer in manchen Stunden wegen deines Verstandes bewundern wollen. Das Unbezahlbare, das Höchste läßt sich niemals mit Münze ausgleichen, das weiß ich so gut wie du. Aber ebendeswegen muß ein Leben wie das des Kindes, das die Mutter, wenn es entflohen ist, nicht mit Millionen zurückkaufen kann, mit Dank, mit Kleinigkeit, mit Hülfe erwidert und belohnt werden. Der Wohltäter fühlt dies auch selbst und nimmt das, was Freundschaft reicht, wenn er es bedarf, mit Rührung an, als wenn es ein großer Schatz wäre. Sind wir doch immerdar mit dem Leben und den Elementen, die uns beherrschen, im Kampf: kann ich dem Nebenmenschen diesen erleichtern, so tue ich, selbst durch eine Kleinigkeit, etwas Gutes.«

»Alles wahr,« sagte Vittoria, »aber darum ist auch in diesem Falle, der so gewichtig ist, Wohlwollen und Freundschaft, ein Entgegenkommen im Vertrauen, ein kindliches und brüderliches Verhältnis, so daß ein solcher Wohltäter mit zur Familie gehört – für den Zartfühlenden der wahre Dank und die größte Belohnung. So sollten wir mit diesem freundlichen und bescheidenen Camillo sein und auch in Rom seine armen Eltern manchmal sehn, die sich gewiß durch solche Auszeichnung sehr geschmeichelt und beglückt fühlen würden.«

Die Mutter stand auf und ging heftig im Saale auf und ab. »Also dahin sollte es kommen?« sagte sie und setzte sich wieder langsam in den Sessel. »Vielleicht bereitet sich uns allen von diesem Zufalle aus ein trauriges Schicksal. Eben alles dies, was du mir deklamierend hergesagt hast, wollte ich vermeiden und unmöglich machen, weil ich das menschliche Herz besser kenne als du. Weil sich so natürlich ein vertrauliches Verhältnis, eine brüderliche Annäherung aus solchem Unglück entwickelt, weil für dieses ein eigentlicher Dank und eine Belohnung unmöglich sind: so will der erst so großmütige Wohltäter nur gar zu leicht das gerettete Wesen selbst an Zahlungs Statt und vernichtet so seinen Dienst, indem er sich das Liebste eigennützig zum Opfer bestimmt; die Gerettete ist oft im Überschwang des Dankes schwach genug, eine solche Schuldforderung anzuerkennen, ohne einzusehn, daß sie auf diesem Wege nur später eines andern Todes stirbt. Und sollte ich dich je auf diese Weise verlieren können, so wäre es mir eben auch nicht schmerzlicher, wenn dich die rasenden Wogen dort verschlungen hätten. Gerade darum muß nun dieser Mattei unser Haus so wenig wie möglich betreten; wir sind ihm zum höchsten Dank verpflichtet, aber wir müssen uns ihm mehr als je entfremden; er muß fühlen, daß wir in verschiedenartigen Elementen leben und daß unsere Lebenskreise sich niemals berühren können.«

»Ihr überrascht mich, Mutter«, sagte Vittoria hoch errötend. »Nein, ich bin diesem kleinen freundlichen Camillo so gut, fast wie unserm Flaminio da – aber deswegen – – was du andeutest, Frau Julia, davon könnte ja niemals die Rede sein. Du sagst, du kennst das menschliche Herz besser als ich – kann sein; aber ich kenne mein eigenes Herz, mein Wesen, das dir doch vielleicht in einigen Teilen noch fremd und unbekannt ist.«

»Wie die Jugend in ihrer Unerfahrenheit spricht!« antwortete die Matrone nicht ohne Heftigkeit. »Dein Herz! Dein Wesen! Hast du denn schon etwas derart, da du noch gar kein Schicksal, keinen großen, mächtigen Schmerz erfahren und erlebt hast? Ehe das Eisen geschmolzen, gehärtet und gehämmert wurde, ist es eine unscheinbare Erdscholle, ohne elastische Kraft, Schneide und Widerstand. Dein Wesen ist nur noch Traum und Ahnung; was du bis jetzt warst und geworden, ist nur noch Widerschein meines Geistes, Denkens und meiner Erfahrung. Glaube mir, Kind, es schlafen in uns gräßliche Gespenster, tief im Hintergrund unserer Seele, wohin der Blick der spielenden Jugend und die vorlaute Phantasie niemals reicht. Man lernt alle Menschen früher als sich selber kennen. Wäre nun dieser Camillo immerdar um dich, gewöhnte sein Gemüt so an deinen Umgang, daß dieser ihm zu seinem Dasein unentbehrlich würde, und du wolltest ihn nun als einen Überlästigen abschütteln, so würde er aus Eitelkeit, verletztem Gefühl, Zärtlichkeit und Kränkung in eine solche tödliche Leidenschaft geraten, so in Wut, Eigennutz und Aufopferung rasen, so vor deinen Augen hinsterben, daß dein Mitleid, Kummer, Gewissen, die Vorwürfe, die du dir machtest, dein eignes Wesen dir ganz verhüllen könnten, daß du auch auf eine Zeitlang glaubtest, dieselbe Leidenschaft zu empfinden, und du zu spät deine Aufopferung bereutest. Glaube mir, alles dies geschieht so gar nicht selten, und so erwachsen nur zu oft aus scheinbarer Liebe die unglücklichsten Ehen. In gewissen Stimmungen werfen wir unser Selbst und Heiligstes mit mehr Leichtsinn hinweg, als wir dem gierigen Hunde den Knochen hinschleudern. Eine freie und edle Wahl, meine Vittoria, muß deine Vermählung mit einem ausgezeichneten und hochstehenden Manne herbeiführen, er muß deiner wert sein, so daß dein reiches Wesen durch ihn gewinnt. Dazu gehört vor allen Dingen, daß er dich versteht, daß er die Welt und den Adel echter Geister kennt; ein solcher muß dich erheben, du nicht ihn. Das dürftigste Schicksal, das kläglichste, entwickelt sich in den Ehen, in welchen das Weib höher steht als der Mann.«

Vittoria hatte ihr feuriges Auge sinken lassen, ihr schönes Haupt ruhte zwischen beiden Händen, indem sie die Arme auf den Tisch stützte, so daß die fließenden Haare dunkel wie eine Wolke niederwallten. Plötzlich sah sie auf, wie von einem Traume erwachend, und erschrak fast, als sie ihren Bruder Flaminio in der Nähe erblickte. Sie stand auf, flüsterte dem Bruder leise etwas zu, worauf dieser das Zimmer verließ. »Was hast du, Tochter?« fragte die erstaunte Mutter.

»Ich wollte dir nur sagen,« erwiderte sie, »und das sollte mein junger Bruder nicht hören, daß ich gar nicht, niemals heiraten will und werde.«

»Du hast heute deinen törichten Tag,« erwiderte jene, »kann mein Kind sich so etwas vornehmen oder beschließen?«

»Ich sehe wohl,...



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