Thurnher Fähre nach Manhattan
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-552-05941-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein Jahr in Amerika
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-552-05941-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Armin Thurnher, geboren 1949 in Bregenz. Mitbegründer, Miteigentümer und Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung »Falter«. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Preis des österreichischen Buchhandels für Toleranz und Otto-Brenner Preis für seinen Einsatz für ein soziales Europa. Bei Zsolnay erschienen zuletzt »Republik ohne Würde« (2013), der Essay »Ach, Österreich! Europäische Lektionen aus der Alpenrepublik« (2016), »Fähre nach Manhattan« (2019) und »Anstandslos. Demokratie, Oligarichie, österreichische Abwege« (2023).
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AUGUST
1 | In den Vereinigten Staaten hat sich die Produktion von Gütern und Dienstleistungen pro Arbeitsstunde seit 1917 verdreifacht. Diese Produktivitätsrate der Arbeitnehmer ist der in jeder anderen Industriegesellschaft weit überlegen. Eine Nation mit solch enormer Fähigkeit, ihre Ressourcen optimal zu nutzen, kann und wird auch die Armut überwinden. Regierung, Wirtschaft, Arbeit, Erziehung und Religionsgruppen müssen alle an diesem gemeinsamen Ziel arbeiten. Business builds a better community, Broschüre, Good Reading Rack Service, New York City 1967 |
Diese Geschichte beginnt mit Onkel Johann. Genau genommen ist Johann ein Großonkel. Johann ist eines der zwölf Geschwister meines Großvaters. Die Bauernfamilie konnte nicht alle ernähren, sodass der Johann in den 1920er Jahren wie viele Vorarlberger vor dem Hunger floh und in die Neue Welt auswanderte. Nun war er wieder da, auf Besuch, und ich fürchtete mich ein wenig vor dem alten Mann. Onkel John, so hieß er jetzt, trug merkwürdige Hüte und statt einer Krawatte eine durch eine Glasperle zusammengehaltene dicke grüne Schnur. Immer wieder schlüpften ihm englische Wörter in die Rede.
»Kann man des net endlich changen?«, sagte er zum Beispiel missbilligend, als der Griff am Garagentor noch gleich schief herunterhing wie beim vorigen Besuch. Das gefiel mir. Der Griff störte auch mich, ohne dass ich es für angebracht gehalten hätte, den Erwachsenen etwas zu sagen. Es waren zwei lose Schrauben, an denen der Griff hing. Er funktionierte, aber er wackelte. Von Zeit zu Zeit zogen Großvater oder Vater die Schrauben nach. Ein neuer Griff wäre zu teuer gekommen, vielleicht hätte es sogar ein neues Tor gebraucht.
John sprach langsam und ein wenig herrisch, fast wie Marlon Brando im Film »Der Pate«. So kam es mir vor, ohne dass ich diesen Film hätte gesehen haben können. Man schrieb das Jahr 1955, ich war sechs und hatte überhaupt noch nie in meinem Leben einen Film gesehen. Als ich dann einen sah, fünf Jahre später, war es »Ben Hur« und nicht »Der Pate«. Jedenfalls kam der Onkel aus einem Land, wo man nicht lange nachdachte, ob man sich einen neuen Garagentorgriff leisten konnte.
Onkel Johns Frau sprach kein Wort Deutsch und hatte silberviolettes Haar. Tochter Rosemary kaute Kaugummi, trug Pettycoats, Stöckelschuhe und eine Sonnenbrille von Ray Ban. Die Marke identifizierte ich später auf Fotos. Mit Rosemary konnte ich mich nicht verständigen. Ich starrte sie bewundernd an und machte mich vor meinen Freunden damit wichtig, dass ich eine aus Amerika kannte, mit so einer Sonnenbrille.
In den 1950er Jahren waren Autos in Privatbesitz selten. Mit der Zahl zugelassener Insassen nahm man es nicht so genau. John hatte ein DKW-Cabrio gemietet, beige, mit Weißwandreifen und Lenkradschaltung. Es sah aus wie eine Schildkröte. Mit seinen 39 PS bewegte es sich nicht besonders schnell. Vier Familienmitglieder, darunter ich, pferchten sich zu den drei Amis in den DKW hinein. So ging es auf die umliegenden Höhen der Voralpen. Im Unterschied zu meinem Vater, der einen Busführerschein hatte, wusste Onkel John nicht, wie man am Berg fährt. Abgestellte Autos mit geöffneten Kühlerhauben waren auf kurvenreichen Straßen nicht selten, man musste manchmal Kühlerwasser nachfüllen. Stell den Motor nicht ab, sagte Großvater zu John, als es unter der Kühlerhaube des DKW hervordampfte. John kannte sich nicht aus. Aus seiner neuen Heimat war er wohl eine Automatik gewohnt, schaltete viel zu spät, ließ aber niemand anderen ans Lenkrad. Mercedes und DKW sind faul am Berg, sagte der Großvater, seinen Bruder entschuldigend.
Am Bodensee blühten die Kirschbäume. Weiß schwebten die Obstbaumkronen über dem azurblauen Wasser, da und dort durchstochen von den Zwiebeltürmchen weißer Barockkirchen. Die Schildkröte durchquerte den Blütenschaum. Zarte, weiße Kirschblüten regneten auf Rosemary und mich nieder. Mir konnte die Schildkröte gar nicht träg genug vorankommen.
Zuhause blühte der Apfelbaum. Beim Abschied drückte mir Onkel John einen Dollar in die Hand und sagte: »Da hast a Bildle!« Ich nahm den heiligen Schein wie eine Eintrittskarte in ein Land, wo alle reich sind, glänzende Griffe an den Garagentoren prangen, die Frauen seltsam attraktive Sonnenbrillen tragen und überhaupt Milch und Honig fließen. In dieses Land, dort musste ich hin.
2 | Als Reaktion auf ein Ansuchen von Newarks Bürgermeister Hugh Addonizio schickte Gouverneur Hughes 2500 Nationalgardisten. Jeeps, Lastwagen und ein rasselnder elf Tonnen schwerer gepanzerter, bewaffneter Transporter dröhnten ins Ghetto. Als einige Polizisten von schwarzen Scharfschützen eingekesselt wurden, eröffnete der bewaffnete Transporter Maschinengewehrfeuer. Der Mob wusste nicht, dass die Maschinengewehre mit Platzpatronen geladen waren. Die Polizisten entkamen. Gleichzeitig durchkämmten Wachebeamte und Polizeipatrouillen mit aufgepflanzten Bajonetten die Straßen und nahmen jeden Schwarzen in Sicht fest. Black-Power-Dramatiker LeRoi Jones, 32, wurde aus seinem Volkswagen heraus verhaftet. Er hatte zwei 0.32-mm-Pistolen in der Tasche. Jones, der einst Schwarze aufgefordert hatte, weißen Männern die »jelly white faces« zu zerschlagen, wurde selbst geschlagen. Eine stumpfe Waffe traf seinen Schädel. Die Wunde musste mit sieben Stichen genäht werden. Time Magazine, 21. Juli 1967 |
Zwölf Jahre später stehe ich auf dem Rollfeld von Kloten, dem Flughafen von Zürich. Mein beiger Schnürlsamtanzug erscheint mir als Spitze der Eleganz. Die braunen Lederknöpfe, übers Kreuz geflochten, ein weißes Hemd, dazu eine schmale gehäkelte weinrote Wollkrawatte, die unten wie abgeschnitten in kleinen Fransen endet. Einmal im Jahr kauften mir die Eltern bei Sagmeister, dem zweitbesten Haus der Stadt, eine Jacke, eine Hose oder einen Anzug. Allzu modisch durfte das Kleidungsstück nicht sein. Jeans gab es keine; die waren im Gymnasium Bregenz verboten. Für Dauerhaftes wählte man Lederhosen.
Der beige Schnürlsamtanzug ist das Schickste, was ich dem konservativen Geschmack der Eltern je abgetrotzt habe. Mutters Augen glänzen, so gut steht er mir. Jetzt geht es nach Amerika, da braucht es das Beste. Ich weiß zwar nicht genau, was ich werden will, aber irgendwie wird es mit mir aufwärts und vorwärts gehen. Ich habe das Gymnasium der Heimatkleinstadt absolviert, mit links absolviert, muss man sagen. Mit 14 habe ich das Lernen eingestellt, auch in den alten Sprachen, und es hat bis zur Matura gereicht. Gerade gereicht. Nur in Griechisch musste ich etwas nachfassen, bei Sophokles wurde es knapp.
Ich hatte mich als Einjährig-Freiwilliger zum Bundesheer gemeldet, das gehörte zu meiner vagen, aber entschlossenen Absicht, Karriere zu machen. Absicht ist zu viel gesagt. Es war nicht anders denkbar. Als kommender Reserveoffizier rechnet man sich zur Elite. Man ist katholisch, nicht von der muffigen Art der Kartellverbände, mehr von der weltoffeneren Fraktion, aber katholisch allemal. »Als Dank für deine Mitarbeit am Reich Gottes«, schreibt mir der freundliche Arbeiterpriester in ein Buchgeschenk.
Das Buch heißt »Zwischen Mensch und Gott«, es handelt vom richtigen Leben in Freiheit, aber eben nicht nur. Eine vage kosmische Faszination geht davon aus. Im Pfarrheim hing ein Bild von Teilhard de Chardin. Michel Quoist, Arbeiterpriester auch er, war eine Art Teilhard für Halbwüchsige. Unser Bregenzer Arbeiterpriester sorgte als Religionslehrer ganz im Sinn des Vatikanischen Konzils für geistige Nahrung und für Realitätsbezug. Die katholische Jugend verteilte vor Weihnachten Pakete an Arme. Dass es die ausreichend gab, war mir neu. Ich kam in Wohnungen, wo man zu viert in einem Zimmer hauste. Wo man kleine Dinge, die mir selbstverständlich schienen, mit großer Dankbarkeit und kleiner Beschämung entgegennahm. Ich merkte es mir. Die Beschämung war ganz auf meiner Seite.
Dass ich an ein protestantisches College unterwegs bin, gesponsert von der lutherischen Kirche, weiß ich nicht. Es wäre mir egal. Ich bin neugierig und kritikbereit, aber weltanschaulich gefestigt, wie man sagt.
Ich bin ein Erfolgsmodell. Ums Haar wäre ich Landesjugendmeister im Tennis geworden, hätte ich nicht vor und nach der Matura das Training schleifen lassen und mit Freunden zu viel gefeiert. Scheint da eine Spur von mangelndem Ehrgeiz auf? Ich nahm es hin, dass mich im Verein kaum einer richtig förderte, dass die Alten im Verein sich, das kann ich aus viel späterer Perspektive sagen, im Vergleich zu heutigen Talenten einen Dreck um mich und meine Freunde kümmerten. Vielleicht war es ohnehin besser, später sagen zu können, man sei ein Talent gewesen, als dieses Talent unerbittlich auszureizen.
So groß wäre es nicht gewesen, das Talent. Genau genommen habe ich überhaupt kein Talent, außer einem: mich zum Drill überwinden zu können. Das kann ich besser als andere, deswegen behielt ich die in den ersten vier Jahren Gymnasium eisern einstudierten lateinischen Vokabeln, Deklinationen und Konjugationen im Gedächtnis und lebte bis zur Matura davon. Zuhause trainierte ich mit dem Ball, gleich ob Tennis- oder Fußball, stundenlang allein an der Garagenwand. Was andere auf dem Klavier durch Begabung schafften, übte ich mir unermüdlich ein.
Die Familie interessierte sich nicht für meine sportlichen Erfolge. Nicht einmal zum Finale der Jugendmeisterschaften kamen sie. Dafür war ich dankbar....