Thorpe | Ein Sommer in Corona del Mar | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Thorpe Ein Sommer in Corona del Mar

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-13027-5
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-13027-5
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist Sommer in der südkalifornischen Stadt Corona del Mar. Die beiden Freundinnen Mia und Lorrie Ann sind unzertrennlich. Doch als Lorrie Anns Vater stirbt, weiß Mia nicht, was sie für ihre Freundin tun kann. Und dies ist nur der erste von vielen schweren Schicksalsschlägen, die Lorrie Ann treffen werden … Jahre später steht Lorrie Ann plötzlich wieder vor Mias Tür: barfuß, hungrig und vom Leben gezeichnet. Und Mia kann nicht verstehen, wie das Leben ihrer scheinbar makellosen Freundin so aus dem Ruder laufen konnte. Kann es sein, dass sie Lorrie Ann nie wirklich gekannt hat?

Rufi Thorpe wuchs in Kalifornien auf und studierte in New York Literatur und Kreatives Schreiben. Ihr erster Roman »Ein Sommer in Corona del Mar« war nominiert für den International Dylan Thomas Prize und den Flaherty-Dunnan First Novel Prize. Rufi Thorpe lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Kalifornien.
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KAPITEL EINS
Der beste Tee der Welt

»Du musst mir einen Zeh brechen«, erklärte ich. Lorrie Ann und ich sonnten uns auf der winzigen umzäunten Terrasse meiner Mutter auf dünnen Handtüchern, die direkt auf den heißen, rissigen Steinplatten ausgebreitet waren. Wir hatten uns jeweils den Saft einer Plastikzitrone aus dem Supermarkt ins Haar gequetscht und hofften inständig, blonder zu werden, immer blonder, die Augen geschlossen gegen das grelle Licht der Sonne. Der Wind trug einen Hauch von Jasmin zu uns herüber.

In unserer kleinen kalifornischen Neunzigerjahre-Siedlung gab es kein Mädchen, das perfekter war als Lorrie Ann Swift, und zwar nicht so sehr, weil sie außergewöhnlich gewesen wäre, sondern weil sie auf eine Art gewöhnlich war, die uns alle übertraf. Ihre Eltern liebten sie, und sie liebte ihre Eltern. Genau genommen war es sogar schwierig, zu ihr nach Hause eingeladen zu werden, derart zogen sie ihre eigene Gesellschaft der anderer vor. Selbst ihr älterer Bruder teilte seine CD-Sammlung mit ihr und gab ihr Tipps fürs Brustschwimmen, statt sie höhnisch zu verlachen oder sie mit dem Fahrrad zu rammen, wie ältere Brüder es für gewöhnlich tun.

Unsere Eltern war fast alle aufgrund einer Verkettung verheerender Fehlentscheidungen in dem verschlafenen Küstennest Corona del Mar gelandet. Die südkalifornischen Immobilienpreise, die während der gesamten Achtzigerjahre den Anschein erweckt hatten, ungebremst in den Himmel zu klettern, waren jäh zusammengebrochen, und viele Väter waren nun Hausmänner, die ihre Zeit zu gleichen Teilen der Flasche und der Couch widmeten, einen Eisbeutel über den Augen, während sich ihre Ehefrauen abkämpften, um zertifizierte Zahnhygienikerinnen zu werden. Ein Mädchen, Miranda, hatte eine Mutter, die tagsüber in Disneyland schuftete und dann die ganze Nacht hindurch von zu Hause aus als Hellseherin für eine Telefon-Hotline arbeitete. »Man verdient sogar noch besser als beim Telefonsex«, berichtete Miranda eines Nachmittags, während wir zuckerfreies knalloranges Jell-O-Brausepulver aus winzigen Tassen leckten. Ich erinnere mich auch noch, dass sie vier extrem alte Rottweiler besaßen, von denen zwei keinerlei Kontrolle mehr über ihre Blase hatten.

Zumeist hatten unsere Eltern angenommen, das Leben wäre selbsterklärend und dass sie es, aufgeweckt und eifrig, wie sie waren, ohne Probleme meistern könnten. Dieser Glaube, der Glaube an ihre eigene Tauglichkeit, ließ sie allmählich im Stich und wurde, zumindest im Fall meiner Mutter, von einem Interesse an allem Okkulten und einer anhaltenden Vorliebe für Rotwein ersetzt. Teils wurden die Babyboomer als optimistisch bezeichnet, aber meiner Ansicht nach waren sie einfach nur weich und geradezu unbedarft. Sie konnten weder kochen noch nähen oder ihre eigenen Scheckbücher in Ordnung halten. Sie hatten Schwierigkeiten beim Öffnen der Post. Sie bekamen Kopfschmerzen, sobald sie Pfadfinderinnentreffen leiteten, setzten sich auf Klappstühle, rieben sich mit den Fingern über die Nasenrücken und versuchten, nicht in Tränen darüber auszubrechen, als wie langweilig und hart sich das Leben entpuppt hatte, während um sie herum aufgedrehte kleine Mädchen vor Lachen schrien, da eines von ihnen in Kacka getreten war.

Lorrie Anns Eltern hingegen verloren nie den Glauben. Sie lebten in einer anderen, besseren Welt. Sie gingen jeden Sonntag zur Kirche. Sie liehen sich jeden Freitagabend Horrorklassiker aus, und selbst Lorrie Anns älterer Bruder, damals sechzehn, blieb zu Hause, um sich die Filme mit ihnen anzuschauen, während sie Pizza bestellten und in der winzigen Zweizimmerwohnung, in der sie zu viert wohnten, Popcorn zubereiteten. Ihr Vater Terry hatte einen Ohrring (eine große goldene Kreole wie ein Pirat) und trug zu Elternsprechstunden in der Schule einen mit Seide gefütterten Zylinder. Er war ein christlicher Rockmusiker. Lorrie Anns Mutter Dana arbeitete als Erzieherin und sammelte Zwerge: Keramik- und Holzzwerge jeglicher Größe und Form, die auf dem Boden und auf Tischen und Regalen standen, mit dem Rücken zur Wand, die stumpfen Augen auf die Zimmermitte gerichtet.

Ganz gewiss wäre Lorrie Ann niemals so dumm gewesen, sich in der zehnten Klasse von einem Jungen schwängern zu lassen, den sie nicht einmal sonderlich mochte, davon war ich überzeugt. Genau das hatte ich nämlich getan. Und dennoch war es Lorrie Ann, die mich im Frühling, als ich fünfzehn wurde, zu meiner Abtreibung begleitete und die mir half, alles zu organisieren. Sie war schon sechzehn und hatte einen Führerschein, aber ich brauchte sie nicht nur als meine Fahrerin. Ich brauchte sie, mit all ihrer Güte und spröden Steifheit, damit sie mir verzieh. Indem sie sich an meinem Vorhaben beteiligte, gab sie mir in gewisser Weise ihre Zustimmung.

»Kannst du nicht einfach behaupten, du hättest deine Tage? Warum muss ich dir den Zeh brechen?«, fragte Lorrie Ann, die Augen hinter den staubigen Gläsern der Sonnenbrille verborgen, die sie sich von ihrer Mutter geliehen hatte.

»Wer verpasst ein Meisterschaftsspiel, weil er Krämpfe hat?«, gab ich zu bedenken. Einen Termin in der Frauenklinik zu ergattern war ein Albtraum gewesen. Es war unmöglich, ihn zu verschieben, und ich bezweifelte stark, tags darauf Softball spielen zu können. Ich wollte, dass Lorrie Ann mir den Zeh brach, damit ich meinem Trainer eine echte und schwerwiegende Verletzung vorweisen konnte. Außerdem betrachtete ich den gebrochenen Zeh auf eine verquere Art als den Preis für die Abtreibung an sich, als Möglichkeit, mir selbst zu versichern, ich sei immer noch ein anständiger Mensch – es war die Bestrafung, die das Böse wiedergutmachen sollte. Obwohl ohne jegliche Religion erzogen, war ich allein dank meines Naturells im Grunde Katholikin.

»Sag einfach, du bist krank!«, beharrte sie.

»Ich lüge nicht gern, und mit der Geschichte komme ich so nah wie möglich an die Wahrheit heran.«

Lorrie Ann sah mich niedergeschlagen an. »Du bist verrückt«, sagte sie. »Du lügst ständig.«

»Ja, und ich hasse es. Alles wird gut. Wir betrinken uns, und du bringst es einfach hinter dich.«

Es ergab intuitiv und symbolisch gesehen unglaublich viel Sinn, die wunderschöne, unschuldige und gutherzige Lorrie Ann zu zwingen, mir den Zeh zu brechen und mich für meine Abtreibung zu bestrafen. Für uns hatte Lorrie Anns Familie etwas Magisches an sich, und diese Magie färbte auf Lorrie Ann ab. Sie verlieh ihren honigblonden Haaren einen goldenen Schimmer und ließ das Ozeanblau ihrer Augen noch intensiver leuchten. Ihre Stupsnase wirkte elegant, statt nur ein Hinweis auf ihre irische Abstammung zu sein. Diese Magie war der Grund, weshalb es süß und nicht bescheuert war, dass Lorrie Ann das letzte Mädchen in der sechsten Klasse war, das sich die Beine noch immer nicht rasierte. Ich denke, wir alle waren neidisch auf diesen goldenen Flaum ihrer Beinbehaarung, der Lorrie Anns Waden wie ein Hauch von Feenstaub bedeckte. Warum sah es an ihr so wunderschön aus und so hässlich und beschämend an unseren eigenen schwerfälligen kleinen Schienbeinen? Warum sah Lorrie Ann so schick aus in ausgelatschten Keds und Shorts, die ihr einen Tick zu klein waren? Warum war es bezaubernd, wenn sie vor Lachen laut prustete?

Ja, wir waren eifersüchtig auf sie, und dennoch hassten wir sie nicht. Sie wurde noch nicht einmal von uns aufgezogen, uns streunenden und durchgeknallten Mädchen aus Corona del Mar, die wir gesalzene Erdnüsse und Orangenlimonade klauten, Unmengen an Lipgloss und Kraftausdrücken benutzten, uns Töchtern falscher Hellseherinnen und frisch zertifizierter Punktionskräfte.

Und dann, als es kurz nach dem Highschoolabschluss anfing, dass Lorrie Ann schreckliche Dinge zustießen, waren wir alle schockiert. Es war wie eine skurrile, postmoderne Version des Buches Hiob. Wir waren versteinert, wie gelähmt, und nicht einmal zu solch traditionellen Gesten in der Lage wie einen Auflauf vorbeizubringen oder zumindest angemessen zu schweigen. Die Geschichte von Lorrie Ann wurde zu etwas, das uns im Halse stecken blieb und uns zum Verstummen brachte, während wir nervös unsere Berufswahl trafen und mit großem Zweifel und Aberglauben einwilligten, die Männer zu heiraten, in die wir verliebt waren. (Alle unsere Eltern waren geschieden – wie sollte es uns also gelingen, keine Angst zu haben? Alle unsere Eltern, außer natürlich Lorrie Anns.)

In gewisser Hinsicht machte mich Lorrie Ann zu der Frau, die ich bin, denn meine Persönlichkeit formte sich als eine gleichartige, entgegengesetzte Reaktion zu dem, was sie war, genau wie sich ihre Persönlichkeit, da bin ich mir sicher, durch mich herausbildete. Menschen tun solche Dinge. Sie teilen Eigenschaften untereinander auf, als müsse die Realität, um überhaupt beherrschbar zu sein, klassifiziert, etikettiert und abgeheftet werden. Bis zum heutigen Tag hält meine Mutter sich für die Kluge und ihre Schwester für die Hübsche, obwohl ihre Schwester einen Doktor in Meeresbiologie hat und meine Mutter Visagistin wurde. Für mich war meine Freundin Lorrie Ann die Gute, und ich war die Böse. Sie war wunderschön (geradezu skandalös, wie ein Gemälde von Vermeer), ich hingegen sexy (mit dreizehn bedurfte es nichts weiter als einer Tonne kirschfarbenem Labello). Wir waren beide schlau, aber Lorrie Ann auf die nachdenkliche Art, wohingegen ich gewieft war, sie ernst und ich verschroben. Während sie sentimental war, war ich sarkastisch. Normalerweise können Mädchenfreundschaften in Kartons voller Postkarten und abgerissener Eintrittskarten verstaut werden, doch was mich und Lorrie Ann verband, ließ sich nicht so leicht in eine Schublade stecken.

Und so fuhren wir am folgenden Wochenende zur...


Thorpe, Rufi
Rufi Thorpe wuchs in Kalifornien auf und studierte in New York Literatur und Kreatives Schreiben. Ihr erster Roman »Ein Sommer in Corona del Mar« war nominiert für den International Dylan Thomas Prize und den Flaherty-Dunnan First Novel Prize. Rufi Thorpe lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Kalifornien.



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