Thon Die Saat der Götter
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17127-8
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 672 Seiten
Reihe: Die drei Prophezeiungen
ISBN: 978-3-641-17127-8
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Zeit der Verschmelzung steht bevor: Drachen fordern die Götter heraus und verwüsten das Land. Gleichzeitig bereiten sich die Dämonen darauf vor, ihren einstigen Herren in den Rücken zu fallen. Die letzte Hoffnung der Menschen ruht auf der Dritten Prophezeiung. Doch niemand weiß, wie diese erfüllt werden kann – bis der Schwertkämpfer Lay ihre Bedeutung entschlüsselt. Aber kann er dieses Wissen weitergeben? Denn seine eigenen Kinder gehören zu den Verheißenen – und sie würden die Erfüllung der Prophezeiung nicht überleben …
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ERN, SCHLUCHT VOR DRAAKENTRUTZ, DER NEUEN HAUPTSTADT ERNS
»Drraaaaaaaak!« Der Schrei verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Abteilung der Sturmreiter. Sie eskortierten einen Tross aus schwer beladenen Karren, die jeweils von einem Gespann Transportechsen gezogen wurden.
Die Männer zügelten ihre Pferde und sahen hastig nach oben, um den Himmel abzusuchen, an dem sich erste schwache Streifen des tristen Morgengraus zeigten. Über dem Eingang der Schlucht, auf den sie gerade zuritten, stand die dunkle Scheibe von Lokhs Auge, und an seinem Rand leuchteten die beiden feinen Sicheln der gelben und roten Sonne von Belphors Augen. Sie würden im weiteren Verlauf des Tages wachsen, wenngleich ihre Größe seit einiger Zeit mit jedem Zyklus ständig abnahm. Dennoch spendeten sie genug Licht, jedenfalls genug für die Drachen, dass sie ihre Beute sehen konnten.
»Bei Belphors gespaltenem Schwanz! Drachen? Jetzt? Pah!« Der Anführer der Sturmreiter, ein hartgesottener, von vielen Kämpfen gezeichneter Schwarmführer, riss seinen Blick von den Sonnen los, spuckte einen großen Schleimklumpen auf den Boden, nahm die Zügel und gab seinem Pferd die Sporen.
»Wo siehst du denn verfluchte Drachen, Finnt?«, schnauzte er seinen Stellvertreter, einen Schwarmmeister, an, als er die Spitze der Kolonne erreichte. Nach dem Warnruf war nichts weiter geschehen, kein Rauschen von ledrigen Schwingen war zu hören, kein heiseres Fauchen und keine Todesschreie gellten durch den frühen Morgen, weder von Menschen noch von Tieren. Was unweigerlich längst der Fall gewesen wäre, hätte es tatsächlich einen Überfall dieser geflügelten Reptilien gegeben.
»Tut mir leid, Ser, falscher Alarm«, erwiderte der Mann und deutete fast beiläufig mit der Hand auf den Sturmreiter neben ihm. »Kark hier war sich sicher, einen Drachen gesehen zu haben, aber vermutlich hat er sich geirrt.«
»Es war ein Drache, Ser, da bin ich mir ganz sicher«, murmelte der Sturmreiter, sichtlich verlegen.
»Natürlich, ganz sicher.« Der Schwarmführer schüttelte den Kopf. »Die Männer sind nach dieser verfluchten Reise zum Blutsee und zurück ebenso mit ihren Kräften wie auch mit ihren Nerven am Ende, Finnt«, sagte er leise zu seinem Stellvertreter. »Bevor du das nächste Mal Alarm gibst …« Er verstummte, als er merkte, dass sein Untergebener ihm gar nicht zuhörte, und hob eine Braue.
Finnt interessierte sich offensichtlich weder für seinen Vorgesetzten noch für den Himmel, den die anderen Sturmreiter nach dem Warnruf immer noch absuchten. Der Schwarmmeister starrte stattdessen wie gebannt zum Eingang der Schlucht. Balkor verkniff sich eine Zurechtweisung und folgte dem Blick seines Untergebenen. Er brauchte nur einen Moment, bis er erkannte, was Finnt so fesselte.
Der Mann am Eingang der Schlucht saß, offenkundig vollkommen gelassen, auf einem Schimmel und schien auf sie zu warten.
»Ausgerechnet ein Schimmel, dieser überhebliche Schwachkopf!«, knurrte Finnt. »Genauso gut könnte er sich eine blutige Rinderhälfte an sein Pferd hängen. Selbst wenn Drachen im Dunkeln nicht gut sehen können, ein weißes Pferd würde selbst eine halb blinde verfluchte Flugechse aus zehntausend Schritt Höhe erkennen!«
Balkor runzelte die Stirn, doch dann wurde ihm klar, wer der Mann auf dem Schimmel war, über den sein Untergebener so verächtlich sprach. Dass dieser Mann hier auftauchte, war so überraschend, dass er nicht sofort darauf gekommen war. Doch eigentlich ließen die ungewöhnliche Farbe des Pferdes, das schimmernde vergoldete Zaumzeug und der mit glänzenden Goldplatten verstärkte Helm und Lederharnisch des Reiters nur einen Schluss zu.
Erst am Abend zuvor, als sie sich für den nächtlichen Ritt mit der lauwarmen Brühe gestärkt hatten – da sie keine Feuer entzünden durften, die Drachen anlocken konnten, hatten sie nur schwelende, qualmende Torfgruben, um ein wenig Wärme zu erzeugen –, hatten sie sich über den Sturmprinzen von Ern, den Zweiten in der Thronfolge, und seine Eitelkeit lustig gemacht.
»Dieser eingebildete Kerl wird uns mit seinem verdammten Gaul noch Ayrak auf den Hals hetzen! Und das so kurz vor unserem Ziel. Ich frage mich, wieso er überhaupt hier am Arsch von Ern auftaucht. Soll das vielleicht unser Empfangskomitee sein? Na, vielen Dank!« Finnt spie verächtlich aus.
Der Schwarmführer gab seinem Stellvertreter insgeheim recht, auch wenn er das niemals offen zugegeben hätte. Es wäre tatsächlich töricht, so kurz vor ihrem Ziel den Drachen anzulocken, erst recht angesichts der Fracht, die sie transportierten und die ein weiterer gewichtiger Grund war, nachts zu reisen und tagsüber zu rasten.
»Die viel interessantere Frage scheint mir zu sein, wie er überhaupt hierherkommt.« Der Schwarmführer starrte immer noch auf den jungen Prinzen von Ern. Er war nur um wenige Herzschläge später als seine Zwillingsschwester zur Welt gekommen, was jedoch für die Thronfolge entscheidend war, ein Thema, über das Yarn Corvin vom Aern ebenso ungern sprach wie er Kritik an seinem Verhalten schätzte.
»Vielleicht wollte er ja nur seinem prächtigen Ross ein wenig Bewegung verschaffen und hat sich dabei verirrt«, meinte der Schwarmmeister spöttisch. »Und wenn er tatsächlich Ayrak anlockt, bekommt er mehr Bewegung, als ihm lieb sein dürfte«, fügte er nicht minder spöttisch hinzu.
»Hüte deine Zunge, Finnt«, ermahnte ihn der Schwarmführer. »Wenn der junge Prinz dich hört, wird er dich als Köder für den Drachen auf die höchsten Zinnen von Draakentrutz binden.«
Der Sturmoffizier zuckte gleichmütig mit den Schultern. »An mir ist so wenig dran, dass sich ohnehin kein Drache dafür interessiert. Aber du hast recht, Schwarmführer. Dieser Bursche benimmt sich, als wäre der Edle von Ern tot, was Belphor verhüten möge, und als würde seine Schwester lieber in ein Kloster der Drachenpriesterinnen eintreten, als ihren Platz auf dem Windstuhl einzunehmen. Unsere Herrin, die Edle von Ern, sollte ihm wirklich die Flügel stutzen, bevor er sie sich noch verbrennt, und …«
»Jetzt halt schon dein Maul, Finnt!«, knurrte Balkor seinen Untergebenen an. Auch wenn er ihm seine Worte nicht wirklich verübeln konnte. Aber es war nicht gerade klug, die Oberen offen zu beleidigen. Erst recht nicht jemand so Heißblütigen wie den Zweiten in der Thronfolge von Ern.
Der Sturmprinz hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und galoppierte auf sie zu.
Yarn Corvin vom Aern war zwar nicht der Thronfolger, und sein Vater, Lay, der Edle von Ern, würde vielleicht tatsächlich von seiner Mission zurückkehren, wie seine Gemahlin Kalehna immer wieder betonte, falls man den Gerüchten aus dem Palast in Draakentrutz glauben konnte. Aber Yarn war hitzköpfig und nachtragend und verstand es, mit einem Schwert umzugehen. Das er sich nicht scheute zu benutzen, wenn er seinen Ruf befleckt wähnte. Und schließlich war er ein Angehöriger des Herrscherhauses von Ern. Alles in allem genug Gründe, ihn nicht unnötig zu verärgern.
Balkor biss die Zähne zusammen und warf einen forschenden Blick zum Himmel, während der Sturmprinz mit seinem leuchtend weißen Schimmel auf den Tross zugaloppierte.
»Sturmprinz oder nicht«, knurrte er. »Ich werde nicht zulassen, dass er mir meine Männer unnötig in Gefahr bringt.« Er trieb sein Pferd an und ritt dem jungen Mann entgegen, gefolgt von seinem Schwarmmeister.
Auch ein Mitglied der Herrscherfamilie von Ern hatte nicht das Recht, willkürlich und leichtsinnig anderer Leute Leben zu gefährden. Dieser Geck ritt auf einem weißen Ross weithin sichtbar auf einen Transport mit Brennendem Wasser zu, offenbar ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, einigermaßen in Deckung zu bleiben, und das, obwohl Drachenalarm gegeben worden war. Damit gefährdete er nicht nur sein eigenes, sondern auch das Leben der Soldaten, die diesen Tross begleiteten. Für deren Sicherheit ausschließlich der Schwarmführer dieser Sturmreiter verantwortlich war.
Balkor zügelte sein Pferd, als er sich dem Prinzen bis auf zehn Pferdelängen genähert hatte, und richtete sich trotz seiner Müdigkeit nach dem langen Nachtritt unwillkürlich etwas straffer im Sattel auf.
»Junger Herr, Ihr solltet Euch jetzt besser …!«, begann er, als Yarn vom Aern sein Pferd unmittelbar vor ihm zum Stehen brachte.
»Ihr solltet lieber einen Mann an die Spitze Eures Trosses stellen, der bessere Augen hat, Schwarmführer Balkor!«, schnitt Yarn ihm das Wort ab. Er hob den Arm und deutete auf einen großen Vogel, der am düsteren Himmel langsam seine Kreise zog. »Oder wollt Ihr etwa behaupten, das da wäre ein Drache?«
»Die Männer sind müde, und ihre Nerven sind von der langen Reise über Gebühr strapaziert, junger Herr«, erwiderte Balkor gepresst. Es gefiel ihm gar nicht, von diesem Jüngling so barsch zurechtgewiesen zu werden. »Und Euer unerwartetes Auftauchen hier hat nicht gerade dazu beigetragen, sie zu beruhigen. Immerhin seid Ihr …«
»Tatsächlich?« Yarn beugte sich vor und strich seinem Schimmel beruhigend über den schweißüberströmten Hals. »Nun, ich nehme nicht an, dass Eure Männer mich für einen Drachen gehalten haben. Und was ihre Müdigkeit angeht … Draakentrutz ist nur noch etwas mehr als einen Schattenstrich entfernt, dann haben sie es geschafft und sind in Sicherheit.« Er kniff die Augen zusammen und musterte die dunklen Umrisse der Karren, die etwa fünfzig Schritt hinter dem Schwarmführer im Schutz der Bäume standen. »Offenbar war eure Reise erfolgreich, Schwarmführer, hab ich recht?«
»Ja, junger Herr, das war sie. Aber was die weitere Reise nach Draakentrutz angeht...




