Thomas Teufels Küche
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-89581-236-1
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Reihe: Ross-Thomas-Edition
ISBN: 978-3-89581-236-1
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Geldbeschaffer und geheime Wahlmanager Draper Haere, bereitet gerade die Präsidentschaftskandidatur des Gouverneurs von Kalifornien vor, als er bei der Aufdeckung der Machenschaften des politischen Gegners dem Geheimnis eines rechtsorganisierten Putschs auf die Spur kommt. Während seiner lebensgefährlichen Ermittlungen engagiert er den Starreprter Morgan Citron, der vor einiger Zeit aus einem afrikanischen Gefängnis entlassen wurde, in welchem den Gefangenen Menschenfleisch aufgetischt wurde. Gemeinsam stellen sie sich gegen Kokaindealer, lateinamerikanische Generäle, korrupte US-Beamte und Citrons kaltherzige Mutter, Chefin eines Skandalblatts.
Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma, war ein amerikanischer Autor. Er schrieb bereits als Jugendlicher Sportberichte für eine Lokalzeitung, kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Infanterist auf den Philippinen und arbeitete danach als Reporter in Louisiana. In den fünfziger Jahren lebte er in Bonn und richtete dort das deutsche AFN-Büro ein, sowie in Frankfurt am Main. Er arbeitete als Public Relations- und Wahlkampfberater für Politiker wie beispielsweise Lyndon B. Johnson sowie als Journalist und Gewerkschaftssprecher in den USA und Nigeria.
Seine Karriere als Schriftsteller begann er erst mit vierzig Jahren mit dem Schreiben vor allem von Politthrillern, in denen er die Hintergründe des amerikanischen Politikbetriebs entlarvt und bloßstellt. Für seinen ersten Roman The Cold War Swap (Kälter als der kalte Krieg) erhielt er den Edgar Allan Poe Award. Ab 1982 verfaßte er auch Drehbücher für Fernsehserien wie Simon und Simon oder Die unglaublichen Geschichten von Roald Dahl. Ross Thomas starb am 18. Dezember 1995 in Santa Monica.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Es war auf den Tag fast ein Jahr, nachdem Citron in Paris seinen Diamanten verkauft hatte, daß Draper Haere, der Geldbeschaffer, aus New York kommend, in Denver einflog. Er kam spät an, kurz vor Mitternacht. Da Haere in den vergangenen Jahren mit Taxifahrern in Denver zwei recht unerfreuliche Erfahrungen gemacht hatte, sah er sich den Mann hinter dem Steuer an der Spitze der Taxireihe genau an und war beruhigt, als er entdeckte, daß es ein Mexikaner und anscheinend ein sehr fröhlicher Bursche war. Vor zwei Jahren, als Haere sich an Denvers Stapleton Airport ein Taxi genommen hatte, erwies der Fahrer sich als ein ehemaliger, davongejagter stellvertretender Gouverneur von Louisiana, der angefangen hatte zu trinken, sich jetzt aber auf dem steinigen Weg der Besserung befand, wie er es nannte, und Haere alles davon erzählen wollte. Das zweite Mal, fast ein Jahr später, war der Taxifahrer ein ehemaliger Sekretär der Transportarbeitergewerkschaft aus St. Louis gewesen, der erwischt worden war, als er in die Kasse griff. Der frühere Sekretär nahm es philosophisch. »Zum Teufel, was soll’s, Draper«, sagte er. »Ich hab was riskiert und bin geschnappt worden.« Manchmal fragte Haere sich, ob Taxifahren in Denver eine mystische stärkende Erfahrung wäre, die den Gefallenen irgendwie half, wieder auf den Hocker der Erlösung zu klettern. Ehe Haere nach Denver geflogen war, hatte er in New York im Pierre Station gemacht, um mit einem Mann zu sprechen, der mit dem Gedanken spielte, für die Präsidentschaft zu kandidieren – vorausgesetzt, es kostete nicht zuviel – und vorausgesetzt, seine Mutter gab ihm die Erlaubnis. Aber als der Mann, der Präsident werden wollte, unfähig zu sein schien, zu einem Entschluß zu kommen, traf Haere eine Verabredung mit der Mutter. Sie trafen sich zum Tee im Plaza. Oder besser gesagt, sie trank einen Wodka-Martini, und Haere trank Tee. Es dauerte nur fünf Minuten, vielleicht auch nur vier, bis sie darin übereinstimmten, daß der dreiundvierzigjährige Sonny noch nicht ganz soweit war, daß er Präsident werden konnte, zumindest nicht 1984 und wahrscheinlich auch 1988 noch nicht. Danach verbrachten sie noch etwa eine weitere angenehme halbe Stunde miteinander und sprachen über Politik. Haere entdeckte, daß sie einen dieser schockierend brillanten politischen Köpfe besaß, die manchmal in Gegenden wie Texas und Wisconsin oder sogar Nebraska (Norris kam ihm in den Sinn) gediehen, aber nur selten in New York und so gut wie nie in Kalifornien. Sie stammte aus Westvirginia und hatte Stahl geheiratet. Viel Stahl. Als Haere ihr sagte, es sei zu schade, daß sie selbst sich nicht um die Präsidentschaft bewerben könnte, hatte sie, mehr als nur etwas geschmeichelt, gelächelt. Haere machte sich nicht die Mühe, Sonny anzurufen, der, wie er überzeugt war, die schlechte Nachricht wahrscheinlich von Mommy erhalten würde. Wenn der mexikanische Fahrer in Denver nicht über irgendein nettes Geheimnis lächelte, summte er vor sich hin und schien der Meinung zu sein, daß eine Unterhaltung überflüssig sei. Und während der Fahrer summte, starrte Haere aus dem Taxifenster und dachte an das Denver seiner Kindheit und frühen Jugend, als es eine stille, schläfrige und merkwürdig grüne Stadt gewesen war, die sich damit abgefunden hatte, am Fuß der Rocky Mountains unter dem vereinigten Daumen der Banken und von Colorado Fuel and Iron und Great Western Sugar zu liegen. Damals, erinnerte sich Haere, kamen Schwindsüchtige aus dem Osten noch wegen der Luft nach Denver. Jetzt kam niemand mehr wegen der Luft. Wer saubere Luft haben wollte, blieb in Pittsburgh. Wie immer freute sich Haere, als er sah, daß mit dem Brown Palace Hotel in den vergangenen rund neunzig Jahren nicht viel geschehen war – außer dem neuen Westflügel, der in den sechziger Jahren hinzugekommen war. Natürlich hatten die Zimmerpreise sich geändert, und Haere fühlte sich jedesmal unbehaglich, wenn er 100 oder 125 oder 150 Dollar pro Nacht für ein Zimmer bezahlte. Aber Haere war einer von denen, die immer noch die Preise von allem und jedem damit verglichen, was sie damals in dem wirtschaftliche Maßstäbe setzenden Jahr 1965 bezahlt hatten – eine törichte Angewohnheit, die er nicht ablegen konnte und oft äußerst deprimierend fand. Im Brown Palace hatte sogar ein Page Dienst, ein älterer, der Haere in sein Zimmer hinaufbrachte und die fünf Dollar Trinkgeld mit höflichem Dank annahm. Zwanzig Sekunden, nachdem der Page verschwunden war, klingelte das Telefon. Haere wußte, daß es der Kandidat sein mußte. Es konnte niemand sonst sein. Der Kandidat war de facto der einundvierzig Jahre alte, designierte Gouverneur von Kalifornien, der aus seinem Haus in Santa Monica anrief und sich mit seinen Telefongesprächen nach Westen vorarbeitete. In Washington war es jetzt 2 Uhr morgens, in Denver Mitternacht und in Santa Monica 23 Uhr. Bald blieben dem Kandidaten als Anrufpartner nur noch seine kalifornischen Mitbürger übrig. Haere dachte an den gerade zum Gouverneur gewählten Mann immer nur als »der Kandidat«, denn sobald er in ein neues Amt gewählt worden war, begann er, nach dem nächsten zu gieren. Er hieß Baldwin Veatch, was sich auf wretch – armer Schlucker – reimte, worauf Haere gern hinwies, und war seit seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr von der verdächtig liberalen Westside in Los Angeles rasch hintereinander in das Abgeordnetenhaus und in den Senat Kaliforniens, dann in das US–Repräsentantenhaus und schließlich zum Gouverneur des bevölkerungsreichsten Staats der Nation gewählt worden. Das Weiße Haus war der einzig denkbare nächste Schritt, und Baldwin Veatch, als designierter Gouverneur noch nicht vereidigt, streckte bereits vorsichtig erste Fühler aus. Nachdem Haere den Hörer abgenommen und Hallo gesagt hatte, fragte der designierte Gouverneur: »Nun?« »Sie ist nicht der Meinung, daß er sich bewerben sollte.« »Wirklich?« »Wirklich.« Es entstand eine Pause. »Ist sie so klug, wie man ihr nachsagt?« »Klüger.« Noch eine Pause. »Nun, das ist einer weniger.« »Und ungefähr ein halbes Dutzend sind noch übrig«, sagte Haere. »Replogle holt dich morgen um neun in der Hotelhalle ab«, sagte Veatch. »Er will in sein Jagdhaus in Breckenridge hinauf.« »Okay. Wie klang er?« »Wie ein Mann, der an Krebs stirbt, und noch dazu an Prostatakrebs, was nicht gerade die angenehmste Art ist abzutreten.« »Glaubt er immer noch, daß das, was er hat, ... interessant ist?« fragte Haere, der seine zweideutigen Wörter mit Bedacht wählte. »Er glaubt, daß man sie damit vierundachtzig in die Luft jagen kann«, sagte Veatch. Draper Haere seufzte. Trotz wiederholter Bemühungen war es ihm nicht gelungen, Baldwin Veatch davon zu überzeugen, daß das Telefon kein Mittel für eine vertrauliche Verständigung war. Veatch liebte es, Leute anzurufen, um Lob, Ermutigung und geschwätzige, erstaunlich vernünftige Ratschläge zu spenden. Kurz bevor die Herbstkampagne ernsthaft begonnen hatte, hatten er und Haere das Labour-Day-Wochenende in Veatchs Sommerhaus in French Gulch verbracht. Unter den Leuten, die Veatch angerufen und mit denen er (wenn auch nur kurz) gesprochen hatte, waren ein gewisser Schmidt in Deutschland, de la Madrid in Mexiko, Hussein in Jordanien und Rose aus Philadelphia gewesen, der sich in einer Krise befand. »Baldy«, sagte Haere, »soll ich dir mal was sagen?« »Was?« »Du redest zuviel«, sagte Haere und hängte ein. Er wandte sich seiner Reisetasche zu, nahm eine Flasche Scotch heraus und schenkte sich etwas in ein Glas ein, fügte Wasser aus dem Hahn im Badezimmer hinzu, ging zum Fenster hinüber und sah über den Broadway auf das große Bankhaus, das an der Stelle des vor langer Zeit abgerissenen Shirley-Savoy-Hotel stand, ein altes Hotel, in dessen Zimmern Haere mehr als nur ein paar sexuelle und politische Abenteuer erlebt hatte. Aus irgendeinem Grund waren für Haere Sex und Politik immer Hand in Hand aufgetreten. Er kam zu der Ansicht, daß er in dieser Nacht alte Erinnerungen nicht brauchte oder wünschte, leerte sein Glas, putzte sich die Zähne und legte sich mit seiner illegalen Bettlektüre hin, die ihm durch einen Spezialkurier aus Sacramento per Flugzeug nach New York gebracht worden war. Es war eine geschmuggelte Sonderkopie, frisch aus dem Kopiergerät, der Stimmergebnisse der gerade abgeschlossenen Wahlen in Kalifornien, nach Stimmkreisen aufgegliedert. Es war auch nichts anderes als eine lange, lange Liste mit Namen und Zahlen, dennoch war es für Draper Haere eine wunderbare Geschichte glorreicher Siege und schmählicher Niederlagen, die er angeregt las, bis er, kurz bevor er Ventura County erreichte, einschlief. Draper Haere wachte am nächsten Morgen um 6.30 Uhr auf, die Zeit, zu der er immer aufwachte, unabhängig von Jetlags und wechselnden Zeitzonen. Mit zweiundvierzig war Haere ein Mann von trügerischem...