E-Book, Deutsch, Band 6, 60 Seiten
Reihe: Talon
Thomas Talon Band 6: Die Verfemten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-86305-330-7
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 6, 60 Seiten
Reihe: Talon
ISBN: 978-3-86305-330-7
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In einem abgelegenen Tal fällt Talon in die Hände von Ausgestoßenen, mit denen ihn mehr verbindet, als er zuerst ahnt. Er willigt ein, die Menschen zum Tempel des schwarzen Löwen zu bringen, um sie von ihrem Fluch zu erlösen, unter dem sie seit dem Tod Eser Krus leiden müssen. Doch auf dem Weg dorthin muss er erkennen, welche Gefahr von diesen Menschen tatsächlich ausgeht. Das Erbe Eser Krus ist in den Aussätzigen lebendig - und es sucht nach Nahrung, um seinen Hunger zu stillen ... ___ Dieser Roman wurde bereits 2018 veröffentlicht und vom Autor für die vorliegende Fassung neu bearbeitet.
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Kapitel 2
Als er erwachte, schien der Boden unter ihm zu tanzen.
Talon konnte die aufkommende Übelkeit nicht mehr zurückhalten und übergab sich. Übergangslos war er hellwach. Er hustete Reste des Erbrochenen heraus, die ihm in die Luftröhre gerutscht waren, und spuckte aus. Sein Hals brannte wie Feuer.
Doch noch schlimmer war das Pochen in seinem Kopf. Er spürte, wie jeder Schlag seines Herzens förmlich in seinem Schädel dröhnte. Erneut presste sich sein Magen zusammen. Talon atmete lange und tief durch und wartete, bis sich sein Körper beruhigt hatte. Erst jetzt konnte er die abgestandene, mit zahllosen intensiven Gerüchen erfüllte Luft auf seiner Zunge schmecken. Angewidert rümpfte er die Nase und sank zurück. Noch einmal hustete er.
Wie aus der Ferne klang ein hastiges Rufen zu ihm durch. Unwillig öffnete er die Augen. Zuerst konnte er nichts wahrnehmen. Erst nach und nach schälten sich die ersten Umrisse aus dem schattenerfüllten Dämmerlicht. Hier und dort unterbrach der schwache Lichtschein kleiner Feuer die Dunkelheit, die sich schwer auf die Umgebung legte, und zeigte die huschenden Umrisse menschlicher Körper.
Mühevoll drehte Talon den Kopf zur Seite. Er lag auf einer vor Dreck starrenden Matte aus geflochtenem Bast nahe an einer Felswand, die über und über mit feuchtem Moos bedeckt war. Wie er feststellen konnte, war er nicht gefesselt worden. Offensichtlich waren sich seine Gegner ihrer Sache sehr sicher.
»Ich sehe, du bist aufgewacht«, unterbrach eine raue Stimme Talon in seinen Beobachtungen. Die Worte kamen auf Kiswahili, doch der Mann aus dem Dschungel konnte deutlich hören, dass es nicht die Muttersprache seines ›Gastgebers‹ war. Dieser stützte seinen verhüllten Körper auf seinem mannshohen Stab auf.
»Kann ich … etwas zu trinken haben?«, fragte Talon mit brüchiger Stimme. Sein Hals brannte noch immer und schmerzte bei jedem Schluck. Auf einen Wink der Gestalt hin kam ein weiterer Vermummter, der eine einfache Holzschale mit einer Flüssigkeit hinstellte und sich dann zurückzog. Eine kleine Dunstfahne löste sich von der Oberfläche.
Nur mit Mühe schaffte Talon es, sich auf die Seite zu drehen und mit dem linken Arm aufzustützen. Er griff nach der Schale mit der warmen Flüssigkeit. Ein intensiver Geruch schlug ihm entgegen.
»Abgekochtes Wasser, mit ein paar Kräutern«, erklärte ihm der Vermummte. »Trink. Was Besseres haben wir nicht.«
Nur widerwillig kam Talon der Aufforderung nach. Die Flüssigkeit roch alles andere als appetitlich. Doch schließlich siegte sein Durst, und er trank die Schale in wenigen Zügen leer. Trotz des ekelhaften Geschmacks breitete sich wohlige Wärme in seinem Körper aus. Die ganze Zeit musterte ihn die verhüllte Gestalt aufmerksam. Plötzlich legte sie den Stab beiseite und zog das Bronzeschwert aus einer Falte der Stofffetzen hervor und hielt es in der eingemummten rechten Hand.
»Du bist Talon«, stellte die Stimme fest. »Nur dieses Schwert … – es ist keines aus dem Tempel. Das hier ist anders, wie aus einem Museum.«
Talon kniff die Augen zusammen.
»Wer bist du?«, fragte er mit einem klirrenden Klang in der Stimme. »Woher weißt du, wer ich bin?«
»Ich habe dich damals gesehen, im Thronsaal«, erklärte ihm die vermummte Gestalt und reichte das Schwert an jemanden weiter, der wie ein Schatten aus der Dunkelheit aufgetaucht war. »Dich und diese alten Krieger. Und später noch einmal, als wir dachten, der Tempel gehöre uns und du seist weggesperrt.«
Die Gestalt beugte sich vor. »Ich habe dich gesehen, wie diesen schwarzen Löwen, damals, im Verlies. Als ihr uns in die Quere gekommen seid. Die Nacht, als ihr Eser Kru getötet habt!«
Eser Kru!
Bei der Erwähnung dieses Namens zuckte Talon zusammen. Er versuchte sich zu erheben, doch sofort riss die Gestalt vor ihm den Stab hoch und drückte das untere Ende kraftvoll gegen seine Brust.
»Lass es«, quittierte der Vermummte die Aktion.
»Du hast zu seinen Gefolgsleuten gehört, richtig?«, stellte Talon fest.
»Wir alle hier«, erfolgte die Bestätigung. »Wir alle sind ihm gefolgt. Und wir alle zahlen den Preis dafür. Möge seine Seele in der ewigen Kälte der Nacht umherirren!«
Überrascht schürzte Talon die Lippen. Diese Reaktion verwirrte ihn. Nach und nach ebbte der pochende Schmerz in seinem Kopf ab. Er sah sich um. In dem schwachen Lichtschein der wenigen Feuerstellen konnte er zwanzig, vielleicht dreißig Gestalten ausmachen. Viele von ihnen hatten ihre verhüllten Köpfe in seine Richtung gedreht und schienen der Unterhaltung aufmerksam zu folgen, auch wenn sie die Worte wohl kaum verstehen konnten.
»Ihr habt damals nicht alle töten können, nicht alle festgenommen. Manche sind entkommen, wie ich«, fuhr der Vermummte fort. »Viele von uns kamen aus derselben Region. Wir sind Verwandte oder Nachbarn. Die, die sich kannten, schlossen sich zusammen und kehrten nach Hause zurück. Um zu vergessen und zu hoffen, dass man vergaß, was sie getan hatten. Oder ihnen zumindest vergab.«
Ein Ächzen erklang aus den Tüchern, die wie ein Schleier vor den unteren Bereich des Kopfs gelegt waren. Kurz fasste sich die Gestalt an die rechte Seite. Talon hörte ein leises Fluchen. Niemand in der Runde reagierte darauf oder machte Anstalten, dem Vermummten zu helfen.
»Wir dachten, wir könnten wieder unser altes Leben leben«, fuhr die raue Stimme fort, unterbrochen von hastigen Atemzügen. »Doch dann begannen wir uns zu verändern. Innerhalb von Tagen. Male zeichneten sich auf unserer Haut ab, Wunden heilten nicht mehr oder sie brachen einfach auf, wie eitrige Geschwüre. Wir wurden wie Aussätzige behandelt, wie jemand, der eine Krankheit hat. Unsere eigenen Familien jagten uns aus den Dörfern!«
Die Gestalt streckte die zerlumpte linke Faust vor.
»Weißt du, wie es ist, wenn sich deine eigenen Kinder von dir abwenden? Wenn sie Angst vor dir haben, wenn du die Todesfurcht in ihren Augen siehst? Wenn du spürst, dass sie wünschten, du wärst nicht mehr hier? Wenn du irgendwann einfach gehst, weil du mit ansehen musst, wie ein anderer mit Steinen vertrieben wurde und du weißt, dass du bald, schon bald, der Nächste sein wirst?«
Der Holzstab beschrieb einen Bogen durch die Luft.
»Uns allen war klar, dass uns etwas verändert hatte. Das, was mit uns geschehen war, hatte keinen natürlichen Ursprung. Etwas Magisches, etwas Dämonisches, war in uns eingedrungen und frisst uns seitdem von innen her auf. Und es gibt nichts, das uns helfen kann.«
Talon suchte die Augen der Gestalt, die im Halbdunkel der Stofflagen kaum auszumachen waren, doch der Vermummte drehte den Kopf weg.
»Wir wussten bald voneinander. Es sprach sich rasch herum, was mit uns geschehen war. Also beschlossen wir, uns zusammenzutun und nach einer Zuflucht zu suchen. Zumindest die, die noch Kraft hatten, zu gehen. Die anderen mussten wir zurücklassen.«
Kurz sah sich die Gestalt um.
»Wir sind südwärts gezogen, durch Gegenden, die sich vor unseren Augen veränderten, noch während wir sie durchquerten. Dörfer lagen verlassen vor uns. Doch wir konnten nicht einziehen, denn die Häuser zerfielen buchstäblich. Sie lösten sich in Staub auf und verschwanden einfach. Wie alles, was uns hätte helfen können. Bis nichts zurückblieb als der blanke Boden. Irgendwann haben wir dann dieses Tal erreicht. Abgelegen, versteckt, nur schwer zugänglich. Uns war klar, dass wir nirgendwo mehr Schutz erhoffen durften als hier. Hier haben wir seit gut zwei Monaten endlich die Ruhe gefunden, die wir gesucht haben.«
»Was mit euch geschehen ist, tut mir leid«, setzte Talon an, als ihm klar war, dass die Ausführungen zu Ende waren, »doch warum erzählst du mir das alles?«
Die vermummte Gestalt riss die Arme empor und zerrte an den Stoffbahnen, die um den Kopf gehüllt waren. Knirschend brach der Stoff auf und enthüllte eine faulige Masse sterbenden Fleisches, das von blutenden Geschwüren durchsetzt war. Ein durchdringender Verwesungsgeruch schlug Talon entgegen. Er erkannte in der eiterzerfressenen Grimasse die Gesichtszüge einer Frau, deren obere Lippe nur noch durch wenige Streifen mit der Haut verbunden war.
»Weil das hier das ›Geschenk‹ Eser Krus für all jene ist, die ihm gefolgt sind! Weil wir wollen, dass du uns hilfst!«, schrie ihm die Frau, die vielleicht Anfang Vierzig sein mochte, mit ihrer tiefen, brüchigen Stimme entgegen. Nur behelfsmäßig wickelte sie den Stoff wieder um ihre entstellten Züge.
»Ich habe unser Glück nicht fassen können, als ich gesehen habe, wer durch das Tal kommt. Darauf hätte ich niemals zu hoffen gewagt! Deshalb habe ich diese vom Wahnsinn vernebelten Narren davon abgehalten, dich zu töten. Von deinem Körper hätten wir zwei Tage leben können.« Sie hielt inne. »Nein, wir sind nicht mehr wählerisch …«
Talon atmete bei diesen Worten tief durch. Der Anblick hatte ihm mehr zugesetzt, als er es sich eingestehen wollte.
»Wie …«, er musste absetzen, »wie soll ich euch helfen können?«
Die Frau hatte ihre Fassung inzwischen zurückgewonnen und wirkte so gleichmütig wie zuvor.
»Komm mit«, befahl sie ihm. Talon unterdrückte das Schwindelgefühl, als er sich aufsetzte, und folgte der Vermummten. Sofort schlossen sich ihnen vier weitere Gestalten an, die hinter ihm liefen und ihn in einem offenen Halbkreis umringten. Eine von ihnen hielt eine einfache Fackel in der Hand, die mit ihrem flackernden Licht die Umgebung erhellte. Zum ersten Mal konnte er sich das Lager genauer besehen. Er war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass es eine Höhle sei, doch jetzt stellte es sich als eine Einbuchtung in der Felswand...




