E-Book, Deutsch, Band 2, 86 Seiten
Reihe: Talon
Thomas Talon Band 2: Shion
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-86305-326-0
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 86 Seiten
Reihe: Talon
ISBN: 978-3-86305-326-0
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Talon kehrt zu seinem Löwenrudel zurück - nur um das Erwachen Shions zu erleben, der die Löwen nach Äonen wieder zu sich ruft ... In Kapstadt erfährt der Industrielle Amos Vanderbuildt von der Zerschlagung des Teams, das Talon aufspüren sollte, und schickt eine Mitarbeiterin los. Janet Verhooven sucht mit einem Ortskundigen und der Fotografin Alice Struuten nach diesem geheimnisvollen Weißen - und findet ihn, bewusstlos und halb verdurstet im Niemandsland. Sie nutzt die Gelegenheit und schließt sich ihm an, ohne zu ahnen, dass er einem uralten Ruf folgt, der ihn in einen Tempel tief im Dschungel führt. Sobald sie die Ruinen betreten, werden sie von dessen Wächtern überrascht. Während Talon und seine Begleiter festgehalten werden, eröffnet Shion, der schwarze Löwe, das Ritual um die Rangfolge in der Wildnis Afrikas unter allen Löwen, die er zu sich gerufen hat ... ___ Dieser Roman wurde bereits 2018 veröffentlicht und vom Autor für die vorliegende Fassung neu bearbeitet.
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Kapitel 2
Janet Verhooven gähnte ausgiebig.
Sie streckte ihren schlanken Körper und wartete, bis sich die Spannung in ihren Armen löste. Seit geschlagenen drei Stunden verbrachte sie die Zeit damit, zu sitzen und zu warten. Sie hatte im Schatten eines der gewaltigen Steinpfeiler Platz genommen, die die ausgedörrte Hochebene in gerader Linie durchzogen.
Trotz der Höhe, in der sie sich befanden, wehte kein Wind. Die Luft hing heiß und schwer über der Landschaft und machte das Atmen zur Qual. Die junge Frau schwitzte in ihrer dünnen Leinenkleidung, die an ihrem Körper klebte. Ihr kurzes, blondes Haar hing in dunklen Strähnen herab.
Janet schützte ihre Augen mit der Hand vor der Sonne und blinzelte in den Himmel. Das verwaschene, milchige Grau erstreckte sich in einem fahlen Ton bis zum Horizont. Es schien fast so, als seien die Farben aus der Umgebung gewichen.
Sie ging ein paar Schritte, um ihre Unruhe im Zaum zu halten, doch die Hitze zwang sie schnell wieder in den Schutz der Pfeiler. Unwillig blickte sie zur Seite. Ihr Auftrag war es, diesen weißen Wilden mitten in Kenia aufzustöbern. Nachdem sie die Daten auf ihrem ComPad durchgegangen war, hatte sie erkennen müssen, über wie viele Details Amos Vanderbuildt sie im Unklaren gelassen hatte.
Das war sie von ihm gewohnt. Sie sollte mit einem Minimum an Informationen ein Maximum an Erfolg aus einer Situation holen. Dafür war sie engagiert worden – für diese schwierigen, unlösbaren Fälle, von denen andere die Finger ließen.
Doch dieser Fall war selbst für sie etwas zu bizarr.
Alles hatte reibungslos geklappt. Der Flug nach Kenia, die Einreise an den Zollbehörden vorbei, das Treffen mit den Mitarbeitern von Vanderbuildt Industries in Nairobi, die nicht wussten, für welche Aufgabe sie tatsächlich abberufen wurden. Die Erkundungen des ersten Nationalparks, die ungewöhnliche Meldung über den Zug der Löwen quer durch das Land.
Alles …
… und dann lag dieser Wilde bewusstlos mitten auf ihrem Fahrtweg durch diese ungewöhnlichen Ruinenfelder.
Janet sah zu ihm hinüber und schüttelte den Kopf. Sie hatten eine provisorische Unterkunft errichtet und eine kleine Plane aufgespannt, um den halbnackten Mann vor der Sonne zu schützen. Alice Struuten, die Fotografin, hatte sich prompt bereit erklärt, sich um ihn zu kümmern, bis er das Bewusstsein wieder erlangte.
Janet hatte sich die Frau mit dem langen, leicht gewellten brünetten Haar bei ihrer Ankunft am Flughafen nur kurz angesehen und sie als »Fotohäschen« abgehakt. Sie war etwas jünger als Janet und hatte bereits einige Fotostorys über Ostafrika in Online-Magazinen veröffentlicht. Wobei sie sich auf vielen der Fotos selbst gut in Szene setzte. Züchtig genug bekleidet, um keinen Ärger zu verursachen, doch knapp genug, um die Zugriffszahlen zu steigern.
Bisher hatte sie es unterlassen, Janet um ein Gruppenfoto »Dame mit wildem Mann« zu bitten. Dabei hätte es Janet mehr als gereizt, ihr darauf die passende Antwort zu geben.
Verärgert wischte sie sich mit dem Zeigefinger den Schweiß von der Stirn. Die Luft vor ihren Augen flimmerte. Sie kauerte wieder am Boden auf einer der längst zerfallenen Säulen und warf kleine Steinbrocken durch die Luft.
Offiziell wusste niemand etwas von einem weißen Wilden, der sich in dieser Gegend aufhielt. In den Medien ließen sich keine Berichte über ihn finden. Auch Alice, die sich seit ein paar Monaten in Kenia und Tansania aufhielt, hatte noch nie von ihm gehört. Doch erstaunlicherweise fanden sich dann doch Einheimische, die von ihm zu erzählen wussten. Zumeist Fischer oder Jäger, die selbst in den abgelegenen Ecken der Region zu Hause waren. Ihre Informationen ließen sich wie ein Mosaikbild zusammensetzen und formten aus dem Fabelwesen ein grobes Bild, das seine Spuren hier in der afrikanischen Savanne hinterließ.
So sehr sich die Kenianer über ihn wunderten, wenn sie ihn aus der Ferne sahen, so sehr schienen sie froh zu sein, ihm nicht direkt zu begegnen. Denn er hielt sich ihrer Aussage nach meist in der Nähe von Löwen auf. Manche von ihnen nannten ihn daher den »Geist der Löwen«, der sie in Menschengestalt zu sich locken wolle.
Janet kniff die Augen zusammen. Als sie dann von dem ungewöhnlichen Verhalten der Löwen gehört hatte, stieß das Drängen der Fotografin, den Raubtieren zu folgen, bei ihr auf offene Ohren. Sie konnte ihrem Instinkt normalerweise blind vertrauen und hatte sofort eine Expedition in diese Gegend organisiert.
Die lokale Miliz, die auf Vanderbuildts Gehaltsliste stand, hatte großzügig ihren Schutz angeboten. Janet musste einiges an Bargeld sowie den Einfluss von Vanderbuildt Industries spielen lassen, um deren Enthusiasmus zu bremsen und freie Hand zu haben. Von dem, was hier geschah, sollten nicht mehr Leute wissen als unbedingt nötig.
Doch je näher sie ihrem Ziel kamen, desto zurückhaltender wurden auch die Menschen, die sie befragten. Janet musste sich manch eine Fabel und Legende anhören, die sich nun erfüllen werde. Innerlich schüttelte sie nur den Kopf. So sehr die Menschen hier inzwischen mit Smartphones und Internet lebten – viele von ihnen hielten noch immer abergläubisch an den alten Märchen fest, mit denen schon ihre Großväter als Kinder geängstigt worden waren.
Janet konnte das nur recht sein. Keiner der Dorfbewohner wagte sich zurzeit in dieses Gebiet. Sie hatten ihr nur den Weg gewiesen und von den Ruinenfeldern erzählt, die einst der Löwengeist bewohnt habe.
Was lag also näher, als die Suche dort zu beginnen?, dachte sich Janet.
»Miss Verhooven?«, unterbrach sie eine kräftige Stimme in ihren Gedanken.
Eugène Mauris, ihr ortskundiger Fahrer, kam mit weiten Schritten auf sie zu. Er war Belgier und saß seit den Unruhen in den 1990er Jahren in Zaire, wie es damals noch hieß, als arbeitsloser Söldner in Afrika fest. Irgendwie war es ihm gelungen, zu überleben und sich bis nach Kenia durchzuschlagen. Seine kernige Art und sein trockener Humor hatten schnell dazu beigetragen, dass sie ihm vertraute.
Er war Ende vierzig, mit kurzem schwarzen Haar, das strähnig zur Seite stand. Ganz im Gegensatz zu seinem schmalen Schnurrbart, der mit seinen akkurat geschnittenen Spitzen die Mundwinkel einrahmte. Janet blickte zu ihm hoch.
»Ich glaube, er kommt zu sich«, erklärte er ihr.
Die junge Frau nickte zur Antwort und erhob sich aus ihrer Haltung. Mit raschen Schlägen klopfte sie den Staub von ihrem olivgrünen Hosenanzug. Sie folgte dem Fahrer zum kleinen Lager. Die wenigen Schritte strengten sie mehr an, als sie es sich eingestehen wollte. Unbewusst griff sie nach ihrer Wasserflasche und trank in hastigen Zügen. Das Wasser brannte in ihrem ausgedörrten Hals.
Sie sah Alice zu, die die Stirn des Wilden mit einem feuchten Tuch abtupfte. Missmutig stellte Janet fest, dass die Fotografin keine Probleme mit der sengenden Hitze zu haben schien. Sie ging in die Hocke und genoss den Schatten, den die Plane warf. Interessiert betrachtete sie den Mann, der sich unruhig auf der Decke wälzte.
»Wahnsinn, was der Junge ausgehalten haben muss!«, stellte Eugène fest. »Normalerweise überlebt das kein Mensch länger als ein paar Stunden, in so einer Einöde in der Sonne zu schmoren!«
»Urwaldhelden sind eben aus besonderem Holz geschnitzt«, entgegnete Janet ihm lakonisch und warf Alice einen Blick zu.
Diese lächelte vielsagend zurück. »Es gibt leider nur viel zu wenige davon.«
Die Fotografin tunkte den kleinen Waschlappen aus Frottee in eine Schale mit Wasser und drückte ihn aus. Dann widmete sie sich mit dem Tuch wieder der Pflege des Fremden.
So wenig Janet die junge Frau leiden konnte, musste sie der Fotografin recht geben. Ihre Augen wanderten über den fast nackten Körper. Der Kerl besaß Muskeln, die einen Bodybuilder neidisch werden lassen konnten. Doch seine waren sehnig und durchtrainiert, und nicht hochgezüchtet durch künstliche Proteinpräparate.
Zu schade, dass Vanderbuildt bereits seine Pläne mit ihm hatte …
Ein Stöhnen des staubbedeckten Mannes ließ sie fast schuldbewusst zusammenzucken. Sie warf einen Blick zur Seite und strich sich über den verschwitzten Nacken. Sein breiter Brustkorb hob und senkte sich unter den kräftigen Atemzügen. Übergangslos öffnete er die hellblauen Augen. Es wirkte fast so, als wisse er instinktiv, was um ihn herum geschah.
»Hallo«, begrüßte ihn Janet mit einem Lächeln und schob ihr Gesicht in sein Blickfeld. »Wie geht es Ihnen? Comment êtes-vous?«
Sie versuchte es mit einer Mischung aus Englisch und Französisch und hoffte, dass er einer der beiden Sprachen mächtig war. Ihren letzten Johnny Weissmuller-»Tarzan« hatte sie zu Schulzeiten gesehen, und sie war nicht darauf aus, sich in einem skurrilen Affendialekt verständigen zu müssen. Seine Antwort kam auf Englisch mit amerikanischem Akzent. Doch die holprige Art, mit der er die Worte aussprach, legte nahe, dass er sich schon länger nicht mehr in der Sprache unterhalten hatte.
Er stöhnte unterdrückt auf und versuchte sich aufzurichten. »Nicht so gut«, brachte er schwerfällig hervor. »Kann ich etwas Wasser haben?«
Alice Struuten robbte aus ihrer sitzenden Haltung etwas zur Seite und goss aus einem der Wasserkanister ein wenig in ein Glas ein. Sie hielt es dem Fremden an die Lippen und kippte es leicht an. Dieser nippte in kleinen Schlucken an dem Glas und ließ dann seinen Kopf zurücksinken.
»Danke«, entfuhr es ihm rau.
»Mmmh, ich danke!«, erwiderte Alice mit leuchtenden Augen und stellte das Glas beiseite. Janet machte sich in Gedanken eine Notiz, die Fotografin bei der nächsten Gelegenheit in...




