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E-Book, Deutsch, Band 1, 240 Seiten
Reihe: Apollonia
Thomas Apollonia
2. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-5486-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Entdeckung der Freiheit
E-Book, Deutsch, Band 1, 240 Seiten
Reihe: Apollonia
ISBN: 978-3-6957-5486-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Königreich Bayern im Jahr 1886. Der Amtmann Hieronymus Meier lebt mit seiner Frau in einer unbedeutenden Provinzstadt. Beide träumen davon der Enge zu entfliehen. Eine Geschichte über Zwänge und Konventionen in der vermeindlichen "guten alten Zeit".
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1 Das Amt
Königlich Bayerisches Bezirksamt zu Gunzenhausen, 8. März, 1886
»Wiesmeier, Apollonia Maria, geboren 17.10.1863 in Dinkelsbühl, Kind der Eheleute Johann und Anna Maria Wiesmeier, geborene Grundl, derzeit ohne feste Meldeadresse. Ist das richtig?«
Der Amtmann Hieronymus Meier sah die junge Frau scharf über seine Lesebrille hinweg an, sein Spitzbart hatte bei jedem Wort gezuckt. Diesen trug der Amtmann, um seinem Aussehen etwas mehr Strenge und Würde zu verleihen. Zudem wirkte er mit der Brille und dem Bart wesentlich älter, denn mit seinen 30 Jahren gehörte er immer noch zu den Jüngsten im Amt. Die junge Frau hielt aber diesem Blick ohne weiteres stand, was den Beamten zu zweierlei Deutungen bewog: Entweder war dieses Weibsstück unglaublich abgebrüht, oder einfach nur dumm und sich der Tragweite dieser Befragung nicht bewußt. An diesem Montag Vormittag war sie nach einer amtlichen Aufforderung, die ihr über eine Bekannte zugestellt worden war, hierher gekommen. Der Amtmann sollte zunächst den Sachverhalt klären und die Beschuldigte dann gegebenenfalls an das Königlich Bayerische Amtsgericht, beziehungsweise an das Landgericht in Ansbach überstellen lassen. Das Bezirksamt war lediglich für dieVerwaltung und somit für ein Meldevergehen zuständig, doch in diesem Fall kam noch etwas hinzu. Er sollte Amtshilfe leisten und eine erste Anhörung in einer weiteren Angelegenheit vornehmen. Der Grund war eine vorübergehende krankheitsbedingte Vakanz beim Amtsgericht hier vor Ort. Das gesamte Gericht war wegen Influenza geschlossen. So fiel ihm die Aufgabe zu, den Bezirksamtmann zu vertreten. Das gab ihm weitreichende Befugnisse.
Der Fall der Apollonia Wiesmeier war sein erster mit krimineller Komponente. Hätte sich die Person nicht von selbst gestellt, wäre nach ihr gesucht worden, dazu hätte er die örtliche Gendarmerie anweisen dürfen.
»Ja!«, sagte sie mit fester Stimme.
»Ja, Herr Amtmann, heißt das! Sie müssen eine Meldeadresse angeben. Ansonsten droht ein Bußgeld. Ist Ihnen das bewußt?«
»Jetzt schon, Herr Amtmann.«
Meier nickte. Er tendierte in Gedanken bei ihr nun eher zu dumm.
»Nun gut. Aber es gibt noch etwas, das schwerer wiegt:
Sie werden beschuldigt, bei Ihrer vormaligen Dienstherrschaft ein Aufgabenbuch, einen Laib Brot und einen Scheffel Mehl entwendet zu haben. Was sagen Sie dazu?«, fragte der Amtmann nun etwas schärfer um gleich mal den Druck zu erhöhen.
Doch die junge Frau hielt stand.
»Das Aufgabenbuch gehört mir, ich habe es selber kaufen müssen und eigenhändig geführt und geschrieben, während meiner Zeit beim Gruberbauern. Und das Brot und das Mehl habe ich mitgenommen, weil mir der Bauer den Lohn seit Januar vorenthalten hat!«, antwortete Apollonia. Meier sah sie dabei scharf an und meinte, etwas Unsicherheit in ihrer Stimme wahrnehmen zu können.
»Sie geben den Diebstahl also zu?«
»Nein!«, antwortete die junge Frau, die es gewohnt war, dass Männer sie in Befehlston ansprachen. Und dieser Amtmann war auch nicht besser, als ihr ehemaliger Dienstherr. Man durfte sich nur nicht alles gefallen lassen von den Männern, hatte ihr eine alte Dienstmagd beigebracht. Trotzdem war sie innerlich sehr aufgeregt. Sie hatte nicht gedacht, dass man ihr daraus einen Strick drehen würde. Dieser elende Gruberbauer!
»Wie bitte?«
»Nein, Herr Amtsrat.«, sagte sie. Langsam gewann sie immer mehr Selbstsicherheit. Was sollte ihr schon passieren? Sie hatte nichts unrechtes getan.
Der Amtmann machte eine abwertende Handbewegung. Den höheren Titel Amtsrat überhörte er geflissentlich.
»Beschuldigte gesteht den Tathergang...« diktiert er sich selbst und schrieb das so auf.
»Nein, Herr Amtsrat!«, sagte sie vehement.
Meier hielt inne und sah sie etwas verblüfft an.
»Wie bitte? Gerade haben Sie es doch zugegeben!«
»Ich habe nicht den Tathergang zugegeben, sondern nur gesagt, warum ich das Mehl und das Buch genommen habe. Der Dieb ist der Gruberbauer!«
»Na, na! Das sind schwere Anschuldigungen! Können Sie das beweisen?«
»Dass ich keinen Lohn bekommen habe? Natürlich, ich habe kein Geld!«
»Das ist doch kein Beweis.«, sagte Meier, hob dabei die Händeund ließ sie auf den Schreibtisch fallen, als könne er durch diese Geste seine Aussage unterstreichen.
»Für mich schon!«
Der Amtmann schüttelt den Kopf. Was für ein unverständiges, dummes Frauenzimmer! Wobei, eigentlich war sie noch ein Kind. Gerade einmal einundzwanzig Jahre. Nicht besonders groß, nicht besonders hübsch, ein durchschnittliches Mädchen vom Land. Die Hände von schwerer Arbeit ziemlich zerschunden, aber das war normal. In der Landwirtschaft und im Haushalt musste jeder hart arbeiten. Meier ertappte sich dabei, wie er auf seine Hände sah. Hätte er solch eine Arbeit durchgehalten? Trotzdem, sie hielt seinen Fragen beachtlich gut stand. Bei anderen Fällen wären die Beschuldigten doch bestimmt in Tränen ausgebrochen, wenn sie mit ihren Taten konfrontiert wurden. Das jedoch war für Meier nur eine Vermutung, denn er hatte ja keine kriminalistische Ausbildung. Er räusperte sich. Ein interessanter Fall. Hier konnte er sich womöglich bei den Kollegen des Amtsgerichts beweisen. Eine Versetzung nach Ansbach wäre jedenfalls mit einem deutlich höherem Salär verbunden und genau der richtige Karrieresprung zu rechten Zeit. Meier musterte sein Gegenüber genau. War da nicht eine Unsicherheit in ihrem Blick?
»Hm! Das ist nun ersteinmal Nebensache. Hier geht es um den Vorwurf des Diebstahls. Sie geben zu, dass sie die genannten Gegenstände entwendet haben, und zwar nach Beendigung ihres Dienstverhältnisses auf dem Gruberhof an Lichtmess 1886, also vor etwa einem Monat.«
»Das Buch gehört mir, ich habe es selbst geschrieben, während des letzten Jahres. Hier ist es!«, sagte sie, zog ein fest gebundenes Buch mit Pappdeckel aus ihrem Bündel und legte es auf den Tisch. »Ich hatte es nur vergessen. Und für mich ist der fehlende Lohn keine Nebensache!«
Meier schnaufte.
»Trotzdem sind Sie ohne Erlaubnis auf dem Hof gegangen, in das Haus eingedrungen und haben Brot und Mehl gestohlen!«, fuhr er die Wiesmeierin an. Die junge Frau ließ sich von dem harschen Ton nicht aus der Ruhe bringen, im Gegenteil. Nun war sie es, die immer ruhiger wurde:
»Ich bin dort ein Jahr lang ein und ausgegangen. Und so hab ich es auch am Sonntag gemacht. Ich weiß doch, wo der Schlüssel liegt. Nämlich unter dem Kasten neben der Türe. Ich bin also nicht eingedrungen, sondern habe aufgesperrt. Im Sommer steht die Tür sowieso immer offen. Nur eben im Winter nicht.«
»Sie sind widerrechtlich in das Haus!«, wurde Meier nun noch lauter.
»Weil‘s geregnet hat! Ich hab gerufen und geklopft. Aber es war niemand da. Und dann hab ich auf den Bauern warten wollen und ihn nochmal zur Rede stellen wollen. Die Vroni hat nämlich gesagt, dass es ihr genauso ergangen ist, und dass er ihr dann zum Ausgleich einen Scheffel Mehl, einen Brotlaib und sogar a schönes Stückla Speck gegeben hat!«, gab sie kämpferisch zurück. Ihre Wangen glühten.
»Wer ist denn jetzt diese Vroni?«, fragte Meier verwirrt.
Veronika Zehntner sei im Jahr vor Apollonia Magd auf den Hof gewesen, berichtete die Wiesmeier. Dass der Bauer Kost und Logis vom Februarlohn im Voraus für das gesamte Jahr zurückbehalten hatte, hatte sie ihr nicht gesagt.
»Jedenfalls stimmt Ihre eigene Aussage mit dem Vorwurfüberein.«, stellte Meier nochmals fest.
»Also schuldet mir der Bauer Geld, gell?«
»Was? Äh, das wurde bisher noch nicht decouvriert.«
»Was?«
»Herausgefunden...«
Wieder schüttelte der Amtmann ob der Unbildung dieses Weibes den Kopf. »Ein paar Monate Haft wird das wohl geben«, dachte er sich und seufzte.
»Kann ich jetzt gehen?«, fragte die junge Frau.
»Sie ist des Diebstahls beschuldigt! Da Sie ohne festen Wohnsitz und Meldeadresse ist, verbleibet Sie in Gewahr.«, sagte Meier wie beiläufig. Dass er dabei mit seiner Anrede in die dritte Person verfiel, war so etwas wie eine Marotte. Irgendwie wollte er sich jetzt von dieser Sache emotional lösen. Vor soviel Unverständigkeit musste man einfach resignieren.
»Wer? Die Vroni?«, fragte die Wiesmeierin etwas dümmlich.
»Sie!«
»Ich? Warum reden‘s dann von Ihr?«
»Auch noch frech werden? Jetzt langt‘s mir aber!«, schnaubte Meier. Nun war er es, der einen hochroten Kopf hatte. Wütend rief er den Amtsdiener.
»Messthaler! Bringen‘s diese Person zum Gendarmerieposten zur Verwahrung. Über eine Anklage soll der Amtsrichter in Ansbach entscheiden!«
»Und mein Buch?«, fragte die Wiesmeierin.
»Das ist ein Beweismittel und verbleibet in Verwahrung bei der Gendarmerie!«, sagte Meier feierlich. Diese Phrase hatte er sich vorher gut überlegt und sagte sie mit...




