E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Theroux Moskito-Küste
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-455-00674-2
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-455-00674-2
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Theroux, geboren 1941 in Medford, Massachusetts/USA, ist mit mehr als dreißig veröffentlichten Büchern einer der weltweit populärsten US-Gegenwartsautoren. Als Reiseschriftsteller erlangte er Weltruhm. Theroux ist seit 2013 Mitglied der American Academy of Science and Arts. Er lebt mit seiner Familie auf Hawaii und auf Cape Cod. Bei Hoffmann und Campe erschien zuletzt sein Sachbuch Auf dem Schlangenpfad. Als Grenzgänger in Mexiko (2019).
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Für Charlie Fox – es [...]
I Bananen boot
II Das Eishaus in Jeronimo
III Brewer's Lagoon
IV Auf dem Patuca
VDie Moskito Küste
Biographie
Impressum
I Bananen boot
1
An Tiny Polskis Herrschaftshaus vorbei fuhren wir zur Hauptstraße und dann weiter die fünf Meilen nach Northampton hinein. Vater redete den ganzen Weg über Wilde, Eingeborene und die Schrecklichkeit von Amerika – dass es sich immer mehr in eine rauschgiftsüchtige, Türen versperrende, verpestete Gefahrenzone tollwütiger Geier und krimineller Millionäre und moralischer Heuchler verwandelte. Und schau dir die Schulen an. Und die Politiker. Und kein Harvard-Absolvent, der eine Reifenpanne beheben oder zehn Liegestütze machen könnte. Und in New York City gab es Leute, die von Katzenfutter lebten, die einen glatt wegen ein paar Münzen umbrachten. War das noch normal? Wenn nicht, warum fand sich dann jedermann damit ab?
»Ich weiß es nicht«, sagte er, sich selbst die Antwort gebend. »Ich denke nur laut.«
Bevor wir Hatfield verließen, hatte er den Pick-up-Truck auf einer höhergelegenen Stelle der Straße geparkt und nach Süden gedeutet.
»Da kommen die Wilden«, sagte er; von einer kleinen Baumgruppe aus zogen sie in langer Reihe über die Felder, hinter ihnen die gummiartigen, hitzeflimmernden Umrisse von Polskis Ställen. Sie waren dunkel, und ihre Kleidung war lumpig; einige hatten sich Lumpen um die Köpfe gewickelt, andere trugen breitkrempige Hüte. Es waren Männer und Jungen, ein paar nicht älter als ich; alle trugen sie lange Messer.
Vaters Finger jagte mir mehr Angst ein als die Männer. Er deutete immer noch damit. Das letzte Glied des Zeigefingers fehlte bis zu dem großen Knöchel. Der Fingerstumpf endete breit in genähten Hautfalten und war auf furchtbare Art vernarbt, konnte nur annähernd die Richtung anzeigen.
»Warum kommen die überhaupt erst her?«, sagte er. »Geld? Das kann es doch nicht sein?«
Er schien die Fragen aus seiner Zigarre herauszukauen.
Es war Vormittag, für Massachusetts im Mai schon zu heiß. Wir hatten einen trockenen Frühling, das Tal sah verbrannt aus, und die flachen Gräben dampften wie frische Kuhfladen. In den Furchen, die das Feld von einem Ende zum anderen aufrissen, zeigten sich nur winzige Palmwedel von Wunder-Mais. Kein einziger Vogel zwitscherte hier. Und die Spargelfelder, zu denen die Männer unterwegs waren, wirkten so braun und glatt, als wäre der Erde der grüne Skalp des Grases abgezogen und die ganze Kahlheit glattgewalzt worden.
Vater schüttelte den Kopf. Er löste die Handbremse und spuckte aus dem Fenster. Er sagte: »Hundertprozentig ist es nicht das Geld. Heutzutage ist ein Dollar bloß noch zwanzig Cent wert.«
Hinter Hatfield und Polskis Haus, am oberen Rand der Talmulde, ragten belaubte Zinnen auf, manche so blass wie Zitronenschaum, andere dunkle Buckel und einzelne Buschhaufen und Staketen berstender Äste; so stellte ich mir den Dschungel vor. Als wir vor ein paar Stunden die Augen aufgeschlagen hatten, war der Boden mit den Glitzerperlen kalten Taus bedeckt gewesen. Sommereis, so nannte ich es bei mir. Mein Atem hatte Nebelwolken erzeugt. Wolkenfetzen hatten sich über den Himmel gezogen. Jetzt stand die Sonne hoch, füllte das Tal mit Licht und Hitze, die gegen diese Männer loderte und sie in hagere Dämonen verwandelte.
Vielleicht lag hier der Grund, weshalb ihr Anblick mich genau wie Vaters Finger erschreckt hatte, obwohl ich diese Männer zuvor schon gesehen hatte – die Wilden, genau an dieser Stelle und nah genug, um die schwarzen Flecken, die die Sonne in ihre lederbraune Haut brannte, zu erkennen.
»Den Teil jetzt hasse ich«, sagte er, als wir in Northampton ankamen. Er trug eine Baseballmütze; beim Fahren ragte sein Ellbogen aus dem Fenster. »Die Collegemädels sind’s nicht, obwohl die schlimm genug sind. Schau dir Tugboat Annie dort drüben an, ihren Umfang. Sie ist so dick, elf von ihrer Sorte, und man könnte ein Dutzend draus machen. Aber das ist Fett – hat nichts mit Gesundheit zu tun. Das sind die Cheeseburger.« Er schob seinen Kopf aus dem Fenster und brüllte: »Das sind diese Cheeseburger!«
Die Main Street runter (»Alles Drogensüchtige«) fuhren wir an einer Getty-Tankstelle vorbei, und Vater jaulte bei dem Benzinpreis auf. ZWEI TOTE BEI SCHIESSEREI knallte uns von einem Zeitungsstand entgegen, und er sagte: »Scheißblatt.« Allein das Wort an einer Ladenfront irritierte ihn. Und in der Nähe der Eisenwarenhandlung gab es einen Automaten, der Eis im Beutel verkaufte.
»Sie verkaufen Eis – zehn Pfund für einen Quarter. Aber Wasser gibt’s genauso umsonst wie die Luft. Diese Geldgeier verkaufen Wasser! Wasser ist die neue Wachstumsindustrie. Mineralwasser, Quellwasser, Wasser mit Kohlensäure. Die größte Neuigkeit – Wasser ist gut für Sie! Bier mit wenig Kalorien – weißt du, was drin ist? Warum es einen schlank hält? Weißt du, warum es mehr als das normale Bier kostet? Wasser!«
Vater sagte , nach Art der Yankees.
Immer mürrischer werdend, kurvte er herum, bis er eine noch nicht abgelaufene Parkuhr fand. Dann parkte er, und wir marschierten zurück zur Eisenwarenhandlung.
»Ich brauch einen Gummischlauch, zweieinhalb Meter mit Schaumfütterung«, sagte Vater, und während der Mann den Schlauch holte, meinte er: »Wahrscheinlich ist Benzin deswegen so teuer. Sie tun Wasser rein. Du glaubst mir nicht? Wenn du darauf bestehst, dass es im Geschäftsleben so was wie Moral gibt« – ich hatte kein Wort gesagt –, »dann hast du vielleicht die Freundlichkeit, mir zu erklären, wieso zwei Drittel des von der Regierung untersuchten Fleisches krebserzeugende Nitrate in überreichlichem Ausmaß enthält und wieso – das ist eine erwiesene Tatsache – nicht den geringsten Nährwert hat …«
Der Verkäufer kehrte mit einem zusammengerollten Schlauch zurück und reichte ihn Vater, der ihn untersuchte und zurückgab.
»Will ich nicht«, sagte er.
»Das haben Sie verlangt«, sagte der Mann.
Vater machte ein mitleidiges Gesicht. »Was ist mit Ihnen, arbeiten Sie für die Japaner?«
»Wenn Sie’s nicht wollen, sagen Sie’s doch.«
»Ich hab’s gerade gesagt. Kommt aus Japan. Ich hab keine Lust, dass sich meine schwerverdienten Dollars in Devisen für die Söhne Nippons verwandeln. Ich will keine weitere Generation von Kamikaze finanzieren. Ich will ein amerikanisches Stück Gummischlauch, mit Schaum – « Er fluchte, weil der Mann sich entfernt hatte und einen anderen Kunden bediente.
Vater bekam seinen Gummischlauch in einem kleineren Eisenwarenladen in einer Nebenstraße, aber als wir schließlich zu dem Pick-up zurückkamen, war er einem Schlaganfall nahe: Was hätte er doch alles in dem ersten Geschäft sagen sollen. »Ich hätte ›Sayonara‹ sagen sollen, eine Riesenszene hätte ich machen sollen.«
Ein Polizist lehnte an unserer Parkuhr, die Hände darübergelegt, sein Kinn ruhte auf den Fingern, wie ein Arbeiter, der Pause machte und sich auf seine Schaufel stützte. Er schaute Vater an und lächelte eine Art Begrüßungslächeln; dann sah er mich und nagte an seiner Lippe.
»Müsste der Kleine nicht in der Schule sein?«
»Krank«, sagte Vater, ohne den Schritt zu verlangsamen.
Der Polizist folgte Vater zur Tür des Wagens, klemmte die Daumen in seinen Revolvergurt und sagte: »Moment mal. Warum ist er dann nicht im Bett?«
»Mit einer ?«
Der Polizist bückte sich etwas und starrte mich über den Sitz hinweg an.
»Na los, Charlie, zeig’s ihm. Er glaubt mir nicht. Zieh den Schuh aus. Lass ihn mal riechen.«
Ich löste die Schnürsenkel meiner Segeltuchschuhe, als der Polizist sagte: »Schon gut.«
»Bloß keine Entschuldigung«, sagte Vater und lächelte dem Polizisten zu. »Höflichkeit ist ein Zeichen von Schwäche. Auf die Weise lässt sich das Verbrechen nicht bekämpfen.«
»Wollen Sie was?« Der Polizist presste die Kiefer zusammen und rückte drohend näher. Er war jetzt wütend. Er wirkte schwergewichtig, auf der Hut vor allem Möglichen.
Vater lächelte immer noch. »Ich hab nur laut gedacht.«
Er sagte nichts mehr, bis wir die Straße nach Hatfield erreicht hatten.
»Hättest du wirklich deine Schuhe ausgezogen und dem Bullen deine gesunden Zehen gezeigt?«
»Du hast es doch gesagt«, erwiderte ich.
»Richtig«, sagte er. »Aber was muss das für ein Land sein, das aus friedlichen Ladenkunden Verräter und aus ehrlichen Männern Lügner macht? Nicht einer, der daran denkt, dieses Land zu verlassen. Charlie, ich denke jeden Tag daran!«
Er fuhr weiter.
»Und zwar deswegen, weil ich der letzte Mann bin!«
Das war unser Leben hier, die Farm und die Stadt. Vater arbeitete gern auf Polskis Farm, aber die Stadt löste Anfälle bei ihm aus. Das war der Grund, warum er mich der Schule fernhielt – genau wie Jerry und die Zwillinge.
Später am Tag, als wir eine Pumpe am Rande eines Feldes reparierten, sahen wir die Wilden wieder.
»Sie stammen aus dem Dschungel. Wanderarbeiter. Hatten keine Ahnung, dass es ihnen gut ging. Ich hätte jederzeit mit ihnen getauscht. Sie halten das hier fürs Paradies. Wären besser geblieben, wo sie waren.«
Vater hatte die Pumpe vor einem Jahr für Polski entwickelt. Ein empfindlicher, fingerartiger Sensor führte wie eine Wurzel in den Boden, und wenn die Erde austrocknete, aktivierte dieser Nervendraht einen Schalter und setzte die Pumpe in Gang. Vater war als Erfinder ein absolutes Genie. »Neun Patente«, sagte er gern. »Sechs noch in der Schwebe.« Er rühmte sich damit,...




