E-Book, Deutsch, Band 9, 452 Seiten
Reihe: Elfenzeit
Themsen / Paradigi / Thurner Elfenzeit 9: Siebensturm
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-946773-34-4
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 9, 452 Seiten
Reihe: Elfenzeit
ISBN: 978-3-946773-34-4
Verlag: Fabylon
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Elfenprinzessin Rian muss sich in Australien und Singapur den schwersten Prüfungen ihres Lebens stellen. Unterstützung erhält sie von einem geheimnisvollen Mann, dem Korsar der Sieben Stürme, der bedeutend mehr als ein Pirat ist. Und nicht uneigennützig. Er erhofft sich Hilfe von Rian, da er einem entsetzlichen Fluch unterworfen ist.
Rian verliert auf ihrer Reise mehr und mehr den Bezug zur Anderswelt und beschleunigt dadurch den Untergang.
Alebin hat seine Macht in Lyonesse gefestigt und fängt an, seine Klauen nach der Menschenwelt auszustrecken – doch da stellt sich Nadja ihm ein letztes Mal entgegen …
Das Ende aller Welten beginnt!
Band 9 von 10 der größten Urban-Fantasy-Saga.
Autoren/Hrsg.
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1
Alles ist im Fluss
Nadja und David waren soeben aufgebrochen, um ihren entführten Sohn Talamh von Königin Bandorchu auszulösen. Regiatus und die Blaue Dame hatten die Vermittlungen aufgenommen. Rian hatte ihrem Vater bittere Vorwürfe gemacht und verkündet, ab sofort eigene Entscheidungen zu treffen.
Nun stand die Prinzessin draußen vor dem Schloss und dachte über die Konsequenzen nach.
Die Erkenntnis traf Rian nicht zum ersten Mal und dennoch erfüllte sie die Prinzessin der Sidhe Crain nach wie vor mit einer Mischung aus Grauen und Faszination. Unvorstellbar lange war die Anderswelt stabil gewesen, unverrückbar und fest in den Formen, in denen sie entstanden war. Doch nun veränderte sie sich mit einer Geschwindigkeit, die Rian schwindeln machte. Und ihr war klar, dass es Spuren hinterlassen würde, selbst wenn es ihr gelingen sollte, ihre Welt zu heilen. Spuren in der Welt und Spuren in deren Bewohnern. Spuren in ihr.
Sie hob den Kopf, strich über ihr kurzes blondes Struwwelhaar und sah am Stamm des mächtigen Baumschlosses entlang aufwärts, bis ihr Blick sich zwischen Ästen und Zweigen verlor. Äste und Zweige, die von grünem Laub und Blüten hätten bedeckt sein müssen. Doch seit Talamhs Entführung durch die Schergen der Dunklen Königin Bandorchu war das kurze Atemholen vorbei, das ihnen während der Anwesenheit des Sohns des Frühlingszwielichts vergönnt gewesen war. Für wenige Tage hatte Davids und Nadjas Kind das Sterben vergessen lassen, das mit dem Verlust der Unsterblichkeit in der Anderswelt begonnen hatte. Inzwischen wurde wieder Laub in Schubkarren aus dem Schloss gekarrt, von Elfenwesen, die mit jedem Tag grauer und gebeugter wirkten.
Sie löste den Blick wieder von ihrem Heim, in dem ihr Vater, der Riese Fanmór, in diesem Moment sicherlich über das Zerwürfnis mit seinen Kindern und die Hoffnungslosigkeit der Zukunft nachgrübelte. Ihre gänzlich violetten Augen wirkten matt und müde, als sie sich umdrehte und stattdessen den Weg entlang sah, der zwischen die sanften, ehemals mit buntgetupftem Grün bedeckten Hügel führte, deren Braun nicht weniger niederschmetternd war als das fallende Laub.
Etwas zupfte am Kunstpelzbesatz ihres in der Menschenwelt erstandenen gefütterten weißen Wollmantels, und sie sah hinunter zu dem ihr bis knapp übers Knie reichenden Grogoch. Der nur in sein langes braunes Körperhaar gehüllte Kobold erwiderte ihren Blick aus dunklen Augen.
»Und was jetzt?«, fragte er. »Wohin gehen wir?«
»Ja, wohin geht die Reise dieses Mal? Muss ne kalte Gegend sein, so wie du angezogen bist …«, piepste es von der anderen Seite, wo der nur halb so große Igelpixie Pirx ungeduldig auf der Stelle trippelte und sein rotes Mützchen zwischen den Händen knetete.
Rian lächelte schwach.
»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass wir die Suche fortsetzen müssen, damit nicht alles verloren ist«, sagte sie. »Nur wenn wir den Quell der Unsterblichkeit finden, können wir sowohl unser Volk retten als auch Talamh von Bandorchu freikaufen.«
»Und Nadja und David vermutlich dazu«, murmelte der Grogoch.
Die Prinzessin verzog das Gesicht. Es gefiel ihr genauso wenig wie den anderen, dass ihr Zwillingsbruder und ihre Freundin zur Herrscherin von Tara aufgebrochen waren, um mit ihr zu verhandeln. Aber ebenso, wie sie erklärt hatte, einen eigenen Willen für sich zu beanspruchen, musste sie ihrem Bruder den seinen lassen. Und wenn dieser sie beide nun auseinander führte, war das nur die logische Fortsetzung dessen, was im Moment des Erwachens begonnen hatte.
Nur war es das erste Mal ohne ihn, dass sie eine Reise unternahm, und sie hatte Angst davor, es wäre endgültig.
»Am besten sollten wir die großen Wissenssammlungen der Menschen aufsuchen, um Ideen zu gewinnen, wo wir mit der Suche weitermachen können. Und da dort der Winter naht, brauche ich passende Kleidung«, erklärte Rian ihr kleines bisschen Plan, während sie eine Mütze mit Kunstpelzbesatz aufsetzte und dann ihre gefütterten Handschuhe aus weichem weißem Leder aus dem Reisesack holte und anzog. »Das British Museum in London ist bestimmt ein guter Startpunkt, weil dort Wissen aus vielen Regionen und Zeiten gesammelt ist. Mit ein wenig Verhandlungsgeschick kommt man sicher auch an die endlosen Archive heran, die sie abseits der Öffentlichkeit haben, und muss sich nicht auf die unwichtigen Ausstellungsstücke beschränken. Grog?«
Der Grogoch hatte sich geräuspert, und Rian wandte sich ihm zu. Ohne die Prinzessin anzusehen zwirbelte er an seinen Haaren herum.
»Ich … ich wollte einen Vorschlag machen«, sagte er. »Es gibt da etwas, was ich schon eine Weile tun wollte, wozu ich aber nicht gekommen bin. Ich weiß nicht, ob dir jemand von Hyazinthe erzählt hat …« Er sah kurz zu Pirx, der die Augen verdrehte.
Rian schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Wer ist das?«
Die Prinzessin hatte den Eindruck, dass Grog im Gesicht eine Spur dunkler wurde, doch unter seinem dichten Haar war das schwer zu sagen.
»Sie ist eine Wassernymphe, und eine gute Freundin von mir aus meinen jüngeren Tagen«, sagte er mit leichter Verlegenheit in der Stimme. »Sie war mit uns auf Sizilien in der Höhle der Skylla gefangen, und nachdem wir sie befreit haben, hat sie mir gesagt, dass ich was bei ihr gut hätte. Na ja, eigentlich war es Nadja, die dafür gesorgt hat, dass alle Überlebenden da raus kamen, aber … Hyazinthe wusste das nicht, und Nadja hätte sicher nichts gegen den Gefallen einzuwenden gehabt, den ich mir erbeten habe.«
Rian schmunzelte unwillkürlich. Den gesetzten und ruhigen Grog einmal verlegen zu sehen war etwas, das man nicht oft erlebte. Anscheinend war diese Hyazinthe mehr als nur eine ›gute Freundin‹ gewesen. Wenn man das Wesen der Nymphen bedachte, war das nicht besonders verwunderlich.
»Was für ein Gefallen war das denn?«
»Ich habe sie gebeten, sich ein wenig umzuhören. Ich meine, ein ›Quell der Unsterblichkeit‹ klingt doch wie etwas, von dem Wasserwesen eigentlich wissen müssten, oder? Also erschien es mir naheliegend, sie darum zu bitten. Und sie hat mir kürzlich durch einen Wasserfloh mitteilen lassen, dass sie etwas herausgefunden hat. Durch die Aufregung von Talamhs Entführung bin ich noch gar nicht dazu gekommen, mit ihr in Verbindung zu treten und sie zu fragen, was es ist. Sie wollte, dass ich persönlich vorbei komme, aber das war bisher nicht möglich.«
Rian nickte. »Und du denkst, wir sollten sie aufsuchen? Weißt du denn, wo sie zu finden ist?«
»Der Wasserfloh hat mir ein Haar von ihr gebracht. Damit kann ich ein Tor direkt zu ihr öffnen.« Er griff unter sein langes Haar und förderte eine dünne Kette zutage, an der etwas hing, das sich wand und schillerte wie ein Wasserfaden im Wind.
»Gut. Einen Versuch ist es in jedem Fall wert«, entschied Rian. »Gehen wir.«
»Oh«, sagte Rian, als sie die mit braunen Blättern behangenen Zweige der Trauerbuche beiseiteschob und auf das raureifbedeckte Gras hinaustrat. »Deine Nymphe lebt nicht schlecht.«
»Das sind nicht die Schwarzberge«, erwiderte Grog verdutzt.
»Das ist nicht mal mehr das Hoheitsgebiet der Crain, sollten wir von hier in die Anderswelt wechseln«, stellte Pirx fest. »Aber liegt immer noch Earrach, das kann ich spüren.«
»Ich glaube, wir sind in Deutschland«, murmelte Rian.
»Woran willst du das denn erkennen?«
»Ich weiß nicht … diese Art der Bepflanzung … der Baustil … erinnert euch das nicht an unsere Suche damals, nach dem Quell der Nibelungen?«
»Hu, erwähn bloß nicht den Alberich!« Pirx schüttelte es.
Das Tor hatte sie unter die glockenartig geformte Krone des Baums geführt. Die Buche wuchs inmitten eines Parkgeländes, das auf einer Seite an einem Flussufer endete. Ein im winterlich-trüben Abendlicht hell schimmernder Kiesweg und ein breiter Streifen gefrorenen Rasens trennten sie vom Wasser.
Auf der anderen Seite des Flusses erstreckte sich ein weiterer Park. Zwischen den kahlen Bäumen hindurch war ein breites Herrenhaus aus hellem Stein erkennbar, das schon einem Schloss gleichkam. Eine Fahne wehte über dem vorkragenden kuppelartigen Dach des Mittelteils, der vermutlich den Treppenaufgang beherbergte, und Schornsteine reihten sich auf dem langgestreckten Dachfirst, die darauf hindeuteten, dass es eine nicht unerhebliche Anzahl zu heizender Räume darunter gab.
Rian zählte an den Seitenflügeln fünf Fensterreihen übereinander, während in der Mitte die zweite Reihe von unten fehlte, weil die darunterliegenden hohe Fenstertüren waren. Davor lag ein ausladender Balkon mit schmiedeisernem Geländer. Rian stellte sich in Gedanken den Saal dahinter vor. Sicherlich waren dort unter vergoldeten Stuckverzierungen und Kandelabern, erhellt durch Spiegel und Wandleuchter und unter den Augen gemalter Herrscher oder Sagengestalten einmal rauschende Feste gefeiert worden, die denen im Baumschloss der Crain nahe kamen. Abgesehen von den Spiegeln natürlich.




