E-Book, Deutsch, Band 1, 164 Seiten
Reihe: Monsterland
Theisen Monsterland
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7469-5979-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Geist auf der Flucht
E-Book, Deutsch, Band 1, 164 Seiten
Reihe: Monsterland
ISBN: 978-3-7469-5979-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manfred Theisen wurde 1962 in Köln geboren. Der studierte Politologe forschte zwei Jahre für das deutsche Innenministerium in der Sowjetunion und arbeitete als Redakteur. Heute lebt er als freier Autor in Köln. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt, ausgezeichnet und auf die Empfehlungslisten der Rundfunkanstalten gesetzt.
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4
Raubritter Otto und die Ratte Raff
Auf der Burg herrscht bereits Hochbetrieb. Die Burgmonster haben sich in die Kleidung von Burgjungfrauen, Knechten und Mägden gezwängt, die Imbissbuden eröffnet oder warten auf die ersten Gäste an der Rutsche zum Mittelpunkt der Erde.
Derweil betreten Fanni und ihr Vater den Thronsaal von Raubritter Otto. An den Wänden hängen Teppiche und an der Decke drei gewaltige Kronleuchter. Die Kerzen sind heruntergebrannt. Fanni und ihr Vater sind so gut wie nie in Ottos privaten Räumen. Denn Otto liebt den Schmutz in den Ecken, den Staub auf den Schränken und die Schmiere an den Wänden. Gerade frühstückt er Gänsekeule mit Bratkartoffeln.
Mark van Helsing nimmt aus Höflichkeit den Hut ab und räuspert sich. Otto winkt ihn und Fanni mit der Gänsekeule zu sich heran. »Lieber van Helsing. Schön, Sie und Ihr Töchterchen zu sehen.« Er lässt die abgenagte Keule auf den Teller fallen und wischt sich den Bart und Mund mit dem Ärmel sauber.
Fanni und ihr Vater nähern sich seinem Tisch. Dabei schaut Fanni kritisch hinauf zum Leuchter. Das heiße Wachs der Kerzen tropft neben ihr auf den Boden. Platsch, platsch, platsch.
Otto erhebt sich schwerfällig und greift sich die Zeitung. »Lieber van Helsing, sehen Sie sich das an.«
Partyzone Dracula!
Transsilvanien: Russischer Milliardär feiert rauschende
Feste, wo früher der Fürst der Finsternis herrschte.
»Ich weiß«, sagt van Helsing.
Otto pult sich zwischen den Zähnen. »Ja, so kann es kommen. Ohne unseren Freizeitpark hätten wir alle bald kein Dach mehr über dem Kopf. Trotzdem mag Dracula Sie nicht. Er glaubt immer noch, er könnte als wilder Graf hübsche Jungfrauen beißen. Dieser Spinner. Gut, dass Sie ihm die Zähne haben ziehen lassen.«
»Das hat Papa nur getan, weil Dracula ein kleines Kind gebissen hat«, mischt sich Fanni ein.
»Ja, ja«, sagt Otto, »dein Papa ist der Beste. Und der eitle Graf hat sich ja auch zwei schicke Plastikeckzähne von Professor Frankenstein anfertigen lassen. Aber was kann ich eigentlich für euch tun?«
Van Helsing erklärt: »Wir suchen einen jungen Rittergeist.«
»Den einzigen Ritter, den ich kenne, sitzt hier. Höhöhö!« Otto lacht und schlägt sich gegen die Krone. »Oder hast du etwa noch einen anderen Ritter gesehen, Raff?« Aus der Krone kriecht eine verschlafene Ratte. Das Tierchen mit den zerfransten Ohren und dem Ring in der Nase haust auf Ottos Haupt in einem kleinen Nest aus rotem Samt. Sie streckt und reckt sich.
»Los Raff, du Penntüte. Sprich!« Der Raubritter fasst die Ratte mit Daumen und Zeige- finger am Schwanz und lässt sie kopfüber nach unten baumeln: »Hast du diesen jungen Burschen gesehen?«
»Oh nein, Ihro Majestät.«
»Was hat dieser Ritter denn getan?«, fragt Otto van Helsing.
»Nichts. Er ist Fannis Geschenk.«
»Und hat sich aus dem Staub gemacht?« Otto muss wieder lachen. Sein Bauch wippt auf und ab, als wäre er Wackelpudding. »Wofür ist das Geschenk?«
»Heute ist Fannis zehnter Geburtstag.«
»Warum sagt mir das denn keiner? Na, dann komm mal her.« Mit diesen Worten stapft er auch schon auf Fanni zu. »Zehn Jahre bist du. Ich kannte dich bereits, da warst du erst soooo groß.« Dabei deutet er auf seine Knie. »Lass dich herzen, du Schnuckifurz.«
Fanni ist steif vor Schreck, als er sie in die Arme nimmt und ihr schmatzend einen Kuss auf die Wange drückt. »Bei der Ehre meines Schwertes Excalibur werde ich dafür sorgen, dass du dein Geschenk wiederbekommst.«
Als Fanni sich endlich aus seiner Umarmung befreien kann, fällt ihr Blick auf einen Diener, der mit gesenktem Kopf und Kapuze an der Seite des Saales steht. »Guck mal da!«, ruft sie ihrem Vater zu und zeigt auf die Gestalt. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen. Aber er trägt die gleichen roten Schuhe wie Finn. Fanni schaut noch einmal hinüber zu ihrem Vater, dann stürzen beide wie auf Kommando auf den Diener zu. Der rennt weg, als wolle er den Weltrekord im 100-Meter-Sprint knacken.
Durch die Tür geht die Verfolgungsjagd, hinaus auf die Burgmauer. Gleich hat Fanni ihn. Da springt der Flüchtende von der Mauer aufs Dach einer Wurstbude und hinab in den Innenhof. Die Monster in ihren Buden zucken zusammen und sehen nun staunend, wie Fanni todesmutig von oben auf den Fliehenden herunterhechtet und auf seinem Rücken landet. Er bricht unter ihr zusammen. Schon hält sie seine Arme auf dem Rücken fest. Polizeigriff. So hat es ihr Mister Mumie im Unterricht erklärt:
1. Geist verfolgen!
2. Geist fangen!
3. Geist sichern!
Van Helsing stürmt die Treppe herunter. »Bravo, Fanni! Bravo!« Ihr Vater ist außer sich vor Stolz. Eine van Helsing hat gerade ihren Auftrag perfekt erledigt.
Fanni lockert vorsichtig den Griff. »Alles okay, Finn?«
Doch als sich der Verfolgte jedoch umdreht, ist sie sprachlos. Denn der Junge ist nicht Finn, sondern wahrhaftig ein Diener!
Der blafft: »Was soll das? Ich habe nichts getan.«
Otto lacht schadenfroh von der Burgmauer herunter. »Da hat sich der Unterricht bei Mumie ja richtig gelohnt. Vielleicht sollte dein Töchterchen erst denken und dann rennen!«
Ratte Raff flüstert ihm ins Ohr: »Lach nicht zu früh. Wenn van Helsing seiner Tochter einen Geist zum Geburtstag schenkt, ist er womöglich so ein Auserwählter, der mal Drachentöter wird oder einen Goldschatz in der Hinterhand hat und später deine Krone übernimmt.«
Erschrocken schaut Otto Raff an und flüstert: »Du hast recht. Ich sollte vorsichtig sein.«
Dann ruft er, als habe er Kreide gefressen, zu van Helsing in den Burghof hinunter: »Nichts für ungut. Viel Glück bei der Jagd. Ich würde es an eurer Stelle mal im Neandertal versuchen. Dort kann sich ein Geist gut im Gestrüpp oder in einer der Höhlen verstecken.«
»Stimmt«, meint van Helsing zu Fanni, die sich immer noch über sich selbst ärgert. Wie konnte sie nur so voreilig sein? Kaum sieht sie ein Paar rote Schuhe, verfolgt sie einen Unschuldigen.
»Na gut, Papa. Ich gehe aber erst einmal zurück zur Villa und hole mir die Geisterjägerausrüstung.«
»Ich warte dann im Neandertal auf dich«, antwortet van Helsing.
Als Fanni durch das Burgtor und über die Brücke zum Eingang von Monsterland hinaus und hinüber zur Villa laufen will, ruft er ihr hinterher. »Stopp. Das Eingangstor ist noch zu. Die Besucher warten sicher schon davor. Lauf lieber durch den Tunnel.«
So rennt Fanni erneut zur Geisterbahn und stürmt an den Zombies vorbei, die auf die Besucher warten.
Im Keller der Villa trifft Fanni auf Mister Mumie. Der putzt gerade mit Lappen und Zitrusreiniger die Vitrine mit Draculas Eckzähnen. Als er Fanni sieht, legt er sofort seinen Lappen zur Seite und will wissen: »Punkt A: Warum bist du hier? Punkt B: Wo ist der Geist? Punkt C: Wo ist dein Vater?«
»Äh …«, Fanni stockt. »Können wir das später klären? Ich muss mich beeilen, Mister Mumie.«
»Du kennst die Regel: In der Ruhe liegt die Kraft, die uns stets die Ordnung schafft.«
Fanni kennt ihren Lehrer gut genug, um zu wissen, dass es nichts bringt, sich jetzt aufzulehnen. Wer 4000 Jahre lang im alten Ägypten Pharaonen ausgebildet hat, der kann nicht einfach seine Mullverbände wechseln und ein neuer Geist werden.
Fanni arbeitet also Punkt für Punkt ab und erklärt Mister Mumie genau, was passiert ist.
»Gut, hab verstanden«, meint Mister Mumie. Seine sandfarbenen Augen zwischen den Mullbinden sind hell und wach. Er streift die Gummihandschuhe ab, greift sich zwischen die Verbände und zieht einen Schlüssel hervor.
Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Mumie dreht sich auf dem Absatz um und wirbelt durch den Keller hinauf in den ersten Stock. Fanni muss wieder rennen. Die Mumie schließt in Windeseile die Waffenkammer auf, holt den Geistersauger und die Betäubungspfeile sowie Fannis Blasrohr heraus. Und ab geht es in Fannis Zimmer.
Das Bett ist frisch bezogen, der Schlafanzug liegt gefaltet auf dem Kopfkissen, selbst das Fangnetz hat Mister Mumie ordentlich an die Wand gehängt.
»Wissen Sie, wo der Geistersucher ist?«
»Du weißt, Fanni: Ein jedes Ding an seinem Ort, erspart viel Zeit und böse Wort.«
Fanni nerven diese Sprüche. Warum kann er ihr nicht einfach sagen, dass er auch nicht weiß, wo der Sucher ist? Sie durchwühlt die Kramkiste, findet aber nur eine Megapackung Antiverzauberungslutschbonbons, von denen sie sich gleich zwei in den...




