E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Theisen Anmachen für Anfänger
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7336-0089-1
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0089-1
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manfred Theisen geboren 1962, arbeitete nach seinem Studium u. a. acht Jahre als Redakteur einer Tageszeitung. Heute lebt er als freier Kinder- und Jugendbuchautor mit seiner Familie in Köln. Seine Romane wurden bereits in mehrere Sprachen übersetzt und ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Und das Spiel beginnt …
Dienstag
Der Typ ist echt ein Schwätzer. Erst erzählt er ihr ganz wichtig, dass er schon mal Fallschirm gesprungen sei. Und legt dann gleich nach: Das allergeilste Gefühl überhaupt, labert er, sei aber Kitebuggy fahren. Spliff zieht die Augenbrauen hoch.
»Angeber«, murmelt sie und trinkt einen Schluck Cola.
Jetzt kommt der Typ richtig in Fahrt. Wenn er sich so in seinem Buggy mit siebzig Sachen über den Strand von St. Peter Ording ziehen lasse, schwärmt er, fühle er sich »so unglaublich frei«. Laber Rhabarber.
Spliff gähnt. Das kennt sie schon. Die Nummer ist Standard bei Kerlen wie dem. Jetzt kommt er ihr gleich noch mit dem Boot von seinen Eltern. Sie trommelt ungeduldig mit den Fingernägeln auf die Tischplatte. Noch ein Schluck Cola. Kurzer Blick auf die Uhr. »Auf dem Wasser cruisen ist aber auch nicht schlecht«, tippt er. »Wir haben übrigens ein ziemlich cooles Teil im Hafen liegen …« Was für ein hohles Blablabla! So wie der angibt, klingt jedes Boot nach Yacht. Oh, und natürlich kennt er alle Surfgelände zwischen Nordseeküste und Barbados. Fehlt nur noch die Platin-Kreditkarte – und jetzt fragt er sie nach ihrer Telefonnummer. »Live kann man sich doch viel besser unterhalten.«
Spliff kichert.
»Oh Mann«, seufzt sie und schüttelt den Kopf. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Langsam steigt die Empörung in ihr hoch.
Ein Schluck Cola zur Abkühlung, dann schreibt sie freundlich und professionell: »An dieser Stelle breche ich ab. So long, Kiter.«
Zufrieden macht Spliff einen Haken auf ihrer Liste. Geschafft, das war vorerst der Letzte. Draußen ist so ein wunderschöner heller Tag, da sollte man sich nicht ärgern. Andererseits: Warum glauben diese Angebertypen eigentlich immer, dass sie jede Frau rumkriegen, einfach so?
Spliff zieht scharf die Luft durch die Zähne. Glauben solche Machos allen Ernstes, dass sie mit dieser Tour gute Frauen abkriegen?
Heute hat sie mit acht Männern gechattet. Zwei waren in Ordnung, fünf schlicht verblasene Zeit – und der hier ist einfach nur überheblich.
Spliff schüttelt noch einmal den Kopf. Na gut, sie liest wenigstens noch, was er auf ihre Abfuhr antwortet, nur der Vollständigkeit halber. Damit soll’s das aber auch gewesen sein. Typen wie der sind wie Herpes, sagt Adviye, sie kommen immer wieder. Spliff grinst.
Er schreibt: »Wie? Du brichst unseren Chat ab?«
Sie antwortet: »Tut mir leid, aber meine Mutter ruft nach mir.«
»Deine Mutter?«
»Hast du etwa keine?«
»Du musst verdammt gut aussehen, sonst könntest du nicht so eingebildet sein.«
»Das musst du schon selbst beurteilen. Guck auf mein Bild, links oben. ?«
Enter.
Spliff hält die Luft an. Hat sie das da wirklich geschrieben? , denkt sie. »Scheiße«, murmelt sie noch einmal und steht auf.
»Geht’s noch?«, schnaubt Julian und starrt fassungslos auf den Bildschirm. »Sehr witzig«, tippt er dann und nimmt einen Schluck Sprudel. Zur Abkühlung. Was glaubt die Tante eigentlich, wer sie ist? Schließlich ist auf ihrer Facebook-Profilseite nur das Symbolbild zu sehen, mehr nicht. Was hat ihn da nur geritten, als er überhaupt auf ihre Freundschaftsanfrage eingegangen ist? Langeweile? Er hat ihr sein halbes Leben verraten und sie ihm null von sich. Außer dass sie Christie heißt. , denkt Julian.
Sie greift nach dem iPad und schlendert damit zum Kleiderschrank. Aus dem Spiegel in der Schranktür lächelt Spliff ihr eigenes Gesicht entgegen: zwei Grübchen rechts und links, tief wie Tropfen. Sie öffnet leicht den Mund und gibt den Blick auf ihre perfekten Zähne frei. Jeder einzelne, weiß und gerade, ist eine Reklame.
Sie ist niedlich. Keine Frage. Nur mit ihrem Namen hadert sie manchmal. Spliff heißt schließlich keiner, den sie kennt. Und wer weiß heute bitte noch, dass sich so nicht nur die deutsche 80er-Jahre-Lieblingsband von ihrer Mutter nannte, sondern dass Spliff auch noch ein anderes Wort für Joints ist. Sie seufzt. »Wer Birgit kennt, den wundert nichts mehr!«, sagt Sandro immer. Und der muss es ja wissen. Schließlich ist er das Beste, was Mama seit Langem passiert ist.
Spliff lächelt. Ihr Spiegelbild lächelt selbstbewusst zurück. Ja, sie ist wirklich hübsch. Wenn sie lächelt, sind die Männer bereit.
Sie schlendert zurück zum Schreibtisch und tippt: »Hi, Julian. Ich geb dir einen Hinweis, ganz gratis. Du solltest nicht ständig von dir reden, sondern dich vor allem für deine Chatpartnerin interessieren. Wie ich auf deinem Profil sehe, bist du doch eigentlich ein hübscher Junge, also versau es dir nicht durch dünnes Gerede. Lass einfach mal die ganzen ICHICHICHs weg, dann kommst du garantiert weiter. Es fällt nämlich nicht jede auf dein Platin-Credit-Card-Gehabe rein.«
Seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: »Kennst du das Märchen vom hässlichen Entlein?«
»Warum?«
»Es könnte dir Hoffnung geben.«
»Nicht jede, die im Netz nicht gleich ihre ganze Identität preisgibt, ist automatisch hässlich.«
»Sondern … ?«
»Ich muss jedenfalls weiter.«
»Haare färben?« Er muss grinsen, als er dies in die Tastatur hackt. Sie hat angebissen. Vielleicht steht sie nicht auf ihn, aber aus der Reserve locken lässt sie sich trotzdem.
»Okay, ich geb’s zu, Mr SUPERMANN. Ich bin hässlich, hab ’nen Kopf wie ’ne Ananas und bin fett wie ’n .«
»Yes, Misses-Know-It-All. I believe that ?.«
Spliff schäumt. Was bildet sich der Idiot überhaupt ein? Da gibt sie ihm einen guten Rat, ganz gratis und gut gemeint, und was macht der Typ? Hat nichts Besseres zu tun, als sie blöd von der Seite anzumachen. »Geh einfach auf www.a-date-a-day.de und guck dir mal die Frau an, die da fürs Daten zuständig ist«, schreibt sie und könnte sich im nächsten Moment ohrfreigen dafür.
Der Curser blinkt unruhig vor sich hin. Der Typ lässt sich Zeit. Wahrscheinlich surft er gerade auf www.a-date-a-day.de …
Doch das tut er nicht, denn Julian gießt sich gerade Sprudel nach und schreibt provozierend: »Du sollst echt fürs Daten zuständig sein?«
»Exakt. Genau das bin ich. Guck nach oder lass es.«
Julian pfeift durch die Zähne. »Wow, na, die hat es ja echt nötig.« Doch als er ihr wieder schreiben will, ist sie schon nicht mehr online. Wie ätzend! Andererseits: Wenn sie so viel Wert darauf legt, dass er ihr Foto sieht, kann sie nicht hässlich wie die Nacht sein. Oder doch? Dann hätte sie aber ein Problem. Soll es aber ja auch geben. Er kann nicht anders, googelt sofort die Seite. Da: www.a-date-a-day.de – .
Er klickt sich durch die einzelnen Kategorien. Startseite, Dating-Hilfe, Pick ups, Flirten lernen, Erfolgsstorys, FAQ, Kontakt. Einen Blog gibt es auch. Julian klickt auf das Icon BLOG. Eine gewisse Spliff Schellmann leitet ihn. Sie ist eine Datedoc – was auch immer das genau sein mag.
Er liest:
GODZILLA&: »Hab SIE kennengelernt. Bin auf SIE zugegangen, ganz nach Plan. Und SIE? Ist einfach weg. ???«
QUEEN17: »Ist irgendwas Abschreckendes an dir? Würde dann vielleicht auch weglaufen.«
GODZILLA&: »Denk nicht!«
QUEEN17: »Hoffe nicht, dass du dich selbst falsch einschätzt.«
HAWAIIFUN: »Ich kenne Godzilla! Der hat zwar keinen BUCKEL, aber seine Körperhaltung ist furchtbar. Schultern vor, Brust zurück. Wenn der irgendwo reinkommt, ist der Raum nicht voller, eher leerer. ?«
SPLIFF (DATEDOC): »Bitte keine DizzSprüche, lieber HawaiiFUN. Think positive! Du gehst auch nicht immer mit durchgestrecktem Kreuz aufs Target zu.«
HAIWAIIFUN: »Klar tu ich das. ? Höre ja stets auf meine Lehrmeisterin Spliff!!!!«
GODZILLA&: »Rufe Datedoc!...




