E-Book, Deutsch, 992 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Thackeray Jahrmarkt der Eitelkeit
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402482-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman ohne Helden
E-Book, Deutsch, 992 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-402482-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
William Makepeace Thackeray wurde 1811 in Kalkutta geboren und starb 1863 in London. Neben Charles Dickens gilt er als der bedeutendste englische Autor des Viktorianismus. Sein berühmter Roman »Jahrmarkt der Eitelkeit« erschien 1847-1848 als Fortsetzungsgeschichte im Londoner Satire-Magazin »Punch«.
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Zweites Kapitel Fräulein Sharp und Fräulein Sedley schicken sich zur Eröffnung des Feldzuges an
Als Fräulein Sharp die im vorigen Kapitel erwähnte heroische Tat getan und das Wörterbuch über das Pflaster des kleinen Gartens hinweg vor des erstaunten Fräulein Jemimas Füße hatte fallen sehen, nahm das Gesicht der jungen Dame, das vor Haß fast totenbleich ausgesehen hatte, ein Lächeln an, das aber kaum angenehmer war, und sie sank erleichterten Gemüts auf ihren Sitz zurück, indem sie sagte: »Das Wörterbuch ist erledigt; Gott sei Dank, daß ich aus Chiswick heraus bin.«
Fräulein Sedley war über diese rebellische Handlung fast ebenso erschrocken, wie es Fräulein Jemima gewesen war; man bedenke, sie hatte eben in dieser Minute die Schule verlassen, und die Eindrücke von sechs Jahren verlieren sich doch nicht gleich. Nein, bei manchen Leuten dauern solche Ängste und Schrecken aus der Jugendzeit sogar für immer und ewig. Ich kenne zum Beispiel einen ältern Herrn von achtundsechzig Jahren, der eines Morgens beim Frühstück mit sehr erregtem Gesicht zu mir sagte: »Ich träumte heute Nacht, daß Dr. Raine mir die Rute gab.« Die Phantasie hatte ihn in jener Nacht fünfundfünfzig Jahre zurückgetragen. Dr. Raine und seine Rute schienen ihm mit achtundsechzig noch so schrecklich wie einst mit dreizehn. Wenn ihm der Doktor selbst leibhaftig im achtundsechzigsten Jahre mit einer großen Rute erschienen wäre und mit schrecklicher Stimme gerufen hätte: »Junge, zieh die Hosen runter!?« – Nun, wir wollen das nicht ausmalen – genug, Fräulein Sedley war über diese respektlose Tat furchtbar erschrocken.
»Wie konnten Sie das nur tun, Rebekka?« sagte sie endlich nach einer Pause.
»Wie, denken Sie denn etwa, daß Fräulein Pinkerton herauskommen und mich wieder in das schwarze Loch zurückholen wird?« sagte Rebekka lachend.
»Nein, aber –«
»Ich hasse das ganze Haus,« fuhr Fräulein Sharp wütend fort, »ich hoffe, es nie wieder vor Augen zu sehen. Ich wünschte, es läge auf dem Grund der Themse, wahrhaftig! Und wenn Fräulein Pinkerton darin wäre, so würde ich sie ganz gewiß nicht herausholen. Oh, wie gern sähe ich sie auf dem Wasser schwimmen, mitsamt ihrem Turban, ihrer langen Schleppe und ihrer Nase, die wie der Schnabel eines Kahns aussieht.«
»Scht!« machte Fräulein Sedley.
»Ach was – wird etwa der schwarze Diener klatschen?« sagte Rebekka lachend. »Er kann gern zurückgehen und Fräulein Pinkerton erzählen, daß ich sie von ganzer Seele hasse, und ich möchte sogar, daß er es täte, ja, ich wünschte, ich könnte es ihr auch beweisen. Zwei Jahre lang habe ich nur Beleidigungen und Beschimpfungen von ihr erduldet. Ich bin schlechter behandelt worden als die geringste Küchenmagd. Ich habe außer von Ihnen nie ein freundliches oder gütiges Wort bekommen. Ich mußte die kleinen Kinder in den untersten Klassen warten und mit den jungen Damen Französisch sprechen, bis mir meine eigne Muttersprache zum Ekel wurde. Aber daß ich zu Fräulein Pinkerton Französisch sprach, das war doch ein Hauptspaß, nicht wahr? Sie versteht kein Wort Französisch, war aber immer zu stolz, es einzugestehen. Ich glaube, deshalb schickte sie mich auch fort, und darum sei dem Himmel Dank für das Französische. Es lebe Frankreich! Es lebe der Kaiser! Es lebe Bonaparte!«
»O Rebekka, Rebekka, schämen Sie sich!« rief Fräulein Sedley; denn von allem, was Rebekka bis jetzt gesagt hatte, war dies die größte Blasphemie; in jenen Tagen bedeutete in England: »Lang lebe Bonaparte!« soviel wie: »Lang lebe Luzifer!« »Wie können Sie, wie wagen Sie es nur, solche gottlosen, rachevollen Gedanken zu haben?«
»Rache mag gottlos sein, sie ist aber natürlich,« entgegnete Rebekka. »Ich bin kein Engel.« Und, der Wahrheit die Ehre, das war sie auch wirklich nicht. Vielleicht hat der Leser bemerkt, daß Rebekka im Laufe dieser kleinen Unterhaltung (die stattfand, während der Wagen gemächlich am Flusse entlang rollte) zweimal Anlaß nahm, dem Himmel zu danken, das erste Mal für ihre Befreiung von einer Person, die sie haßte, und das zweite Mal, weil es ihr gelungen war, ihre Feinde in eine Art Verwirrung oder Ratlosigkeit zu bringen, und keines von diesen beiden Ereignissen ist ein sehr liebenswürdiger Anlaß zu religiöser Dankbarkeit, und freundliche, versöhnliche Menschen würden einen solchen gewiß nicht suchen. Rebekka Sharp war aber auch nicht im geringsten freundlich und versöhnlich. Alle behandelten sie schlecht, sagte die junge Menschenfeindin; nun, wir können mit ziemlicher Gewißheit annehmen, daß ein Mensch, den alle schlecht behandeln, die Behandlung, die ihm zuteil wird, auch vollkommen verdient. Die Welt ist ein Spiegel und gibt jedem das Abbild seines eignen Antlitzes zurück. Mach ihr ein böses Gesicht, so wird sie dich wieder finster ansehen, lache sie an und lache mit ihr, so ist sie dir ein freundlicher, gutmütiger Gefährte; darum mögen denn alle jungen Leute selber wählen. Soviel ist sicher: wenn die Welt Fräulein Sharp vernachlässigte, so hatte sie auch gewiß nie irgend jemandem etwas Gutes getan; auch kann nicht erwartet werden, daß vierundzwanzig junge Damen alle so liebenswürdig sein sollen wie die Heldin dieser Geschichte, Amelia Sedley (die wir, gerade weil sie am besten dazu paßte, dazu erwählt haben, sonst hätte uns ja nichts in der Welt hindern können, Fräulein Swartz oder Fräulein Crump oder Fräulein Hopkins an ihren Platz als Heldin zu stellen). Man konnte nicht erwarten, daß eine jede so bescheiden und sanft wie Fräulein Amelia Sedley war und jede Gelegenheit ergriff, um Rebekkas Hartherzigkeit und Übellaunigkeit zu besiegen, und durch tausend freundliche Worte und Handlungen einmal wenigstens ihre Feindseligkeit gegen ihre Mitmenschen zu bezwingen.
Fräulein Sharps Vater war Künstler gewesen und hatte in Fräulein Pinkertons Schule Zeichenunterricht gegeben. Er war ein geschickter Mann, ein angenehmer Gesellschafter, ein sorgloses Menschenkind, das gern Schulden machte und gern ins Wirtshaus ging. Wenn er betrunken war, pflegte er Frau und Tochter zu schlagen und am nächsten Morgen im Katzenjammer die Welt wegen der Vernachlässigung seines Genies zu schmähen und mit vielem Witz, ja manchmal sogar mit vollem Rechte, die Narren, seine Malerkollegen, zu verspotten. Da er sich nur mit äußerster Schwierigkeit selbst erhalten konnte, und eine Weile im Umkreise von Soho, wo er lebte, überall Geld schuldig war, so wollte er seine Verhältnisse aufbessern und heiratete eine junge Französin, eine Statistin bei der Oper. Der niedere Rang ihrer Mutter wurde von Fräulein Sharp nie erwähnt, sondern sie behauptete in der Folge stets, daß die Entrechats eine edle Gascogner Familie seien, und daß sie sehr stolz darauf sei, von ihnen abzustammen. Und merkwürdig: in eben dem Maße, wie Fräulein Sharp im Leben stieg, nahmen auch die Voreltern der jungen Dame an Rang und Glanz zu.
Rebekkas Mutter hatte irgendwie eine gewisse Erziehung genossen, und ihre Tochter sprach ein reines Französisch mit pariserischem Akzent. Das war zu jener Zeit eine Seltenheit, und diese Kenntnisse verschafften ihr die Anstellung bei dem sonst so strenggläubigen Fräulein Pinkerton. Als nämlich ihre Mutter gestorben war, schrieb ihr Vater, der nach dem dritten Anfall von Delirium tremens keine Hoffnung auf Genesung mehr hatte, einen mannhaften und pathetischen Brief an Fräulein Pinkerton, in dem er die Waise ihrem Schutze empfahl. Hierauf war er ins Grab gesunken, nachdem noch zwei Gerichtsvollzieher über seinem Leichnam gekämpft hatten. Rebekka war siebzehn Jahre alt, als sie nach Chiswick kam und als Freischülerin angenommen wurde. Ihre Aufgabe war, wie wir gesehen haben, Französisch zu sprechen; dafür erhielt sie Wohnung und Kost, jährlich ein paar Guineen und die Erlaubnis, von den Lehrern, die bei der Schule angestellt waren, so viele Kenntnisse einzuheimsen, wie sie konnte.
Sie war klein und schlank von Gestalt, blaß, mit sandgelbem Haar; die Augen hielt sie gewöhnlich niedergeschlagen, aber wenn sie aufsah, waren sie sehr groß und seltsam anziehend, so anziehend, daß der frisch von Oxford angekommene Herr Crisp, der Helfer des Vikars von Chiswick, des ehrwürdigen Herrn Flowerdew, sich in Fräulein Sharp verliebte, nachdem ein Blick ihrer Augen, der von dem Kirchenstuhl des Pinkertonschen Pensionats nach der Kanzel hinüberflog, ihn getroffen und tödlich verwundet hatte. Der unglückliche junge Mann, der bisweilen bei Fräulein Pinkerton, einer Bekannten seiner Mama, Tee trank, hatte tatsächlich in einem der einäugigen Apfelfrau zur Besorgung übergebenen Briefe Fräulein Sharp gewissermaßen die Ehe angetragen. Der Brief wurde abgefangen, Frau Crisp wurde von Burton herbeigerufen und brachte ihren geliebten Sohn eiligst fort; aber der bloße Gedanke, daß so ein Adler sich im Chiswickschen Taubenschlage befände, verursachte in Fräulein Pinkertons Busen solchen Aufruhr, daß sie Fräulein Sharp fortgeschickt hätte, wenn sie nicht durch einen Vertrag bei Strafe an sie gebunden gewesen wäre. Natürlich glaubte sie auch niemals den Beteuerungen der jungen Dame, daß sie nie auch nur ein einziges Wort mit Herrn Crisp gewechselt habe, als unter Fräulein Pinkertons eigenen Augen, bei der sie ihn zweimal am Teetisch getroffen hatte.
Neben vielen großen und vollkommen entwickelten jungen Damen, die der Anstalt angehörten, sah Rebekka Sharp wie ein Kind aus. Aber sie besaß die traurige Frühreife der Armut. Manchen Mahner hatte sie begütigt und von ihres Vaters Tür weggebracht, manchen Krämer in gute Laune geschwatzt und durch ihr Schmeicheln zu neuem Kredit beredet. Sie saß meist bei ihrem Vater, der auf ihren Witz sehr stolz war, und lauschte dem Geschwätz seiner...




