Tey | Der falsche Erbe | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Tey Der falsche Erbe


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70603-8
Verlag: OKTOPUS bei Kampa
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-311-70603-8
Verlag: OKTOPUS bei Kampa
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Latchetts, ein Anwesen in Südengland, das seit mehr als dreihundert Jahren von der wohlhabenden Familie Ashby bewirtschaftet wird. Als der letzte Herr von Latchetts und seine Frau bei einem tragischen Flugzeugunglück ums Leben kommen, hinterlassen sie fünf Kinder. Die zwei ältesten, die Zwillinge Patrick und Simon, sind elf Jahre alt; der wenige Minuten früher geborene Patrick soll einmal alles erben. Doch kurz nach dem Tod der Eltern verschwindet er, auf einer Klippe findet man seine Kleidung und einen Abschiedsbrief. Die Familie versucht, ihren Frieden mit seinem Entschluss zu machen, mit der Zeit verblassen die Erinnerungen an den tragischen Tag – bis Jahre später, kurz vor der Volljährigkeit Simons, ein charmanter junger Mann auftaucht, der dem künftigen Erben zum Verwechseln ähnlich sieht und behauptet, Patrick zu sein. Er kennt Details aus der Vergangenheit der Familie und jeden Zentimeter des Anwesens. Alle glauben, dass der Mann Patrick ist. Alle, bis auf Simon.

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I


»Tante Bee«, sagte Jane und blies heftig auf ihre Suppe,»wer war erfinderischer: Noah oder Odysseus?«

»Iss nicht von der Löffelspitze, Jane.«

»Von der Seite komme ich nicht an die Nudeln.«

»Ruth schon.«

Jane warf einen Blick auf ihre Zwillingsschwester, die adrett und manierlich mit den Vermicelli fertigwurde.

»Sie hat einen stärkeren Zug als ich.«

»Tante Bee hat ein Gesicht wie eine sehr teure Katze«, sagte Ruth, die Tante von der Seite beäugend.

Bee dachte bei sich, der Vergleich sei gar nicht schlecht; aber es wäre ihr doch lieber gewesen, wenn Ruth ihre naseweisen Bemerkungen für sich behalten hätte.

»Also, wer war der Erfinderischste?«, sagte Jane, die sich nie von einem Weg abbringen ließ, auf den sie einmal ihren Fuß gesetzt hatte.

»Der erfinde-ri-sche-re!«, verbesserte Ruth.

»Also wer? Noah oder Odysseus? Simon, was meinst du?«

»Odysseus«, sagte der Bruder, ohne von seiner Zeitung aufzusehen.

Typisch Simon, dachte Bee, die Starterliste für Newmarket lesen, Pfeffer in seine Suppe streuen und der Unterhaltung zuhören, alles zur gleichen Zeit. »Weshalb, Simon? Wieso Odysseus?«

»Der hatte keinen so guten Wetterdienst wie Noah. Wo war denn Firelight beim Rennen für alle Gewichtsklassen, erinnerst du dich daran?«

»Ach, ganz weit hinten«, sagte Bee.

»Eine Volljährigkeitserklärung ist ein bisschen wie eine Hochzeit, nicht, Simon?« Das war wieder Ruth.

»Alles in allem schöner.«

»Ach nein …?«

»Auf seiner Volljährigkeitsfeier kann man dableiben und mittanzen. Was man auf seiner eigenen Hochzeit nicht kann.«

»Auf meiner Hochzeit bleibe ich da und tanze mit.«

»Von dir habe ich das nicht anders vermutet.«

Ach, du meine Güte, dachte Bee, es muss Familien geben, wo bei Tisch wirkliche »Konversation« gemacht wird; wenn ich bloß wüsste, wie die das fertigbringen. Vielleicht war ich nicht streng genug.

Sie blickte den Tisch entlang auf die drei über ihre Teller gebeugten Köpfe, zuletzt auf Eleanors noch leeren Platz, und legte sich die Frage vor, ob sie ihnen gerecht geworden sei. Würden Bill und Nora zufrieden sein mit dem, was sie aus ihren Kindern gemacht hatte? Wenn die beiden durch ein Wunder jetzt plötzlich eintreten könnten, so jung, so hübsch, so froh, wie sie in den Tod gegangen waren, würden sie dann sagen: »Ach ja, genauso haben wir sie uns vorgestellt; selbst dass Jane aussehen würde wie ein Gassenjunge.«

In Bees Augen kam ein Lächeln, als sie sie auf Jane ruhen ließ.

Die Zwillinge gingen ins zehnte Jahr und glichen einander wie ein Ei dem anderen. Das heißt: im sozusagen technischen Sinn des Wortes. Trotz ihrer physischen Ähnlichkeit waren sie unverwechselbar; auf den ersten Blick ließ sich jederzeit sagen, welche von beiden Jane und welche Ruth war. Sie hatten beide die gleichen schlichten, flachsblonden Haare, das gleiche schmale, feinknochige Gesicht mit dem gleichen blassen Teint, auch denselben geraden, offenen Blick mit einem Anflug von keckem Trotz darin; aber damit war die Übereinstimmung auch zu Ende. Jane trug ziemlich schmuddelige, eng anliegende indische Reithosen – sogenannte Jodhpurs – und einen jeder Form entbehrenden Pullover, den herausgezupfte Wollfäden umflatterten wie Festwimpel. Ohne Zuhilfenahme eines Spiegels hatte sie ihre Haare zurückgestrichen und mittels einer unnachgiebigen Klammerspange zusammengesteckt, die so alt war, dass ihre ursprüngliche Stahlfarbe wieder zum Vorschein kam wie bei jahrelang gebrauchten Haarnadeln. Jane war leicht fehlsichtig und trug daher, zumindest in Gegenwart höherer Instanzen, eine Hornbrille. Diese führte jedoch meistenteils ein verborgenes Dasein in der hinteren Tasche der Reithose, und Jane setzte, legte oder stützte sich so oft darauf, dass sich ihre Finanzen in einem Dauerzustand des Bankrotts befanden, da Reparaturen, die über den dafür angesetzten Jahresetat hinausgingen, aus der Sparbüchse beglichen werden mussten.

Zu und von den Schulstunden im Pfarrhaus ritt Jane auf dem alten Schimmelpony Fourposter, wobei ihre schmächtigen Beinchen rechts und links abstanden wie Strohhalme. Fourposter war seit undenklichen Zeiten kein Reittier mehr, sondern ein Verkehrsmittel; er sah einem dickbauchigen Fässchen nicht unähnlich, war breit und weich wie ein Federbett und auch beinahe ebenso zahm.

Ruth andererseits trug einen rosa Baumwollkittel, der noch ebenso frisch aussah wie am Morgen, als sie sich für die Fahrt zum Pfarrhaus aufs Fahrrad gesetzt hatte. Ihre Hände waren sauber, ihre Nägel nicht abgebrochen, und ihre zwei Zöpfe hatte sie mittels eines irgendwo aufgetriebenen rosa Bändchens zu einem Kranz zusammengewunden.

Acht Jahre, dachte Bee. Acht Jahre des Kopfzerbrechens, des Zusammenhaltens, des Rechnens. Nun aber ging es binnen sechs Wochen mit ihrem Amt als getreuer Vormund zu Ende. In wenig mehr als einem Monat wurde Simon einundzwanzig, trat er die Erbschaft seiner Mutter an, und damit waren die mageren Jahre vorüber. Die Ashbys waren nie reich gewesen, aber solange ihr Bruder lebte, hatte es nie an den Mitteln gefehlt, um Latchetts – das Haus und die drei dazugehörigen Bauernhöfe – so instand zu halten, wie es sich gehörte. Lediglich Bills plötzlicher Tod trug die Schuld für den fast an Armut grenzenden Zustand der letzten acht Jahre. Und lediglich Bees Energie war es zu danken, dass das Vermögen ihrer Schwägerin im nächsten Monat unangetastet ihrem Sohn zukommen würde. Auf diese künftige Erbschaft war nicht das kleinste Darlehen aufgenommen worden – selbst nicht, als Mr Sandal von Cosset, Thring & Noble sich bereit erklärt hatte, eine solche Transaktion zu unterstützen. Latchetts musste für sich selbst aufkommen, hatte Bee gesagt. Und jetzt nach acht Jahren erhielt sich Latchetts noch immer selbst und war schuldenfrei.

Über den Blondkopf des Neffen hinweg konnte sie durchs Fenster die weißen Stangen der Südkoppel sehen und das Aufblitzen des Schweifs der alten Regina im Sonnenlicht erhaschen. Ja, die Pferde waren ihrer aller Rettung gewesen. Die Pferde, die ihres Bruders Liebhaberei gewesen, hatten sich als die Erhalter seines Hauses erwiesen. Trotz Krankheiten, Unfällen und sonstigen Unzuträglichkeiten, gegen die man bei der Pferdezucht ankämpfen muss, hatten die Gäule Jahr für Jahr etwas eingebracht. Es hatte sich gelohnt; die Brühe hatte nie mehr gekostet, als die Brocken wert waren. Als es sich herauszustellen schien, dass das kleine Gestüt, an das ihr Bruder all seine Liebe gehängt hatte, allein nicht genügend abwarf, hatte Bee es durch die kleinen abgehärteten Ponys für Kinder ergänzt, mit denen sich die kälteren Weiden am Dünenhang ausnutzen ließen. Eleanor hatte allerhand ausrangierte Gebrauchspferde zu »lammfrommen Reittieren für Damen« abgerichtet und sie mit Nutzen an den Mann oder genauer: an die Frau gebracht. Und nachdem nun das Schloss in ein Landschulheim umgewandelt war, gab sie gegen keineswegs zu verachtendes Honorar Reitstunden.

»Eleanor kommt recht spät, nicht?«

»Ist sie mit La Parslow ausgeritten?«, fragte Simon.

»Mit der kleinen Parslow, jawohl.«

»Der unglückselige Gaul ist vermutlich tot umgefallen.«

Simon stand auf, um die Suppenteller wegzunehmen und den Fleischgang zur Verteilung von der Anrichte zu holen, wobei Bee ihm mit von Kritik nicht ganz freier Wohlgefälligkeit zusah. Zumindest hatte sie es fertiggebracht, Simon nicht zu verziehen, was in Anbetracht von Simons charmantem Egoismus keine kleine Leistung war. Simon hatte eine reizende Art, sich nach außen hin als unselbstständig zu geben, worauf von der Kinderstube an Gott und die Welt hereingefallen waren. Bee hatte die Entwicklung dieses trügerischen Charakterzugs mit Belustigung und zugleich mit etwas wie widerstrebender Bewunderung beobachtet; sie sagte sich, dass, wenn sie von Natur mit dieser Simon eigenen Spezialsorte von Charme ausgestattet gewesen wäre, sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht gezögert hätte, sich auf seine Wirkung zu verlassen. Aber sie hatte dafür gesorgt, dass er bei ihr nicht wirkte.

»Es wäre doch nett, wenn zu einer Volljährigkeitsfeier auch so etwas wie Brautjungfern gehörten«, bemerkte Ruth, während sie ihre Fleischportion mit kritisch prüfender Gabel hin und her schob.

Die Bemerkung fiel jedoch auf steinigen Boden.

»Der Herr Pfarrer sagt, der Odysseus sei wahrscheinlich ein schrecklicher Kerl gewesen, der immer im Haus im Weg gewesen sei«, fing die unbeirrbare Jane wieder an.

»Soso!«, sagte Bee, die dieses auf die klassische Literatur fallende Seitenlicht nicht uninteressant fand. »Inwiefern denn?«

»Er sei bestimmt ein … ein Bastler gewesen, sagte der Pfarrer, und die Penelope wär’ wahrscheinlich schön froh gewesen, als sie ihn für eine Weile los war. Ach, wenn doch Leber nicht so glitschig wäre!«

Eleanor trat ein und nahm sich in ihrer ruhigen, wortlosen Art ihre Portion von der Anrichte.

»Püh!«, rief Ruth aus. »Was für ein Stallgeruch!«

»Du kommst ja recht spät, Nell«, sagte Bee in fragendem Ton.

»Nie lernt die reiten«, sagte Eleanor. »Sie kann noch nicht einmal leicht traben.«

»Vielleicht können Irre nicht reiten lernen«, meinte Ruth.

»Ruth«, sagte Bee, sie energisch zurechtweisend, »die Zöglinge auf dem Schloss sind nicht irrsinnig. Sie sind nicht einmal schwachsinnig. Sie sind nur ›schwierig‹.«

»›Schwer erziehbar‹ lautet der Fachausdruck«, sagte Simon.

»Na schön. Aber sie benehmen sich doch wie die Irrsinnigen. Wenn sich einer wie ein Irrsinniger benimmt, woher soll man dann wissen, dass er keiner ist?«

Da hierauf...


Tey, Josephine
Josephine Tey ist das Pseudonym der schottischen Autorin Elizabeth MacKintosh (1896–1952), die vor allem für ihre Kriminalromane bekannt geworden ist. Mit dem Schreiben begann sie, nachdem sie ihre Arbeit als Sportlehrerin aufgeben musste, um ihre Mutter zu pflegen, die an Krebs erkrankt war. Nach deren Tod kümmerte sich Tey um den Vater und blieb auch danach in ihrem Elternhaus wohnen. Tey lebte sehr zurückgezogen, mied Interviews und öffentliche Auftritte. Sie starb im Alter von 55 Jahren während einer Reise nach London. Ihr Roman Alibi für einen König wurde von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers’ Association zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt und 1969 mit dem Grand prix de littérature policière ausgezeichnet.



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