E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Teschke Rügen und Hiddensee
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-455-85006-2
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-455-85006-2
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Holger Teschke wurde in Bergen in eine alte Rügener Familie hineingeboren und fuhr als Maschinist zur See. Nach einem Regiestudium arbeitete er zunächst als Dramaturg und Autor am Berliner Ensemble. Mittlerweile führen ihn Lehrtätigkeit und Theaterarbeit bis nach Amerika, Australien und Südostasien. Teschke schreibt Stücke und Hörspiele und hat Prosa, Essays sowie Gedichte publiziert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vorspann
VORAUS
NACH STRALSUND
AM KAP ARKONA MIT SAXO GRAMMATICUS
IN ALTENKIRCHEN MIT KOSEGARTEN
VON ALTENKIRCHEN ÜBER DIE INSEL BIS NACH HIDDENSEE
ZUM KLEINEN INSELBLICK MIT RINGELNATZ UND MUSCHELKALK
IN BINZ MIT ELIZABETH VON ARNIM
IN PUTBUS MIT WOLFGANG KOEPPEN
AUF MÖNCHGUT MIT LYONEL FEININGER
VON GÖHREN NACH SASSNITZ
VON SASSNITZ BIS ZUM KÖNIGSTUHL
REGISTER
Autor
NACH STRALSUND
Ich fahre fast immer mit dem Zug nach Rügen. Wer nicht vor und auf der Insel stundenlang im Stau stehen will, verzichtet auf das Auto und nimmt lieber ein Fahrrad mit. Besonders gern lese ich während der Zugreise in Johann Jacob Grümbkes Streifzügen durch das Rügenland von 1805, die besser auf Wanderungen vorbereiten als die meisten anderen Inselführer. Grümbke war ein Bergener Privatgelehrter und hat sein langes Leben damit verbracht, die Geschichte und die Geschichten der Insel aus den Archiven und Erinnerungen seiner Zeitgenossen vor dem Vergessen zu bewahren und auch die Schattenseiten des scheinbar romantischen Idylls zu beleuchten. Das hat ihm viel Spott und Verachtung eingetragen, denn auch auf Rügen gilt der Chronist als Nestbeschmutzer, wenn er nicht an der politischen Hofberichterstattung teilnimmt und sich besser auskennt als die beamteten Wind- und Karrierebeutel. Grümbke mochte seine wortkargen und wetterharten Landsleute, aber wie vor ihm schon die Chronisten Thomas Kantzow und Ernst Heinrich Wackenroder machte er sich keine Illusionen über ihre Schwächen. Sie sind in der Aufklärung noch unendlich weit zurück, schreibt er in den Streifzügen. Sie kleben hartnäckig an ihren Vorurteilen und in vielen Dingen herrscht ein weit größerer Aberglaube unter ihnen als auf dem benachbarten Continent von Pommern. Man findet sein Buch leider nur noch antiquarisch, aber wenn man es gefunden hat, dann hält man ein Hebelsches Schatzkästlein in den Händen.
Auf seiner Heimreise von Göttingen, wo Grümbke zwischen 1790 und 1792 Jura studierte, hat er an vielen Orten Station gemacht, an denen auch der Zug nach Stralsund hält und die durch abenteuerliche Verwicklungen mit der Inselgeschichte verbunden sind. In Berlin, der Stadt Schinkels, Chamissos, Schleiermachers, Kleists und Fontanes, die allesamt Rügen besucht und über die Insel geschrieben haben. Am Kloster Chorin, dessen Zisterzienser bis nach Hiddensee gekommen sind und wo Max Taut begraben liegt, der auf dieser Insel gebaut und gelebt hat. In Prenzlau am Ückersee, aus dem der Maler Jacob Philipp Hackert stammt, dem das Gutshaus Boldevitz die klassischen Bildertapeten verdankt und der versucht hat, Goethe nach Rügen zu locken. In Pasewalk, der einzigen uckermärkischen Hansestadt, deren Verbindungen schon früh bis nach Stralsund und Stockholm reichten und in der Ferdinand von Schill im berühmten Zweiten Pommerschen Kürassierregiment diente, dessen Chefin die Königin Luise war. In Greifswald, der Heimatstadt Caspar David Friedrichs, der die Insel mit seinen Kreidefelsen auf Rügen von 1818 weltberühmt gemacht hat, und das auch Hans Fallada und Wolfgang Koeppen zu seinen Söhnen zählt. Und schließlich in Stralsund, der schönsten pommerschen Hansestadt und großen Rivalin der Insel. Wizlaw I. von Rügen verlieh dem slawischen Fischerdorf Stralow am Strelasund schon 1234 das lübische Stadtrecht und hoffte, so eine Schutzfeste und einen Handelsplatz vor den Küsten seiner Insel zu gründen. Doch die Stralsunder wurden schnell zu selbstbewussten Hanseaten und dachten bald nicht mehr daran, nach der Pfeife der Rügenfürsten zu tanzen. Sie betrieben einen schwunghaften Handel mit nordischen Tuchen, Getreide und Erz und schickten ihrerseits Hering, Bier und Bernstein gen Süden. Auch der Schiffbau und der Pelzhandel mit Russland florierten, und Stralsund zeigte Rügen mit seinen prachtvollen Kirchen und festen Stadtmauern, dass es auf Schutz und Segen der Insulaner nicht mehr angewiesen war. Selbst den Truppen Wallensteins trotzte die Stadt im Dreißigjährigen Krieg, und wenn auch der Feldherr prahlte, er würde Stralsund herunterholen, selbst wenn es mit Ketten an den Himmel gebunden sei, er musste 1628 fluchend und unverrichteter Dinge wieder abziehen. Nach dem Westfälischen Frieden fielen Stralsund, Rügen und Hiddensee 1648 an das Königreich Schweden, dessen König Gustav II. Adolph auf dem Schlachtfeld von Lützen sein Leben für die protestantische Sache gelassen hatte. Die Schwedenzeit dauerte stolze 167 Jahre, und sowohl Stralsund als auch Rügen fuhren im Großen und Ganzen gut unter den Gouverneuren aus Stockholm. Der Altenkirchener Pfarrer Ludwig Gotthard Kosegarten brachte diese Zeit auf den dankbaren Zweizeiler:
Unter den Drei Kronen
Ließ sich's behaglich wohnen.
Ein Stoßseufzer, denn nach der Franzosenzeit zwischen 1807 und 1813 fielen Vorpommern und Rügen 1815 an Preußen, und mit der Behaglichkeit war es vorbei.
Die Rüganer haben sich gerade unter dem preußischen Kommiss immer als Südschweden gefühlt, und vor allem zu DDR-Zeiten wurde dieser Ära nachgetrauert. Wie schön wäre es gewesen, wenn man mit Schweden neutral bleiben, sich aus dem Tausendjährigen Reich und dem ersten Arbeiter-und Bauernstaat heraushalten und bis auf den heutigen Tag ein Königshaus hätte haben können. Hinterher ist man auch auf Rügen immer schlauer. Vorher wehten aber schon Mitte der zwanziger Jahre die ersten Hakenkreuzfahnen an der Küste, und die Nationalsozialisten feierten Wahlerfolge. Nachdem Gröfaz Hitler in den Amtsstuben abgehängt war und Generalissimus Stalin seinen Platz einnahm, folgten viele Rüganer dem revolutionären Aufruf der Partei zum Schlösserschleifen und Herrenhausplündern, und jahrhundertealtes Kulturgut ging unwiederbringlich verloren. Stalin hatte mit Rügen übrigens kühne Pläne. Als polnische Exilpolitiker von ihm 1944 bei Geheimverhandlungen in Moskau die Insel für ihr zukünftiges Staatsgebiet verlangten, ging er an die Landkarte, warf einen Blick auf die Ostsee und sagte kopfschüttelnd: »Das geht noch nicht. Rügen könnt ihr erst nach dem Dritten Weltkrieg haben.«
Wenn ich in Stralsund umsteige, schließe ich mein Gepäck im Bahnhof ein und nehme mir ein paar Stunden Zeit für einen Stadtbummel. Ich besuche Sankt Marien mit seinem barocken Posaunenengel und der Stellwagenorgel von 1659, das Kunsthistorische Museum mit dem Goldschatz von Hiddensee und den Bildern von Edith Dettmann, das alte Meeresmuseum im ehemaligen Katharinenkloster, wo im gotischem Chor ein Finnwalskelett schwebt und dessen Aquarien Riffhaie und Meeresschildkröten beherbergen. Ich spaziere durch die Rathausarkaden vorbei an der Büste Gustavs II. Adolph zum Alten Markt und bewundere die Rathausfassade mit den hanseatischen Wappen und Giebeln.
Vor dem Haus des berüchtigten Bürgermeisters Wulflam, angeblich Störtebekers Erzfeind und noch als Leichnam auf seinem Bürgermeisterstuhl thronend, denke ich an den Aufstieg der Hanse im Ostseeraum und den Preis von Monopolen. Ich werfe einen Blick in die Nikolaikirche mit ihrem prachtvollen Hochaltar und den gotischen Malereien, bestaune die astronomische Uhr Meister Lilienfelds von 1394 und das reichgeschnitzte Chorgestühl der Nowgorodfahrer. Die Löwensche Commandantur, der ehemalige Sitz der schwedischen Gouverneure, erinnert an die Schwedenzeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Schließlich komme ich im Hafen an und trinke ein Störtebeker-Bier mit Blick auf den alten Rügendamm, der seit 1935 Stralsund mit der Insel verbindet, und der neuen Rügenbrücke von 2007, einer architektonischen Scheußlichkeit der Neuzeit, die sich als Symbol der Hybris über den Strelasund spannt. Dieser Spaziergang ist auch ein kurzer Lehrgang in vorpommerscher Geschichte von Wizlaw I. bis zu Angela Merkel, denn Stralsund gehört, wie die Insel Rügen, zum Wahlkreis der Bundeskanzlerin.
Heute habe ich mich verbummelt und stehe mit meiner Rechercheliste vor der verschlossenen Tür des Stadtarchivs im Johanniskloster. Also zurück zum Hafen in die Ringelnatzbar, da kann ich am besten auf den Kutter warten, der mich nach Arkona bringen wird. An der Theke lehnt eine junge Frau im blauen Sommerkleid, das wie Fischschuppen glänzt. Kaum habe ich mein nächstes Störtebeker bestellt, fragt sie spöttisch: »Na, heute Bier statt Bücherstaub?«
»Woher wissen Sie?«, frage ich erstaunt.
»Ich wohne gegenüber vom Archiv und habe Sie da schon ein paar Mal gesehen.« Sie lächelt. Was suchen Sie denn heute?«
»Ein paar Rügenreisende aus grauer Vorzeit.«
»Na, dann zeigen Sie mal her.«
Ich lege meine Liste auf den Tresen, und sie überfliegt die Namen.
»Da haben Sie sich ja was vorgenommen. Was wollen Sie denn von denen?«
»Ich bin auf der Suche nach den Ursprüngen einer alten Sage.«
»Von welcher, wenn ich fragen darf?«
»Der Sage von der Seejungfrau auf dem Waschstein am Königstuhl.«
»Interessant.« Wieder lächelt sie. »Gut, ich werde sehen, was sich machen lässt.«
»Arbeiten Sie denn im Archiv? Ich habe Sie dort noch nie gesehen ...«
»Da hilft Ihnen das Archiv nicht weiter. Trinken Sie einen Küstennebel mit mir?«
Sie winkt, und vor uns erscheint ein wabernd-weißliches Getränk, das tatsächlich entfernt an Seenebel erinnert. Sie schiebt mir ein Glas hin und prostet mir zu.
»Sundine«, sagt sie.
»Sundine?«
»Aber ja. Erinnern Sie sich denn nicht?«
»Den Namen habe ich schon gehört, aber im Moment ...«
»Macht nichts. Möchten Sie diesen Herrschaften nicht gern persönlich begegnen?«
»Sie scherzen!«
»Keineswegs. Wenn ich mein Versprechen halte, darf ich mir dann etwas von Ihnen wünschen?«
»Gerne, aber für Seemannsgarn ist es wohl noch ein bisschen zu früh.«
»Ach, meine Großtante Miete hat immer gesagt: Wer morgens mit Trinken anfängt, der hat den ganzen Tag was davon.«
»Das hat meine Großtante auch gesagt. Allerdings auf plattdeutsch.«
»Und, können Sie's noch?«
»Und ob«, sage ich stolz. »Wegger all morgens suppt, de hett...




