E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Teran Gärten der Trauer
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-939483-81-6
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
ISBN: 978-3-939483-81-6
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In den USA und international gilt Boston Teran längst als einer der bedeutendsten Vertreter des Noir und verwandter Genres; viele seiner Romane wurden mit renommierten Literaturpreisen bedacht. Mit 'Gärten der Trauer' liegt jetzt erstmals eines seiner Werke in deutscher Übersetzung vor.
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Van
fünfzehn
Freiheit verlangt nach Widerstand.
Und Van lag im Brennpunkt dieses Widerstands. Dort sollte das armenische Volk seinen ersten großen Kampf um die eigene Zukunft ausfechten.
Selbst als Militär und Verwaltung in Van drakonische Maßnahmen gegen die armenische Gemeinschaft ergriffen, änderte das nichts an deren Entschlossenheit zum verdeckten Widerstand. Fußtruppen und Artillerie sahen sich immer wieder raffiniert ausgetüftelten Attacken ausgesetzt.
Im armenischen Viertel lungerten Jugendliche an Straßenecken und hielten in Wirklichkeit nach Polizisten Ausschau. Erblickten sie den Feind, gelangte der Hinweis zu Frauen, die an Fenstern und auf Dächern Wache hielten – auf Dächern von Häusern, an denen Gassen entlang führten, in denen Mitglieder der Daschnakzutjun – der Revolutionären Föderation – Kriegstaktiken probten. Nachts hockten die alten Männer im Lampenschein vor den Haustüren, rauchten ihre Tschibouks und spielten mit den Kleinen – während sie gleichzeitig Wache hielten, denn die jungen Männer schleppten Eimer voller Erde aus einem Netz unterirdischer Tunnel, das Wohnhäuser und Lagerhallen miteinander verband und den Kämpfern als Verbindungsweg diente.
Am Morgen nach ihrer Rückkehr aus Konstantinopel lenkte Alev Temple einen Wagen des Amerikanischen Krankenhauses, um einen Patienten wieder nach Hause zu bringen. Sie fuhr hinaus in die Vorstadt Aikesden, die zum armenischen Viertel von Van gehörte und den Beinamen «Gartenstadt» trug. Hier gab es Obstgärten und grüne Oasen, von Weiden umstanden. Sie erreichten einen Hof, in dem bereits die Kamele einer Karawane warteten, beladen mit schweren Kisten, in denen Öl transportiert wurde. Beim Lösen der Stricke fiel eine der Kisten zu Boden und sprang auf. Im Inneren aber befand sich gar kein Gefäß mit Öl, sondern man sah schwere schwarze Mauser-Pistolen, in Tücher gewickelt. Deutsche Waffen also, von türkischen Schmugglern an armenische Fedajin verkauft! Frauen und Kinder griffen rasch nach den Waffen, bargen sie in ihrer Kleidung und liefen davon.
*
An diesem Abend speiste Alev Temple im Haus von Doktor Charles Ulster. Er leitete ein Krankenhaus im armenischen Viertel und war damit in gewisser Hinsicht auch ein Vertreter der amerikanischen Regierung.
Neben Ulster und seiner Frau saßen dort noch Edwin Blake, Attaché des Britischen Konsulats, und ein Herr namens Harmon Frost. Frost war ein ungewöhnlicher Mann; er ähnelte dem einstigen Präsidenten Theodore Roosevelt, ein Vergleich, der ihm schmeichelte. Auf seiner Visitenkarte stand «Import und Export», doch das konnte in diesen Tagen alles und nichts bedeuten. Er war ein durch und durch politischer Mensch, und man munkelte, er arbeite in Wirklichkeit für das amerikanische Außenministerium und stecke hinter geheimen Operationen für die Entente.
An diesem Abend kam es in den Straßen wieder einmal zu Schießereien – und zwar heftiger als sonst. Während der letzten Wochen hatte sich eine Art Eskalation abgezeichnet, und sobald die Dämmerung hereinbrach, erfasste die Menschen eine Vorahnung des Schreckens.
Die Konversation während des Abendessens kreiste stets um politische Fragen und unmittelbare Bedrohungen. An diesem Abend drehte sich alles um ein einziges Thema – den Priester. Edwin Blake hatte sich gerade im Deutschen Konsulat befunden, als die Nachricht eintraf, einer Handvoll armenischer Fedajin sei es gelungen, sich den Weg ins Gefängnis von Erzurum freizuschießen und Malek zu befreien. Sogar die Flucht aus der Stadt hätten sie bewerkstelligt!
Die osmanischen Behörden in Van befanden sich in höchster Alarmbereitschaft, denn man ging davon aus, dass Malek sich auf dem Weg nach Van befand. Aus der Zitadelle, die der Zentralregierung unterstand, war offenbar Kavallerie ins Grenzland aufgebrochen, um diese Bande von Anarchisten abzufangen.
Die Nachricht von der Befreiung des Priesters hatte sich bereits wie ein Lauffeuer in den Straßen von Van verbreitet. Selbst Flüchtlinge aus entfernten Bezirken, die den Massakern entkommen waren, hatten schon von der Befreiung des Priesters gehört. Es war, als habe sich auf gleichsam telepathische Weise die Botschaft verbreitet, dass Reiter auf dem Weg seien, die bestehende Ordnung zu stürzen.
«Auf meinem Weg hierher», sagte Edwin Blake, «hörte ich einige Flüchtlingsgespräche. Sie erwähnten, der Zyklop sei gefallen.»
Die Frau des Arztes verstand das nicht.
«So nennen sie das Gefängnis von Erzurum», sagte Alev. «Der Zyklop.»
Der Name bezog sich auf den Wachturm mit seinem großen Kranz aus Gaslaternen, der sich unablässig drehte und in sämtlichen Vierteln der Stadt zu sehen war – und weit über die Stadt hinaus in die Finsternis der Ebene strahlte. Dieses unablässig brennende Auge galt als Symbol der Folter und Unterdrückung.
«Der Zyklop», wiederholte Edwin Blake. «Eine ländliche Phantasie, nicht wahr? Sehr folkloristisch.»
«Jedenfalls kennen sie ihre Mythologie», bestätigte Frost. Er nahm einen Schluck von dem Bier, das er sich eigens aus den Staaten hatte schicken lassen. «Ein abergläubischer Haufen. Mit ihrem Nazar, dem Bösen Blick, und all dem übrigen Unfug.»
«Vergessen Sie ihre Religion nicht», sagte Alev. «Soviel ich weiß, ist es ja auch Ihre.»
«Und Ihre», ergänzte Frost.
«Ja … und ich respektiere beide.»
«Ich bin sicher, dafür würde sich ein Sprichwort finden … aber der Ausgang solcher Debatten interessiert mich eigentlich nicht.»
Draußen wurden die Schüsse jetzt lauter; Alev entschuldigte sich und trat auf die Terrasse, die einen Blick über die ganze Stadt bot.
Van bestand eigentlich aus zwei Teilen: Da gab es die Festung mit der ummauerten Stadt oberhalb des Van-Sees, und es gab die Gartenstadt. Zwischen beiden erstreckte sich das türkische Viertel. Das amerikanische Gelände lag in der Gartenstadt, nur wenige Blocks von den Wohnungen und Läden der Türken entfernt. Es zog sich über eine leichte Anhöhe, bot damit einen guten Ausblick, war aber auch schon von weitem sichtbar.
Die Nacht war ungewöhnlich warm. In den Straßen herrschte ein reges Treiben. Im armenischen Viertel erklang überall Musik aus Grammophonen – ein Akt des Widerstands. Alev blickte hinaus auf die ummauerte Stadt und die Festung mit ihren staubigen Zinnen und den keilförmigen Inschriften aus einer Zeit, als dieses Land noch den Kindern Noahs gehörte. Am Tor hatte man Fackeln entzündet, ein Zeichen, dass Truppen im Anmarsch waren.
Alevs Gedanken kreisten gerade um Malek. Nach Abschluss seines Noviziats hatte er zusammen mit ihren Eltern in den Wohnheimen und Krankenstationen gearbeitet. Er hatte sie getauft, er hatte ihr als Priester die erste heilige Kommunion gereicht, und er hatte sie gefirmt. Er war ein Freund der Familie und ein Vertrauter. Sein Antlitz war das Gesicht der Feiertage und Hochfeste, und er hatte die Totenmesse für ihre ermordeten Eltern gefeiert.
Frau Ulster trat zu ihr hinaus.
«Für manche», bemerkte Alev, «ist all dies nur ein politisches Schachspiel.»
«Ach ja», fügte ihre Gastgeberin hinzu. «Warum stammen die weitreichendsten Erklärungen eigentlich immer von den kurzsichtigsten Menschen?»
Alev betrachtete die Krankenschwester mit ihrem strähnigen Haar und der Brille, hinter deren Gläsern sich Augen verbargen, die ein wenig resigniert blickten.
«Warum?»
«Weil diese Menschen so wenig sehen, dass sie nicht einmal merken, wie kurzsichtig sie sind.»
Von drinnen rief der Arzt nach den Frauen. Gemeinsam mit den anderen Herren begab man sich nun in den rückwärtigen Teil des Fachwerkhauses. Zwischen dem armenischen und dem türkischen Viertel verliefen klare Verteidigungslinien. Man hatte Gräben ausgehoben, Schießscharten in Lehmwände gebohrt und auf Straßen wie im offenen Gelände behelfsmäßige Schanzen angelegt. Im Süden dieses Areals, im Viertel Arak, war ein Feuer ausgebrochen. Ein armenischer Häuserblock samt Läden brannte gerade lichterloh, der Wind trieb die Flammen in die Höhe, so dass sie wie wild in einen schwarzen Himmel griffen. Der Wind trieb Funken über Dächer hinweg und Straßen hinab; von der Anhöhe erinnerten sie an einen wandernden Heuschreckenschwarm. Einheiten der Jungfeuerwehr eilten mit Wagen und Kutschen und allen verfügbaren Gerätschaften zur Brandstelle, bevor ganze Viertel zu Asche zerfielen.
Der Doktor deutete zum Festungsberg. Vor der türkischen Kaserne das Blitzen von Gewehrsalven, gefolgt vom harten Krachen der Schüsse. Die Armenier hinter ihren Barrikaden erwiderten das Feuer. Das Gefecht wurde heftiger, durch den Wind hindurch vernahm man leise Stimmen – aufgeregtes Rufen und Kommandos.
Vom Festungsberg neben der Militärakademie dröhnte jetzt der Donner der Artillerie, und man hörte das schrille Surren der Geschosse. Ein Haus jenseits der Schanzen erbebte in einer Wolke aus Staub und Ziegeln und sackte dann in sich zusammen. Im rauchenden Trümmerkrater brannte ein Feuer wie an einem dünnen Docht.
«Warum passiert das alles heute Nacht? Warum?», fragte die Frau des Arztes.
«Vergeltung», sagte Frost.
«Wofür?», wollte Alev wissen.
«Weil die Armenier den Tod mehr lieben als ihre eigene Regierung», antwortete Frost. «Weil die Armenier für die Entente sind. Weil die Armenier einfach nicht schnell und würdevoll sterben mögen. Weil die Türken sie nicht töten können, selbst...




