Temelkuran | Stumme Schwäne | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Temelkuran Stumme Schwäne


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-455-81425-5
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-455-81425-5
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ein unterhaltsamer und zugleich bedeutender Roman.« WDR 3 Im August 1980 macht nicht nur die Hitze den Menschen in Ankara zu schaffen. Auch politisch brodelt es: In der Türkei herrscht Bürgerkrieg, Menschen sterben auf offener Straße, bald wird das Militär putschen, um das Land »zu retten«. Diesen chaotischen Sommer verbringen die Kinder Ay?e und Ali gemeinsam. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein: Ay?e kommt aus einem behüteten Elternhaus, ist quirlig und fröhlich, Ali, der introvertierte Sohn der kurdischen Putzfrau, lebt in einem Elendsviertel.  Die beiden haben eine gemeinsame Mission: Sie wollen die Schwäne aus dem Schwanenpark retten, die der Befehlshaber der Armee in seinen privaten Garten bringen lassen will. Damit sie nicht entfliehen, sollen den Schwänen die Flügel gestutzt werden. Die Erwachsenen haben andere Sorgen, doch Ay?e und Ali haben sich ihr Gefühl für Recht und Freiheit bewahrt. Und am Ende dieses Sommers ist nichts mehr wie zuvor.

Ece Temelkuran, geboren 1973 in Izmir, ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und Kritik an der Regierungspartei verlor sie ihre Stelle bei einer der großen türkischen Tageszeitungen. Ihr Roman Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann wurde in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt. Bei Hoffmann und Campe erschienen zuletzt die Sachbücher Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur (2019), Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (2015) und der Roman Stumme Schwäne (2017).
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Weitere Infos & Material


Cover
Titelseite
Widmung
Motto
Prolog
1. Kapitel Meine Familie
2. Kapitel Mein Viertel
3. Kapitel Gehen wir früh schlafen, stehen wir früh auf
4. Kapitel Meine Stadt
5. Kapitel Unsere Freunde, die Tiere
6. Kapitel Die Museen und Sehenswürdigkeiten unserer Stadt
7. Kapitel Moralkunde
8. Kapitel Musik ist geistige Nahrung
9. Kapitel Die Regierungsform der türkischen Republik ist die Demokratie
10. Kapitel Wie unsere Heimat vor den Feinden gerettet wurde
11. Kapitel Die große türkische Nation
12. Kapitel Lügen haben kurze Beine
13. Kapitel Unsere Märsche
14. Kapitel Nachbarschaftliche Beziehungen
15. Kapitel Staatsbürgerkunde
16. Kapitel Sauberkeit kommt vom Glauben
17. Kapitel Der Reichtum unserer Natur
18. Kapitel Der Bauer ist der Herr der Nation!
19. Kapitel Was ich in den Sommerferien erlebt habe
Epilog
Über Ece Temelkuran
Impressum


Sevgi Bakar (geb. Izmirli)


»Auch wenn man sich nach Jahren wiedertrifft, fängt man doch trotzdem mit ›Wie geht’s dir?‹ an. Der eine sagt ›Gut‹, der andere ›Auch gut‹. Man denkt immer, es liefe wie im Film. Dabei enthält das Leben – unser Leben – so viele Szenen, die rausgeschnitten werden müssten, Önder.«

Die Tischdecken des Restaurants Hülya leuchten weiß im Sonnenlicht.

Önder versucht ein Lachen von 1971 wiederzubeleben. »Da kommen einem ja die Tränen! Fast könnte man meinen, wir wollten den Barsch hier nicht essen, sondern zu Grabe tragen.«

Mir ist nicht zum Scherzen zumute, also frage ich: »Weshalb bist du hier, Önder?«

Ich presse die Lippen aufeinander, als wäre es der Mund, mit dem man weint. Önder scheint meine Hand berühren zu wollen, hält sich aber stattdessen an seinem Rakiglas fest und blinzelt in die Sonne. Er greift nach einem gelben Briefumschlag, der auf dem Stuhl neben ihm liegt. »Würdest du den hier für mich verwahren?«

Der Umschlag liegt jetzt neben dem Barsch. Jemand anderes hätte vielleicht gefragt: »Was ist denn drin?«

Ich sage: »Wo soll ich ihn verwahren?«

»Im Parlamentsarchiv.«

Da sehe ich ihm zum ersten Mal direkt in die Augen. Önder kann ich nur anschauen, wenn es um ernste Angelegenheiten geht, um Dinge, die der Geheimhaltung bedürfen. Bevor wir lernen konnten, einander verliebte Blicke zuzuwerfen, haben wir beide schon im Gefängnis gesessen. »Für wie lange?«

»Bis diese Epoche vorüber ist.«

Nun bin ich diejenige, die sich am Raki festhält, in die Sonne blinzelt und den Blick in die Ferne schweifen lässt. »Diese Epoche wird nicht vorübergehen, Önder. Und falls doch, so werden wir es kaum erleben.«

»Doch, das werden wir, und ich erkläre dir auch gleich, wieso.«

Önder lacht wissend, ehe er sich dem Barsch widmet. Wie geschickt er ihn zerteilt! Welche Flüche er ausstößt, wenn er gefoltert wird, wie er bei Versammlungen spricht, wie er auf Demos Slogans skandiert, wie er Zeitschriften verkauft, wie er weint, wenn er den Abschiedsbrief liest, den ihm ein Freund vor der Hinrichtung geschrieben hat – das alles weiß ich. Aber wie er einen Fisch filetiert?

»Der faschistische Putsch wird kommen, Sevgi.«

So also trennt er ihm den Kopf ab …

»Was dann aus mir wird, steht in den Sternen. Als du damals plötzlich verschwunden bist …«

Er weiß sogar, wie man die Bäckchen herauslöst; eines lässt er über sein Messer auf meinen Teller gleiten.

»Nachdem du dich … entschieden hattest zu … zu heiraten, hat sich vieles verändert, es ist härter geworden. Erinnerst du dich an Nasuhi? Der sagte nach dem Putsch von 1971: ›Eines Tages werdet ihr nicht mehr die Zeit finden, eure Freunde zu Grabe zu tragen.‹«

Er entfernt dem Fisch das Rückgrat, ohne dass Fleisch daran hängen bleibt.

»Vielleicht bin ich einfach alt geworden. Damals waren wir beide ungefähr gleich alt, erinnerst du dich?«

»Das sind wir doch immer noch.«

»Das würde ich nicht unbedingt sagen, meine liebe Sevgi.«

Mit einem einzigen Possessivpronomen kann man also einen Menschen töten. Ihm das Rückgrat entfernen, ohne dass Fleisch daran hängen bleibt.

»Wenn du mich fragst, altern die, die sich in Sicherheit bringen, langsamer als die, die sich ins Feuer werfen. Oder was meinst du?«

Natürlich, irgendwie muss er sich ja dafür rächen, dass ich ihn damals im Gefängnis sitzen gelassen und Aydin geheiratet habe. Wie er mir jetzt wohl die Bäckchen herauslösen wird?

»Mach doch nicht so ein Gesicht. Du brauchst nichts zu bereuen und auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Es kam, wie es kommen musste. Man kann mit dem Leben nicht abrechnen und fragen, was gewesen wäre, wenn … Gehen wir einfach davon aus, dass wir keine andere Wahl hatten. In die Vergangenheit zu blicken, das ist, als würde man in ein Kaleidoskop schauen. Wir brauchen nur zu blinzeln, und schon stürzt unser Bild von der Vergangenheit in sich zusammen und es entsteht ein neues.«

Auch die Gräten der Rückenflosse löst er in einem einzigen Stück heraus.

»Vielleicht lässt sich das Leben eines Menschen auch erst im Nachhinein begreifen. Wir werden nie verstehen, was mit uns geschieht. Sämtliche Studien und Analysen, meine liebe Sevgi, sind für die Katz! Puh, Lenin würde sich bei diesen Worten wohl im Grabe umdrehen.« Er lacht, und ich falle lustlos mit ein. »So denke ich eben in letzter Zeit. Alles, was wir erlebt haben, wird irgendwo aufgezeichnet. Was nicht vergessen wird, bleibt. Aber was ist mit dem, woran wir uns nicht erinnern können? Ob du in den Umschlag schaust oder nicht, ist dir selbst überlassen. Ich weiß doch, dass keine Macht der Welt imstande wäre, dir dein Wissen zu entlocken.«

Wie eine Streichholzflamme flackert in mir eine Frage auf, um gleich wieder zu erlöschen: Ob Aydin unter Folter wohl jemanden verraten würde? Ich bin seit neun Jahren mit ihm verheiratet und habe nie darüber nachgedacht. Ich weiß, Önder würde es nicht tun, ich auch nicht, aber Aydin?

»Wenn du erlaubst, werde ich dir später noch mehr Umschläge geben. Zur sicheren Verwahrung. Auch wir müssen doch irgendwie in diesem verdammten Parlament vertreten sein, Sevgi. Ich werde also eine Weile in Ankara bleiben.«

»Weshalb, Önder?«

»Weil in Ankara die Fische noch frischer sein sollen als in Istanbul!«

Wieder lacht er, und es fühlt sich an, als streichelte er mir die Wange. Bei wem hat er in den zehn Jahren so lachen gelernt? Ich nehme den gelben Umschlag. Önder mustert mich. Behiye Aksoy beginnt zu singen, so als wüsste sie, dass wer auf diese Weise sündigt, sich immer jemanden wünschen wird, der ihm vergibt.

Das Lied verrät mir nicht, was ich tun soll. Ich spüre, wie Önder mich beobachtet. Als ich den Umschlag in meine Handtasche stopfe, zerknickt eine Seite des Buches , das ich für Ayse aus der Parlamentsbibliothek ausgeliehen habe, die Papiere über die Volkszählung von 1971, die ich für Aydin habe abziehen lassen, zerknittern, und das Honigglas kippt um. Dieses verdammte Honigglas!

~~

»Lesen Sie dem Kind etwa Nâzim Hikmet vor, Sevgi Hanim?«

Ich hatte mich gerade früh von meinem Arbeitsplatz stehlen wollen, als mich der von seiner dröhnenden Stimme selbst am meisten eingenommene Vizedirektor der Parlamentsbibliothek, Abdullah Bey, aufhielt. Mit einem spöttischen Lachen, dem Markenzeichen der Gerechtigkeitsparteiler. Mit einem Lachen, das einen unweigerlich in die Enge treibt. Ich hatte jedoch meine Strategien entwickelt und wechselte schnell das Thema: »Abdullah Bey, die Stenographen haben die Protokolle der Generalversammlung von letzter Woche abgeliefert, aber da das nötige Quorum nicht erreicht wurde, sind es nur zwei Seiten. Ich schlage vor, dass wir sie zusammen mit denen von dieser Woche zum Binden schicken.«

»Es sind Ihre Leute, die das Parlament lahmlegen, Sevgi Hanim. Ecevit müsste nur einen Präsidentschaftskandidaten akzeptieren, und alles würde wieder laufen wie geschmiert. Aber nein! So sind eben die Linken; die haben nichts Besseres zu tun, als zu interpellieren, zu blockieren und zu sabotieren …«

»Abdullah Bey, ich hatte Ihnen ja schon gesagt, dass ich heute früher gehe, weil die Kleine zum Arzt muss. Der Direktor weiß Bescheid.«

»Natürlich haben Sie das schon mit Ihrem kommunistischen Herrn Direktor geregelt.«

Unter Abdullah Beys Schnauzbart glänzten wulstige Lippen. Angewidert wich ich seinem lüsternen Blick aus, was dieses Rhinozeros wahrscheinlich als weibliche Schüchternheit wertete. In den Augen des gottverdammten Kerls lag ein seltsames Funkeln, als wäre jeder nackt, den er erblickte.

Dann plötzlich eine Freundlichkeit, die mich aus der Fassung brachte, als er sich mit treuherzigem Blick in den Dörfler Abdullah Emmi verwandelte. »Sevgi Hanim, ich habe Ihnen ein Glas Honig mitgebracht. Unser Erzurum ist dafür berühmt. Der stärkt die Abwehrkräfte. Für Ihre Tochter!«

Sollte ich ablehnen? Nein, das konnte ich nicht machen. Ich bedankte mich halbherzig und nahm das Glas entgegen.

»Nur einhundert Lira, Sevgi Hanim. Nicht mehr als für zwei Schachteln . So gut wie geschenkt!«

Es verschlug mir die Sprache. Ich konnte ihm den Honig ja schlecht zurückgeben. Also zog ich wortlos das Geld aus der Tasche, damit die Farce ein Ende hätte.

»Sevgi! Hast du noch einen Moment?« Nazli kam angerannt, die Praktikantin, mit einem Buch in der Hand – dass sie die Rückseite nach oben hielt, ließ darauf schließen, dass Abdullah Bey es nicht sehen sollte. »Können wir das hier ins Archiv aufnehmen?«

»Was ist es denn?«

», von Carlos Marighella.«

»Das ist wieder auf dem Markt? Das Buch mit den drei Löchern …«

»Wie meinst du das?«

»Wegen der drei Einschusslöcher auf dem Cover haben wir es 1971 so genannt. Als alle möglichen Bücher schon verboten waren, war das hier immer noch zu haben. Es geht um Waffen …«

»Deine Generation hält die Waffen für das Problem, dabei sind Waffen keine Ursache, sondern ein Resultat!«

Dass dieses Buch genau an dem Tag auftauchen musste, an dem ich mich mit Önder treffen wollte! Denk nicht an die Monate, die du nach dem Putsch von 1971 im Gefängnis gesessen hast. Denk nicht daran, wie du Knall auf...


Neuner, Johannes
Johannes Neuner, geboren 1975 in Köln, übersetzt türkische Literatur ins Deutsche. 2012 wurde er mit dem Förderpreis des
Übersetzerpreises Tarabya ausgezeichnet. Er lebt in Freiburg im Breisgau.

Temelkuran, Ece
Ece Temelkuran, geboren 1973 in Izmir, ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und Kritik an der Regierungspartei verlor sie ihre Stelle bei einer der großen türkischen Tageszeitungen. Ihr Roman Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann wurde in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt. Bei Hoffmann und Campe erschienen zuletzt die Sachbücher Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur (2019), Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (2015) und der Roman Stumme Schwäne (2017).

Ece Temelkuran, geboren 1973 in Izmir, ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und Kritik an der Regierungspartei verlor sie ihre Stelle bei einer der großen türkischen Tageszeitungen. Ihr Roman Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann wurde in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt. Bei Hoffmann und Campe erschienen zuletzt die Sachbücher Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur (2019), Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (2015) und der Roman Stumme Schwäne (2017).



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