E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Sonstiges
Tegnell / Härgestam Der andere Weg
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7109-5171-8
Verlag: Benevento
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eigenverantwortung statt Zwang: Wie Schwedens Chef-Epidemiologe die Pandemie zähmte: Edition Der Pragmaticus
E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Sonstiges
ISBN: 978-3-7109-5171-8
Verlag: Benevento
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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II.
DAVOR
> ADDIS ABEBA 1968
Die ersten sieben Jahre meines Lebens waren unstet. Mein Vater war Agronom und wechselte oft Job und Wohnort. Zum Schluss verschlug es uns aufs Land vor Linköping, wo ich in die Schule kam. Ich war ein wohlerzogener Junge und half meinen Sitznachbarn bei den Matheaufgaben. Die anderen betrachteten mich wahrscheinlich als ein wenig kauzig, nicht zuletzt wegen meines Dialekts, den ich nie loswurde. Wir hatten eine Weile in Schwedens südlichster Region Skåne gelebt, aber statt es meinen Geschwistern gleichzutun und mich der neuen linguistischen Umgebung anzupassen, behielt ich das für Skåne typische rollende R bei. Auch heute, sechzig Jahre später rolle ich das R noch.
Wir wohnten auf einer Anhöhe in der Nähe des Dorfs Berg in einem alten Pfarrhaus, in dem früher Aushilfspfarrer gelebt hatten. Die Gemeinde war so groß gewesen, dass man sich zwei Pfarrer geleistet hatte, von denen einer unten neben der Kirche im normalen Pfarrhaus gewohnt hatte und der andere oben auf dem Hügelhäuschen, das jetzt unseres war.
Ich liebte die Mathematik mit ihren Mustern und Strukturen. Mathe besteht aus Rätseln und Lösungen und ist in meinen Augen alles andere als schwarz-weiß. Natürlich sind die Rechenregeln absolut, aber nicht in der Statistik und der Epidemiologie, die auf Mathematik aufbauen. Dort geben die Zahlen eine Richtung vor und weisen auf mögliche Zusammenhänge hin.
Seit wir klein waren, nahm unsere Mutter uns mit in die Bibliothek. Dort grub ich mich durch die Regale mit Kinder- und Jugendbüchern.
Ich brachte mir selbst das Lesen bei, vor allem mit Hilfe von Donald-Duck-Comics. Daher konnte ich schon lesen, als ich in die Schule kam, und als ich mit zehn Jahren sämtliche Kinderbücher der Bibliothek von Berg verschlungen hatte, wanderte ich weiter zu den Erwachsenenregalen. Meine Mutter half mir beim Aussuchen von Büchern und lotste mich zu Selma Lagerlöfs Jerusalem. Ich liebte es, vielleicht, weil fremde Länder mich in ihren Bann zogen. Jerusalem ist eine vielschichtige Geschichte. Für mein zehnjähriges Ich war es ein Abenteuer- und Reiseroman. Schon damals betrieb ich Multitasking – ich las Bücher und Comics gleichzeitig. Oft hatte ich ein Comicheft in meinem Buch liegen und sprang zwischen beiden hin und her. Noch heute mach ich gerne mehreres gleichzeitig. An einem Abend auf dem Sofa kann ich mir einen Krimi im Fernsehen anschauen, gleichzeitig einen zweiten Krimi in Buchform lesen und zwischendurch dieses dämliche Solitär auf dem Handy spielen. Dass mein Vater Akademiker und Agronom wurde, hat er meiner Mutter zu verdanken. Ohne sie wäre er wahrscheinlich ein einfacher Bauer geworden. Sie selbst war Postbeamtin und Hausfrau, nachdem meine jüngsten Geschwister, Zwillinge, auf die Welt gekommen waren. Doch trotz aller Mühen zu Hause hörte sie nie auf zu lesen.
Abends saß sie mit einem Buch im Bett. Sie schmökerte sich durch alle möglichen schwedischen Klassiker, vor allem weil es ihr Spaß machte, aber auch um sich zu bilden. Meine Mutter stammte aus einer Bauernfamilie in Skåne, deren Hof seit Generationen weitervererbt worden war. Sie und ihre vier Geschwister waren die Ersten in der Familie, die es wagten und die Möglichkeit hatten, sich für ein anderes Leben zu entscheiden. Eine akademische Laufbahn stand jedoch nie zur Debatte. Stattdessen gab es eine Ausbildung bei der Post. Dass meine Mutter und ihre Geschwister überhaupt eine Ausbildung machten, war schon ein sehr großer Schritt für alle.
Ich war das älteste von vier Kindern, und eine meiner frühesten Aufgaben im Leben war das Bedienen der Waschmaschine. Damals gab es keine Waschautomaten, man musste sie manuell bedienen. Man stopfte die Kleider hinein, füllte Wasser ein, startete die Maschine, schaltete sie aus, leerte den Wasserbehälter, stellte die Heizung an und ab.
Als ich zwölf war, bekam mein Vater für drei Jahre eine Stelle in Äthiopien, und das Leben änderte sich für uns alle. Ein Kollege meines Vaters arbeitete dort und hatte sich gemeldet. Er fand, mein Vater sollte ebenfalls dort hinkommen, um den Bauern bessere Anbaumethoden beizubringen. Damals gab es nur eine recht kleine Gruppe von Agronomen in Schweden, und die schwedische Behörde für Entwicklungshilfe hatte viele eigene große Projekte. Sie konnte viele Leute an ein und denselben Ort entsenden. Wir Kinder waren begeistert, keiner von uns war traurig darüber, das Leben in Schweden hinter uns zu lassen. Nachdem wir bereits mehrfach umgezogen waren, hatten wir uns daran gewöhnt, immer wieder aufzubrechen, und verbrachten mehr Zeit innerhalb statt außerhalb der Familie. Und in Berg redete man über das Abenteuer, in das wir uns stürzen sollten. Ende der 1960er-Jahre war es schließlich nicht gerade üblich, dass Familien an derart exotische Orte zogen. Meine kleine Schwester Ingrid glaubte, wir würden in einer Hütte wohnen, und freute sich darauf. Auch ich hatte Sehnsucht, obwohl ich nicht genau wusste, wonach.
An einem Spätsommertag 1968 flogen wir von Malmö-Bulltofta nach Addis Abeba, und schon am ersten Tag traf ich schwedische Kinder, die uns gemeinsam mit ihren Eltern am Flughafen empfingen. Sie nahmen uns mit in die lokale Spielhalle, wo wir altmodische Fußballspiele mit äthiopischen Jugendlichen spielten und mit Geldscheinen bezahlten, die nach vergorener Butter rochen. An diesem Abend war ich aufgedreht wie nie zuvor. Ein solches Gewimmel von Eseln, Blechschuppen und Leuten! Es war eine unbeschreibliche Erfahrung, morgens vom schwedischen Land aus aufzubrechen, um abends in eine Millionenstadt am Horn von Afrika einzutauchen.
Einmal hatte ich irgendwie meine Familie verloren und schlug mich allein per Bus zurück zum Hotel. Meine Mutter war besorgt, als ich endlich auftauchte. Es war spät, und sie fragte mich, warum ich kein Taxi genommen hätte, aber darauf hatte ich keine gute Antwort. Insgeheim hatte mir die holprige Busfahrt sehr gut gefallen. Am nächsten Tag fuhren wir nach Süden, wo unser Ziel und Wohnort liegen sollte. Der Ort war – gelinde gesagt – ungewöhnlich. Eine schwedische Häusersiedlung mitten in äthiopischen Anbaugebieten. Unsere schwedische Kolonie war eine Miniaturgesellschaft, abgeschnitten vom Rest der Umgebung. Es gab eine Autowerkstatt mit Mechaniker, eine Arztpraxis, einen Hof mit Kühen.
Die Schule des Orts war klein und effektiv. Meine Klasse wurde von einer engagierten Lehrerin aus Norrköping unterrichtet, deren Enthusiasmus uns zum intensiven Lernen anregte, sodass halbe Schultage ausreichten, um den schwedischen Lehrplan zu bewältigen.
Wir probten Theaterstücke für Aufführungen im Klubhaus. Einmal spielten wir zu Weihnachten Molières Klassikerkomödie Der Geizige mit mir in der Hauptrolle. Es lag mir nicht im Blut, und ich hatte mich in Kostümierung nie richtig wohlgefühlt. Aber zur Verzückung meiner Familie machte ich trotzdem mit.
Zur Lokalbevölkerung hatten wir kaum Kontakt, außer wenn wir nachmittags auf den Feldern ausritten. Die schwedische Kolonie lag 2 500 Meter über dem Meeresspiegel in einer Art Savanne, wo die Pferde über Weiden streiften.
In der Siedlung hatten die schwedischen Familien einen zusätzlichen Stall gebaut und europäische Sättel besorgt. Alle hatten hier Pferde. Auch wir kauften eines, das wir Feres tauften – so heißt »Pferd« auf der lokalen Sprache Amharisch.
Die meisten hätten wohl behauptet, dass ich überhaupt nicht reiten konnte. Ich war tatsächlich kein guter Reiter, aber ich hielt mich immerhin gut genug im Sattel, um mit den anderen ausreiten und das Gefühl von Freiheit im Bauch kribbeln spüren zu können. Es kam vor, dass unsere Siedlung von verschiedenen hochrangigen Repräsentanten des äthiopischen Staats besucht wurde, weil das Entwicklungsprojekt, zu dem wir gehörten, damals ein Vorzeigeprojekt und sehr modern für seine Zeit war. Die Entwicklungshilfe sollte sich auf ein geografisch einigermaßen beschränktes Gebiet in einem armen Land konzentrieren und hatte das Ziel, diese Region auf allen möglichen Ebenen voranzubringen, zum Beispiel in der Land- und Forstwirtschaft, im Straßenbau, dem Gesundheits- und Schulwesen. Wenn man eine Kommune so entwickelte, hätte das einen ansteckenden Effekt auf die Nachbarkommunen, so dachte man. Wie sich mit der Zeit herausstellen sollte, funktionierte dieser Ansatz nicht sonderlich gut. Man erschuf in einem Meer aus Armut vielmehr eine künstliche Wohlstandsinsel, die Ressourcen verschluckte. Aber das erkannte ich erst sehr viel später, als ich einen Kurs zu Entwicklungshilfe an der Universität Lund belegte.
Eines Tages landete das Flugzeug des äthiopischen Kaisers Haile Selassie auf der Wiese, auf der wir ansonsten Fußball spielten oder ritten. Aus dem Flugzeug stieg ein sehr kleiner und hagerer Mann, der zwei Chihuahuas im Schlepptau hatte. Er setzte sich sofort in seinen sonderangefertigten Rolls-Royce, der extra aus der Hauptstadt hergefahren worden war.
Die Familie...




