E-Book, Deutsch, 192 Seiten
T?îbuleac Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7317-6193-8
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-7317-6193-8
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tatiana T?îbuleac, geboren 1978 in Chi?in?u in der heutigen Republik Moldawien, studierte Journalismus und Kommunikation. Sie arbeitete als Journalistin für Fernsehen und Zeitschriften sowie für UNICEF. Seit 2008 lebt sie als Schriftstellerin in Paris. Ihr erster Roman, Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte, wurde vielfach preisgekrönt. 2019 wurde sie für Der Glasgarten mit dem Literaturpreis der EU ausgezeichnet.
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Mutters Augen weinten nach innen.
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Seit dem »Ereignis«, wie ich es, als ich mit meinem Gebrüll aufgehört hatte, zusammen mit Mutter nannte, war eine Woche vergangen. »Ereignis« klingt besser als »Krise« oder »Episode«, denn es unterstellt für das, was ich tatsächlich ganz allein getan hatte, die Beteiligung mehrerer Faktoren. Vater sagte immer, wenn man in die Scheiße gerate, müsse man noch möglichst viele Leute mit hineinziehen, denn auf diese Weise komme man leichter davon. Vater verstand sich auf Scheißdinge.
Erst einmal war es völlig klar, dass ich nicht zum Arzt gehen konnte, denn dies hätte noch eine Menge anderer Dinge nach sich gezogen. Ein Arzt hätte sofort festgestellt, dass ich meine Tabletten schon seit beinahe zwei Wochen nicht mehr eingenommen hatte und darum gefährlicher war als eine zerbrochene Flasche. Zum Zweiten hätte er mitgekriegt, dass Mutter keinerlei Kontrolle über mich hatte, obwohl das jeder sehen konnte, dazu bedurfte es keiner medizinischen Ausbildung. Und drittens – was aus den beiden vorhergehenden Feststellungen folgt –, ein Arzt hätte mich isoliert und eine neue Evaluierung vornehmen lassen. Eine solche Evaluierung in einem fremden Land wäre das Ende gewesen, denn die Hälfte meiner Papiere war gefälscht.
Ich blieb mit Mutter zu Hause, und sie fing an, mir all die Tabletten einzuflößen, die sie in der Tasche hatte. Mutter hatte ihre Tabletten immerzu bei sich, selbst wenn sie jemandem die Tür öffnen ging. Die acht Packungen Analgetika – ihr Vorrat für den ganzen Sommer, den ich in drei Tagen aufgebraucht hatte – bewahrten mich immerhin insoweit vor Schmerzen, als ich ununterbrochen essen wollte. Ich war wie ein unerschöpflicher Müllschlucker.
Ununterbrochen kippte ich etwas in mich hinein, manchmal sogar um Mitternacht, während ich mir die widerwärtige Fresse der Klolibelle anschaute. Ich verschlang alles – Konserven, die längst abgelaufen waren, Trockenbrot, stinkenden Käse, gärende Früchte, eklige Soßen, Sirupkonzentrat und Säfte, aber vor allem von Mutter aus den im roten Eimer gefundenen Maiskörnern gebackenes Popcorn. Jeden Tag aß ich drei, vier prallvolle Siebe Puffmais, gesalzen oder süß, mit Butter oder ohne, mit Zimt oder Zwiebelpaste. Letztere waren echt ein Orgasmus.
Mutter kam täglich zu mir ins Zimmer und brachte mir Nachrichten über das Dorf. Sie hatte damit begonnen, jeden Morgen rauszugehen, und sogar ein paar Leute kennengelernt. Obwohl ich so tat, als interessierten mich ihre dämlichen Geschichten nicht, wartete ich darauf. Ich hörte sie schon heraufkommen, wenn sie den Fuß auf die erste Treppenstufe setzte, denn die knarzte komplizenhaft und gab einen eher nach zerschreddertem Glas denn nach Holz klingenden Ton von sich. Dann lauschte ich den acht Sekunden Stille, während Mutter über die gesunden Teile der Treppe ging, und noch zwei dazuzählend sah ich, wie sie die Tür öffnete. Die Gesellschaft von Mutter langweilte mich nicht, und sie störte mich nicht – wir hatten eine beinahe normale Beziehung, was an sich ein Alarmsignal war.
Trotzdem, was mich in jener Woche, in der ich nicht nur die unmerkliche Heilung meiner Hand erlebt, sondern auch das erste reine Glücksgefühl meines Lebens empfunden habe, tatsächlich begeistert hat, waren weder die Popcornflocken noch die Geschichten von Mutter, sondern ihre Sedativa. Es waren stumpf-weiße Tabletten mit fünf gleichlangen Kanten und süßlich-milchigem Geschmack, wie die Bonbons, die Vater zu der Zeit, als wir noch am selben Tisch aßen, manchmal aus Polen mitbrachte. Sie hatten einen langen Namen, der auf »…pam« endete, wenn man auf das rosa Etikett schaute, das Mutter in einem ihrer nervösen Anfälle halb abgerubbelt hatte. Und sie waren göttlich.
In all den Jahren, die auf diesen Sommer folgten und in denen ich bei Dutzenden von Psychiatern in Dutzenden von Städten gewesen bin – Psychiatern in Praxisräumen mit goldener Klingel und schönen Sekretärinnen oder ohne Klingel und mit alter Sekretärin, verrückt auch sie; teuren und arroganten Psychiatern ohne Kittel, aber mit Pfeife; schmierigen und verlogenen Psychiatern mit Kameras in ihren freundlich gestalteten WCs –, in all den Jahren, in denen ich meinem Wahnsinn zu entkommen suchte, der mich zuerst gequält und mit allen nur vorstellbaren Lastern überzogen und danach reich und begehrenswert gemacht hat, sind mir keine besseren Tabletten mehr begegnet, als die aus Mutters Sommer.
Eines Morgens, als ich, den Hals vor Vergnügen gereckt, darauf wartete, dass sie zwei davon aus ihrem kleinen Plastikgefäß nahm und mir in der hohlen Hand reichte, nannte ich sie »Pentagone«. Mutter gefiel das sehr. Sie lachte lange und mitreißend. Und ich konnte nun nach vielen Jahren endlich begreifen, dass Mütter normalerweise genau so über die albernen Scherze ihrer nichtsnutzigen, aber geliebten Söhne lachen.
20
Die Hand, obwohl sie noch aufgedunsen war und wie ein Kricket-Handschuh aussah, fing wieder an zu funktionieren. Die Wunden waren verkrustet und stanken nicht mehr. Die Knochen schienen ganz zu sein, die Sehnen knirschten und bewegten sich unter der zerschrammten Haut. Mit einer Küchenschere holte ich den zersplitterten Fingernagel unter der Haut hervor und ging hinaus.
Die Pentagone taten ihre Pflicht – ich lachte immerzu, alles kam mir faszinierend vor und neu. Die Gegenstände, Gerüche, Eindrücke – sie waren mir zwar alle bekannt, aber gleichzeitig auch unbekannt und niemals wirklich bei mir angekommen – fielen genau dann über mich her, als ich es am wenigsten erwartete.
Zum ersten Mal empfand ich Verwunderung, Mitleid, Entzücken – Zustände, von denen ich meinte, ich sei unfähig sie wahrzunehmen, und die mir noch nie zuvor etwas genutzt hatten. Es war, als wären mir schließlich die Augen aufgegangen – die echten, die rohen und bloßen, mit der Retina außen –, die weiter als bis in den Himmel und tiefer sahen als in den Boden. Es kam mir seltsam vor, dass sich meine Faust nicht mehr ballte. Es kam mir seltsam vor, dass ich Mutter nicht mehr tot sehen wollte.
All meine Zeit verbrachte ich damit, Insekten bei der Paarung zu beobachten, das Haus zu studieren, das sehr viel lebendiger war, oder Spinnen mit zerkautem und an einen Zwirnsfaden geklebten Brot aus dem Erdreich hervorzulocken. Ich pflückte Blumen. Ich sang. Klassifizierte Wolken und Fürze.
Ich hatte mich absichtlich auf die Schwelle gelegt, um Mutter zu erschrecken, die sich auch sogleich, wie ein Phantom, woher auch immer, einstellte. Besorgt fragte sie, ob ich mich wohlfühlte, ich aber lachte, lachte und sagte, ich würde mich ganz sicher eines Tages umbringen, aber nicht heute. Mutter schaute mich ein paar Sekunden an, um sicherzugehen, dass ich mich nicht im Delirium befand, dann verschwand sie wieder im Haus – wie in einem Tunnel, der sie sogleich spurlos verschlang.
Im weiteren Verlauf des Tages sah ich sie mal in der Tür stehen, mal in einer Fensterscheibe oder auf dem Feld zwischen den Blumen, wie ein Gespenst, das durch Wände und Mauern schlüpfen kann, allein aufgrund der Macht der Gedanken. Sie war immerzu in Bewegung und durchsichtig – in einem der Kleider, von dem sie sich nicht mehr trennte, dabei betrachtete sie minutenlang einen schlichten Gegenstand, wie Schauspieler bei einer Pantomime. Mutter war verwandelt. Von der alten Mutter war nichts mehr übrig geblieben, aber auch ich wusste nicht mehr, wer ich bin, wer ich war und was eigentlich mit uns geschah. Tief im Innern war ich mir sicher, das Ende sei in der einen oder anderen Form ganz nahe, denn so viel Gutes gibt es nur für Kinder und Sterbende.
Mittlerweile.
Habe ich eine Libelle gefangen und den ganzen Tag bei ihr verbracht.
Ich habe die Maiskörner in einer Pflanzenreihe auf dem Maisfeld gezählt.
Habe Regenwasser getrunken.
Habe einem Schmetterling bei der Geburt geholfen.
Mutter ließ mich in Ruhe, ihr Verschwinden und Wiederauftauchen war stets an die Angst gekoppelt, ich könnte einen neuen Anfall erleiden. Wir sahen uns dreimal am Tag beim Essen, wenn sie mich mit allerhand Sachen fütterte, von deren Vorhandensein ich bis dahin keine Ahnung hatte. Käse von der Eselin. Schnecken. Ochsenhirn. Rückenmark. Gekochte Schweine- und Rinderzungen. Aufläufe mit Geflügelnieren und Lebern. Süßspeisen aus Hanfsamen und betörenden Likören.
Eines Abends, wir hatten zwei Flaschen Wein getrunken, fragte ich, was wir dort suchten: wir beide, das Haus, die Kleider, dieser ganze illegitime Sommer? Mutter antwortete, sie habe nur noch vier Pentagone, und berührte mich traurig an der Wange.
Ich befand mich bei einem Festschmaus des Teufels und saß am Kopfende.
21
Wieder waren es die Knie. Klein und glatt, in das feinste Stück Körperhaut gehüllt, als wären sie der Ursprung ihres gesamten Wesens und würden das Herz oder ein anderes vitales Organ verbergen, das sie am Leben hielt. Ihre leuchtenden und braven Knie, neben denen ich unzählige Male wie ein Hund niedergesunken war und die ich an so vielen Morgen geküsst hatte, dass ich mitunter befürchtete, sie könnten in meinem Mund platzen wie die Schale eines weichen Eis, und dann liefe sie selbst im Rohzustand durch die von meinen Lippen geschaffenen Wunden aus bis auf den letzten Tropfen. Ich streckte die Hand aus, um sie zu berühren, aber der Traum zersprang in Tausende bunte Stückchen und verschwand wie ein leichter, aber lebendiger und aufgewühlter Schauder. Moira.
22
An jenem Morgen vor...