Taylor | Stürmische Nacht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 400 Seiten

Reihe: Lynch & Macrae

Taylor Stürmische Nacht

Ein Shetland-Krimi
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8412-1853-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Shetland-Krimi

E-Book, Deutsch, Band 4, 400 Seiten

Reihe: Lynch & Macrae

ISBN: 978-3-8412-1853-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Tote am See.

Auf einem romantischen Spaziergang in den schottischen Highlands entdecken Detective Inspector Gavin Macrae und die begeisterte Seglerin Cass Lynch eine Leiche. Ein Fuhrunternehmer, dem man Unterschlagungen vorwirft, ist seit längerer Zeit verschwunden. Doch offenbar hat jemand etwas dagegen, dass sich Cass nach ihm erkundigt. Ihr Boot wird von den Halteleinen losgeschnitten, in stürmischer Nacht treibt sie hinaus aufs Meer ...



Marsali Taylor wurde in der Nähe von Edinburgh geboren. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren Katzen und zwei Shetlandponys an der Westküste der Shetland-Inseln.Sie war Sprach- und Theaterlehrerin und Touristenführerin, spielt Theater, schreibt für die Zeitschrift Shetland Life, gibt Segelkurse oder ist mit ihrem Segelboot unterwegs. Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschien bisher ihr Roman 'Mörderische Brandung'.Mehr Informationen zur Autorin unter www.marsalitaylor.co.uk.

Taylor Stürmische Nacht jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Kapitel 1


Es war, als segelte ich in eine andere Welt. Den Nordwestwind, der mich von Shetland heruntergeweht hatte, hatte ich nun im Rücken, als ich in den äußeren Fjord einfuhr, und die Chalida legte sich flach, als ich das Großsegel setzte und das Vorsegel gegenüber ausbaumte. Das Klatschen der Wellen verwandelte sich in ein sanftes Rollen. Kater kam aus meiner Kajüte herauf, dehnte seine weißen Vorderpfoten auf meiner lackierten Bank im Cockpit, hockte sich hin und sah sich um. Die Sonne betonte die feinen weißen Streifen, die sich kaum sichtbar durch sein glänzendes graues Fell zogen, und die helleren Eulenpinsel hinter seinen Ohren. Ich nahm das Fernglas zur Hand, um die Lage des Felsens zu überprüfen, dem ich unbedingt ausweichen wollte, suchte mir eine Markierung am Ufer, auf die ich zusteuern konnte, und gähnte aus ganzem Herzen.

Ich war hundemüde. Vorgestern um halb sechs am Morgen waren wir von Scalloway aufgebrochen, hatten gestern Nachmittag zum Schlafen kurz den Anker abgelassen und waren später weiter nach Süden gereist. Jetzt umschlossen uns die Berge eines der dramatischsten schottischen Fjorde; rechts erhob sich der riesige Ladhrbheinn. In den Klüften seines Gipfels hatte sich Schnee gesammelt, und die unteren Hänge waren rostrot von welkem Farn und Heidekraut. Vom Eis überzogener brauner Seetang versilberte den Saum des Wassers.

Es war eine verrückte Seereise in den tiefen Süden, um Weihnachten bei der Familie eines Mannes zu verbringen, der gerade eben ein Freund war. Wir hatten doch bisher nur so wenig Zeit miteinander verbracht, Detective Inspector Gavin Macrae und ich. Er hatte mich in den Süden eingeladen, und ich hatte tief Luft geholt und beschlossen, mich auf das Risiko einzulassen und eine Beziehung anzufangen, die ich kaum zu wünschen wagte. Ich bekam schon kalte Füße, wenn ich nur daran dachte, aber ich hatte es versprochen, und da war ich nun, fädelte mich in einen mir unbekannten Fjord ein, in dem jede Menge nicht markierte Felsen und Sandbänke lauerten, und hatte gegen die Dezemberkälte zwei zusätzliche Pullover übergezogen. Mein einziges hübsches Kleid hing, von einer Plastikhülle geschützt, im Spind. Ich behielt meinen Reiseplan und die Liste mit Kompassrichtungen im Auge, und mein primitives GPS-System piepte jedes Mal, wenn wir uns einem der Wegpunkte näherten, die ich eingetippt hatte. Ich überlegte gerade, dass ich wohl anrufen sollte, um zu melden, dass ich beinahe dort war, als ich irgendwo vor mir das stetige Put-Put-Put eines Außenborders hörte und etwa zwei Meilen von mir entfernt weißes Kielwasser am Ende des Fjordes sah. Ich griff erneut nach dem Fernglas. Es war genau das Boot, das ich von Gavin erwartet hätte: ein altmodisches Dingi in Klinkerbauweise, in der Farbe von Orangenmarmelade lackiert und mit einem Motor am Heck, der wie ein echter Seagull-Außenborder aussah. Gavin war allein.

Ich schaltete meinen Bootsmotor ebenfalls ein und ließ den Autopiloten das Ruder übernehmen, während ich die Segel verstaute. Als ich endlich die Persenning über den Baum gezogen hatte, alle Verbindungen festgezurrt waren und ich am Heck meine Festmacherleine bereithatte, kurvte das lackierte Dingi schon um die Chalida. Gavin hob die Hand und sagte auf Gälisch: »Fàilte!« Willkommen. Dann schaltete er um auf sein weiches Hochlandenglisch mit den präzisen Konsonanten und dem lang anhaltenden s-Laut. »Ich dachte, du hättest vielleicht gern einen Lotsen durch die Engstellen, denn der Wasserstand ist niedrig und die Tide fällt.«

»Genau, was ich mir gewünscht habe«, stimmte ich ihm zu. Wenn es einen Konflikt zwischen Stolz und Seemannskunst gab, ging der Stolz schnell über Bord. »Laut deiner Seekarte habe ich noch weniger als einen Meter Wasser unter dem Kiel.«

»So ungefähr«, antwortete er und fuhr vor mir weg. Eine der herrlichen Eigenschaften der Chalida ist, dass sie sich rückwärts so glatt und geschmeidig bewegt wie vorwärts. Ich wendete, stand mit dem Blick zum Heck da und schaute über die hintere Backskiste auf die Felsen am Grund des klaren Wassers, von denen der Blasentang in Bogen nach oben wehte, und auf den dunkleren Kanal zwischen den Felsen, den das Kielwasser von Gavins Dingi kräuselte. Sollten wir überhaupt etwas berühren, wäre ich vorher gewarnt und könnte mit der gesamten Kraft der Chalida im Vorwärtsgang das Boot wieder freibekommen. Das Ufer war nur fünf Meter entfernt, als Gavin in einer glatten U-Kurve zur nördlichen Seite des Meeresarms schwenkte. Die Chalida folgte in seinem Kielwasser. Große eckige Felsbrocken waren am gegenüberliegenden Ufer zu sehen, als hätte es einen Schrank und einen Konzertflügel an den Strand geschwemmt. Wir fuhren kaum einen Steinwurf entfernt an ihnen vorbei, wendeten schließlich und liefen schräg in das Becken am Ende des Fjords ein. Die Festmacherboje war in der Mitte. Ich fuhr langsam hin, fädelte meine Leine durch die Öse und machte sie fest.

»Ich komme nicht an Bord«, sagte Gavin vom Dingi aus. Er trug auf seinem dunkelroten Haar einen Anglerhut, an dessen Hutband unzählige Fliegen steckten – der Hut hatte seinem Großvater, dem Wildhüter, gehört, darauf würde ich wetten –, und der Wind hatte seine sonnenverbrannten Wangen gerötet und ließ die Falten seines grünen Kilts wehen und die Bänder an seinen Socken flattern.

»Möchtest du gleich mit ins Haus hochkommen und bei einer Tasse Tee alle kennenlernen oder lieber erst schlafen?«

»Schlafen«, antwortete ich. »Gib mir zwei Stunden, und ich fühle mich wieder wie ein Mensch.«

»Ich komme um fünf zurück.« Ohne viel Aufhebens setzte er mit dem Dingi zurück und ruderte ruhig auf die kleine, aus Stein gemauerte Landungsbrücke zu, die vom Ufer in den Fjord ragte. Ich hängte meine Schwimmweste weg, krabbelte in meine Koje und war in fünf Sekunden völlig abgetaucht.

Als ich aufwachte, war der Wind abgeebbt. Die Sonne war verschwunden, der Mond noch nicht aufgegangen, und nur das Sternenlicht, das auf der Wasseroberfläche schimmerte, half mir, das Wasser vom Ufer zu unterscheiden. Ich zog die Ankerlaterne hoch, meinen weißen Stern, der dem gelben Licht zublinkte, das aus Gavins Bauernhaus leuchtete. Ich hatte mich gerade aus meiner Thermo-Segelkleidung gepellt, meine besten Jeans und einen Marinepullover angezogen und Kater in seinem Reisekorb verstaut, als ich das Knarzen und Eintauchen der Ruder hörte. Gavin rief: »Ahoi, Chalida

»Mein Taxi«, sagte ich und reichte Katers Korb nach unten. Während wir hinüberruderten, herrschte leicht betretenes Schweigen, doch als ich auf der Pier stand und geholfen hatte, die Leinen festzumachen, war alles gut. Wir gingen nebeneinander her die dunkle Straße entlang, als spazierten wir an der Uferpromenade von Scalloway. Eine Lampe an der Mauer des Hauses schaltete sich ein, als wir vorüberkamen, und beleuchtete vor uns einen gepflasterten Hof mit breiten Scheunentoren und einem großen Fenster. In einer Ecke lag der Eingang, zu dem zwei Stufen hinaufführten. Die Tür ging auf, als wir uns näherten, und Gavins Mutter streckte mir die Hand entgegen. »Komm rein, Cass. Wenn du den ganzen weiten Weg mit dem Boot angereist bist, musst du ja völlig durchgefroren sein.« Sie winkte mich an sich vorbei. Ihr Tonfall war noch weicher als Gavins und das lange Hochland-S ausgeprägter. »Komm rein ans Feuer.«

Ich war froh, dass er mich gewarnt hatte. »Meine Mutter ist als Mädchen schwer im Gesicht verletzt worden; es war ein Unfall mit einer Dreschmaschine. Sie hat Glück gehabt, dass sie kein Auge verloren hat.« Ihre Narbe war viel schlimmer als meine, selbst nach sechzig Jahren noch, kräuselte eine ganze Gesichtshälfte mit einem Netz aus weißen und roten Linien. Ich lächelte ihr zu, schaute sie geradewegs an. Ich wusste, wie man sich fühlt, wenn man mitbekommt, dass andere die Schussnarbe bemerken, die einem quer über die Wange läuft, und rasch den Blick abwenden. Gavins Mutter war sogar noch kleiner als ich, knapp eins fünfzig. Sie trug das graue Haar in einem Knoten zusammengefasst und hatte sich über das Kleid eine bedruckte Kittelschürze gezogen.

»Danke, dass Sie mich eingeladen haben.« Ich deutete auf den Korb. »Und Kater – ich hoffe, dass es keine Probleme mit Ihren Katzen gibt.«

»Nur Solomon kommt ins Haus.« Sie wies mit einer Kopfbewegung auf Gavin, der gerade sein Ölzeug im Flur aufhängte. »Hat Gavin dir von ihm erzählt? Eine halbe Wildkatze, redet mit sonst niemandem. Er kommt vielleicht nicht einmal rein, wenn Besuch hier ist. Das hier ist mein älterer Sohn Kenny.«

Gavin war nur einen halben Kopf größer als ich und kompakt gebaut, also war ich auf den Berg von einem Mann nicht vorbereitet, der sich nun vom Sofa erhob. Kenny war einiges über eins achtzig, hatte breite Schultern, dunkles Haar, vom Wetter gegerbte Haut und grünbraune Augen mit Lachfältchen. Seine Hand war doppelt so groß wie meine. »Setz dich hin, Cass.« Er deutete auf den Sessel neben dem Kamin. Seine Stimme war klangvoll, geübt durch jahrelanges Dirigieren von Schäferhunden, und sein gälischer Singsang im Englischen war ausgeprägter als bei Gavin. Er zögerte ein wenig zwischen den Wörtern, als müsse er erst aus dem Gälischen übersetzen. »Gib mir deine Jacke.«

Ich zog meine Hausschuhe aus der Tasche, zerrte mir die Stiefel von den Füßen, streifte die Jacke ab und reichte alles Kenny, ehe ich die Schnallen am Katzenkorb aufmachte und den Deckel hob, damit Kater herauskommen konnte. Er stemmte die Pfoten auf die Kante des Korbs und sprang heraus, bereit, in der nächsten halben Stunde überall...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.