E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Taylor Detox
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-492-97499-8
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Thriller
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-492-97499-8
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Jane Hughes ist eine ganz normale Frau. Sie lebt in einem kleinen Haus, arbeitet in einem Tierheim und ist in einen netten Mann verliebt. Doch ihr Leben ist eine Lüge. Jane Hughes gibt es nicht. Ihre wahre Identität hat sie begraben, zusammen mit der Schuld und den Erinnerungen daran, was vor fünf Jahren in dem Wellness-Resort in Nepal geschah. Mit ihren drei besten Freundinnen wollte sie die Reise ihres Lebens machen - doch nur zwei von ihnen kamen lebend zurück. Jetzt will jemand Rache. Und wird nicht ruhen, bis er Janes Leben und alles, was sie liebt, zerstört hat.
C.L. Taylor wurde in Worcester geboren und studierte Psychologie an der Northumbria University. Anschließend arbeitete sie als Grafikdesignerin und Web-Entwicklerin, bis sie vor Kurzem ihre Jobs an den Nagel hängte, um sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen. Mit ihren Kurzgeschichten gewann sie bereits mehrere Auszeichnungen, ihr erster Thriller »Träum was Böses« landete in den Top Ten des britischen Bookseller-Magazines. Ihr neustes Buch »Detox« wurde zum Sunday-Times-Bestseller und hat sich in fünfzehn Länder verkauft.
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KAPITEL 4
Heute
Mit dem Brief in der Hand und meiner Kuriertasche an den Füßen sitze ich im Personalraum. Es ist jetzt sechs Stunden her, dass Sheila mir den Umschlag überreicht hat, und ich habe den Überblick verloren, wie oft ich ihn mir schon angesehen habe. Mein Name, mein angenommener Name, Jane Hughes, steht über der Anschrift: Tierheim Green Fields, Sanctuary, Bude, Nr Aberdare, Wales. Er ist als Eilbrief frankiert, in der rechten oberen Ecke. Die Briefmarke wurde abgestempelt, aber der Abdruck ist so verschmiert, dass ich weder die Stadt noch das Datum entziffern kann. Die einzige Zeile des Briefs ist mit blauem Kugelschreiber in einer geschwungenen Handschrift verfasst. Die Wörter sind nicht groß, ausladend und fordernd niedergeschrieben, sondern fein säuberlich platziert, ohne Rechtschreibfehler. »Du kannst ja gar nicht aufhören, diesen Brief zu lesen.« Sheila kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu. »Darf ich mal sehen?« »Da steht nichts drin. Wie ich schon sagte, nur ein Brief von Maisies neuen Besitzern. Nichts Wichtiges.« Ich zerknülle das Blatt Papier in meiner Hand und werfe es in den Papierkorb, bevor Sheila mich erreicht. Es prallt gegen den Rand und fällt hinein. Unvermittelt bleibt Sheila mitten im Zimmer stehen. Ihre ausgestreckte Hand fällt nach unten, sie sagt leise »Oh«, holt den Brief aber nicht aus dem Papierkorb. Stattdessen lächelt sie mich verwundert an und geht zum Garderobenständer in der Ecke des Raums. Sie zieht sich ihre Regenjacke über, greift nach ihrer riesigen Handtasche, die auf einem der Stühle steht, und hängt sie sich über die Schulter. »Ich bin dann weg«, sagt sie. »Kommst du morgen?« »Ja.« »Vergewissere dich, dass alle Tore abgesperrt sind, bevor du gehst. Wir wollen doch nicht, dass Mister Geländewagen und seine Kumpels mitten in der Nacht den Versuch einer Hundeentführung wagen, oder?« »Ich denke daran, mach dir keine Sorgen.« »Mach ich nicht.« Ihr echtes Lächeln kehrt zurück, und sie winkt mir zum Abschied zu. Dreißig Sekunden später bimmelt die Glocke über dem Haupteingang. Sie ist weg. Ich fische den Brief aus dem Papierkorb, schiebe ihn wieder in den Umschlag und verstaue ihn in der Gesäßtasche meiner Hose. Dann suche ich in meiner Kuriertasche nach meinem Handy. Ich habe zwei SMS und einen verpassten Anruf. 17:55 – SMS von Will: Bleibt es bei unserem Dinner heute Abend? X 17:57 – Verpasster Anruf: Will. 17:58 – SMS von Will: Sorry, wollte nur sichergehen. Du magst doch Seebarsch, oder? Ich weiß, irgendeinen Fisch magst du nicht, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es Seebarsch oder Seebrasse war. Ist noch genug Zeit für den Supermarkt, wenn du keine Lust auf Fisch hast! Mist, ich habe total vergessen, dass ich heute bei Will zum Abendessen erwartet werde. Das Handy vibriert in meiner Hand, und eine fröhliche Melodie erfüllt den Raum. Will. Ich bin kurz versucht, von rechts nach links über den Bildschirm zu wischen und so zu tun, als müsse ich lange arbeiten, aber dann würde er sich nur Sorgen machen und es erneut versuchen. »Hallo?« Ich presse das Handy gegen mein Ohr. »Jane!« Er spricht meinen Namen jubilierend aus, und seine Stimme klingt so herzlich. »Hi! Tut mir leid, dass ich dich wegen des Abendessens nicht zurückgerufen habe, aber meine Schicht ist gerade erst zu Ende. Einer der Hunde hatte plötzlich explosionsartigen Durchfall, als ich auf meiner letzten Runde bei ihm vorbeikam. Deshalb musste ich seinen Schlafplatz abziehen und die Sachen in die Waschmaschine stopfen.« »Hm, explosionsartigen Durchfall. Gefällt mir gut, wenn du mir so schmutzige Sachen erzählst.« Er lacht. Ich will auch lachen, aber es gelingt mir nicht. »Wie sieht’s aus, bist du heute Abend noch dabei?« Jetzt schwingt ein winziges bisschen Anspannung in seiner Stimme mit. Unsere Beziehung steckt in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen. Wir zeigen uns noch von der Schokoladenseite, sondieren das Terrain und versuchen, aus dem anderen schlau zu werden. »Ich habe nämlich eine Wette mit Chloe am Laufen.« Chloe ist seine neun Jahre alte Tochter. Will ist offiziell noch nicht von ihrer Mutter geschieden, aber die beiden wohnen seit achtzehn Monaten nicht mehr zusammen, gehen aber – sagt er – schon sehr viel länger getrennte Wege. »Welche Wette?« »Sie glaubt, dass du spätestens morgen früh tot sein wirst.« »So ein mieser Koch kannst du gar nicht sein!« »Als wir zum ersten Mal mit ihr zum Feuerwerk in der Bonfire Night gegangen sind, hat sie die Nase in die Luft gehalten, geschnüffelt und gesagt: ›Wenn Daddy kocht, riecht’s genauso.‹« Dieses Mal muss ich tatsächlich lachen, und die Anspannung löst sich in Luft auf. »Ich bin in spätestens einer halben Stunde da«, verspreche ich. »Ich muss hier nur noch zusperren und schnell nach Hause, duschen.« »Muss das sein?«, fragt Will. »Ich habe mich schon auf eine Prise Eau de Durchfall gefreut.« »Du bist echt eklig.« »Und trotzdem magst du mich noch – und was verrät uns das wiederum über dich?« Mein Grinsen löst sich in Luft auf, als ich den Personalraum verlasse. Als Erstes sperre ich die Glastüren des Haupteingangs ab, dann durchquere ich das Gebäude und gehe über den Innenhof zu den Hundezwingern. Kaum tauche ich in der Dämmerung auf, schlägt mir ohrenbetäubendes Gebell entgegen. Ich betrete das Gebäude und überprüfe noch einmal, dass alle Türen zu den Zwingern verschlossen, dass die Schlafplätze und die Spielsachen sauber und die Wassernäpfe voll sind. Ich hatte bereits vor Schichtende alles überprüft, aber bevor ich in die Nacht hinausgehe, muss ich mich rückversichern, dass alles in Ordnung ist. Als ich wieder draußen das Gebäude umrunde und mich den Auslaufzonen nähere, die mit den Zwingern durch eine Klappe verbunden sind, schwillt das Hundegebell an, und die Käfiggitter scheppern, als sich Luca, Jasper, Milly und Tyson dagegenwerfen. Nur Jack steht reglos und stumm da und starrt mich mit seinem gesunden Auge an. »Alles wird gut, mein Junge.« Ich rede leise und vermeide Blickkontakt. »Du wirst wieder gesund.« Sein Schwanz bewegt sich – allerdings sehr zögernd – von einer Seite auf die andere. Er möchte mir gern vertrauen, ist sich aber nicht ganz sicher, ob er es wirklich tun soll. Anders als bei Luca, Jasper und Milly werden Jacks Daten nach der siebentägigen Beobachtungsphase nicht auf unsere Internetseite gestellt, um ihn zur Vermittlung freizugeben. Stattdessen werden wir uns selbst um ihn kümmern, genau wie um Tyson, bis die Anhörung wegen Tierquälerei vor Gericht kommt. Es kann sein, dass er für Monate hierbleiben wird, aber ich habe nicht vor, von hier wegzugehen. Oder besser gesagt, ich hatte es nicht vor – bis der Brief kam. Ich überprüfe noch die anderen Zwinger, dann gehe ich über den Hof zum Katzenhaus. Zwei der Katzen pressen ihre Pfoten gegen das Glas und miauen traurig, die anderen nehmen mich einfach nicht zur Kenntnis. Ich überprüfe noch schnell die Anlage für die Kleintiere und vergewissere mich, dass auch hier alle Türen abgeschlossen und die Fenster gesichert sind. Hier ist es stiller, und mein Spiegelbild – blass und geisterhaft – folgt mir von Fenster zu Fenster auf meinem eiligen Weg über den Flur. »Hallo! Hallo!« Obwohl ich den Papagei Freddy kenne, zucke ich zusammen, als er quer durch seinen Käfig flattert und sich am Gitter auf meiner Augenhöhe festkrallt. Dann neigt er den Kopf zur Seite und fixiert mich aus seinen Knopfaugen. »Hallo! Hallo!« Freddy gehörte einem pensionierten Major der Armee namens Alan, der ihm beigebracht hatte, Besucher wüst zu beschimpfen, vor allem nichts ahnende Zeugen Jehovas und Vertreter für Fenster mit Doppelverglasung. Nach Alans Tod wollte keiner seiner Verwandten auch nur das Geringste mit Freddy zu tun haben, also landete er bei uns. Er ist ein teurer Zuchtvogel, und ich glaube nicht, dass er lange bleiben wird. Wir haben uns aber angewöhnt, sensible Besucher so schnell wie möglich an ihm vorbeizuschleusen. »Tschüss, Freddy!«, rufe ich ihm auf dem Weg zum Haupteingang zu. »Bis morgen!« »Schlampe!«, ruft er mir hinterher. »Tschüss, du blöde Schlampe!« Will redet seit zehn Minuten ununterbrochen, aber ich habe keinen Schimmer, worum es geht. Er fing mit einer lustigen Geschichte von heute Morgen aus der Schule an, in der ein zehnjähriges Mädchen in seiner Schulstunde über Oktopoden Tentakel mit Testikel verwechselte, aber seitdem ging das Gespräch irgendwie weiter, nur habe ich nicht zugehört. Sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass Lächeln und Nicken als Reaktion nicht ausreichen. Der Brief brennt ein Loch in die Gesäßtasche meiner Jeans, wo ich ihn nach dem Duschen verstaut habe. Er muss von einem Journalisten stammen, das ist die einzig logische Erklärung. Aber warum wurde er nicht unterschrieben? Warum liegt keine Visitenkarte mit im Umschlag? Es sei denn, diese Person will mir absichtlich Angst einjagen, damit ich mit ihr rede. Ich lebe seit fünf Jahren wieder in England, und der letzte Versuch eines Journalisten, mich zum Verkauf meiner Geschichte zu überreden, ist vier Jahre her. Warum also jetzt dieser Brief? Vielleicht weil sich unser Trip nach Nepal gerade zum fünften Mal jährt und irgendwer das Ganze wieder ausgraben will. »Du...




