E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Tatlisu Not Over You
20001. Auflage 2020
ISBN: 978-3-646-60626-3
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
New Adult Romance
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-646-60626-3
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anja Tatlisu lebt mit ihrer Familie, zwei Katzen und einem Hund in einem Vorort von Köln. Neben ihrem Beruf als Sekretärin schrieb sie mehrere Jahre Twilight-Fanfictions und wagte sich 2015 mit ihrem ersten eigenen Werk an die Öffentlichkeit. Mittlerweile quillt ihr Ideen-Ordner über und sie befürchtet, dass ein Leben kaum ausreicht, um all den schönen Plots gerecht werden zu können.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Pretty in Black & Pink
Gegenwart
»Hayyy…leyyy … wuhuuu«, kreischte es um mich herum, während ich den x-ten Greenshot herunterkippte, das Gesicht verzog und mich schüttelte. Angeekelt knallte ich das Glas falsch herum auf den von Getränkepfützen, Glitzerkonfetti und leeren wie vollen Flaschen übersäten Stehtisch. Anna und ich hatten uns zwischenzeitlich ein paar Barhocker organisiert, während Bridget und Chloé weiter ihren hohen Schuhen trotzten und tanzten, wo sie gerade standen.
Die Hälfte meines Gefolges hatte bereits schlappgemacht. Nach diversen Barwechseln war nur noch der harte Kern um mich herum versammelt: meine besten Freundinnen, die ich bereits seit der Schulzeit kannte.
Der unverkennbare Sound des Infinity-Clubs dröhnte mir in den Ohren. Alles zappelte und bewegte sich zur basslastigen Musik. Mein Kopf schwirrte, was zweifellos an den vielen Greenies – Wodka mit einem Schuss giftgrünem Waldmeistersirup – lag, die ich in den vergangenen Stunden getrunken hatte. Ein Kuss für eine Unterschrift und danach ein Shot zum Desinfizieren. Wer Freunde wie ich hatte, brauchte keine Feinde mehr. Das Schild mit dem Spezialangebot war am tiefen Ausschnitt meines schwarz-weißen Bunnykostüms befestigt. An einem Band, das um mein Handgelenk geknotet war, baumelte ein schwarzer Permanentmarker und auf meinem Körper befanden sich eine Menge Unterschriften, die ich wohl sobald nicht wieder loswerden würde. Hätte ich vor ein paar Stunden auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt, was noch alles auf mich zukommen würde, wäre die nette Party auf Annas Dachterrasse ganz schnell wieder für mich vorbei gewesen. Doch sie hatten mich bewusst hinters Licht geführt und im Glauben gelassen, mir meinen Wunsch nach einem gemütlichen Sit-in zu erfüllen.
Wie schön, war mein erster Gedanke gewesen, während mein Blick über die mit unzähligen kleinen Lämpchen und Windlichtern romantisch arrangierte Dachterrasse geschweift war und sich dann der Reihe nach auf die kleine Gesellschaft gerichtet hatte. Bridget, Chloé, Anna, Cathy, meine Lieblingskolleginnen Helen, Keira und Laura. Genau so hatte ich mir meinen Junggesellinnenabschied vorgestellt. Eine vergnügte, gemütliche Runde ohne viel Tamtam und den ganzen Zirkus, der normalerweise in diesem Zusammenhang praktiziert wurde. Nur wir acht, gute Getränke und köstliches Essen vom besten Caterer der Stadt – einfach herrlich. Sie hatten weder Kosten noch Mühen gescheut und das alles, um mich stilvoll als Bride to be zu feiern.
Anna füllte unsere Gläser mit dieser unglaublich leckeren Prickelbrause nach, stieß einen Prost auf unsere Freundschaft aus und verschwand kurz aus unserem Sichtfeld, was bedeutete, dass sie eine recht große Entfernung zurücklegte, weil ihr Penthouse wirklich riesig war. All den Luxus konnte sie sich als Anwältin einer der größten Kanzleien New Yorks locker leisten und ich gönnte es ihr von Herzen, weil sie verdammt hart dafür gearbeitet hatte und es tagtäglich immer noch tat.
Als sie zu uns zurückkehrte, zog sie zu unserer Überraschung – oder viel mehr zu meiner – einen smarten Typ im schicken Anzug an seiner Krawatte hinter sich her, der einen großen Strauß Rosen in verschiedenen Rot- und Rosatönen in der Hand hielt. Offensichtlich war er nicht allein gekommen, denn zwei ähnlich gekleidete, äußerst gepflegte und attraktive Kerle tauchten hinter ihm auf. Einer trug lässig eine Magnumflasche Champagner unterm Arm. Der andere hatte einen Geschenkkarton mit einer großen pinken Schleife dabei. Alles in allem irgendwie doch ganz nett.
»Darf ich vorstellen?«, lächelte sie breit in die Runde und blieb vor uns stehen. »Ich war so frei meine Kollegen Luke, Neil und Preston einzuladen«, stellte sie die Herren der Reihe ihres Erscheinens nach vor und ließ die Krawatte von Ersterem los. »Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen.«
Kollektives Kopfschütteln. Bloß mir klappte die Kinnlade herunter. Ich wusste absolut nicht, was ich davon halten sollte, wollte aber auch keine Spielverderberin sein und sagen, dass ich diesen Abend lieber mit den Mädchen allein verbracht hätte.
Nach einem freundlichen »Hallo« in die Runde, das ziemlich flirty rüberkam, und mit vielerlei Getuschel seitens meiner Freundinnen einherging, kamen die Herren gezielt auf mich zu. Großartig!
»Du bist also die zukünftige Braut«, sagte der schwarzhaarige Luke mit den mandelförmigen, dunklen Augen und schenkte mir ein Lächeln, das zwei Reihen strahlend weiße Zähne preisgab. »Auf einen schönen Abend, Hayley.« Er drückte mir den Blumenstrauß in die Hand und machte Platz für den Nächsten.
Ich konnte absolut nichts sagen, bloß überfordert gucken.
»Schön, dich kennenzulernen.« Der dunkelblonde Neil drückte mir einen Kuss auf die Wange. »Wirklich eine Schande, dass du vom Markt verschwindest, bevor wir uns richtig kennenlernen konnten.« Die Magnumflasche parkte er auf dem Stehtisch seitlich von mir.
Last but not least war es an Preston, sich vorzustellen, dessen Erscheinung mir einen leichten Stich versetzte. Dunkle, gewellte Haare, Dreitagebart und ein Blick, der verboten gehörte.
»Hi«, sagte er schlicht und überreichte mir den relativ großen Geschenkkarton. »Anna meint, du solltest gleich nachsehen, was drin ist.«
»So, meint sie das …«, erwiderte ich skeptisch und warf der Gastgeberin an Prestons breiten Schultern vorbei einen bösen Blick zu.
Anna grinste, hob ihr Glas, zwinkerte mir zu und trank einen Schluck Champagner.
Ich atmete tief durch, dann wandte ich den Partycrashern den Rücken zu, um das Paket abzustellen und es zu öffnen.
Beim Anblick der pinken Arbeitsoveralls und des schwarzen Bunnykostüms fiel mir restlos alles aus dem Gesicht. Und als wäre das noch nicht schlimm genug gewesen, wechselte im selben Moment die entspannte Hintergrundmusik zu einem durchdringenden Beat, der mich Übles erahnen ließ. Das bestätigte sich auch sogleich, als ich aus den Augenwinkeln bemerkte, wie sich die Arme des zurückhaltenden Preston von hinten um meine Taille wickelten, sich sein Körper extrem eng an mich presste und in einem lasziven Rhythmus bewegte, während um mich herum wildes Gekreische ausbrach.
Stripper waren so ziemlich das Letzte gewesen, was ich mir für diesen Abend gewünscht hatte. Ganz zu schweigen von dem Bunnykostüm, das ich nun am Körper trug.
»Voosischt«, nuschelte mir Chloé, ein leicht durchgedrehter Klonversuch von Meg Ryan und Amanda Seyfried mit widerspenstigen Locken auf dem Kopf, ins Gesicht. »Tu velliest dei…nö Öschen.« Sie grinste schief und schielte dabei unkontrolliert. Wegen ihrer verschmierten Wimperntusche sah sie ein bisschen aus wie ein Panda im pinken Arbeitsoverall mit kognitiven Einschränkungen. Die Aufschrift 24h Abschleppdienst glitzerte im Schein der Spotlights auf ihrer Brust. Unbeholfen nestelte sie an meinen Hasenohren herum. »Bessher!«, zwinkerte sie mir zu, machte einen Ausfallschritt nach hinten und prallte ungebremst gegen einen dunkelblonden Hipster, der mit seinen Begleitern gerade den Club verlassen wollte, dessen Ein- und Ausgang sich schräg gegenüber von unserem Tisch befand. »Ups! Sorrey«, kicherte unser Goldlöcken.
»Alles okay?«, fragte er skeptisch.
Chloé drehte sich um und bekam Sternchenaugen, während sie nickte.
Tu das n–. Ehe ich den Gedanken zu Ende bringen konnte, krabbelten ihre Finger mit den pink lackierten Nägeln flink wie eine Spinne über seine Brust Richtung Bart und kraulten selbigen.
»Schöna Baat«, murmelte Chloé. Sie schaute grinsend zu ihm auf. »Ast du … übeall so weische Haare?«
Die Männertruppe lachte, bloß der Hipster hielt sich ein wenig zurück. Sichtlich amüsiert ergriff er Chloés Hand und hauchte einen Kuss darauf. Gleich danach fiel sein Blick auf mich, beziehungsweise den Stift, der an mir befestigt war. »Darf ich?«, fragte er mit sonorer Stimme.
»Warum nicht?!« Schließlich hatten mich meine Freundinnen für diese Nacht zum Kussfreiwild erklärt. Da konnte ich bei ihm schlecht Nein sagen.
Zu meiner Überraschung nahm er jedoch nur den Edding, zog die Kappe ab und Chloé ein bisschen näher an den Permanentmarker heran. Carl schrieb er auf ihren Unterarm und gleich darunter eine Handynummer. »Ruf mich an, wenn du wieder nüchtern bist, und finde es selbst heraus.«
Chloé starrte ihn mit großen Augen überrascht an. Eigentlich taten wir das in diesem Moment alle.
Unterdessen steckte Carl tiefenentspannt die Kappe auf den Stift, ließ ihn los, nickte mir zwinkernd zu und verließ mit seiner Truppe die Location.
Sie waren noch nicht ganz außer Hörweite, da brach auch schon Kreischalarm aus.
»Wie süß!«, schrillte es neben mir ungewohnt euphorisch.
Anna war die Vernünftigste und Bodenständigste von uns und generell nicht leicht zu beeindrucken. Normalerweise pflegte sie lockere Businesskleidung und ihren dunklen Pagenkopf akribisch geglättet zu tragen, was den strengen Look zusätzlich unterstrich und sie unweigerlich zu einer Blutsverwandten von Cleopatra und Anna Wintour machte. In schärfer. Und jünger. Und eisiger. Doch in dieser Nacht existierte scheinbar keine Normalität.
»Ich liehi be in«, nuschelte Chloé.
»Eindeutig schockverliebt«, stellte Anna kichernd fest.
»Morgen liebst du ihn nicht mehr«, sagte Bridget, deren Stammbaum ohne Frage mit dem von Julia Roberts und Helena Bonham Carter verästelt war. »Du kannst Hipster nicht ausstehen und Bartträger sowieso nicht.«
»Hihi – habbisch vergessn.«
»Die ist durch«, kam es von Anna. »Wer bringt das unkontrollierbare...




