Tallis | Rendezvous mit dem Tod | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5, 416 Seiten

Reihe: Die Max-Liebermann-Krimis

Tallis Rendezvous mit dem Tod

Ein Fall für Max Liebermann
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-16337-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fall für Max Liebermann

E-Book, Deutsch, Band 5, 416 Seiten

Reihe: Die Max-Liebermann-Krimis

ISBN: 978-3-641-16337-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das morbide Wien in seinem tödlichsten Glanz

Ein perfider Serienmörder sucht Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts heim. Den ermordeten jungen Frauen ist keine Verletzung anzusehen. Bei genauer Untersuchung des Hinterkopfes entdeckt der Pathologe, dass eine Hutnadel durch eine kleine Öffnung der Schädeldecke ins Gehirn getrieben wurde. Die Ermittlungen führen Inspektor Oskar Rheinhardt auf die dunkle Seite Wiens, wo er bald die Hilfes seines Freundes Max Liebermann, des jungen Psychoanalytikers, nötig hat ...

Der fünfte Teil der Erfolgsserie um den Psychoanalytiker und Detektiv Max Liebermann.

Frank Tallis ist Schriftsteller und praktizierender klinischer Psychologe. Für seine Romane, vor allem für seine Erfolgsserie um den Psychoanalytiker und Detektiv Max Liebermann, erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den »Writers' Award from the Arts Council of Great Britain« und den »New London Writers' Award«. Tallis lebt in London.

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1


Liebermann saß auf einem Stuhl am Kopfende des Ruhebettes. Er hatte die Stellung eingenommen, die seiner Meinung nach dem Zuhören besonders dienlich war: übereinander geschlagene Beine, die rechte Faust an der Wange, die Spitze des Zeigefingers an der Schläfe. Sein auf dem Rücken liegender Patient, Herr Norbert Erstweiler, konnte den jungen Arzt nicht sehen. Herr Erstweiler sah vor allem die weiße Zimmerdecke und, wenn er den Blick senkte, eine schlichte Tür mit Milchglasscheibe. Herrn Erstweilers Augen kamen nicht zur Ruhe. Ihre hektischen Bewegungen ließen auf Unbehagen und Furcht schließen. Es wirkte, fand Liebermann, als hätte Herr Erstweiler Angst davor, dass jemand plötzlich ins Zimmer kommt.

»Ich erwarte niemanden«, sagte Liebermann.

»Entschuldigen Sie?«

»Wir werden nicht gestört. Niemand wird hereinkommen.«

»Gut … das wäre mir nicht angenehm.«

»Sie erzählten gerade von Ihrem gestörten Schlaf.«

»Das stimmt. Ich kann nicht mehr einschlafen. Ich gehe ins Bett, lösche die Lampe, und dann erfüllt mich sofort der Schrecken. Es ist die Dunkelheit … es hat etwas mit der Dunkelheit zu tun.«

»Ist es etwas in der Dunkelheit?«

»Nein, so würde ich es nicht ausdrücken. Ich würde sagen, es ist die Art der Dunkelheit … ihre Leere, auch mein Appetit ist gänzlich geschwunden, und mein Stuhlgang ist flüssiger.«

Liebermann fiel auf, dass die Hände von Herrn Erstweiler leicht zitterten.

»Haben Sie Mühe beim Atmen, Herr Erstweiler?«

»Ja, ich habe Beklemmungen in der Brust … und mein Herz, ich spüre es die ganze Zeit schlagen. Irgendwas ist damit nicht in Ordnung. Ich weiß das.«

Liebermann schaute auf die Notizen auf seinem Schoß.

»Nein, Herr Erstweiler. Ihr Herz ist vollkommen in Ordnung.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob der Kardiologe, bei dem ich war, eine gründliche Untersuchung durchgeführt hat.«

»Professor Schulde ist eine Autorität.«

Erstweiler schaute auf die Tür.

»Nun, das mag ja sein … aber auch Autoritäten können irren.«

Liebermann musterte seinen Patienten: Anfang dreißig, dunkles, schon leicht ergrautes Haar, ein schmales, verhärmtes Gesicht, müde, blutunterlaufene Augen, Fingerabdrücke auf der Brille. Drei Falten hatten sich in Erstweilers Stirn eingegraben, eine kurze, eine lange und eine weitere kurze. Sie waren so tief, dass sie wohl nie mehr verschwinden würden. Er hatte seine Toilette vernachlässigt, und sein Kinn war schorfig.

Erstweiler legte sich eine beruhigende Hand auf sein rasendes Herz.

Dem jungen Arzt fiel auf, dass die Unterhaltung über seine Symptome die Unruhe des Patienten noch erhöhte. Er beschloss, ihn abzulenken, indem er sich einem anderen Thema zuwandte.

»Wenn ich es richtig verstanden habe, sind Sie erst kürzlich nach Wien gekommen«, sagte Liebermann.

»Ja. Ich bin kurz vor Weihnachten hergezogen.«

»Woher stammen Sie?«

»Tulln – kennen Sie das, Herr Doktor?«

Erstweilers Stimme klang hoffnungsvoll.

»Ich habe davon gehört«, antwortete Liebermann. »Sind Sie dort geboren?«

»Nein, in Eggenburg, aber meine Familie ist nach Tulln gezogen, als ich noch sehr klein war. Eine stille Provinzstadt«, sagte Erstweiler, »aber ich bin ein einfacher Mensch und mit wenig zufrieden. Wandern, Angeln … ein wenig Rudern im Sommer.« Erstweiler blinzelte, und ein schwaches Lächeln milderte seine Züge. »Ich war in Tulln sehr glücklich.«

»Warum haben Sie die Stadt verlassen?«

»Als mein Arbeitgeber starb, wurde ich entlassen. Ich war Privatsekretär eines Ratsherrn – des Ratsherrn Metternich – und arbeitete im Rathaus. Es war keine sehr anspruchsvolle Tätigkeit – Korrespondenz, den Terminkalender führen, diese Dinge. Metternich starb im Herbst des vergangenen Jahres. Seine Krankheit zog sich recht lange hin. Er wusste …« Erstweiler zögerte und stotterte dann: »d-d-dass er st-st-sterben würde …« Liebermann sah, dass der Ärmste versuchte, gegen eine schreckliche Erinnerung anzuarbeiten. Erstweiler holte tief Luft und fuhr fort: »Er schrieb einem Freund und empfahl mich für einen Posten im Büro. Er war ein sehr freundlicher alter Mann, Metternich, und wusste, dass ich Mühe haben würde, eine andere Arbeit in Tulln zu finden. Metternichs Freund war Herr Winkler, ein Geschäftsmann, der Möbel und objets d’art aus Japan importiert. Ich arbeite jetzt in seinem Lager in Simmering. Die Arbeit ist nicht sonderlich gut bezahlt, aber man hat mir gesagt, dass man mich bald befördern wird.«

Liebermann machte sich ein paar Notizen und fragte dann: »Leben Sie allein?«

»Ja … nein. Was ich meine, ist Folgendes … ich habe mir ein Zimmer genommen, zur Untermiete, im Haus eines Tschechen und seiner Frau.«

»In Simmering?«

»Nicht weit von Winklers Lagerhaus entfernt.«

»Haben Sie Familie oder Freunde in Wien?«

»Nein.«

»Und zu Hause in Tulln? Haben Sie dort jemanden zurückgelassen?«

»Meine Eltern sind beide verstorben. Ich habe einen älteren Bruder … aber wir haben schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. Er ist nach Salzburg gezogen. Er ist Beamter bei der Eisenbahn, recht weit oben. Er trägt eine Uniform wie ein General! Wir waren nie sonderlich eng. Er hält mich für …« Erstweiler verzog das Gesicht, »… zu wenig ehrgeizig.«

Liebermann klopfte sich mit seinem Zeigefinger an die Schläfe, dann schrieb er die Worte »Angstneurose« und »Angsthysterie« nieder. Er war mit seiner mutmaßlichen Diagnose nicht ganz zufrieden. Wieder beobachtete er, wie sein Patient zur Tür blickte, und fügte in Klammern hinzu: »Dementia paranoides?« Liebermann beschloss, sich wieder den Symptomen zuzuwenden.

»Wann sind Sie das erste Mal erkrankt, Herr Erstweiler?«

»Etwa vor einer Woche. Es kam sehr plötzlich.«

»Haben Sie früher an ähnlichen Zuständen gelitten? Atemnot? Herzrasen?«

»Nein, noch nie. Ich war immer sehr gesund.«

»Ist etwas vorgefallen, das Sie aufgeregt hat?«

Erstweiler antwortete nicht.

Liebermann beharrte: »Haben Sie eine schlechte Nachricht erhalten? Haben Sie einen Unfall gesehen? Ist eine Beziehung zu Ende gegangen?«

»Nein … nichts dergleichen.«

»Aber etwas muss vorgefallen sein …«

Erstweiler schloss die Augen. Der bloße Gedanke an eine Enthüllung weckte in ihm das Verlangen, die Welt auszusperren.

»Was denken Sie?«, fragte Liebermann leise. »Was glauben Sie, bedeuten diese Symptome?«

Der Patient öffnete wieder die Augen. Sie waren glasig, schienen ins Nichts zu starren, und seine Stimme klang entsprechend schleppend: »Sie bedeuten, dass ich sterben werde.«

»Aber Sie sind kerngesund, Herr Erstweiler. Alle Untersuchungen und Tests haben gezeigt, dass Sie sich ausgezeichneter Gesundheit erfreuen. Also.« Liebermann klopfte mit seinem Stift auf die Armlehne seines Stuhls, um die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich zu ziehen. »Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Sie augenblicklich an Angstzuständen leiden, Hyperventilation, Tachykardie, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit – aber diese Symptome sind relativ harmlos.«

Erstweiler ignorierte Liebermanns Appell.

»Mein Schicksal ist besiegelt«, flüsterte er. »Ich werde sterben. Und Sie und Ihre Kollegen können nichts tun, um mich zu retten. Wenn der Tod an die Tür klopft, kann man ihm nicht den Einlass verwehren.«

Liebermann machte sich eine weitere Notiz.

»Herr Erstweiler?«

Der Patient schien aus seinem gedankenverlorenen Zustand zu erwachen. Seine Augen richteten sich wieder auf die wirkliche Welt – die Zimmerdecke und die Tür.

»Ja?«

»Irgendetwas ist Ihnen zugestoßen«, Liebermann dämpfte seine Stimme, um der Direktheit seiner Aufforderung entgegenzuwirken. »Es ist wichtig, dass Sie mir alles erzählen. Nur dann kann ich Ihnen helfen.«

»Ich hätte nie in den Krankenhausaufenthalt einwilligen sollen. Das war die Idee meines Hausarztes Dr. Vitzhum. Er hat mich überredet … er hat mir eingeredet, ich hätte ein Nervenleiden, und dass die Welt ganz anders aussähe, wenn ich mich ein paar Wochen lang ausruhen würde. Ich wollte ihm sehr gerne glauben – natürlich –, was hatte ich auch für eine Wahl? Damals glaubte ich, dass er recht habe, ich glaubte, ich werde verrückt, aber das ist nicht der Fall. Wenn ich doch nur verrückt würde! Lieber Gott! Wenn Sie mich heute für verrückt erklären würden und es beweisen könnten, dann wäre ich sehr erleichtert.«

»Wovor haben Sie Angst, Herr Erstweiler?«

»Vor dem Sterben. Ich will nicht sterben.«

Liebermann unterstrich das Wort »Thanatophobie« zwei Mal.

»Noch einmal, Herr Erstweiler, blicken Sie doch bitte auf die Fakten.«

»Glauben Sie mir – das habe ich.« Erstweiler sprach ganz offensichtlich nicht von den medizinischen Untersuchungen.

»Ich kann mir kein vollständiges Bild von Ihrem Geisteszustand machen«, meinte Liebermann, »solange Sie mir nicht sämtliche Umstände eröffnen. Sie sagen, dass es Ihr Leiden mildern würde, wenn Sie für verrückt erklärt würden. Ich bin jedoch nicht in der Lage, Ihnen diese etwas ungewöhnliche Erleichterung zu gewähren, solange Sie sich weigern, mich ins Vertrauen zu ziehen.«

Erstweiler strich sich über die Bartstoppeln seines Kinns. Eine lange Stille trat ein. Schließlich antwortete er.

»Als es zum ersten Mal passierte, war ich mir nicht sicher …« Er schluckte, und sein Adamsapfel bewegte sich heftig. »Ich ging den Graben entlang, als ein...


Tallis, Frank
Frank Tallis ist Schriftsteller und praktizierender klinischer Psychologe. Für seine Romane, vor allem für seine Erfolgsserie um den Psychoanalytiker und Detektiv Max Liebermann, erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den »Writers' Award from the Arts Council of Great Britain« und den »New London Writers' Award«. Tallis lebt in London.



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