E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Tall Sugar Crush
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-99001-797-5
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-99001-797-5
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chris Tall ist ein deutscher Stand-Up-Comedian, der Hallen und Arenen in Deutschland, Österreich und der Schweiz fu?llt. Seinen Durchbruch schaffte er 2013 mit dem Gewinn des »RTL Comedy Grand Prix«. 2016 wurde er mit dem »deutschen Comedypreis« als bester Newcomer ausgezeichnet. Es folgten eigene Personality-Shows im TV, unter anderem »Darf er das? - Die Chris Tall Show« und aktuell »Chris Du das hin?«. Im Juni 2025 erfu?llt sich Chris Tall einen großen Traum und spielt sein Soloprogramm »LAUGH STORIES - Einmal im Leben« live im Volksparkstadion Hamburg. »Sugar Crush« ist sein erster Roman.
Autoren/Hrsg.
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GEHEIMNISSE
SugarCrush Hey, Pumpkin, wie geht es dir? Weißt du, woher das Wort Säulenheiliger kommt? Das waren Mönche, die im Mittelalter auf hohe Säulen geklettert sind und ihr restliches Leben dort oben verbracht haben. Asketisch beteten sie den ganzen Tag. Eigentlich mussten sie nichts anderes tun, als herumzusitzen und die Aussicht zu genießen. Sie sind aber von allen Menschen dafür bewundert und verehrt worden. Die haben ihnen sogar Essen gebracht, damit die Mönche nicht verhungert sind. Ich denke, das könnte eine Zukunft für mich sein. Essen und rumsitzen. Darin bin ich ziemlich gut.
Pumpkinpie Das klingt verrückt. Würde dir da nicht langweilig werden? Und gäbe es auf so einer Säule WLAN? Wir könnten uns sonst nicht schreiben. Und das wäre jammerschade ...
SugarCrush Ja, du hast recht. Das wäre ein echtes Hindernis. Danke fürs Aufheitern, Pumpkin. Ich hoffe, dein Semesterbeginn war besser als meiner.
Pumpkinpie Die erste Woche ist immer hart. Was ist dir denn passiert?
SugarCrush Ein peinlicher Zwischenfall im Sportunterricht. Fühlst du dich auch manchmal, als wärst du ein Ausstellungsexemplar und die anderen Menschen würden dich andauernd anglotzen, aber nicht aus Bewunderung, sondern aus diesem seltsamen Interesse, das Menschen für Autounfälle haben oder für besonders hässliche Insekten? So habe ich mich heute gefühlt.
Pumpkinpie Ich weiß, was du meinst. Dieses Gefühl kommt nicht nur von dem, was andere Menschen sehen. Sondern auch von unseren Gedanken darüber, was sie sehen wollen. Was sollen wir für sie sein? Wie müssen wir sein? Wir erfüllen diese Erwartungen nicht und enttäuschen sie. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass du irgendeine Ähnlichkeit mit einem Insekt hast. Eher mit einem Koala.
SugarCrush Wie kommst du denn auf Koalas?
Pumpkinpie Manchmal, wenn die Tage hart sind, wickle ich mich in meine Bettdecke ein, rolle mich zur Seite und stelle mir vor, ein flauschiger, großer Koala würde mich festhalten. Dann vergesse ich die Probleme für einige Zeit.
SugarCrush Das klingt sehr schön. Weißt du, ich glaube, der Schulbeginn war auch deshalb so hart, weil unsere Chats mich diesen Sommer völlig abgelenkt haben. Es war, als wäre ich an einen neuen Ort gezogen, wo es genau einen Einwohner gibt, der alles versteht, was ich fühle. Der genauso denkt wie ich. Das bist du, Pumpkin. Dabei habe ich wohl vergessen, wie anders die echte Welt ist.
Pumpkinpie Was meinst du mit »echter Welt«? Denkst du nicht, unser Chat ist auch echt? Natürlich nicht so echt wie ein gemeinsames Abendessen oder ein Besuch im Kino. Aber irgendwie fühlt er sich für mich realer an als vieles andere. Realer als die Gespräche mit meinen Eltern, zum Beispiel. Die meisten Tage ziehen vorbei, ohne einen einzigen Satz, einen einzigen Gedanken, der sich »echt« anfühlt. Im Gegensatz dazu ist in unserem Chat alles echt.
SugarCrush Außer unsere Namen. Und unsere Identität. Was weiß ich schon von dir, abgesehen von deiner Vorliebe für Kürbiskuchen und Koalas? Aber ich möchte nicht wieder damit anfangen.
Pumpkinpie Ich weiß, es wäre besser, wenn wir uns »in echt« treffen könnten. Es ist mir ein wenig peinlich, aber ich habe Angst ... Obwohl ich nicht mal genau weiß, wovor ...
SugarCrush Davor, dass es sich nicht echt anfühlt, wenn wir uns treffen?
Kaum hatte ich die Nachricht abgeschickt, ging das Licht in meinem Zimmer an. Reflexhaft klappte ich den Laptop zu und schob ihn unter meine Decke. Hoffentlich war der Bildschirm dabei nicht zu Bruch gegangen.
Meine Mutter steckte den Kopf herein und musterte mich.
»Mum!«, rief ich empört. »Schon mal was von Anklopfen gehört?«
»Ich habe angeklopft, Mateo«, sagte sie mit hochgezogener Augenbraue. »Aber du hast nicht reagiert.«
Ein peinliches Schweigen erfüllte den Raum.
Ich wusste genau, was sie dachte. War auch nicht schwer zu erraten. Ein eilig versteckter Laptop, ein Teenager abends im Bett, es brauchte keinen Einstein, um die richtige Schlussfolgerung zu ziehen. Nur dass sie in meinem Fall eben nicht zutraf.
Seit Beginn des Sommers verzog ich mich die meiste Zeit in meinem Zimmer, wo ich mit Pumpkinpie chattete. Wir hatten uns über BeYou kennengelernt. Die Plattform war eine Mischung aus Instagram und Bumble und bezeichnete sich selbst als die »erste nicht oberflächliche Social-Media-Plattform der Welt«.
Die Idee war simpel: User konnten Texte und Bilder hochladen, allerdings keine Bilder, die sie selbst zeigten. Eine KI erkannte das sofort. So konnten sich Menschen dort über ihre Hobbys, Leidenschaften und Interessen austauschen, ohne je Gefahr zu laufen, über ihre Körper definiert oder auf sie reduziert zu werden. Der Algorithmus filterte ähnliche Interessen und schlug basierend darauf Freunde vor. So waren Pumpkinpie und ich uns begegnet. Den ganzen Sommer lang hatte ich meinem neuen Gegenüber mein Herz ausgeschüttet. Und Pumpkinpie hatte mich verstanden. Dabei wusste ich nichts über seine oder ihre Identität, weder wie Pumpkinpie aussah oder hieß, noch wo er oder sie zur Schule ging. Allerdings gab es ein paar Daten, die BeYou verifizierte, um keine Weirdos zuzulassen, die sich als Teenager ausgaben. Pumpkinpie war 17 Jahre alt, so wie ich, und lebte in der Nähe. Also irgendwo in der Umgebung Hamburg. Wie nahe, konnte ich allerdings nicht sagen.
»Essen ist fertig«, sagte meine Mutter und zog ihren Kopf aus dem Türspalt. Das Licht ließ sie an. Ich atmete tief aus und fiel nach hinten. Das Missverständnis würde ich nicht korrigieren.
Besser, meine Mutter dachte, ich schaute explizite Videos wie alle anderen Jungs in meinem Alter auch, als von BeYou zu erfahren. »Bist du unzufrieden mit deinem Aussehen?«, würde sie fragen und ganz schockiert blicken. »Du bist doch perfekt, so wie du bist!«
Welcher 17-Jährige war schon zufrieden mit seinem Körper? Diese ganze Selbstliebe ist in der Theorie schön, aber funktioniert in der Praxis nicht so wirklich. Um jemanden zu lieben, musste man ihn kennen. Alles andere war bloß Illusion. Aber wer war ich? Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte das Gefühl, Pumpkinpie besser zu kennen als mich selbst.
Und meine Mum würde es ganz bestimmt meinem Vater erzählen. Der meinte es zwar gut, hatte aber, wie alle Väter, von solchen Dingen noch weniger Ahnung. »Dann mach eben etwas mehr Sport und iss gesünder«, würde er sagen und mir auf die Schulter klopfen. Danke, Dad. Darauf wäre ich selbst nie gekommen. Ich ließ einige Momente verstreichen, ehe ich den Laptop wieder hervorholte und aufklappte. Obwohl BeYou eine Smartphone-App besaß, war es viel zu riskant, längere Nachrichten in der Öffentlichkeit zu verfassen. Ich wollte nicht, dass irgendjemand davon wusste. Es war mein Geheimnis. So wie Pumpkinpie mein Geheimnis war. Es fühlte sich gut an, ein Geheimnis zu haben. Und noch besser, das Geheimnis von jemand anderem zu sein. Diese Geheimhaltung führte allerdings dazu, dass Pumpkinpie und ich uns nur zu ungestörten Stunden, meist abends, schreiben konnten. Jetzt, wo die Schule wieder losging, wusste ich nicht, ob mein Gegenüber noch so viel Zeit für mich haben würde wie in den Sommerferien. Waren Pumpkinpie unsere Nachrichten so wichtig wie mir?
Ein roter Punkt zeigte mir an, dass Pumpkinpie offline gegangen war. Allerdings fand ich noch eine Nachricht vor.
Pumpkinpie Hey, ich muss gleich zum Abendessen. Hast du von dieser Aktion gehört, die BeYou startet? Zehn User werden zufällig ausgewählt und mit irgendeinem Promi, der das als Charity-Aktion zum Thema Bodypositivity und Selbstakzeptanz macht, zusammengeworfen. Cool, was? Stell dir vor, du wirst ausgewählt. Welchen Promi hättest du gern? Ich weiß zwar nicht, welche Promis überhaupt mitmachen, aber Bill Kaulitz wäre der absolute Wahnsinn. Weil ich weiß, dass du dich gern treffen würdest und ich noch nicht dazu bereit bin, möchte ich dir zumindest eines meiner größten Geheimnisse verraten: Letztes Jahr habe ich die Dokumentation über Bill und seinen Bruder gesehen. Natürlich war es Trash, aber irgendwie war es auch echt und verletzlich. Ich würde ihn gern mal treffen und fragen, wie das für ihn war, so jung schon vor so vielen Menschen zu stehen. Mit so vielen Erwartungen umgehen zu müssen. So viele Augen auf sich zu spüren, die ihn alle nach ihren Kriterien sehen und bewerten wollten, völlig egal, was er wollte.
Wenn du unseren Chat nun für immer verlassen willst, durch den Monsun und bis ans Ende der Zeit vor mir fliehen, werde ich dir keinen Vorwurf machen. Ich werde jedenfalls morgen Abend wieder vor dem Laptop sitzen und auf eine Nachricht von dir hoffen.
Tokio Hotel? Bill Kaulitz? Keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Aber Pumpkinpie hatte gerade ein Geheimnis mit mir geteilt. Und versprochen, morgen Abend auf mich zu warten.
Als ich auf diesem verdammten Seil festhing, schlug mein Herz genauso...




