Talbot | Dämonenherz | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

Talbot Dämonenherz


10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-547-92004-8
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

ISBN: 978-3-547-92004-8
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Anna sich in den schönen, geheimnisvollen Carl Weller verliebt, ahnt sie nicht, in welche Gefahr sie sich begibt. Denn Carl darf nicht lieben. Um Macht und Reichtum zu erlangen, hat er vor Generationen seine Seele einem Dämon versprochen. Kann er erlöst werden? Kann Anna ihn und sich retten?

Julia Talbot wuchs in Frankfurt a.M. auf. Die geheimnisvolle und leidenschaftliche Welt der Dämonen fasziniert sie seit ihrer Kindheit. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin.
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1.

Anna Sternberg wusste nicht, warum im einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch Kopfsteinpflaster existierte. Gerade war sie zum dritten Mal mit dem Absatz ihrer Pumps in eine hinterhältige Ritze gerutscht. Der Schuh blieb stecken, und während sie verzweifelt an ihm zerrte und schließlich halb barfuß in der Kälte eines Herbstmorgens stand, versuchte sie, die aufsteigende Wut in genügend Kraft zu kanalisieren, um ihn herauszuziehen. Dabei riss die Feinstrumpfhose, und eine unübersehbare Laufmasche kroch mit dem bekannten zarten Kribbeln erst über das linke Schienbein und dann das Knie nach oben.

Sie unterdrückte einen Fluch, den man sich in dieser Ecke der Stadt nicht öffentlich genehmigte. Eine Haarklammer löste sich, die ganze mühsam aufgebauschte Frisur fiel in sich zusammen. Anna warf einen hastigen Blick auf ihre Armbanduhr. Drei Minuten vor zehn. Sie würde zu spät kommen. Sie hatte es den ganzen Weg über gewusst. Erst war ihr der Bus vor der Nase davongefahren, dann hatte sie sich in der Richtung geirrt, und jetzt stand sie da, unvollständig, halbbeschuht, mit zerrissenen Strümpfen und verwehter Frisur, und begann ernsthaft zu überlegen, mit welcher plötzlichen Krankheit man die Präsentation eines PR-Konzeptes noch verschieben könnte.

Noch einmal ging sie in die Knie, packte den Schuh und stemmte sich mit aller Kraft hoch. Ein Ruck, der Absatz blieb im Pflaster, den kläglichen Rest hielt sie in der Hand. Sie zählte langsam von eins bis zehn, atmete tief durch und sah sich um.

In dieses Viertel von Wiesbaden verschlug es Anna selten. Denn hier, in den schmalen Seitengassen hinter den großen Modeboutiquen und Einkaufspassagen, lagen die wirklich luxuriösen Geschäfte: Antiquitäten, Maßschneider, Designermöbel und Galerien. Dezente Auslagen, viel Chrom und Messing, indirektes Licht und – der Gipfel des Understatements – kein Hinweis darauf, wie das jeweilige Geschäft eigentlich hieß.

Vermutlich wurde die illustre Kundschaft sowieso per Limousine von zu Hause abgeholt und zwecks Schonung der Absätze direkt vor die Tür gefahren. Rote Teppiche bekamen plötzlich in Annas Augen eine ganz neue Daseinsberechtigung. Sie zerknüllte ihren Busfahrschein und beförderte ihn mit einem kleinen Kick ihres unbeschuhten Fußes in den nächsten Gully. Dann stellte sie fest, dass sie den Zettel mit der genauen Adresse soeben mit entsorgt hatte.

Typisch. Erst denken, dann handeln. Du lernst es nie.

Sie schlüpfte in den Schuhtorso und trat, halb hüpfend, halb humpelnd, in die Mitte der menschenleeren Straße. Irgendwo musste sie sein, die Galerie ihrer einstigen Klassenkameradin Sandy, die sich jetzt Sandrine nannte und in deren Leben sich außer dem Namen wohl noch einiges mehr geändert hatte.

Sandrine Beaufort. Anna erinnerte sich vage an die schüchterne Bewunderung, die sie diesem bildschönen Wesen damals entgegengebracht hatte. Allen in der Klasse war es so gegangen, als Sandy, wie sie von allen genannt wurde, im letzten Schuljahr dazugekommen war. Mitten im Winter war es gewesen. Sie war hereingeweht wie ein Schneeflocke, ein Wesen von einem anderen Stern, das keine Gelegenheit ausließ, sein Anderssein auch noch zu betonen. Schon bald war Annas Anbetung in Ratlosigkeit und schließlich sogar Abneigung umgeschlagen. Sandy war ein Miststück. Sie hatte alle und jeden gegeneinander aufgehetzt, Freundschaften zerstört und sämtlichen Jungen den Kopf verdreht. Waren Annas Erinnerungen an ihre Schulzeit bis zu diesem letzten Jahr noch von einer fast unschuldigen Langeweile geprägt, so hatte Sandy sie in ein einziges Ärgernis umgemünzt. Die schriftliche Mathe-Klausur hatte Anna sogar nachholen müssen. Der Vorwurf: Sie hätte von Sandy abgeschrieben. Dabei war es genau umgekehrt gewesen.

Das war fünfzehn Jahre her. Sandy hatte in Amerika ihr Glück gemacht, war reich und berühmt, wieder in der Stadt, und hatte Anna mit glockenheller Stimme angerufen und um dieses Treffen gebeten – natürlich von jetzt auf gleich. Und sie hatte ihr diese einmalige, wunderbare, unwiderstehliche Chance wie eine Möhre unter die Nase gehalten.

Und ich bin der Esel, der wieder mal springt, dachte Anna. Sie wird zwar immer noch ein Miststück sein, aber diesmal ein zahlendes. Also sei nicht kindisch.

Irgendwo schlug eine Turmglocke zehn Mal und holte sie unsanft in die Gegenwart zurück. Sie widerstand dem Verlangen, gleich auf der Stelle umzukehren und zurück in ihr Büro zu gehen.

Anna ging ein paar Schritte weiter zu einem stuckverzierten Altbau. Hier war es. Die riesigen Schaufenster waren mit Papier verhängt, und ihre hochglanzpolierten Messingrahmen mussten ein Vermögen gekostet haben. In ihnen schimmerte ihr Spiegelbild. Sie beugte sich vor und unterzog es einer letzten Prüfung. Sandy-Miststück-hat-es-geschafft trifft Anna-Loser-versuchtes-immer-noch. Wer von ihnen beiden hatte sich wohl mehr verändert?

Anna sah in ein herzförmiges Gesicht, umrahmt von den Resten einer Hochsteckfrisur. Zu Hause vor dem Spiegel hatte das alles auch noch ganz gut ausgesehen. Sehr edel, sehr elegant. Die Frisur hatte ihre hübschen Wangenknochen betont, ließ sie aber ernster aussehen, als sie eigentlich war. Ihr Teint war noch immer makellos, obwohl sie im letzten Jahr ihren dreiunddreißigsten Geburtstag gefeiert hatte, deshalb hatte sie auf Make-up verzichtet und nur einen Hauch von Rouge aufgelegt. Eigentlich war es zu kalt, um ohne Mantel aus dem Haus zu gehen. Doch Anna hatte sich nach einem Blick in den strahlend blauen Himmel gegen ihn entschieden. Den voluminösen Dufflecoat hatte sie drei Winter hintereinander getragen, jetzt war es einfach genug. Stattdessen hatte sie ihren beigen Pashmina-Schal um die Schultern geschlungen, eine Farbe, die ihrem Gesicht schmeichelte und dem strengen Hosenanzug gleich eine viel weiblichere Note verlieh.

So hatte sie ihren Auftritt geplant. Aber der Mensch denkt, und der Wind lenkt. Anna sah aus wie ein Wischmopp. Hastig versuchte sie, die gelösten Strähnen wieder zu befestigen. Vergeblich. Schließlich zog sie die Klammern aus dem Haar und ließ die Haare offen auf die Schultern fallen. Sie lächelte. Sofort strahlten ihre Augen, die kleinen Lachfältchen zeigten sich. Sie hatte einen dezenten braunen Lidschatten aufgelegt und dazu einen rosenholzfarbenen Lippenstift gewählt. An den Ohren trug sie Perlenstecker – eine Erinnerung an ihre Mutter, und plötzlich war es, als ob sie ihre Stimme hören könnte: Kopf hoch, Kleines. Du schaffst das! Anna blinzelte, als ob ihr ein Staubkorn in die Augen geflogen wäre. Natürlich schaffe ich das, dachte sie. Es hängt ja nichts weiter als meine Zukunft davon ab.

Sie atmete noch einmal tief durch. Das hier war das Leben, nicht der Pausenhof. In wenigen Augenblicken würde sie der Frau gegenüberstehen, die ihr die Schulzeit zur Hölle gemacht hatte. Sandy, die unangefochtene First Lady der Klasse. Bei ihr konnte man nicht anders, als einen ausgesprochenen Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln. Aber Sandy hatte offenbar ganz andere Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit. Am Telefon hatte sie geklungen, als sei Anna damals ihr Ein und Alles gewesen. Und sie gebeten, ein PR-Konzept für ihre neue Galerie auszuarbeiten. Wenn möglich bis gestern, hatte sie gesagt und dann ihr berühmtes silberhelles Lachen erklingen lassen, an das sich Anna noch so gut erinnern konnte.

Sie stemmte sich gegen den Wind und zog unter Aufbietung all ihrer Kräfte die schwere Messingtür auf. Ein Schwall frische Luft wehte sie in die hellen, fast leeren Ausstellungsräume. Zwei junge Männer trugen gerade ein überdimensional großes Bild in die hintere Ecke des Raumes. Anna kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was darauf abgebildet sein könnte. Aus der Entfernung sah es aus, als habe man auf der Leinwand ein Schwein geschlachtet. Aber vielleicht hielten sie das Werk auch einfach nur falsch herum.

»Anna!«

Eine große, elegante Frau mit glattglänzendem, platinblondem Pagenschnitt eilte ihr entgegen. Allein für diese Haare wurden Frauen in anderen Kulturkreisen früher skalpiert. Sie trug ungefähr zwanzig Zentimeter hohe Absätze, ein knallenges graues Kostüm, das trotz seiner Strenge umwerfend sexy wirkte, und hatte genau den Hauch an Untergewicht, den Anna zu viel auf den Hüften hatte. Sandy-Sandrine sah umwerfend aus, und sofort fühlte sich Anna wieder genau so, wie sie befürchtet und sich strengstens verboten hatte: in jeder Hinsicht unterqualifziert.

Die Galeristin breitete die Arme aus und küsste Anna flüchtig auf beide Wangen.

»Gut siehst du aus«, sagte sie und lächelte dabei selbstzufrieden. Anna war sicher, dass sie log. Sandrine wirkte, als hätte sie gerade einen Wellness-Urlaub auf Sri Lanka hinter sich. Ihr Gesicht war glatt wie ein Baggersee bei Windstille, und kein Mensch hätte sie älter als Anfang zwanzig geschätzt. Sie sah exakt so aus wie auf der Abiturfeier, als man sie mit dem Referendar in der Turnhalle am Stufenbarren erwischt hatte. Angeblich hatte sie dem angehenden Lehrer das Überhocken mit anschließendem Vorspreizen in halber Drehung gezeigt, in aller Unschuld natürlich, wofür der lerneifrige junge Mann entlassen wurde und Sandy ihr Zeugnis erst zwei Wochen später per Post erhielt. An den Skandal erinnerte sich Anna heute noch. Und an Sandys hintergründiges Lächeln, als sie an der tuschelnden Menge vorbei hocherhobenen Hauptes, mit nur leicht verrutschtem Rock,...


Talbot, Julia
Julia Talbot wuchs in Frankfurt a.M. auf. Die geheimnisvolle und leidenschaftliche Welt der Dämonen fasziniert sie seit ihrer Kindheit. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin.

Julia Talbot wuchs in Frankfurt a.M. auf. Die geheimnisvolle und leidenschaftliche Welt der Dämonen fasziniert sie seit ihrer Kindheit. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin.



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