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Tabel / Scheible / Liersch Lebensorte


1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-0457-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 16, 336 Seiten

Reihe: Jährliche Anthologien der Schreibwerkstatt der 'Universität des Dritten Lebensalters Göttingen', geleitet von Dr. Ruth Finckh

ISBN: 978-3-6957-0457-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bilder, Prosa und Lyrik zum Thema 'Lebensorte', 2025 geschrieben und als Anthologie zusammengestellt von den Autor*innen der Schreibwerkstatt der 'Universität des Dritten Lebensalters Göttingen', geleitet von Dr. Ruth Finckh: Lebensorte - das können Plätze sein, an denen man geboren wird oder stirbt, an denen man intensiv arbeitet, spielt oder träumt. Jedenfalls sind es besondere Räume, deren Aussehen, Klangkulisse und Geruch mitunter jahrzehntelang im Gedächtnis bleiben. Und nicht immer sind sie mit konkreten GPS-Daten zu erfassen! Die Magie dieser Lebensorte wird in den Texten und Bildern des vorliegenden Bandes spürbar.

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Gerhard Diehl

Annäherungen an ein Haus

9.5.2025, 9:41

Abfahrt Göttingen. Langsam setzt sich der ICE in Bewegung, zieht aus dem Bahnhof, streift die Stadt rechts und links langsam ab. Erwartungsvolle Rentnerfröhlichkeit füllt den Wagen, hier und da schwappt Sekt in schlanken Plastikgläsern. Die meisten sind an diesem Freitag auf dem Weg zum Hamburger Hafengeburtstag – ist es der achthundertsechsunddreißigste oder doch der siebenunddreißigste? Dicht gedrängt geht es in zügigem Tempo durch die Mitte Deutschlands Richtung Hannover. Rapsfelder ziehen vorbei, gelb in Blüte übergehend, Kirchtürmchen recken sich zwischen alten Bäumen, eine Landschaft verbunden vom Rhythmus der Alleebäume. Lichte Wolken an einem hellen Himmel, hin und wieder ein Tunnel – die eigenen Gedanken lösen sich von den Umbauplänen am Rosdorfer Haus, schweifen ab, beginnen angesichts des Reiseziels zu wandern. Ganz in der Ferne tauchen die ersten Erinnerungen und Bilder von Kettwig auf.

11.12.1979, 17:33

Essen Hauptbahnhof. „Alles einsteigen, Türen schließen selbsttätig.“ Ruckelnd setzt sich die S6 im Essener Hauptbahnhof in Bewegung, lässt den Bahnsteig hinter sich und legt sich in die erste Rechtskurve Richtung Essen-Süd. Neben mir eine Tasche voller Bücher, Ergebnis eines Nachmittags in der Zentrale der Stadtbücherei an der Hindenburgstraße. Für ein solides Referat über Gott-fried Keller in der 11. Klasse reicht schon 1979 die kleine Stadtteilbibliothek in Kettwig beim besten Willen nicht aus. Da muss man dann doch schon mal mit der Bahn in „die City“ fahren, das Zentrum der Großstadt. Erschöpft in einer Sitzecke mit dem Kopf ans Fenster gelehnt, werde ich noch einmal klein. Als Kind ist die Essener Innenstadt ein fernes Ziel, wenn es darum geht, mit einer gestressten Mama in einem der großen Kaufhäuser eine vernünftige Auswahl an Hosen und Pullovern zu finden, um die Jungs ein- oder zweimal im Jahr neu auszustatten. Auf Essen-Süd folgt recht schnell Stadtwald. Vom Kind immer wieder mit Spannung erwartet, denn unmittelbar nach dem Verlassen des Bahnhofs kommt der Tunnel! Der Stadtwaldtunnel mit seinen 247 Metern Länge bleibt über viele Jahre der einzige bedeutende Tunnel meiner Kindheit.

Dann erreicht die S-Bahn Essen-Hügel – oben auf der flachen Kuppe der namensgebenden Geländeformation ragt achtungsge-bietend das riesige Gebäude der „Villa Hügel“ über die Baumwipfel, Wohnhaus des Essener Großindustriellen Alfred Krupp. Als Kind mochte ich es kaum glauben, dass selbst unser Zug hier nur deshalb hält, weil der Bahnhof vor fast einem Jahrhundert auf Kosten des Unternehmers errichtet worden war, damit der Kaiser ihn standesgemäß „auf dem Hügel“ besuchen konnte. Manchmal steigen auch wir Normalsterbliche hier aus. In bester Sonntagshose und knitterfrei gebügeltem Hemd besuchen wir mit Mama ein wenig schwitzend, aber mit einer gewissen Ehrfurcht im Magen, die bedeutenden Kunstausstellungen, die hier dann und wann in den vollklimatisierten, diskret abgedunkelten Räumen unter den Augen misstrauisch blickender Wachleute – alles ergraute Krupp-Pensionäre – für die Öffentlichkeit veranstaltet werden.

Links unten der Baldeneysee, die Ruhr begleitet ab jetzt die Fahrt der Bahn und dann hält der Zug schon in Werden. Zum optischen Inventar der Reise gehört neben dem gedrungenen Turm der Abteikirche kurz nach dem Verlassen des Bahnhofs das endlose Areal des Sägewerks Döllken mit seinen riesigen Holzstapeln, dann Felder und Pferdekoppeln und immer wieder die Ruhr und schließlich taucht im Schatten der Bäume der Kattenturm auf, eine kleine Burgruine, die schon die Einfahrt nach Kettwig-Hauptbahn-hof bewacht. Jetzt nur noch das Rumpeln des Zugs auf der Brücke, einer altertümlichen Stahlkonstruktion über dem Stausee und schon steht die Bahn am heimischen Bahnsteig. „Kettwig-Stausee“ – jetzt schnell mit der schweren Tasche voller Bücher über Gott-fried Keller die Treppen runter. In der Unterführung wabert immer ein wenig der feuchte Geruch von Pisse. Hier gibt es seit Jahren keinen Bahnhof mehr, nur noch einen manchmal kaputten Fahrkartenautomaten und einen Pendlerparkplatz.

Zurück nach Hause geht es selten an der Straße entlang, viel lieber folge ich dem alten Bahndamm. Wo bis 1968 die roten Schienenbusse der „Unteren Ruhrtalbahn“ von Kettwig-Stausee bis Mühlheim-Styrum zuckelten, ist der Schotter jetzt brombeerüber-wuchert, durchkreuzt von schmalen Trampelpfaden. Brennnesseln haben sich entlang der alten, zerfallenen Fabrikhallen mit zerschlagenen Fenstern ausgebreitet. Mama mag es nicht so gern, wenn man allein durch dieses in der Familie „Walachei“ genannte Gelände streicht. Ihr Unwillen sorgt während der paar hundert Meter für ein leicht unheimliches Kribbeln im Bauch, bis man über die alte Ladestraße wieder am Rinderbach neben der Schmiede der Brüder Mühlhoff in die Zivilisation zurückkommt. Jetzt nur noch an der katholischen Kirche über die große Kreuzung, dann den Höseler Weg hinauf, vorbei an den Häusern von Löwensteins, Rummels und Ossmanns, dann weiter in den Sommersberg, vorbei an Mischkes und Kuhnerts bis zur Hausnummer 14. Ein rascher Satz über den niedrigen Jägerzaun, die Weltreise in „die City“ ist beendet, ich bin wieder zu Hause.

Das Haus haben „wir“ selbst gebaut, genauer gesagt mein Opa und seine beiden Söhne, mein Vater und mein Onkel – und zwar buchstäblich selbst gemauert gegen Ende der fünfziger Jahre aus riesigen Haufen gebrauchter Ziegelsteine. In mehreren Schritten über die Jahre erweitert, angebaut, umgebaut und manchmal modernisiert, wenn die Familie wächst. Meine Eltern heiraten und ziehen unten ein. Erst komme ich und dann mein Bruder auf die Welt. Als wir ins Schulalter kommen, wird eine Wand durchbrochen und die angrenzende Garage in ein Zimmer verwandelt. Dann heiratet auch mein Onkel, zieht oben ein in das extra erweiterte und gemütlich ausgebaute Dachgeschoss und mein Vetter wird geboren. Gespielt wird gemeinsam auf dem Hof oder in Opas Garten, einer eigenen Welt mit Gemüsebeeten, üppigen Blumenrabatten voller duftender Rosen, einem Komposthaufen, Steingarten und vielen im Frühjahr sorgfältig beschnittenen Obstbäumen. Irgendwann einmal wird auch ein kleiner Bambus gepflanzt, denn die kamen in den Siebzigern in Mode für den zeitgemäßen Garten. An seinem Platz im Steinbeet tut er sich erst einmal schwer.

Nur Oma und Opa leben die ganze Zeit unverändert immer in ihren großen, mit alten Möbeln eingerichteten Zimmern in der Mitte. Dort sind wir Kinder jeden Abend und an Sonntagnachmittagen trifft sich die ganze Familie „im Wintergarten“ der Großeltern zum Erzählen, einfach Beisammensein. Zuhause!

9.5.2025, 10:17

Hannover Hauptbahnhof. Nach der Einfahrt wechsele ich den Zug. Während die aufgekratzte Rentnertruppe nach Hamburg wei-terrauscht, geht es für mich um 10.31 Richtung Düsseldorf. Kurz nach dem Verlassen des Bahnhofs verlangsamt mein ICE plötzlich die Fahrt, kommt außerplanmäßig in Dedensen/Gümmer (of all places) zum Halt. Aber dann geht es auch schon ohne Erklärung wieder weiter. Irgendwo dort hinten wartet bereits die Porta Westfalica auf mich – vor meinem inneren Auge reise ich aber weiter in einer anderen Zeit und meine Annäherung an unser Haus in Kettwig erfolgt noch einmal über eine andere Strecke.

Sommer 1987

Während der Studienzeit in Göttingen geht es in diesen Jahren noch mit dem alten D-Zug aus dem Zonenrandgebiet über Nebenstrecken nach Westen. Lenglern, Lödingsen, Adelebsen, Offensen, Vernawahlshausen, Bodenfelde, Bad Karlshafen heißen die Stationen. Hier nur ein kurzer Bahnsteig, dort bloß ein kleiner Metallunterstand am Hang, ein Ort auch hinter Büschen und Bäumen nicht zu sehen. Zu Kaisers Zeiten hatten einige dieser Bahnhöfe ihre heute längst vergessene Wichtigkeit, wie etwa Lauenförde-Bever-ungen mit dem inzwischen verblassten Schild „Differenz der Ortszeit gegen Berlinerzeit 10 Minuten“. Nun schläft alles den Dornrös-chenschlaf. Die Sababurg und die Brüder Grimm sind hier ja nicht weit. Immer wieder öffnet sich die Landschaft für kürzere oder längere Blicke auf die Weser. Irgendwann kommt Ottbergen, schließlich Altenbeken. Ein alter Eisenbahnknotenpunkt mit Bahnsteigen, deren Nummer die Hundert überschreitet und einem klassischen Bahnhofsrestaurant, der einzigen Rettung, falls man hier den manchmal knappen Anschluss trotz eines kleinen Sprints verpasst: verraucht und mit den Klassikern im Angebot, Cola, Limo, Bier, Kaffee, Kartoffelsalat und Bockwurst, Jäger- und (heute undenkbar) Zigeunerschnitzel und ein leicht angetrocknetes Kuchen-buffet. Die Fahrt geht weiter mit dem Abstieg aus dem Mittelgebirge hinunter in die Soester Börde und immer näher heran ans Ruhrgebiet, das mit dem Halt in Dortmund schließlich erreicht ist. Jetzt nur noch Bochum und dann endlich Essen-Hauptbahnhof. Schnell in die alte S6, die sich auch nach all den Jahren hinter der Ausfahrt aus dem Bahnhof leicht...



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