E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Szerb Das Halsband der Königin
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-423-40116-6
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-423-40116-6
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Antal Szerb (1901-1945), Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, ist in seinem Heimatland Ungarn einer der meistgelesenen ungarischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein kurzes Leben war geprägt von der Liebe zur europäischen Kultur und Literatur. Antal Szerb wird am 1. Mai 1901 in Budapest als Sohn eines assimilierten jüdischen Kaufmanns geboren und katholisch getauft. Nach dem Abitur 1919 besucht er zunächst Vorlesungen der klassischen, später der modernen Philologie in Graz. 1920 kehrt er nach Budapest zurück und immatrikuliert sich in den Fächern Hungarologie und Germanistik, später auch Anglistik. Bereits vier Jahre später promoviert er mit einer Dissertation über den Dichter der ungarischen Nationalhymne, Ferenc Kölcsey. Um Geld zu verdienen, arbeitet er zunächst als Lehrer für Ungarisch und Englisch an einer Vorstadtschule, ab 1928 an einer höheren Lehranstalt für kaufmännische Berufe. Seit Mitte der zwanziger Jahre führt Antal Szerb das Leben eines Schriftstellers. Es erscheinen Rezensionen, Essays und Erzählungen in den führenden literarischen Zeitschriften des Landes. Studienreisen und Stipendien führen ihn in den Zwanzigern nach Italien, Paris und England - Eindrücke, die in seinen beiden ersten Romanen >A Pendragon-legenda< (1934; u.d.T. >Die Pendragon-Legende< 2004 bei dtv) und >Utas és holdvilág< (1937; u.d.T. >Reise im Mondlicht< 2003 bei dtv) ihren Niederschlag finden. Zweimal wird er in dieser Lebensphase mit dem renommierten Baumgarten-Preis ausgezeichnet: 1935 und 1937. Der Literatur bleibt Szerb zeit seines Lebens nicht nur als Autor, sondern auch als Wissenschaftler verbunden. So erhält er 1932 bei einem Wettbewerb den Zuschlag eine ungarische Literaturgeschichte zu verfassen. Das Werk erscheint 1934. Szerb ist da bereits seit einem Jahr Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft Ungarns (und bleibt es bis 1936). Das Werk wird unter dem Titel >A magyar irodalomtörténet< bis 1943 in einer Auflage von 23.000 Exemplaren gedruckt und 1944 verboten. 1941 folgt eine Geschichte der Weltliteratur (>A világirodalom története<), in der er literatursoziologische und kulturphilosophische Ansätze verbindet und sein Thema leicht lesbar aufbereitet. Diese Literaturgeschichte gilt als sein wissenschaftliches Hauptwerk. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft bleibt ihm die Universitätslaufbahn verschlossen, wenngleich er sich noch 1937 mit Hilfe einflussreicher Gönner an der Universität Szeged habilitieren kann und bis 1943 dort lehren darf. 1943 veröffentlicht Szerb noch zwei Romane: Zum einen unter dem Pseudonym A.H. Redcliff das Buch >VII. Olivér<, das als sein »leichtestes« Werk gilt, zum zweiten >A királyné nayklánca< (u.d.T. >Das Halsband der Königin< 2005 bei dtv), das die Halsband-Affäre um den italienischen Abenteurer Cagliostro im Vorfeld der Französischen Revolution zum Stoff hat. 1943/44 entsteht zudem der zweisprachige Band >Száz vers< (>Einhundert Gedichte<) mit Gedichten, die Antal Szerb besonders wichtig waren. Im März 1944 wird Ungarn von deutschen Truppen besetzt, die rechtsgerichteten Hórthy-Regierung gestürzt und eine faschistische unter Führung der »Pfeilkreuzler« eingesetzt. Antal Szerb wird im Sommer 1944 zum Arbeitsdienst eingezogen und in das westungarische Lager Balf bei Ödenburg verlegt, wo er am 27. Januar 1945 ermordet wird. Er wird in einem Massengrab beerdigt. (Nach Informationen von Gábor Durós, Ferenc Szász und der Hungarian Book Foundation/Budapest.)
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
Die Gräfin
Nachdem wir den Gegenstand, den »Gegenstand« im buchstäblichen Sinn des Wortes, den verhängnisvollen Nibelungenhort, vorgestellt haben, präsentieren wir nun die Hauptakteure.
Unsere Heldin, oder zumindest eine unserer Heldinnen, die Gräfin de La Motte, begann ihre Laufbahn ganz unten. Als sie auf der Bühne erschien, war sie acht Jahre alt und bettelte. Vorher hatte sie Gänse gehütet, aber gar nicht gern.
Die Marquise de Boulainvilliers fuhr mit ihrem Gatten im Wagen auf ihr Gut in Passy, denn Passy war damals kein Villenviertel von Paris, sondern ein selbständiges Dorf außerhalb der Stadt, das die Pariser zur Erholung aufsuchten. Die Kutsche rollte langsam dahin. Ein kleines Mädchen mit einem noch kleineren auf dem Arm lief an den Wagen heran und bettelte, dabei sprach es die folgenden erstaunlichen Worte:
»Ich bitte Sie im heiligen Namen Gottes, geben Sie zwei kleinen Waisenkindern mit dem königlichen Blut der Valois ein paar Sous!« Anscheinend lag etwas im Blick des bettelnden Kindes, das seinen Worten Glaubwürdigkeit und Nachdruck verlieh. Trotz der Einwände ihres Gatten ließ die Marquise halten. Sofort begann die Kleine mit ihrer sonderbaren Geschichte. Die Marquise hörte sich alles an und erklärte, wenn ihre Worte wahr seien, würde sie sie an Kindes Statt annehmen und sie wie eine leibliche Mutter aufziehen.
Dann ging sie der Sache nach; sie erkundigte sich bei den Leuten der Umgebung, in erster Linie bei dem Priester, zu dessen Gemeinde die bettelnden Kinder gehörten. An der Affäre um das Kollier, sagt Stefan Zweig, sei das Sonderbarste, daß sich die unwahrscheinlichsten Dinge als wahr erwiesen hätten. Der Geistliche bestätigte anhand von zweifellos authentischen Dokumenten, daß die Kleine die Wahrheit sprach. In den Adern der Kinder floß das königliche Blut der Valois.
Sie stammten in direkter väterlicher Linie von Heinrich II., Sohn des großen Franz I., ab, der 1547–1559 regierte. Ihr Urgroßvater, Henri de Saint-Rémy, war dem Verhältnis Heinrichs II. mit Nicole de Savigny entsprossen. Der König hatte ihn als Sohn anerkannt und legitimiert. Die Kinder standen, dem Geblüt nach, der Krone Ludwigs des Heiligen näher als die regierende Dynastie der Bourbonen. Ihr Wappen zeigte zwei Rutenbündel auf silbernem Grund, darüber drei Lilien, die berühmten Lilien der Valois. »Das bettelnde Kind kannte das Wappen, vielleicht war es das einzige, was es in seiner furchtbaren Verlassensein wußte«, sagt Funck-Brentano. »Und als sie mit erschreckender Genauigkeit darüber oder über ihren Ahnherrn, den illegitimen Königssproß der Nicole de Savigny, berichtete, streckte sich ihr vom Elend gebeugter Körper, aufbegehrend und stolz.«
Sie hatte allen Grund dazu. Das Blut der Valois in den Adern, welch fatales Erbe! Eine der interessantesten Diskussionen unseres Jahrhunderts geht bekanntlich darum, ob Charakter und Schicksal des Individuums vor oder nach der Geburt entschieden werden. Vererbung oder Umwelteinflüsse?
In der Entwicklung des menschlichen Charakters kann die Vererbung ebenso eine Rolle spielen wie die Eindrücke, die man als Kind empfängt. Aber die Persönlichkeit ist viel zu komplex, um sich mit einem oder beiden Faktoren restlos klären zu lassen. Wir glauben daher nicht, daß Jeanne, das bettelnde Mädchen, allzuviel von den Valois mitbekommen hatte. Im Laufe mehrerer Generationen war durch Verehelichung sehr viel keineswegs blaues Blut in ihre Adern geraten. Wie wir sehen werden, erklären ihre Kindheit und ihre gesellschaftliche Stellung, die dem Bewußtsein entsprang, eine Valois zu sein, ihren Charakter zur Genüge – und so hat ihre Abstammung entscheidend auf ihr Schicksal eingewirkt–, aber nicht auf den geheimnisvollen Wegen der Vererbung, sondern durch ebendieses Bewußtsein.
Immerhin: Bei der Vererbung kommt es, wie man sagt, zu sonderbaren Atavismen… Das Haus Valois regierte in Frankreich von 1328 bis 1589, in den großen und wilden Zeiten des Hundertjährigen Krieges und der Renaissance. Es gab unter ihnen Irrsinnige wie Karl VI., blutige Tyrannen wie Ludwig XI., einen leichtlebigen Grandseigneur wie Franz I.Es war eine großartige und zugleich schreckliche Familie, und unter jedem ihrer Schritte dröhnte Geschichte. Sind der Hochmut der Jeanne, das Weiche und das Ungezähmte, der wildkatzenhafte Trotz und die scharfen Zähne nicht Hinweise auf die spukende Seele der Ahnen? Und würgen in der Geschichte, die jetzt folgen wird, im Kampf der beiden Frauen nicht die beiden Familien einander, die dereinst aus Europa zwei feindliche Heerlager schaffen würden: Habsburger und Valois?
Die Saint-Rémys hatten Generationen hindurch auf ihrem Landgut in Fontette bei Bar-sur-Aube in Nordostfrankreich gelebt. Sie lebten königlich, auch wenn sie gerade nicht regierten: wirtschafteten und jagten, fallweise auch mit den Wilderern zusammen, und es kam vor, daß sie insgeheim sogar ein absolut königliches Gewerbe ausübten und Münzen schlugen. Sie taten es sicher nur in besonderer Notlage, doch offensichtlich hat es ihnen wenig geholfen. Jeannes Vater, Jacques de Saint-Rémy, Baron von Luz und Valois, kam vollkommen herunter. Er wohnte nicht mehr im Schloß, dessen Dach eingestürzt war und das zusehends verfiel, sondern in der Meierei; er verkehrte nur noch mit den Bauern und heiratete schließlich seine bäuerliche Geliebte, Jeannes Mutter. Diese Frau richtete ihn gänzlich zugrunde, und als er krank wurde, warf sie ihn hinaus. Monsieur Jacques de Saint-Rémy beschloß sein jämmerliches Leben im Hôtel-Dieu, dem Armenspital in Paris. Seine Frau lebte damals mit einem Soldaten, und das Geschick der kleinen Jeanne, die 1756 geboren war, wurde jetzt erst richtig bitter. Sie mußte betteln, ihre Mutter und der Stiefvater ließen die ganze Wut über ihr unerträgliches Leben an ihr aus.
Im Jahre 1763 geschah es dann, daß die Marquise de Boulainvilliers Jeanne und ihre kleine Schwester, die einige Zeit danach an den Pocken starb, zu sich nahm. Jeanne blieb bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr in einer Mädchenerziehungsanstalt, dann schickte ihre Wohltäterin sie zu einer Pariser Schneidermeisterin.
Im Jahrhundert des Rokoko war ein Pariser Modesalon genauso wie in unseren Tagen ein Platz von europäischer Bedeutung, vielleicht sogar noch wichtiger als heute. Zu den Charakteristika von Paris gehörten die vielen Schneidereien und Modesalons. Louis-Sébastien Mercier, den wir noch öfter zitieren werden, nahm 1781 in seinem »Tableau de Paris« ein Inventar der damaligen Stadt auf und begründete damit die literarische Gattung der Städte-Monographien, die noch heute blüht. In seinem Buch widmet er den Modistinnen ein langes Kapitel.
»Sie sitzen im Laden, in einer Reihe nebeneinander, man kann sie durch die Scheibe sehen. Sie nähen Pompons und Schleifen an, galante Zeichen, die die Mode hervorbringt und ständig variiert. Sie lassen sich ungeniert betrachten und können ebenso ungeniert hinausschauen. Diese an den Arbeitstisch gefesselten Mädchen blicken, die Nadel in der Hand, unausgesetzt auf die Gasse. Kein Spaziergänger entgeht ihrem Blick. Es herrscht ein wahrer Kampf um den Platz, der dem Fenster am nächsten ist; denn die Scharen der eroberungslustigen Männer werfen ihre Blicke immer zuerst dorthin. So wird diese an einen Platz gebundene Beschäftigung erträglich, und die Freuden des Sehens und des Gesehenwerdens kommen zusammen. Eigentlich müßte man vorschreiben, daß immer die Hübscheste vorne sitzen soll.
Von den Mädchen gehen morgens viele, die Pompons in ihren Körben, zu den Kundinnen. Sie müssen die Stirnen ihrer Konkurrentinnen, der großen Damen, schmücken und damit der geheimen Eifersucht ihres Geschlechtes Schweigen gebieten; denn es ist ihr Beruf, die zu verschönern, die sie verächtlich behandeln. Manchmal ist das Mädchen so hübsch, dass die stolze Dame neben ihr verblaßt. Der Verehrer der Dame wird plötzlich untreu, er sieht in der Ecke des Spiegels auf einmal nichts anderes als den frischen Mund und die Purpurwange der Kleinen, obwohl diese weder Lakaien noch Ahnen hat. Es gibt Mädchen, die mit einem Satz aus der Nähstube in die Karosse eines Engländers hüpfen. Es gibt Läden, in denen der Umgangston streng ist und die Mädchen alle anständig sind. Darüber wundert sich die Besitzerin selbst am meisten und erzählt es allen wie ein Weltwunder. Als ob sie eine Wette abgeschlossen hätte, um endlich sagen zu...




