Szczygielski Flügel aus Papier
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7336-0148-5
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0148-5
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marcin Szczygielski, geboren 1972 in Warschau, ist ein preisgekrönter Journalist und Autor und schreibt seit 2009 auch sehr erfolgreich Kinderbücher. Literaturpreise: ?Flügel aus Papier? - Die Besten 7 (April 2015) - Jugendbuch des Monats Juli 2015 (Akademie für Kinder- und Jugendliteratur) - Kinderbuchpreis 2015 der Jury der Jungen Leser ?Hinter der blauen Tür? - Der große Dong (Polen, 2010) - internationale IBBY-Ehrenliste (2012) - erfolgreiche Verfilmung
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Teil 1 DIE ZEITMASCHINE
1
Zur Bibliothek kommt man so: Zuerst muss man durch unseren Hof, dann über die Straße und durch den nächsten Hof dahinter. Da sind der Kosmetiksalon und das Labor von Adam Duchowiczny, in dem er Cremes und andere Schönheitsmittel herstellt. Es riecht da immer sehr stark, aber man weiß vorher nie, ob es diesmal gut riecht oder stinkt, das reinste Lotteriespiel, sagt Großvater. Heute hat es gut gerochen, obwohl es auch ein bisschen gekribbelt hat in der Nase. Gleich neben dem Labor hat der Schneider seine Nähstube. Er zankt sich immer mit Herrn Duchowiczny wegen der Gerüche, weil er meint, dass er davon Kopfweh bekommt. Vielleicht hat er sogar recht, da kann man wirklich zu viel bekommen, wenn man den ganzen Tag so viel Verschiedenes einatmet. Wenn man durch diesen Hof durch ist, kommt wieder eine Straße, und auf der muss man nach links gehen, dann auf die andere Seite und in die Twarda, die so einen Bogen macht. Dort kommt man an einem Feinkostgeschäft und an dem Lebensmittelladen der Szurmans vorbei, gleich daneben ist ein Buchankauf und die Buchhandlung von Herrn Mirski. Wenn man an der Wäscherei angekommen ist, muss man wieder auf die andere Straßenseite, zum Gemüsestand und dann die Ciepla-Straße hinunter. In der Ciepla gibt es nichts Besonderes außer der Seifensiederei Kaminer mit dem schiefen roten Schild. Man geht sie einfach bis zur Kreuzung und dann wieder nach links. Dann geht es vorbei an dem Geschäft mit den geschwungenen Möbeln. Zu beiden Seiten des Schaufensters sind auf die Mauer Stühle gemalt und in großen Buchstaben »Kasiczak«, so heißt nämlich der Ladeninhaber. Wenn man an der nächsten Kreuzung ankommt, da, wo das große Loch im Gehweg ist, muss man wieder auf die andere Seite, nach rechts und dann einfach geradeaus. Am besten schaut man sich gar nicht groß um. Es gibt hier keine Geschäfte, nur Werkstätten und jede Menge Leute, die Arbeit suchen, und die sind nicht besonders nett, reden auf jeden ein und können einem sogar etwas aus der Hand reißen. Immer wenn ich dort vorbeikomme, habe ich ein Buch aus der Bibliothek unterm Arm, deshalb versuche ich meistens, dieses Stück zu rennen. Weil ich so schnell rennen kann, bin ich ruck, zuck an der Brücke. Vor der Brücke laufe ich wieder langsamer, weil es hier spannende Sachen zu sehen gibt. Viele kleine Läden, ein Kleiderbasar, und manchmal verkaufen sie hier sogar Blumen. Ich springe die hölzernen Stufen hinauf, überquere schnell die Brücke, weil man da nicht anhalten darf und immer ein furchtbares Gedränge ist. Die Brücke ist erst ein paar Tage alt, und die Bohlen duften noch nach Harz. Ich versuche, außen am Geländer zu gehen, und schaue nach unten, vor allem, wenn gerade eine Straßenbahn kommt. Unten auf der Straße sind Menschen unterwegs, aber andere und meistens nicht besonders viele. Dann geht man drüben die Brücke wieder runter und biegt in die Zelazna ein, ganz in der Nähe. Man kommt an der Konditorei von Herrn Jagoda vorbei, da riecht es auch, aber immer gut. Dann gibt es noch das Caféstübchen Albatros und den Pappschachtelladen von Frau Glowacka. Frau Glowacka hat viele Röcke übereinander an und einen Wollmantel, sogar im Sommer – sie sagt, ihr sei immer kalt. Meist sitzt sie auf einem Stuhl vor dem Tor und hält Ausschau nach bekannten Gesichtern, sie plaudert nämlich furchtbar gern. Großvater sagt, dass Frau Glowacka viel lieber plaudert, als Pappschachteln zu falten, und da ist etwas dran.
An der Ecke, bei der Konditorei Sommer, muss man abbiegen. Am besten rennt man noch mal, weil da wieder nur Werkstätten und kleine Fabriken kommen, der Lebensmittelhersteller Avilo zum Beispiel oder die Marmeladenhandlung Karmen. Wenn man an der nächsten Kreuzung ankommt, ist man schon fast am Ziel. Man biegt nach rechts ab, kommt an der Glaswarenfabrik der Brüder Starosznajder vorbei, in dem großen Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind Schneidereien und Brown & Rowinski – wenn man die Straße überquert, kann man durch die hohen Fenster in die Werkstatt schauen, wo Frauen an speziellen Maschinen Pullover und Schals herstellen. Dann kommt nur noch der Juwelier und schon ist man da: Leszno-Straße 67. Jetzt noch schnell im Innenhof die Treppe hinauf, und da ist sie, die Bibliothek. Sie ist mein Lieblingsort im ganzen Bezirk.
In der Bibliothek sind immer viele Leute, aber sie haben überhaupt keine Eile. Und es ist still hier – niemand schreit, niemand streitet, nichts dergleichen. Ich freue mich ganz besonders, wenn Basia die Bücher ausgibt, aber in letzter Zeit sehe ich sie leider immer seltener. Meistens sitzt irgendein Fräulein hinter dem Schreibtisch, jedes Mal ein anderes. Basia kennt mich und empfiehlt mir immer nur die richtig spannenden Bücher. Die anderen Fräuleins haben keine Ahnung von Büchern, jedenfalls nicht von denen, die mich interessieren. Sie schauen mich an, lächeln und glauben, sie müssten (ja, sie müssten!) mir unbedingt ein schmales Bändchen mit vielen Bildern geben, nur weil ich so klein bin, und wenn ich dann protestiere, schlagen sie mir allenfalls noch vor. Ich habe nichts gegen , der hat mir gut gefallen. Damals, vor einem Jahr oder mehr, da war ich noch nicht mal sieben. Gerade habe ich von Jules Verne gelesen, das ist richtig dick und überhaupt kein Kinderbuch, auch wenn es sich so anhört.
Basia ist heute nicht da. Hinter dem Schreibtisch sitzt ein Fräulein mit blonden Haaren und einer grünen Bluse. Sie lächelt mich an und sagt:
»Möchtest du ein Büchlein, Kleiner?«
Ich sehe sie mit ernster Miene an. Ein Büchlein! Kleiner!
»Ich bin überhaupt nicht klein«, entgegne ich mit tiefer Stimme, ziehe das Jules-Verne-Buch unter meinem Pullover hervor, lege es auf den Tisch und ergänze mit Nachdruck: »Ich gebe ein BUCH zurück.«
Das Fräulein legt den Kopf schief und mustert mich mit einem amüsierten Funkeln in den Augen, wird aber gleich wieder ernst.
»Wie heißt du denn?«
»Rafal Grzywinski.«
Sie nimmt das Heft, in dem alle Ausleiher verzeichnet sind und sucht nach meinem Namen. Daneben steht eine lange Liste von Büchern, die ich schon gelesen habe, dabei komme ich erst seit ein paar Monaten hierher, seit Großvater mich angemeldet hat. Jeden Monat gibt er mir fünf Zloty, so viel kostet hier das Lesen. Und für diese fünf Zloty kann man lesen, so viel man nur will! Ich finde, das ist ziemlich günstig.
Das Fräulein findet meine Seite und vermerkt, dass ich das Buch zurückgegeben habe.
»Hast du es selber gelesen?«, fragt sie.
Ich nicke. Klar habe ich es selber gelesen. In gerade mal fünf Tagen!
»Mannomann!«, staunt das Fräulein, und ich lächle zum ersten Mal zurück.
»Aha, du kannnst es also«, stellt sie fest.
»Was kann ich? Lesen?«, frage ich.
»Nein. Lächeln.«
»Das kann doch jeder«, sage ich achselzuckend.
Sie sieht für einen kurzen Moment fast traurig aus, als sie antwortet: »Leider nicht … Was würdest du gern als Nächstes lesen?«
»Was Gutes.«
»Jules Verne?«
»Zum Beispiel. Ich mag solche Bücher.«
»Was Phantastisches. Warte mal.«
Sie steht auf und geht in einen anderen Raum, wo die Bücherregale stehen. Ich würde zu gerne mitgehen und selbst stöbern, aber das dürfen die Leser nicht – die Bücher bringen immer die Bibliothekarinnen. Aber Basia hat mich schon ein paarmal reingelassen, sie weiß ja, dass ich mit Büchern umzugehen weiß und nie eins stehlen würde. Aber so ist es nun einmal, sage ich mir seufzend. Bestimmt bringt sie mir irgendeinen Quatsch, und ich muss entweder herumdiskutieren oder morgen wiederkommen.
Sie kommt zurück und legt ein Buch auf den Tisch. Es ist nicht nur klein, sondern auch noch schmal.
»Das wird dir gefallen«, sagt sie.
Ich greife nach dem Bändchen und betrachte mit skeptischer Miene den Einband. , H.G. Wells. Vorne drauf ist ein graues Monster gemalt. Es steht auf dünnen X-Beinen und zeigt seine scharfen Klauen. Augen und Ohren sind übergroß, das Maul nicht so. Die Zähne sind zu sehen. Neben dem Monster steht in einem roten Kreis »95 Groschen«.
»Bisschen dünn«, sage ich.
»Aber spannend.«
»Und was ist das für ein Monster?«
»Ein Morlock.«
»Was ist ein Morlock?«, frage ich.
»Lies es dir durch, dann erfährst du es schon«, erwidert sie mit einem herausfordernden Lächeln.
»Weiß ich doch …« Ich blättere kurz durch das Buch, um zu überprüfen, ob es nicht auch noch dumme Bildchen gibt. »Und worum geht es?«
»Um Zeitreisen«, antwortet sie geheimnisvoll.
Das klingt spannend. Ich würde gerne durch die Zeit reisen können, obwohl ich nicht genau sagen kann, ob lieber in die Zukunft oder die Vergangenheit – das habe ich mir schon einmal überlegt. Auf jeden Fall wäre es sicher nicht schlecht, das zu können.
»Mit einer Maschine?«, hake ich nach.
»Ja.«
»Haben Sie es gelesen?«
»Wieso denn Sie?«, lacht sie. »Ich heiße Janka. Ich habe es gelesen und kann es besten Gewissens empfehlen.«
»Na gut«, seufze ich. »Meinetwegen.«
Janka lacht fröhlich und trägt auf meiner Seite ein.
»Am Freitag bin ich wieder in der Bibliothek«, sagt sie noch. »Komm vorbei. Dann bekommst du den , der ist auch sehr...




