E-Book, Deutsch, 796 Seiten
Swindells Liebe in Zeiten des Sturms
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-266-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 796 Seiten
ISBN: 978-3-96655-266-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Madge Swindells wuchs in England auf und zog für ihr Studium der Archäologie, Anthropologie und Wirtschaftswissenschaften nach Cape Town, Südafrika. Später gründete sie einen Verlag und brachte vier neue Zeitschriften heraus, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Bereits ihr erster Roman, »Ein Sommer in Afrika«, wurde ein internationaler Bestseller, dem viele weitere folgten. Die Website der Autorin: www.madgeswindells.com Bei dotbooks veröffentlichte Madge Swindells ihre großen Familien- und Schicksalsromane »Ein Sommer in Afrika«, »Die Sterne über Namibia« und »Die Löwin von Johannesburg« - auch als Sammelband erhältlich -, »Eine Liebe auf Korsika«, »Die Rose von Dover«, »Liebe in Zeiten des Sturms« und »Das Geheimnis von Bourne-on-Sea« sowie ihre Spannungsromane »Zeit der Entscheidung«, »Im Schatten der Angst«, »Gegen alle Widerstände« und »Der kalte Glanz des Bösen«.
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Kapitel 2
Linker Hand der schmalen Straße, die sich in zahllosen Windungen ins Herz des Bjelasnica-Massivs schlängelte, waren die Abhänge sacht und bewaldet, rechter Hand hingegen sah man direkt in den Abgrund, so daß Megans Blick frei über die weite, schneebedeckte Ebene von Sarajewo schweifen konnte, die in violetten Dunst getaucht war, aus dem hier und da das Kuppeldach einer Moschee blitzte.
Megan war auf der Suche nach dem Austragungsort des Abfahrtslaufs der Herren, an dem einer ihrer Klienten teilnahm, Conrad Soerli, in England geborener Sohn norwegischer Eltern. Er war der beste Skiläufer, den die britische Mannschaft seit vielen Jahren gehabt hatte. Außerdem war er die Galionsfigur des Multis Vanguard Sports, der Welt größter Hersteller von Skiern sowie Hauptsponsor von Megans Klienten. Megan, Vanguard und das britische Team hofften gleichermaßen, daß Conrad bei den Olympischen Winterspielen im kommenden Jahr eine Goldmedaille gewinnen würde, und Vanguard hatte die spektakulären Erfolge des blonden Skirennläufers mit einem verschwenderisch teuren Werbefeldzug begleitet.
Darüber hinaus erhoffte sich Megan auch Vertragsabschlüsse mit neuen, noch unbekannten Talenten. Sieger waren überaus schwer zu finden, doch Megan hatte das richtige Gespür dafür. Diesem Gespür verdankte sie ihre Position, ihr Spitzengehalt und ihre Gewinnbeteiligung. Sie war ausgezeichnet im Verhandeln; dessen war sie sich bewußt, und sie war stolz auf ihre Fähigkeiten. Einer der Gründe dafür, pflegte sie zu behaupten, war darin zu suchen, daß sie stets ihrem Instinkt folgte.
Schließlich fand sie die Abzweigung und folgte dem engen Pfad quer durch das Malo-Polje-Tal bis zum Fuße des Berges Igman. Vor den Skiliften hatte sich bereits eine beträchtliche Menschenmenge versammelt, doch das Rennen hatte noch nicht begonnen. Eine Mischung aus Erwartung, Heiterkeit und Spannung lag in der Luft, die gewisse Stimmung, zu der auch das Bild gehörte, das die hohen, schlanken Fichten und Föhren unter ihren Schneelasten boten, das Knirschen und Knacken der frischen Schneedecke unter den Stiefeln, die Rufe und Schreie aus der Menge, die mehrfach widerhallenden Echos der Lautsprecher, über die Namen und Nummern der Teilnehmer verlesen wurden. Megans Augen schmerzten vor Kälte, ihre Füße in den neuen Schweizer Moonboots brannten und kribbelten, und sie verspürte geradezu überschäumende Lebensfreude. Aus der Ferne kam das Geheul eines Hundes, das Echo hallte unheimlich durchs ganze Tal. Vor Megan hob sich düster der Bjelasnica mit seinen verschneiten Wäldern und frostigen Nebeln über zweitausend Meter hoch in den blassen Himmel.
Michel Juric war da und sah überaus slawisch aus in seiner Schaffelljacke und Pelzmütze. Seine dunklen Augen glänzten vor Aufregung. Er lächelte und winkte, und Megan – zu gutgelaunt, um ihm sein Verhalten nachzutragen – lächelte zurück, einfach aus Freude darüber, dazuzugehören. Es war viel kälter, als sie zunächst geglaubt hatte. Sie stellte ihren Kragen auf und zog ihre Mütze über die Ohren, als sie sah, daß Michel auf sie zugelaufen kam.
»Haben Sie den Wolf heulen hören?«
»Machen Sie Witze? Ich hab’ das für einen Hund gehalten.«
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Das Rennen muß vielleicht abgesagt werden«, fuhr er besorgt fort. »Es ist zu gefährlich. Wenn sich dermaßen viele Wolken um den Gipfel zusammenballen, bedeutet das, daß ein Sturm aufzieht. Nicht einmal die Wölfe mögen dieses Wetter. Hier in den Bergen können die Temperaturen innerhalb kürzester Zeit um bis zu vierzig Grad sinken. Das ist für alle, die sich nicht auskennen, eine Todesfalle.«
Als das Rennen schließlich begann, war es bitter kalt geworden. Böige Winde zerrissen die Nebelschleier. Megan starrte angestrengt zum Gipfel, um einen Blick auf die einzelnen Rennläufer zu erhaschen, die einer nach dem anderen wie Schemen aus den Wolken auftauchten.
»Achten Sie auf die Nummer fünfzehn!« rief Michel ihr zu, wobei er versuchte, das Getöse des Lautsprechers zu übertönen. »Rob Scott, ein Amerikaner. Ich hab’ ihn in Österreich gesehen, dort hat er mich sehr beeindruckt.«
»Ich kenne ihn!« brüllte Megan gegen den Wind zurück. »Sie werden es kaum glauben, aber vor ein paar Jahren hab’ ich ihn noch trainiert!« Wann war das, versuchte sie sich zu erinnern, vor acht Jahren – oder gar schon vor neun? Er war dreizehn gewesen und schon damals sehr gut; es hatte nicht lange gedauert, und er war zu gut für die Klasse der Skischule, an der sie in ihren College-Ferien unterrichtete. Jetzt stand er im Begriff, sich im amerikanischen Riesenslalom-Team einen Namen zu machen.
»Ich habe seine Karriere mitverfolgt«, sagte sie. »Er ist recht gut. Ich rechne damit, daß unser Büro in Denver in den nächsten Tagen einen Vertrag mit ihm macht.« Im Geiste notierte sie sich, Denver daran zu erinnern.
Kurz darauf sauste Nummer fünfzehn die Piste hinunter, immer knapp an den Toren vorbei, indem er seine Größe und sein Gewicht auf dem frischen weichen Schnee bestens nutzte. Die Fernsehleute und die Zuschauer brachen in Jubel aus, kaum daß er im Ziel war – eine halbe Sekunde schneller als die bisherige Bestzeit.
»Sie haben vollkommen recht!« sagte Megan aufgeregt. »Er ist ja tatsächlich noch viel besser, als ich dachte. Meine Güte, er ist phantastisch!«
Sie wartete ab, bis sich der Skiläufer aus dem wirren Haufen von Gratulanten herausgeschält hatte, dann ging sie zu ihm hinüber. Rob blickte finster drein. »Hallo, Rob! Erinnerst du dich?«
»Megan!« rief er. »Was machst du denn hier?« Er stieß einen Freudenschrei aus und umarmte sie stürmisch. »Fein, dich zu sehen, Megan. Was machst du so weit weg von zu Hause?«
»Zu Hause heißt jetzt London«, sagte sie. »Ich leite die dortige ISA-Niederlassung.«
»Du bist Agentin? Ausgerechnet du?« Er zog eine Grimasse und kniff sie in die Wange. »Mann, du hast dich aber gut rausgemacht«, sagte er, indem er sie von Kopf bis Fuß begutachtete.
»Und du bist ganz schön hochnäsig für einen spindeldürren Teenager«, juxte sie zurück. »Wie findest du die Piste?«
»Oberfaul«, stieß er hervor. »Von A bis Z, die ganze verdammte Strecke – nichts als künstlicher Pfusch. Du mußt so verdammt aufpassen, daß du keine Höchstgeschwindigkeit rausholen kannst.« Er sah, daß Michel sein Notizbuch zückte, und grinste schief.
»Das gibt garantiert noch ein paar Stürze heute«, sagte Rob. »Als erstes lassen sie dich gleich eine Linkskehre fahren, bevor du überhaupt ein bißchen Geschwindigkeit draufhast; damit ist dir der Start schon mal total vermasselt. Dann hast du ein paar hundert Meter weit ’ne feine Abfahrt und zum Abschluß einen prima Sprung mit einer glatten Landung. Aber dann geht’s erst richtig los – ein Hindernis nach dem anderen. Wenn du an die Baumgrenze kommst, wo du echt schön Schuß fahren könntest, dann siehst du, daß sie doch tatsächlich ein Stück von der Riesenslalomstrecke reingeschoben haben – mit einem Bulldozer! Durch diese blöden Fähnchen durchzumüssen kostet viel zuviel Zeit. Und Abfahrtslauf heißt ja wohl eigentlich, daß man einen Berg so schnell wie möglich runterfahren soll.« Er unterbrach sich und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann grinste er breit. »Für diese Stellungnahme krieg ich wahrscheinlich ’n Tritt in den Hintern.« Er drehte sich um und starrte auf die Piste. »Wetter wird immer schlechter«, murmelte er. »Sie sollten abbrechen.«
Mit besorgtem Gesicht wandte er sich wieder an Michel. »Diese letzten Sprünge sind wirklich genau das Richtige, um sich eine Querschnittslähmung zu holen. Einfach verheerend! Peng – schon liegst du flach. Und dann, kurz vorm Finish, da haben sie eine Abschußrampe, die schießt dich glatt ins All raus. Das müssen sie vor den Spielen unbedingt noch in Ordnung bringen. Sie dürfen mich gerne zitieren.«
»Trotzdem, du bist eine gute Zeit gefahren«, sagte Megan. »Demnächst wird das Büro in Denver versuchen, mit dir einen Vertrag zu machen.«
Aus dem mageren Dreizehnjährigen, den sie trainiert hatte, war ein riesiger, gutmütiger, sportlicher, typischer Amerikaner geworden, mit ehrlichen grauen Augen und einem Wust von ingwerfarbenen Haaren.
Rob grinste. »In meinem Team gibt’s ein paar Jungs, die sich liebend gern mit dir darüber unterhalten würden«, sagte er. »Aber ich mach’ meinen eigenen Laden auf, Megan.« Er hob einen seiner Skier an und zeigte ihr die Markenbezeichnung: einen blauen Stern und mitten drin in weißen Lettern SCOTT. »Ich hab’ jetzt bei Denver ’ne kleine Fabrik, die ich bald vergrößern will. Im Moment entwerfe ich Einzelanfertigungen für Profis. Eines Tages kommen wir zwei vielleicht noch ins Geschäft miteinander – aber dann bin ich der Sponsor!«
»Na, da wünsch’ ich dir viel Glück!« sagte Megan. »Bis später, Rob.«
Conrad hatte die Nummer 40 gezogen, und bis er an die Reihe kam, war der Wind stürmisch geworden, und heftiger Schneefall hatte eingesetzt. Die Sicht war so schlecht, daß Megan Conrads Kollision mit einem der Tore erst gewahr wurde, als die Träger mit der Bahre und dem bewußtlosen Läufer den Berg herunter und auf die Erste-Hilfe-Station zujagten. Kurz darauf gab die Rennleitung Conrads Sturz über den Lautsprecher bekannt und verkündete gleichzeitig die Unterbrechung des Rennens.
Zu spät, dachte Megan verärgert, während sie zur Ersten-Hilfe-Station rannte. Dort fand sie Conrad bei Bewußtsein und stöhnend vor Schmerzen. Er hatte sich ein Bein gebrochen, und Ian Mackintosh, der sich über ihn beugte, versuchte ihn aufzumuntern. Er alberte mit Conrad, dem der Krankenpfleger eine schmerzstillende Spritze gab. Ein paar...




