E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Surbranche / Franßen Nimm mich mit ins Paradies
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-945133-76-7
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-945133-76-7
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Schon im Alter von sechzehn hat Estelle Surbranche in der Welt des Techno gelebt. Später an der ESSEC studiert und nachts die Clubs besucht. Sie legte in dem DJ-Kollektiv Girls'n'Roses auf und machte sich als DJ Estelle S. einen Namen in der Szene. Im Jahr 2003 schrieb sie eine Biographie über Supreme NTM, eine französische Hip-Hop-Gruppe aus der Pariser Banlieue Saint-Denis. Außerdem ist sie Mitbegründerin des Magazins Flavor, deren Chefredakteurin sie seit 2014 ist. So wird die Nacht erschien 2018 im Polar Verlag.
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1
Der Schrei ließ Nathalie zusammenfahren. Die Idiotin konnte so viel brüllen, wie sie wollte, es würde sie eh niemand hören. Dieses dreckige Loch befand sich in der hinterletzten Ecke Rumäniens. Ein neuer Schrei, bestialisch. Sie sah, wie Khasboulat angewidert das Gesicht verzog. Der riesige Tschetschene wich ihr nicht mehr von der Seite, seitdem er sie in Paris gerettet hatte. Sie unterdrückte ein Lächeln. Dieser hartgesottene Typ hatte offenbar seine Probleme mit dem Schauspiel der Geburt und der damit einhergehenden Absonderung von Körperflüssigkeiten. Nun warteten sie bereits drei geschlagene Stunden darauf, dass die kostbare Ware zum Vorschein kam. Der Arzt, den sie dabeihatten, sprach der schwitzenden und um Luft ringenden Frau Mut zu. »Noch ein bisschen, Madame äh … nun ja … pressen Sie!« Erneut musste Nathalie lächeln trotz des Gestanks, der im Zimmer herrschte, einer Mischung aus Blut, Exkrementen und Desinfektionsmittel. Der Quacksalber hatte sich noch nicht mal den Namen seiner Patientin gemerkt. Umso besser. Eines der schmutzigen Kinder der Frau tauchte im Schlafzimmer auf und jammerte: »Maman …«
Es wimmelte in dieser elenden Baracke nur so von Gören, sie waren wie Kakerlaken. Jedes Mal, wenn Nathalie einen angeschlagenen Gegenstand aufhob oder ein Möbelstück beiseite rückte, kam ein neues Blag zum Vorschein und krakeelte herum, ein Gesicht schien dreckiger zu sein als das andere. Dieses Land, in dem Armut und Dreck regierten, deprimierte sie. Sie stand auf und vertrat sich die Beine.
»Doktor, ich gebe Ihnen noch eine Stunde, um es rauszuholen. Pumpen Sie sie mit Medikamenten voll, wenn nötig. Uns interessiert nur das Baby. Ansonsten schneide ich ihr eigenhändig den Bauch auf und hole mir, was uns zusteht. Kapiert?«
Sie wandte sich an ihren Begleiter.
»Ich hole mir Wasser aus dem Auto. Brauchst du irgendwas?«
Khasboulat blickte sie erstaunt an. So einen freundlichen Tonfall war er von Nathalie nicht gewohnt. Die Serbin ließ erst gar keine Verlegenheit aufkommen und ging auf die Tür zu. Seit ihrer Verletzung hinkte sie etwas, aber sie wurde von Tag zu Tag schneller. Eines der Kinder versuchte, im Vorbeigehen nach ihrer Hand zu greifen und bettelte sie in einer fremden Sprache an. Sie stieß es mit einer ruppigen Bewegung zurück und trat nach draußen. Das gleißende Sonnenlicht bildete einen deutlichen Kontrast zu der schmuddeligen Dunkelheit im Inneren. Sie atmete einmal tief ein, das half ihr, ihre Bitterkeit hinunterzuschlucken. Seit bald sechs Monaten musste sie nun solche trostlosen Aufträge ausführen, an gottverlassenen Orten wie diesem, Nestern, um die man sich im restlichen aufgeklärten Europa nicht scherte. Sechs Monate, in denen sie Zeuge übelster Ausbeutung geworden war. Der Mann beutete die Frau aus, die Frau das Kind, der Stärkere den Schwächeren. In diesen Rattenlöchern war es schon ein echtes Kunststück, sich nicht die Venen aufzuschneiden.
Das Auto gab einen Piepton von sich, als es aufsprang. Nathalie öffnete die Tür zur Rückbank und nahm sich eine Mineralwasserflasche aus ihrem großen Vorrat. Von dem Leitungswasser hier durfte man keinesfalls auch nur einen Tropfen trinken, es war komplett mit Bakterien verseucht. Während sie einige Schlucke nahm, blickte sie sich um: Ein paar dürre Bäume ohne Blätter, ein Weg, der mit Müll und Alteisen übersät war. Hinter dem Haus, das abgelegen außerhalb des Ortes lag, bellten Hunde. Der widerliche Staub schien sich noch in den letzten Winkel zu legen. Sie fühlte sich schmutzig. Das Elend dieser Leute, die sich mit ihrer extremen Armut abgefunden hatten, setzte sich in ihrer Kleidung, auf ihrer Netzhaut fest. Sie schüttete etwas Wasser auf ihre Handflächen, um sie zu reinigen.
Radzik hatte ihr befohlen, von der Bildfläche zu verschwinden, abzuwarten, bis ihre Wunden verheilt wären. Sie, einst der ganze Stolz ihres Chefs, seine Favoritin, war also neuerdings auf lumpige Gestalten abonniert, nach denen kein Hahn krähte. Vielleicht sollte sie einmal kräftig mit der Faust gegen das Auto schlagen und so ihren Frust ablassen? Dabei hatte sie in Frankreich noch so einiges zu erledigen. Als Erstes musste sie ihr Medaillon zurückholen und bei der Gelegenheit der Polizistin die Kehle durchschneiden, die es an sich genommen hatte, und die ihrerseits überall nach ihr suchte. Und dann wollte sie das Drogennetzwerk wiederaufbauen, das durch Jelenkos Verrat zusammengebrochen war. Stattdessen verschimmelte sie jedoch in Rumänien, in der Region Alba, und wartete darauf, dass eine Roma sich bequemte, ihr Gör abzuliefern. Sie trat gegen ein verrostetes Fahrrad und ging zurück in die Bruchbude mit der niedrigen Decke. Die beiden Fenster des winzigen Raumes, der als Schlafzimmer, Wohnzimmer und Abort in einem diente, waren mit Zeitungspapier und Pappe verstärkt. Ideal, um die Butze in Brand zu setzen. Sie sah sich schon ein Feuerzeug daranhalten. Was wäre das für ein schöner Anblick, wenn dieser ganze Dreck hier einer ultimativen Reinigung unterzogen würde. Schreie rissen sie aus ihren Gedanken. Sie waren doppelt so laut wie vorher. Das grelle Licht der an der Decke angebrachten Lampe erleuchtete eine wenig appetitliche Szene: Da lag eine nackte Frau mit gespreizten Beinen auf einem Laken voller Blut und Kot.
»Miria!«, rief der Arzt und versuchte, die Schreie zu übertönen. »Ich brauche Sie! Helfen Sie mir, sie festzuhalten und dabei auf ihren Bauch zu drücken.«
Nathalie sah ihn verständnislos an. »Miria«, brummte Khasboulat. Ach ja, Miria, ihre neue Identität. Früher hatte ihr Name Angst und Schrecken verbreitet. Heute existierte er nicht einmal mehr. Die spektakulären Aktionen, die von allen gefürchtete Kriminelle … das war einmal. Jetzt taugte sie nur noch als Hebamme, war nichts weiter als eine beschissene Hebamme.
Dieser Abstieg machte sie krank. Nathalie spuckte aus. Sie überwand ihren Ekel und beugte sich über das blasse, schweißnasse Gesicht der jungen Frau. Die Roma hatte tiefe Falten und die gegerbte Haut einer Fünfzigjährigen, dabei war sie gerade mal fünfundzwanzig. Nathalie beherrschte kein einziges Wort in ihrer Sprache. Wie sollte sie die Frau also zum Schweigen bringen? Indem sie ihr Angst machte. Die Serbin blickte der Gebärenden tief in die Augen, legte so viel Härte in ihren Blick, wie sie nur konnte, und drohte der Roma mit einer Geste, ihr die Kehle durchzuschneiden. Daraufhin liefen der Frau Tränen über die Wangen, sie gab ein paar erstickte Schluchzer von sich, aber es kehrte fast so etwas wie Ruhe ein. Nathalie beglückwünschte sich. Bisher hatte sie jedes Problem lösen können, indem sie Angst säte.
»Sie hat starke Schmerzen. Das ist kein Wunder. Ich habe ihr keine wehenfördernden Mittel gegeben. Ihre Gebärmutter ist vollkommen ausgeleiert. Aber mit etwas Unterstützung sind wir in dreißig Minuten fertig, versprochen.«
Nachdem der Arzt einen Schluck Wasser getrunken hatte, zeigte er Nathalie, wo sie ihre Hände hinlegen sollte. Sie legte die Hände flach auf den Bauch der werdenden Mutter und spürte, wie deren Körper sich unter den Schmerzen wand, wie ihr Herz raste, ihr Atem stockte, das Baby sich in alle Richtungen drehte und wendete.
Von den siebzehn Entbindungen, die sie seit ihrem »Wiedereinstieg« erlebt hatte, war diese die blutigste.
»«, na los, rief der Arzt auf Rumänisch.
Endlich ein Schrei. Nathalie spürte, wie an ihrem Rücken der Schweiß perlte. Sie spannte ihren Nacken an, und auf einmal kamen aus ihrem Mund lauter aufmunternde Worte. Die Szene widerte sie zugleich an und faszinierte sie. Einem Kind auf die Welt zu verhelfen, war ein hartes Stück Arbeit, unendlich viel komplizierter, als jemanden ins Jenseits zu befördern, darin hatte sie Erfahrung. Mit letzter Anstrengung presste die Frau zusammen mit einem Schwall von Blut und Fruchtwasser das Kind aus sich heraus. Es war ein Mädchen. Wie erwartet. Es schien kerngesund zu sein. Das Baby schrie, rot vor Wut, dass man es in diese Hölle auf Erden befördert hatte. Wie recht es damit doch hatte, dachte Nathalie. Der Arzt trennte mit routinierter Geste die Nabelschnur durch. Dann wusch er das Neugeborene mit einer extra Lotion ab. Die Mutter sah ihm vom Bett aus dabei zu. Ihre verschwitzten Haare klebten ihr am Kopf, sie war vollkommen erschöpft und sagte kein einziges Wort. Sie beklagte sich nicht, dass sie nicht genäht wurde, sich niemand um sie kümmerte. Der Arzt legte das gesäuberte und fest in eine Decke gewickelte Baby vorsichtig in die eigens mitgebrachte nagelneue Babyschale. Er stand auf und drückte sie dem Nächstbesten in die Hände, das war Nathalie. Dann beugte er sich erneut über die Scham der Mutter, um die Wunde zu desinfizieren und zu nähen.
»Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre verblutet«, erklärte er.
Die Roma hatte nur Augen für das Kind.
»«, sagte sie und stützte sich dabei auf einen Ellbogen, um ihren Oberkörper...




