E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Stutzky Das Rad der Fortuna
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-8050-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-7543-8050-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Man schreibt das Jahr 1346: Der Bürger und Krämer Dietrich Berlinger ist ein gesegneter Mann. Gott hat ihm ein gutes, tüchtiges Weib und drei Kinder geschenkt. Auch seine Geschäfte gehen gut, mit Fleiß und Gottvertrauen hat er ein bescheidenes Vermögen verdient. Aus seinem kleinen Hökerstand, der ihn anfangs eher schlecht als recht ernährt hatte, hat er einen ansehnlichen Handel mit Spezereien und bunter Kramware aufgebaut. Als jedoch zwei vornehme und mächtige Ratsherren der Stadt mit einem ungewöhnlichen Anliegen bei dem Krämer Berlinger vorstellig werden, gerät dessen bisher wohlgeordnete Welt langsam aus den Fugen. Der mörderische Machtkampf zwischen Kaiser und Papst erfaßt die Familie Berlinger ebenso wie die Schrecken des Jahrhunderts: Hunger, Krieg und Pest. Dietrich Berlinger wird in eine gefährliche politische Intrige verwickelt, sein Sohn findet sich inmitten einer Fehde verfeindeter Adliger wieder und fällt auf einer Handelsreise Straßenräubern zum Opfer. Wie seine Zeitgenossen fühlt sich der Krämer von Gott verlassen, Gewalt und Naturkatastrophen - Erdbeben und Heuschrecken - erscheinen ihm als eine Strafe des Himmels und wie viele andere Bürger seiner Stadt sucht er Trost bei religiösen Eiferern, den Geißlern. Doch gegen den Schwarzen Tod, der schleichend seine Opfer fordert, sind alle machtlos.
Ulrike Stutzky, geboren 1966 in Berlin, begeisterte sich schon in jungen Jahren an allem Historischen, seien es nun Prinzessinnen und Könige, Schlösser oder Burgen. Gleichzeitig lernte sie auch schon im Grundschulalter den Spaß an guten Büchern kennen. Beide Leidenschaften ließen sie nicht mehr los, und so war das Studium der Geschichte und der Literaturwissenschaften nur eine logische Konsequenz auf ihrem Lebensweg. Danach blieb sie der Geschichtswissenschaft treu, arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin und promovierte im Fachgebiet Mittelalterliche Geschichte schließlich. Mittlerweile arbeitet sie als Lehrerin. Wenn Familie und Alltag es erlauben, widmet sie sich jedoch noch immer ihrer Leidenschaft für Historisches und Literatur. Und diese Leidenschaft trieb sie auch dazu, den Roman "Das Rad der Fortuna" zu schreiben - natürlich über das Mittelalter!
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Prolog
Ergriffen schaute Karl, Markgraf zu Mähren, erstgeborener Sohn des erhabenen Fürsten Johann, des von Gottes Gnaden erwählten Königs von Böhmen, zu den hohen Mauern des päpstlichen Palastes empor. Er stand inmitten eines gewaltigen Hofes, der von einem weihevollen Kreuzgang eingefasst war. Die Sonne stand hoch über der Stadt Avignon und ergoss ihre belebende Wärme über die Sträucher, Gräser und Blumen zu Karls Füßen. Die Farben und der Duft weckten in ihm erregende Erinnerungen. Ihm war, als sei er wieder Jüngling, als erlebe er wieder den Frühling, als spüre er wieder das Erwachen der Natur und entdecke wieder das Licht des Südens. Mit Wohlwollen nahmen seine Ohren die vertrauten Laute um ihn herum wahr. Überall in diesem Palast sprachen sie französisch. Es war jenes wohlklingende, reine Französisch, das sie auch damals, als er als Knabe erstmals die weichen fremden Laute gehört hatte, am Hofe des Königs in Paris gesprochen hatten. Während der letzten Wochen hatte Markgraf Karl oft das harte Provenzalisch der ketzerischen Bauern in der Umgebung erdulden müssen, nun blieb er von diesem unverständlichen Gekrächze jedoch verschont. Viel hatte sich in der herrlichen Stadt Avignon verändert, seit er das letzte Mal hier verweilt hatte. Der Palast war erstaunlich gewachsen, aber trotz seiner erhabenen Größe noch immer nur eine Baustelle, die künftige Macht und Wohlstand versprach. Als Karl vor einigen Jahren hier vom alten Papst Benedikt empfangen worden war, hatte er am selben Tag auch noch seinen Freund aus Pariser Kindertagen, den Kardinal Pierre Roger, in der Rhônestadt besucht. Der gute Mann, der dem jungen Prinzen so vieles gelehrt hatte, der ihm Mentor, Beschützer und Mitstreiter gewesen war, hatte es damals schon zu einem einflussreichen Kirchenmann gebracht. Der Franzose genoss im Umkreis des Heiligen Vaters großes Ansehen und viel Einfluss. Bei jenem ersten Besuch des Böhmenprinzen Karls in der herrlichen Stadt Avignon, hatten sie oft zusammen gesessen im Hause des Freundes Pierre Roger, hatten dann all die Streitereien im Reich und in der Kirche, die Zwietracht zwischen Kaiser und Papst besprochen und einander ihre Hoffnungen und Visionen anvertraut, als der Franzose dem jungen böhmischen Thronerben eines Abends geweissagt hatte: „Du wirst noch König der Römer werden.“ Daraufhin hatte Karl geantwortet: „Du wirst vorher Papst.“ Waren das nur Trugbilder gewesen? Hatten die beiden Freunde im Rausch der Wiedersehensfreude sich damals zu kindischen Flausen hinreißen lassen? Karl versuchte sich zu erinnern an diesen frohen Abend, als er plötzlich von Ferne die geliebte Stimme des Freundes hörte… Pierre Roger…sein Lehrer in Kindertagen, sein Beschützer in der Fremde, sein väterlicher Vertrauter im Knabenalter, kam voller Freude strahlend auf ihn zu gelaufen. Um ihn herum liefen aufgeregt Diener und Pfaffen. Schon rief Seine Heiligkeit Papst Klemens VI. dem Erben der böhmischen Krone zwischen den erhabenen Mauern des mächtigen Palastes erfreut seinen Willkommensgruß entgegen. „Mein teurer Karl. Ihr seid wahrhaftig hier. Welch eine frohe göttliche Fügung, Euch hier bei mir zu begrüßen.“ „Geliebter Heiliger Vater, lieber Maître Pierre Roger, welch eine Freude, dass Ihr meinen werten Vater und mich empfangen wollt.“ Ergriffen kniete der junge böhmische Prinz vor dem Heiligen Vater und Freund nieder, eilig jedoch hob Papst Klemens seinen ehemaligen Schüler Karl auf. Der alte, blinde König Johann war mittlerweile von seinem Pferd abgestiegen, wobei Diener ihn hielten und stützten. Auch den Rest des 3Fußweges durch den Garten des Kreuzganges hin zum Pontifex hatte der Alte eher geführt und beinahe getragen werden müssen, als dass er die Schritte aus eigener Kraft hatte bewältigen können. Als der Böhmenkönig aber die Rede seines Sohnes vernahm, ließ er sich auf das Knie fallen und tastete suchend nach der Hand des Papstes, um sie demütig zu küssen. Klemens, der gute Mann, half dem alten, blinden König jedoch sogleich hoch und gab einigen Dienern den Befehl, die Gäste in den Palast zu geleiten. „Ich würde Euch gerne meinen Baumeister Jean de Louvres vorstellen, aber er ist wohl wieder umtriebig auf dieser Baustelle, die mein Palast leider noch immer ist.“ Damit wies er stolz auf die halbfertigen Mauern im Süden und Westen der gewaltigen Palastanlage. Verhüllt von Gerüsten, hinter massigen Stapeln von Steinquadern und Holzlatten aufragend, verkündeten diese noch unvollendeten Gebäude eine unbezwingbare und prachtvolle Zukunft des Papstpalastes in Avignon. Ein Heer flinker Bauleute bevölkerte die Gerüste und schwirrte am Fuße der stetig wachsenden Mauern umher wie eine Armee unbeirrter Ameisen auf dem üppig fruchtbaren Boden eines kühlen Herbstwaldes. Auch als die hochgeborenen Gäste das Innere der bereits vollendeten Teile der Palastanlage betreten hatten, hörten sie noch immer die Rufe der Maurer und Steinmetze, das Sägen und Hämmern der Zimmerleute. Papst Klemens hatte sie in das Hirschzimmer geführt. Herrliche, lebensnahe Fresken schmückten die Wände dieses Raums. Karl hatte solch ein Farbenspiel und solche Lebendigkeit noch niemals zuvor in Bildern gesehen. Der Papst trat stolz und zufrieden lächelnd an seinen früheren Schüler heran. „Nicht wahr, mein junger Freund, sie sind wahrhaftig das Werk eines von Gott geliebten Meisters?“ Der Thronfolger betrachtete andächtig die dargestellten Szenen. Alle Bilder zeigten Formen der Jagd, die Falkenjagd war ebenso zu erkennen wie die Jagd mit Hunden. An der Nordwand erkannte Karl einige um einen Fischweiher stehende Angler. Das eindrucksvollste Fresko jedoch entdeckte der junge Böhme an der Westseite des Saales. Dort war ein im Jagdrausch tobender Windhund abgebildet, der einen Hirsch riss. Karl erkannte, wie das angreifende Tier unbarmherzig die Zähne in sein Opfer schlug. Die Wut und der Schmerz, der Triumph und der Tod rangen so leibhaftig vor ihm, dass es dem Thronfolger schauderte. „Es ist wahrhaftig schön, nicht wahr? Aber es ist leider nur ein kleiner Teil eines großen, noch immer unvollendeten Ganzen. Mit Gottes Hilfe aber wird das Werk gelingen, und dieser Palast wird ein gebührliches und angenehmes Haus für mich und die kommenden Pontifices.“ Die Gäste nickten ergriffen, der jugendliche Markgraf Karl, weil er die Pracht dieses Raumes verinnerlicht hatte, der alte blinde Böhmenkönig Johann jedoch, um diese freundliche Vorrede des Heiligen Vaters abzukürzen und zum eigentlichen Kern ihrer Unterredung überzuleiten. Der Pontifex teilte offenbar mit dem Alten dieses Verlangen, denn er kam nun unmittelbar auf den eigentlichen Gegenstand ihrer Verhandlungen zu sprechen. „Wir haben aber noch ein ganz anderes Haus zu bestellen. Es stehen uns nur noch wenige Hindernisse im Weg. Sind diese mit Gottes Hilfe weggeschafft, so wird es dir gelingen, den Streit der heiligen Kirche mit dem Reiche endgültig zu beenden und die deutschen Lande vom Kirchenbann zu befreien. Dein Oheim, der Erzbischof Balduin von Trier, hat von mir die Absolution erhalten. Er hat sich von dem Thronräuber Ludwig abgewandt und ich habe ihn wieder in die heilige Kirche aufnehmen können.“ Der alte König Johann nickte und murmelte einige unverständliche Sätze. Er hatte dem Erzbischof von Trier, seinem Oheim Balduin, noch nie Zuneigung oder Hochachtung entgegen gebracht. Kam die Rede auf den Bruder seines Vaters, erwiderte Johann diese meist nur mit einem abfälligen Grunzen. Der Heilige Vater wusste um diesen Umstand und sprach daher weiter, ungerührt von den missmutigen Tönen des Böhmenkönigs. „In einem Brief habe ich die Bitte an den Erzbischof gerichtet, er möge einen frommen, der heiligen Kirche ergebenen Mann an die Spitze des Reiches stellen, damit die Christenheit endlich von diesem Usurpator befreit ist. Karl, du bist dieser Mann, du wirst ein würdiger Kaiser werden, der die Christenheit schützt. Ludwig, dieser Bayer, muss endlich vom Thron verjagt werden. Dein Oheim Balduin wird dafür Freunde und Helfer gewinnen. Es ist sicher, dass das Band Eurer Verwandtschaft ein sicherer Grund ist, der deiner Kandidatur einen festen Halt gibt.“ „Erzbischof Balduin ist ein sonderbarer Mann, Euer Heiligkeit, er kann jedem, der sich mit ihm einlässt, sehr gefährlich werden“, der alte König Johann grunzte verächtlich. „Seine Winkelzüge sind oft undurchschaubar, er ist gerissen wie ein Fuchs und geheimnisvoll wie seine Agenten, die im ganzen Reich für ihn kundschaften.“ „Ich werde auf der Hut sein“, Papst Klemens senkte die Stimme, als fürchtete er ungeladene Lauscher, „und ich werde mich zu verteidigen wissen. Dennoch will der Erzbischof Balduin seinen Neffen auf dem Thron sehen, nicht nur im fernen Böhmen, sondern auch im Reich. Balduin hat sich entschieden, gegen den Bayern und für dich, Karl.“ Die Männer standen schweigend zusammen. Sie ahnten, welch...




