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E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Stückelberger Auf der Kanzel

Pfarrer Gabathuler räumt auf
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7152-7011-1
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Pfarrer Gabathuler räumt auf

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-7152-7011-1
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwölf Jahre bekämpfte Roger Gabathuler bei der Kantonspolizei Zürich Frauenhandel und organisierte Kriminalität. Bis zu jenem Einsatz, der ihn vordergründig zum Helden machte, letztlich aber das Ende seiner Karriere bedeutete. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen stößt Gabathuler auf ein Programm für Quereinsteiger bei der reformierten Kirche. Er beschließt, Theologie zu studieren, und wird Pfarrer in Winterthur-Ganterwald. Bei der Besichtigung des Pfarrhauses, das zwischenzeitlich einem Asylbewerber zur Verfügung gestellt wurde, erkennt Gabathuler in dem Mann jenen russischen Mafiaboss, den er als Polizist nie dingfest machen konnte. Dass Jakovlev immer noch frei herumläuft und ihm außerdem direkt vor der Nase sitzt, frustriert Gabathuler. Er räumt auf. Und trotzdem kehrt keine Ruhe ein: Neue Falltüren öffnen sich, und für Gabathuler beginnt eine Reise in die Vergangenheit - seine eigene und die seiner Familie. Gleichzeitig fängt ein junger Polizist an, unangenehme Fragen zu stellen, und die russische Mafia ist Gabathuler auf den Fersen. Und dann muss auch noch seine Einsetzung als Pfarrer vorbereitet werden ...

Benjamin Stückelberger war rund 16 Jahre lang Pfarrer der reformierten Kirche Zürich in Meilen und Winterthur-Wülflingen. Dabei konzentrierte er sich vor allem auf die Arbeit mit Jugendlichen nach der Konfirmation. Anschließend machte er sich selbständig, schrieb und produzierte Musicals für junge Erwachsene. Er schreibt regelmäßig Kolumnen für eine Wochenzeitung und lebt mit seiner Frau als freier Autor in Meilen.
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2


»Was hast du angestellt?«

»Ich bin Pfarrer geworden.«

»Wie konntest du nur!« Barbara Wildberger trat einen Schritt zurück und ließ Gabathuler herein. »Kaffee?«

»Sehr gerne.«

Sie nahm eine Tasse und schenkte aus dem Kaffeekocher ein.

»Woher kommst du?«

»Andelfingen.«

»Bist du die ganze Nacht durchgefahren?«

Gabathuler nickte und nahm die Tasse dankend entgegen. »Hast du noch etwas Milch?«

»Richtig! Du trinkst den Kaffee mit Milch.« Sie öffnete den Kühlschrank und stellte ihm die Milchtüte hin. Einen Moment lang sagte keiner ein Wort. Barbara beendete das Schweigen. »Hör mal, Roger, es ist schön, dich zu sehen. Wenn auch etwas überraschend. Aber ich muss jetzt raus. Die Helfer kommen um sieben, und bis dann muss das Material bereit liegen.«

»Seid ihr schon in der Ernte?«

»Wir hatten einen sehr warmen Sommer und einen wunderbaren Herbstanfang. Wenn wir die Trauben jetzt nicht einfahren, werden sie überreif.«

»Du musst dich nicht um mich kümmern. Wenn’s recht ist, lege ich mich einfach für ein paar Stunden hin und gehe anschließend etwas spazieren.«

»Zwischen sieben und acht heute Abend essen wir. Es werden alle Helfer da sein. Wenn du willst, kannst du dich dazusetzen.«

»Gute Idee!«

»Also, bis dann.« Barbara öffnete die Tür und trat nach draußen.

Gabathuler nippte an dem heißen Kaffee, holte sich aus der Küche ein Stück Brot und begann in den zu blättern. Es dauerte nicht lange bis ihm die Augen zufielen.

Als er erwachte, tat ihm alles weh. So wie er eingeschlafen war, konnte es nicht anders sein, als dass Oberkörper und Hals verspannt waren. Gabathuler richtete sich vorsichtig auf und streckte sich in alle Richtungen, um die Steifheit aus den Gliedern zu bekommen. Als er sich umsah und realisiert, wo er war, huschte ihm ein Lächeln übers Gesicht. Vertraut war ihm der Raum, vertraut die Aussicht über das Eisacktal. Sechs Jahre war es her, und doch kam es ihm vor, als wäre er erst gestern noch hier gewesen.

Damals, nach dem Zugriff an der Bäckerstrasse, hatte ihn Rechsteiner freigestellt. Sein Chef hatte immer hinter ihm gestanden und ihn auch in diesem Fall gedeckt. Aber aus politischen Gründen musste er kommunizieren können, dass »der zuständige Polizeibeamte für die Zeit der Untersuchung der Schießerei an der Bäckerstrasse vom Dienst suspendiert bleibt«, so der Wortlaut in der Pressemitteilung. Rechsteiner war damals in einer schwierigen Position. Nach oben und außen musste er klar machen, dass er seinen Laden im Griff hatte und er jeden Schusswaffengebrauch sorgfältig untersuchte. Nach innen, und das hieß in diesem Fall Gabathuler gegenüber, galt es zu vermitteln, dass er ihn nicht wie die sprichwörtliche heiße Kartoffel fallen ließ. Mit einer sehr formell gehaltenen E-Mail, die bestimmt seine Sekretärin geschrieben hatte, ließ er Gabathuler in sein Büro kommen. Dort teilte er ihm in knappen Worten und in Gegenwart des Personalverantwortlichen seine Freistellung mit. Als die Formalitäten geregelt waren und der Personalchef wieder weg war, beugte sich Rechsteiner vor und sagte: »Gabathuler, Sie wissen, dass Sie mein bestes Pferd im Stall sind. Aber Sie haben in den vergangenen Jahren viel zu viel gearbeitet. Ich hätte Sie schon längst in den Zwangsurlaub schicken sollen. Betrachten Sie diese Freistellung nun als Geschenk des Kantons Zürich. Sie können mal Pause machen, ohne dass es von Ihrem Urlaubskonto abgeht.«

»Polizisten werden freigestellt, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Ich habe nichts falsch gemacht.«

»Es sind fünf Leichen aus der Bäckerstrasse getragen worden! Vier davon wurden mit derselben Waffe erschossen. Mit Ihrer. Da darf es Sie nicht verwundern, dass die Öffentlichkeit und die Politik ein paar Fragen stellen.«

»Ich habe im Auftrage dieser Öffentlichkeit und dieser Politik gehandelt!«

»Das wissen Sie, und das weiß ich. Bevor wir das aber den Menschen da draußen sagen können, müssen wir ein paar Fakten aufbereiten, die wir den Medien und den Politikern präsentieren können. Und so lange muss ich Sie aus der Schusslinie nehmen.«

Gabathuler empfand die Freistellung als ungerecht, war aber zu müde, um sich weiter dagegen zu wehren. Und im Grunde seines Herzens wusste er auch, dass Rechsteiner richtig handelte. »Machen Sie eine Weltreise, oder gehen Sie meinetwegen in ein Kloster. Nur, schalten Sie ab! Bringen Sie sich auf andere Gedanken! Es braucht niemand zu wissen, wo Sie sind. Und dann kommen Sie nach zwei bis drei Monaten braungebrannt zurück und nehmen frisch gestärkt ihren Dienst wieder auf.«

Der Urlaub hatte dann etwas länger gedauert. Er hätte zwar nach drei Monaten seinen Dienst wieder aufnehmen können, doch dann bat er darum, seine Überstunden und den nicht bezogenen Urlaub nehmen zu dürfen. Rechsteiner bewilligte seinen Antrag postwendend, sodass Gabathuler weitere drei Monate der Polizeiarbeit fern bleiben konnte. Der Grund dafür war Barbara.

Gabathuler hatte zunächst keine Ahnung, was er mit der vielen Zeit machen sollte. In den zehn Jahren zuvor hatte er ununterbrochen gearbeitet und kaum einmal Urlaub gemacht. Wo sollte er jetzt auch hin? Alleine um die Welt reisen? Dazu hatte er keine Lust. Und Frank, sein bester Freund, hatte zwar auch viele Überstunden abzufeiern, aber er war verheiratet, hatte zwei Kinder und daher wenig Interesse, mit ihm mal eben für ein paar Monate zu verschwinden. Die erlösende Idee kam eines Abends, als er mit Frank in der Oceanbar im Zürcher Niederdorf saß und sie über ihre Anfänge bei der Polizei plauderten. »Was ist eigentlich aus Barbara geworden?«, hatte Frank damals gefragt. Barbara, Frank und Roger hatten gemeinsam die Polizeischule besucht und sich auch in der Freizeit regelmäßig getroffen. Barbara hatte dann den Weg als Hundeführerin eingeschlagen und sich dafür einen Schäferhund angeschafft, den sie Fandago nannte, der aber nach eingehenden Tests nicht als Polizeihund zugelassen wurde. Barbara hätte sich also einen zweiten Hund kaufen oder eine andere Aufgabe bei der Polizei übernehmen müssen. Dazu war sie nicht bereit. Sie quittierte den Dienst, übernahm das Weingut ihrer Eltern im Südtirol und machte die Ausbildung zur Winzerin.

»Soviel ich weiß, ist sie immer noch dort«, hatte Gabathuler damals gesagt. Sie sprachen noch eine Weile über Barbara. Schließlich meinte Frank etwas unvermittelt: »Geh doch zu ihr. Sie hat bestimmt Platz und wird eine helfende Hand gebrauchen können.« Gabathuler hatte diese Idee gefallen. Und je länger er darüber nachdachte, desto besser gefiel sie ihm.

»Klar doch!«, war die Antwort der sichtlich erfreuten Barbara auf Gabathulers Anfrage gewesen. Wenige Tage später fuhr Gabathuler die steile und immer steiler werdende Straße oberhalb St. Magdalena hoch, bog in den gekennzeichneten schmalen Feldweg ab, und als er schon meinte, er hätte sich verfahren, öffnete sich der Weg hin zum Premstaller Hof, einem traditionellen, einfach gehaltenen Weingut mit spektakulärer Aussicht auf das Eisacktal und Bozen. Gabathuler konnte im oberen Stock ein Zimmer beziehen, eine Kammer, die ihn in ihrer Kargheit an Bilder von van Gogh erinnerte. Tisch, Bett, Stuhl und Schrank möblierten den Raum. Ein Fenster öffnete den Blick ins Tal und ließ das helle Sonnenlicht herein. Eine Deckenlampe sorgte für die Beleuchtung. Das war’s.

Gabathuler hatte diese Schlichtheit beeindruckt. Und in den Tagen und Wochen danach hatte er immer wieder mit einem gewissen Staunen zu sich selbst gesagt: »Das reicht. Das reicht vollkommen. Mehr braucht es nicht zum Leben.« Diese Erfahrung konnte er dann aber nur für zwei, drei Wochen auf sich wirken lassen. Denn immer häufiger verbrachte er die Nacht bei Barbara. »Weißt du, ich hatte schon damals ein Auge auf dich geworfen«, hatte sie ihm eines Abends gestanden, als sie auf der Terrasse vor dem Haus ein Glas Wein getrunken hatten. »Aber du hattest ja nur die Polizei im Kopf.« Auch Gabathuler hatte die Zeit genossen, als sie zu dritt durch Zürichs Innenstadt gezogen waren. Aber weiter war sein Interesse in der Tat nicht gegangen. Er war damals ganz auf die Polizeischule fokussiert und bereitete sich schon auf die Aufnahmeprüfung für die Polizeigrenadiere vor. Gerne ging er mit ihr und Frank aus, aber eine Beziehung stand damals nicht zur Debatte. Erst Cornelia, die er in der Ausbildung zum Polizeigrenadier kennenlernte, vermochte seine Aufmerksamkeit länger zu binden. Barbara war da schon lange nicht mehr bei der Polizei.

»Komisch, dass du das sagst«, meinte er zu Barbara. »Dabei hätte ich eher gedacht, dass Frank und du ein Paar werden könntet.«

»Frank und ich? Nein, niemals. Ich mochte ihn sehr, aber er war nichts für mich. Er war mir irgendwie zu brav.«

Auch an jenem Abend war er mit Barbara ins Bett gegangen. Und kurz darauf war er kaum mehr in seiner Mönchszelle anzutreffen. So war das ein wunderschöner Frühling und Sommer geworden, in dem sein Körper in ganz neuer Art und Weise ins Zentrum gerückt wurde. Es war ja nicht so, dass er bis dahin seiner Physis keine Beachtung geschenkt hätte. Im Gegenteil. Aber die körperlichen Belastungen waren stets mit Stress verbunden. Die endlosen Nächte, in denen er den Großfürst und seine Entourage vom Auto aus in gekrümmter Haltung oder im Nebengebäude am Fenster stehend oder hinter einem Busch kauernd zu beobachten hatte, waren sehr einseitige Belastungen, die er mit intensivem Training kompensierte. Seine Fitness diente somit stets einem bestimmten Zweck. Das veränderte...


Stückelberger, Benjamin
Benjamin Stückelberger war rund 16 Jahre lang Pfarrer der reformierten Kirche Zürich in Meilen und Winterthur-Wülflingen. Dabei konzentrierte er sich vor allem auf die Arbeit mit Jugendlichen nach der Konfirmation. Anschließend machte er sich selbständig, schrieb und produzierte Musicals für junge Erwachsene. Er schreibt regelmäßig Kolumnen für eine Wochenzeitung und lebt mit seiner Frau als freier Autor in Meilen.



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