Buch, Englisch, Deutsch, 24 Seiten, PB, Format (B × H): 220 mm x 200 mm, Gewicht: 242 g
Ronny Heiremans & Katleen Vermeir Elvira Hufschmid Marie Klein
Buch, Englisch, Deutsch, 24 Seiten, PB, Format (B × H): 220 mm x 200 mm, Gewicht: 242 g
ISBN: 978-3-940517-81-4
Verlag: Saarländisches Künstlerhaus
The good life (eine Führung)
Ich möchte, wie ein Architekt, mit dem Fundament beginnen, obwohl es dem einen oder anderen schon bekannt sein könnte.
Im Jahre 2006 initiierten Katleen Vermeer (geb. 1962) und Ronny Heiremans (geb. 1973) das Projekt AIR (artist in residence) und benutzten dabei ihr Brüsseler Loft als Plattform und Quellenmaterial für die Erforschung von „vermittelten Ausweitungen“ ihres Wohnraums. Das Appartement hatten sie zuvor aufwendig ausgebaut und eingerichtet.
Sie begreifen ihr Projekt als Reflexion über die Erzeugung von Lifestyles durch soziale, politische und wirtschaftliche Strukturen und Bestrebungen, eingebettet in verschiedene Medien, wie zum Beispiel Lifestyle und Modemagazine, auf die sich die Künstler in ihren Arbeiten häufig beziehen.
Ihr starkes Interesse sowohl an den Baustellen der modernen Architektur des Handels und des Kommerzes als auch an den Orten, die Menschen und ihre wahren Sehnsüchte beherbergen, inspirierte sie 2009zu ihrem Werk The Good Life, im Auftrag des Art Centers Arnolfini, in Bristol. Dabei bezogen die beiden wie gute Architekten die unmittelbare bauliche Umgebung der Galerie und der Hafengebäude der Stadt mit in ihre Projektkonzeption ein.
The Good Life ahmte das Vorgehen von Grundstücksspekulanten nach- genauer gesagt, deren Methoden, bei den Kunden bestimmte Vorstellungen und Wünsche zu erzeugen-, indem es die Sprache dieser Personen annahm, gipfelnd in der verbalen Umdeutung der Kunst in einen kommerziellen Bewertungsfaktor.
Und auf einmal verwandelten sich die nackten Wände einer Galerie in ein Spekulationsobjekt mit künstlerischem Antlitz.
Jeder, der schon von Maklern durch eine Musterwohnung geführt wurde, jedem, dem Wohnungen, die erst noch gebaut werden mussten, angeboten wurden, erkannte die Situation in dem Kunstwerk wieder- die Begrüßung durch eine Empfangsdame an der Rezeption, das Einstecktuch des Maklers, die Begutachtung des Architekturmodells, gleichsam der Blick in eine ungewisse Zukunft.
Auf einen sanften Impuls der Fernbedienung werden bestimmte Punkte der gated community nach und nach ausgeleuchtet: Hier wird der Kindergarten entstehen. Hier der nachhaltige Supermarkt. Hier die U-Bahn Station 2016. Hier ein wunderschöner Park.
Versprechungen. Territorien. Gefühle, sogar Aufregung. Und dann wird der Deal abgeschlossen. Man bittet uns herein, mitten in die Phantasien der Geschäftsleute, der Grundstücksspekulanten, und mit einem Mal wird uns klar, dass ihre Vorstellung nur der übergeordnete Wunsch ist, den die kapitalistische Gesellschaft über Jahrzehnte in unserer DNS verankert hat: Erwerbe. Erwerbe Glück.
Und das Gefangensein in diesen Wünschen, die ganz persönlich und doch universell sind, unsere ganz private, ganz allgemeine Vorstellung vom guten Leben, sie ist es, die uns den Blick auf den großen Zusammenhang verstellt.
Und wir kaufen: Etwas, das fast so wenig fassbar ist wie ein Traum, nur die Entwürfe, Versprechungen, Pläne eines Konzerns, wir kaufen, ohne das angepriesene Objekt jemals betreten zu haben. Hinter der Fassade der riesigen Schilder mit den computergenerierten Wohnanlagen und den Namen der beteiligten Unternehmen verbergen sich die aufgerissene Erde, das Heer der unterbezahlten Arbeiter mit ihren vorsintflutlichen Werkzeugen. Die Leistung der Firma besteht nicht im Bau, sondern im Verkauf der Vorstellung vom Bau- dem Zielen auf unsere Träume, unseren Ehrgeiz, unsere Eitelkeit. Das ist es, was wir kaufen, und dafür sind wir bereit, zu bezahlen. Die Realität blenden wir aus. Und sind es wirklich unsere Wünsche, oder nicht vielmehr die Wünsche der Zeitschriften, die wir gelesen haben?
Dieser ganz alltägliche, schizophrene Vorgang, wird in The Good Life in das Extreme übersteigert: die schnieke Wohngegend, die die gutgekleidete Maklerin im Video der Gruppe von Interessenten verkaufen will, ist nichts anderes als die Galerie, das Museum selbst: seine nackten Wände, seine eingewickelten Bilder, der Baulärm, entblößt, die Realität nur durch die Versprechungen und bildreichen Visionen der Maklerin im Film übertüncht und dadurch umso deutlicher gemacht. Über die Schubkarre in der Ecke legt sich der Vorhang des Verkaufsgesprächs, die Idee der Aussicht, der Bausubstanz aus dem neunzehnten Jahrhundert, der Kunst an den Wänden.
Der Film scheint absurd, aber wenn wir uns darauf einlassen, dann stellen wir uns bald die Frage, ob nicht die Realität, die wir jeden Tag erleben, nicht vielmehr die Projektion unserer Vorstellung davon ist, ob wir nicht selber einen Vorhang aus Wörtern und Bildern über die Schubkarre legen. Und ob dieser Vorhang überhaupt von uns selber gewoben wurde, oder nicht doch von unserem kollektiven Unterbewusstsein, erzeugt von Medien und Kapital, den Interessen anderer. Natürlich sind die Sätze der Maklerin eins zu eins aus Zeitschriften übernommen, Lifestylebibeln und Stadtplanungsdirektiven. Abgelöst von ihrem Hintergrund haben sie längst ein Eigenleben entwickelt und sind zu Bildern ihrer selbst geworden, die auf jede Landschaft und jedes Bewusstsein geworfen werden können.
Das Grundstück, um das es geht, das Gebäude, vielleicht sogar das ganze gute Leben- ist womöglich nichts anderes als des Kaisers neue Kleider.




