Strindberg | Die Leute auf Hemsö | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 111 Seiten

Strindberg Die Leute auf Hemsö


1. Auflage 2021
ISBN: 978-87-28-12063-7
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 111 Seiten

ISBN: 978-87-28-12063-7
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



August Strindbergs Klassiker ist eine Geschichte über Zugehörigkeit, Identität und Vertrauen. Auf der fiktiven Insel Hemsö gibt es einen Neuankömmling: Carlsson, der von der Witwe Flod eingestellt wird, um sich um ihre Farm zu kümmern, wird von der Inselgemeinschaft mit Misstrauen beäugt. Ist er ein Betrüger, der sich an der Witwe bereichern will? Oder ein hart arbeitender Mann mit guten Intentionen? Im Jahr 1955 wurde Strindbergs Werk erstmals verfilmt und 1966 als Fernsehserie produziert.-

August Strindberg (1849-1912) gilt bis heute als einer der wichtigsten schwedischen Autoren. Mit seinen Novellen, Romanen, besonders aber mit seinen Dramen, dominierte der die schwedische Literaturszene und erlangte weltweite Bekanntheit.
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Erstes Kapitel


Carlsson tritt seinen Dienst an und wird als Gauner charakterisiert.

Er kam wie ein Gewitter am Aprilabend, mit einer Feldflasche an einem Riemen über der Schulter. Klara und Lotte waren nach Dalaröbroen hinübergefahren, um ihn mit dem Segelboot abzuholen; aber es währte lange, bis sie in das Boot kamen. Sie sollten zum Kaufmann gehen, um eine Tonne Teer zu bestellen, und in die Apotheke, um graue Salbe für das Ferkel zu holen; dann mußten sie auf die Post, um eine Freimarke zu bekommen, und schließlich wollten sie Fia Löfström im Krug besuchen und den Haushahn gegen ein halbes Liespfund Zwergmöwen, die als Köder zum Angeln benutzt wurden, leihen; endlich aber strandeten sie im Gasthofe, wohin Carlsson sie auf Kaffee und Weizenbrot eingeladen hatte. Zu guter Letzt kamen sie denn in das Boot; aber Carlsson wollte steuern, und das konnte er nicht, denn er hatte noch niemals ein Boot mit einem Rahsegel gesehen und riet, das Focksegel zu hissen, während ein solches gar nicht vorhanden war.

Und auf der Zollbudenbrücke standen Lotsen und Matrosen und lachten über diese Anstalten, als die Jolle über Stag ging und nach Saltsäcken zu abwärts trieb.

»Holla du! Du hast ein Loch im Boden!« schrie ein angehender junger Lotse gegen den Wind an. – Und während Carlsson nach dem Loch suchte, stieß ihn Klara beiseite und ergriff das Steuer, und vermittels der Ruder gelang es Lotte, die Jolle wieder vor den Wind zu bringen, so daß sie jetzt mit guter Fahrt in der Richtung nach Aspösund zu glitt.

Carlsson war ein kleiner, vierschrötiger Mensch, mit einer Nase, die so krumm war wie ein Angelhaken. Lebhaft, voll lustiger Einfälle und neugierig war er, aber vom Seewesen verstand er nicht das geringste; deshalb sollte er in Hemsö auch nur die Sorge für die Felder und das Vieh übernehmen – eine Arbeit, zu der niemand Lust hatte, seit der alte Flod ins Jenseits gegangen und seine Witwe allein auf dem Hofe saß.

Als aber Carlsson anfangen wollte, die Mägde nach den Verhältnissen zu Hause auszuforschen, erhielt er nur ausweichende Antworten: »Ja, das weiß ich wirklich nicht!« »Nein, davon verstehe ich gar nichts!« »Ach ja, das mag Gott wissen!«

Aus ihnen konnte er also nichts herausbringen.

Das Boot glitt zwischen Inseln und Klippen dahin, während die Eisente, die hinter den Felsenriffen verborgen saß, schnatterte und der Auerhahn im Dickicht des Tannenwaldes schrie. Es ging hinweg über Bucht und Strom, bis die Dämmerung hereinbrach und die Sterne am Himmel glänzten. Dann ging es hinaus über das große Wasser, wo das Leuchtfeuer schien. Zuweilen kam man an einem Merkpfahl vorüber, zuweilen an einem weißen Seezeichen, das wie ein Gespenst aussah. Hier leuchteten Überreste vom Schneetreiben gleich Leinwand, die zum Bleichen gelegt ist; dort tauchten Garnbojen aus dem schwarzen Wasser auf und scharrten gegen den Kiel, wenn man darüber hinsegelte. Eine schlaftrunkene Möwe fuhr von ihrer Felsenklippe auf und erweckte durch ihr Geschrei die schlafenden Gefährten, die kreischend und lärmend über das Wasser dahinschossen. Und ganz hinten, wo die Sterne in die See hinabstiegen, erblickte man das rote und das grüne Auge eines großen Dampfers, der eine lange Reihe runder Lichter, die durch die Kajütenfenster strahlten, mit sich schleppte.

Carlsson war alles neu, und er fragte nach allem; und jetzt erhielt er so viele Antworten, daß er deutlich fühlte, nun sei er auf ein fremdes Gebiet geraten.

›Er war aus dem Innern des Landes‹, was ungefähr dasselbe bedeutet, wie im Gegensatze zu Städter ›vom Lande‹ sein.

Dann glitt die Jolle in einen Sund und kam in Lee, so daß man die Segel wieder streichen und rudern mußte. Und als sie gleich darauf abermals in einen andern Sund kamen, erblickten sie ein Licht, das aus einem zwischen Fichten und Erlen gelegenen Hause schien.

»Jetzt sind wir daheim,« sagte Klara, und das Boot schoß in eine schmale Bucht. Eine Rinne war durch das Röhricht gehauen, das rasselnd gegen das Boot schlug und einen Hecht aufscheuchte, der sinnend einen Angelhaken umkreiste.

Der Hofhund fing an zu bellen, und man gewahrte oben beim Hause eine Laterne, die sich bewegte.

Inzwischen wurde die Jolle am Brückenende befestigt, und das Löschen begann. Das Segel wurde auf der Rahe zusammengerollt, der Mast herausgenommen und die Stange mit den Pardunen umwickelt; die Teertonne wurde an Land gerollt, und bald lagen Bütten, Flaschen, Körbe und Bündel auf der Brücke.

Carlsson blickte im Halbdunkel um sich und entdeckte lauter neue, ungewohnte Dinge. Draußen vor der Brücke lag das Hütfaß, und an der Brücke entlang lief ein Geländer, das mit Wimpeln, Vertauungen, Bootsankern, Bleiloten, Angelschnüren und Haken behängt war. Auf der Brücke selber standen Heringsfässer, Tröge, Waschkübel und Aalkörbe.

Am Kopf der Brücke befand sich eine Art von Speicher, der mit Lockvögeln überfüllt war: zur Strandjagd ausgestopfte Eidergänse, Fischenten, Schreienten und andere Vögel; und unter dem Dachfirst lagen auf Stützen: Segel, Masten, Ruder, Bootshaken, Ruderdollen, Schöpfkellen, Eisäxte und Keulen. Und am Ufer standen Garnstangen mit Heringsnetzen, die so groß waren wie Kirchenfenster und durch deren Maschen man einen Arm stecken konnte, und andere mit Barschnetzen, so neu und weiß wie die schönsten Schlittennetze; am Ausgang der Brücke aber ragte gleichsam eine Schloßallee von zwei Reihen Pfählen empor, zwischen denen große Heringsnetze ausgespannt waren. Und ganz oben in der Allee brannte die Laterne und warf einen Schein über den Sand, der von Muschelschalen und getrockneten Fischkiemen funkelte, und in den Netzen blitzten die hängengebliebenen Fischschuppen gleich dem Reif, der über Spinnengeweben liegt. Aber die Laterne beleuchtete auch das Antlitz einer alten Frau, das der Wind eingetrocknet zu haben schien, sowie ein Paar kleiner, freundlicher Augen, die unter dem Herdfeuer zusammengeschrumpft waren. Und vor der Alten stand der Hund, ein struppiges Tier, das im Wasser ebensogut zu Hause war wie auf dem Land.

»Nun, kommt ihr jetzt nach Hause, Kinderchen,« begrüßte die Alte sie, »und habt ihr den Knecht mitgebracht?«

»Ja, da sind wir, und hier ist Carlsson, Mutter,« antwortete Klara.

Die Frau trocknete ihre rechte Hand an der Schürze und reichte sie ihm.

»Willkommen, Carlsson, möge Er sich wohl bei uns fühlen. Habt ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, Kinder, und sind die Segel im Schuppen? Dann kommt nur herauf, damit wir etwas zu essen bekommen.«

Und dann gingen sie den Berg hinan, Carlsson still, neugierig, voller Erwartung, wie sich sein Leben hier an dem neuen Platze gestalten werde.

Drinnen im Hause flackerte ein helles Feuer im Ofen, und über dem weißen Klapptisch lag ein reines Tischtuch. Auf dem Tisch stand eine Branntweinflasche, die in der Mitte einen Knick hatte gleich einer Sanduhr, und rings herum Gustersberger Tassen mit Rosen und Vergißmeinnicht, ein frischgebackener Stollen, hartgedörrte Zwiebäcke; ein Butterteller, Zuckerschale und Rahmguß vervollständigten die Anrichtung, die Carlsson höchst opulent erschien, wie er es hier, so fern von jeglicher Zivilisation, nicht erwartet hatte. Aber auch das Haus selber sah nicht übel aus, als er es beim Schein des flackernden Feuers betrachtete, das, einen Gegensatz zu dem bleichen Schein des Talglichts im Messingleuchter bildend, sich in der bereits ein wenig blind gewordenen Politur des Mahagonisekretärs widerspiegelte, in dem lackierten Gehäuse und dem Messingperpendikel der Wanduhr aufblitzte, die Silberverzierungen an den damaszierten Läufen der langen Vogelflinten dahinglitt und seinen Glanz auf die vergoldeten Buchstaben warf, mit denen die Rücken der Postillen, Gesangbücher, Kalender und Hausratbücher ausgestattet waren.

»Komm Er jetzt näher, Carlsson,« sagte die Alte; und Carlsson, der ein Kind der Zeit war, ließ sich nicht lange nötigen, sondern folgte sofort der Aufforderung und setzte sich auf eine Bank, während die Mädchen sich mit seiner Kiste zu schaffen machten und sie in die Küche trugen, die auf der anderen Seite der Diele lag.

Die Frau nahm die Kaffeekanne vom Feuer, klärte den Kaffee, setzte ihn abermals auf und ließ ihn noch einmal aufkochen, worauf sie ihre Aufforderung wiederholte, diesmal mit dem Zusatze, daß Carlsson sich an den Tisch setzen solle.

Carlsson nahm Platz, drehte die Mütze zwischen den Fingern hin und her und beobachtete, von welcher Seite der Wind wehe, um danach seine Segel stellen zu können – denn er war sich klar darüber, daß er sich mit der Betreffenden gut stellen wolle; da er aber nicht wußte, ob die Alte zu der Art gehöre, die es duldet, daß man ein Wort mitredet, wollte er seiner Zunge keinen Spielraum gönnen, ehe er das Terrain genügend sondiert hatte.

»Ist das...



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