E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Streit Raben Ravanstreu
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-6346-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Märchen über die Liebe
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-6951-6346-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich bin eine Träumerin mit dem Wunsch, die Welt ein wenig zauberhafter zu machen. Mehr Farbe, mehr Liebe, mehr Fantasie. Geschichten sind meine Leidenschaft. Ich verliere mich gern in eigenen Welten und lasse andere daran teilhaben. Und während ich in Gedanken durch Fantasielandschaften streife, sieht mein Alltag ganz anders aus. Dort trage ich viele Hüte: Coach, Projektleiterin, Mutter und Ehefrau. Ich habe Hotelkauffrau gelernt, Lehramt studiert und in so vielen Berufen gearbeitet, dass eine vollständige Liste ein eigenes Buch füllen würde. Wer weiß, vielleicht setze ich das als Nächstes um?
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1. KAPITEL:
I
Der Donner grollte bedrohlich. Blitze zuckten und tanzten, im gegenseitigen Wettkampf, nacheinander oder manchmal gleichzeitig, bis tief zur Erde hinunter. Bäume ächzten vor Schmerzen, wenn ein Strahl sie traf, leuchteten hell in ihrer Pein und seufzten erleichtert den Wassermassen entgegen, die sie aus aufgetürmten Wolkenriesen löschten.
Die Gischt türmte sich über der See, riss ihr Maul auf und ließ sich vom Regen füttern, damit sie in ihrer unstillbaren Gier als Flutwelle das Land überrollen konnte. Mit sich riss sie Boote, Häuser, Tier und Mensch.
Eine alte Burg stemmte sich dem Unwetter entgegen. Sie hielt sich mit aller Kraft an ihrem Berg fest, während die Wassermassen unter ihr vor Wut tobten. Allein der Wind, der sich in einen Orkan verwandelt hatte, konnte das Mauerwerk zum Zittern bringen. Er blies und blies wie von Sinnen, berauscht von seiner eigenen Melodie, die er durch die Ritzen strömen ließ. Ein Dudelsackspieler hätte in dieser Nacht seinen Meister gefunden.
Aus dem Inneren der Burg ertönte ein Schrei. Er war so kraftvoll und verzweifelt zugleich, dass er den Wind in seine Schranken hätte weisen können. Doch der gewaltige Donner schluckte ihn mühelos hinunter.
In den Händen ein Neugeborenes haltend, beugte sich der Regent über einen leblosen Körper und weinte gar bittere Tränen. Seine über alles geliebte Frau hatte ihre letzten Kräfte mobilisiert, um dem gemeinsamen Sohn das Leben zu schenken. Der Preis, den sie dafür bezahlt hatte, war der höchste, den ein Mensch zu geben hat.
Sie hatten beide gewusst, dass sie die Anstrengungen der Geburt nicht überstehen würde. Die letzten Wochen vor der Entbindung hatte sie in ihrem Bett verbracht, tapfer darum bemüht, zu strahlen, wenn ihr Mann sie besuchte. Sie wollte ihn in Hoffnung wiegen. Er aber sah, wie das Leben mehr und mehr aus ihr wich.
Die Hebamme, die neben ihm stand, drehte den Kopf zur Seite, so dass niemand das Zucken ihrer Mundwinkel und die Träne in ihrem Auge sehen konnte. Sie hatte Wochen zuvor, beide gewarnt und ihnen angeboten, das Kind abgehen zu lassen, um die Königin zu schützen und ihr Leben zu bewahren.
Die Königin wollte das nicht hören. Zu viele Kinder hatte sie bereits vor der Geburt verloren. Wenn dieses Kind nicht das Licht der Welt erblicken würde, gäbe es keine weitere Chance mehr. Das wusste und spürte sie. Ohne einen Nachkommen zu gebären, wäre ihr Leben sinnlos geworden, für sie der grausamere Tod. Was konnte sie also Wertvolleres geben, als ihr Leben für das Leben des Thronfolgers?
Wenige Tage vor der Geburt hatte sie ihren Gatten zu sich rufen lassen und ihn gebeten, dass, was immer auch passieren möge, er diesem Kind die gleiche Liebe und Fürsorge zukommen lassen sollte, wie er sie ihr hatte zukommen lassen. Er sollte dafür Sorge tragen, dass ihr Sohn die beste Ausbildung genoss und ihm ein würdiger Nachfolger wurde. Das war ihre letzte Bitte. Ein Wunsch, der den König in einen emotionalen Strudel zog, dem er kaum entrinnen konnte. Seine Königin war das Wichtigste in seinem Leben, und nie hätte er ihr auch nur eine Bitte abschlagen können, selbst wenn es sein Herz zerriss. Und so lagen sie kurz darauf eng umschlungen zusammen und weinten, bis die Kissen von dem salzigen Wasser völlig durchtränkt waren.
Er hielt das schreiende Kind fest in seinen Armen, während er sie ein letztes Mal küsste. Dem Sturm sei Dank, hörte niemand, wie er, sich selbst überzeugend, doch vor Gram gänzlich überrollt, sein Versprechen wiederholte, bis sein Hals nicht mehr als ein Krächzen zustande brachte. Sein Sohn war das einzige, was ihm von seiner Liebe geblieben war, und er sollte ihn immer daran erinnern, wie sehr er seine Gattin geliebt hatte.
Eine Woche nach dem Sturm zog die Verstorbene in ihre letzte Ruhestätte. Der König ließ sie, entgegen aller Traditionen und Vorbehalte, im Hof unter seinem Schlafgemach beerdigen. Neben ihrem Grab pflanzte er einen Apfelbaum, um die Erinnerung an sie für alle Zeiten am Leben zu halten.
Die Namensgebung für seinen Sohn folgte kurz darauf. Er sollte Raben der I., geboren aus Schmerz, aus dem Geschlecht der Ravanstreu, genannt werden. Seinen Vornamen verdankte er seinen Haaren, die glänzten wie das pechschwarze Gefieder eines Raben. Ravanstreu war der Name der Burg, auf der sie lebten. Sie wurde so benannt, da sich dort während der Errichtung ein Rabenpaar angesiedelt hatte, welches von da an jährlich wiederkehrte, um seine Brut aufzuziehen.
Raben gedieh prächtig und sein Vater schenkte ihm sein ganzes, verbliebenes Herz.
Mit den Jahren ähnelte der Junge zunehmend seiner verstorbenen Mutter. Dies bedeutete für den König unsagbare Pein, da ihm der Schmerz über den Verlust seiner Gattin, durch seinen Sohn täglich vor Augen geführt wurde. Bald war er außerstande, seine Regierungsgeschäfte fortzuführen und blieb tagelang dem Thronsaal fern.
Seine Ratsherren konnten den Zustand nicht dulden, sie fürchteten, dass er seine wenigen Untergebenen bald nicht mehr würde führen können. Sie schlugen ihm daher vor, sein heranwachsendes Kind bei einem Vetter in die Ausbildung zu schicken.
Schweren Herzens stimmte der König schließlich zu, den einzigen Sohn fortzugeben.
So verließ der Knabe Raben, begleitet vom Duft der Rosen und den Melodien der Vögel, an einem Sommertag die väterliche Burg, um ihr über viele Jahre fernzubleiben. Damals ahnte er nicht, dass der Abschied von seinem Vater ein Abschied für immer sein würde.
Der Sommer ging in den Herbst über. Raben wurde Knappe. Jeden Tag übte er sich im Tragen von schweren Waffen und Rüstungen. Jeden Tag unterstützte er den Stallmeister bei den Pferden. Jeden Abend hing er mit seinen Ohren an den Lippen seines Onkels, während dieser von Heldentaten der Vorfahren berichtete. Es verging kein Tag, an dem er nicht übte, kämpfte und gehorchte, für fünf Jahre. Dann war der Moment gekommen, an dem sein Onkel zugeben musste, dass er ihm nichts mehr beibringen konnte. Darum bot er ihm an, bei einem bekannten Fürsten in die Lehre zu gehen. Dieser war sehr belesen und vertraut mit allem theologischen Wissen. Dort hätte er die besten Voraussetzungen, seinen Wissensstand zu erweitern.
Dem Vater wurde die entsprechende Kunde überbracht und er ließ im Gegenzug über einen Boten sein Einverständnis senden.
Bei dem Fürsten lernte Raben die hohe Kunst der Mathematik und alles über die Natur der Welt. Er saugte die Informationen regelrecht in sich auf und der Fürst stieß bald an die Grenzen dessen, was er dem jungen Prinzen beizubringen vermochte. Als ihm bewusst wurde, dass er ihm nicht mehr vermitteln konnte, schickte er Raben zu einem Verwandten, der in seinem Leben viel gereist war und andere Kulturen kennengelernt hatte. Dies war die letzte Station von Raben. Innerhalb weniger Jahre hatte er genügend Wissen und Können angesammelt, um in seine väterliche Burg Ravanstreu zurückzukehren und seinen Vater in den Amtsgeschäften zu unterstützen. Er war inzwischen zu einem stattlichen, jungen Mann herangereift.
Damit der König Zeit genug hatte, sich auf die Rückkehr seines Sohnes vorzubereiten, sandte er einen Boten, der seinem Vater Kunde bringen sollte.
Während Raben in der Fremde wuchs und gedieh, erlebte sein Vater einen Verfall. Der Weggang seines Sohnes hatte ihn in eine tiefe innere Einsamkeit gestürzt und nicht die gewünschte Genesung beschert. Schmerzlich hatte er erkennen müssen, dass er nun seinen Sohn nach seiner Frau verloren hatte.
Ein Schatten bemächtigte sich seiner, packte ihn mit seinen unsichtbaren Händen, hielt ihn fest umklammert und sog seinen Lebenswillen. Die Belange seines Volkes fanden keinen Weg mehr zu seinen Ohren. Sie blieben unbeantwortet im leeren Thronsaal hängen.
Innerhalb weniger Jahre reagierte schließlich sein Körper auf das seelische Leid und führte ihn dem Siechtum zu. Bald war er nicht mehr in der Lage, sein Bett zu verlassen, und kurz bevor ihn die frohe Kunde ereilen sollte, dass sich sein Sohn auf dem Rückweg befand, verstarb er.
Rabens Pferd wuchsen sinnbildlich Flügel, je näher sie der väterlichen Burg kamen, so sehr trieb er es. Der Wunsch, seinen Vater in die Arme zu schließen, ihm alles zu erzählen und an seiner Seite zu sitzen, ließ ihn jegliche Vernunft vergessen. In seinen Gedanken malte er sich aus, wie sein Vater ein Bankett zu seiner Heimkehr ausgerichtet hatte. Den Geruch von Gebratenem konnte er förmlich in der Luft riechen.
Nachdem er den Burghof erreicht hatte, staunte er nicht schlecht darüber, dass niemand gekommen war, ihn zu begrüßen oder sein Pferd in den Stall zu führen. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Stattdessen wehten schwarze Fahnen von den Zinnen.
Sich an seine Lehrjahre erinnernd, brachte er sein Pferd eigenhändig in den Stall und rieb es eilig trocken, bevor er in Richtung Thronsaal stürmte.
Die Schwärze des Saales verschluckte ihn mit einem Happs. Das wenige Licht, das...




