Straub | Das Fest des Windrads | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Straub Das Fest des Windrads

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-0888-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0888-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schöner wär's, wenn's schöner wär
Die Wiener Managerin Greta und der Taxifahrer Jurek aus Oed könnten gegensätzlicher nicht sein. Und haben doch dasselbe Problem: den Midlife-Blues. Als Greta mit ihrem Zug vor Jureks Kleinstadt liegen bleibt, ist das nicht der Beginn einer großen Liebe, sondern der Anfang einer längst überfälligen Reise zu sich selbst. Das Fest des Windrads ist ein Roman über die naive Landlust der Städter, die trügerische Genügsamkeit der Provinzler und die Suche nach dem richtigen Leben am vermeintlich falschen Ort.
Isabella Straub erzählt frech und wach, wir folgen ihr gern in die absurdesten Situationen des Alltags. (NZZ)
Voller Erfindungsgabe und einer emotionalen Kraft, die sein Witz nicht aufhebt, sondern scharf beleuchtet. (Süddeutsche Zeitung)
Was für eine Bereicherung für die Gesellschaft. (Kulturspiegel)
In leichtfüßigem Ton gehaltene Gegenwartsanalyse, die zwischen Tragödie und Komödie gekonnt zu changieren weiß. (ORF)



Isabella Straub, geboren in Wien, lebt in Klagenfurt am Wörthersee. Studium der Germanistik und Philosophie, danach Werbetexterin. Der Roman 'Südbalkon' (2013) war auf der Shortlist des Bremer Literaturförderpreises, des Franz-Tumler-Preises und gewann den Debütpreis der Erfurter Herbstlese. Zuletzt erschien von ihr'Das Fest des Windrads'.

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1


Was Greta sieht, als sie die Augen öffnet: Holzvertäfelung. Ein Fensterrahmen, von dem die Farbe absplittert. Ein Kissen mit eingestickter Schrift: Let’s spend the night together. Ein Lampenschirm aus den biedersten Fünfzigern. Das hier ist nicht das Farinelli, das ist definitiv nicht das Farinelli, doch was ist es dann?

Greta lugt unter ihre dünne Federdecke. Sie trägt immer noch ihr Kostüm und liegt in der Kuhle einer viel zu weichen Matratze.

Das letzte Mal, als sie aufwachte und nicht wusste, wo sie sich befand, war sie fünfzehn. Eine Party bei Robert Pawlik, der vorhatte, Rockmusiker, Bankmanager und Minister zu werden, und zwar in genau dieser Reihenfolge. Zuvor aber stand Greta auf seiner To-do-Liste. Er spielte ihr so lange düstere Balladen auf dem Keyboard vor, bis sie weich wurde und sich von ihm küssen ließ. Er hatte Lippen wie Jim Morrison, weitere Argumente brauchte sie nicht.

Robert Pawlik würzte seine selbstgedrehten Zigaretten mit Haschischkrümeln. Greta lernte schnell, wie man das rauchte: Joint einklemmen, mit den Händen eine Muschel formen, Rauch aus dem Muschelloch ansaugen und, so lange es ging, in den Lungen halten.

Sie tranken Tequila. Mit Zitrone und Salz, ein vollendetes Ritual. Als Robert einen Akkord anschlug, der sich schlingernd in die Unendlichkeit zerdehnte, glaubte Greta, den Klang der Erde zu vernehmen. Wenn das hieß, erwachsen zu sein, dann war sie jetzt schon verrückt danach.

Am nächsten Morgen fand sie sich allein auf einer versifften Matratze wieder, voll bekleidet. Jemand hämmerte gegen die Wand. Ihr Herz polterte gegen den Brustkorb. Viel zu spät begriff sie, dass es der Nachbar war, der auf seiner Seite der Wand einen Nagel einschlug. Dann wusste sie auch wieder, wo sie war. Und dass sie verdammt verliebt war. Sie hörte Robert in der Küche hantieren und schloss die Augen. Es war, als würde sie in einen Bottich mit warmem Wasser getaucht.

Das hier ist anders. Greta schlägt die Decke zurück, setzt sich auf. Federn quietschen. Die Erinnerung setzt ein, als sie ihre blutverkrusteten Knie betastet. Sie ist aus dem Zug gesprungen und tiefer gefallen als gedacht. Keiner hat ihr geholfen. Jan war wie von der Nacht verschluckt, hat sie im Stich gelassen, alle haben sie im Stich gelassen. Und dann? Sie saß doch in einem Taxi. Weshalb hat es sie nicht zum Flughafen gebracht?

Sie pustet auf ihre geröteten Handflächen, die sich noch immer anfühlen, als stünden sie in Flammen. Die Zug-Eskapade wird Konsequenzen haben, vor allem für Naomi. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, Alternativen herauszusuchen, sie ist den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Keine gute Entscheidung, wenn man bei einem Unternehmen wie MEDICALUX anheuert, das sich Perfektion und Zuverlässigkeit auf die Fahnen geschrieben hat.

Im Geiste formuliert Greta bereits die Beschwerdemail an Vittorio Fras. UNENTSCHULDBAR würde darin vorkommen, ebenso wie ÜBERFORDERT sowie die Formulierung WENIG KREATIV. Selbst eine Sekretärin musste heute eine gewisse Kreativität an den Tag legen, es konnte nicht angehen, dass man ihr die nächstbeste Lösung servierte, ganz nach dem Motto: Friss oder stirb.

Naomi wird die Konsequenzen zu spüren bekommen, denkt Greta, und humpelt ins Bad, das moosgrün verfliest ist, wie sollte es auch anders sein. Greta hält sich am Waschbecken fest und stellt den Fuß auf den Klodeckel, um ihren Knöchel zu inspizieren.

Ihr ist schwindelig. Gehirnerschütterung, denkt sie, und sofort ist ihr schlecht vor Angst. Ihr Gehirn hat ein Leck seit dem Sturz, so scheint es ihr, eine Flüssigkeit ist ausgetreten wie Milch aus einer undichten Verpackung, deshalb ist auch die Erinnerung an den gestrigen Abend ausgelöscht. Vorbote für weit Schlimmeres. Zu Beginn ist es nur ein Abend, dann wird es sich wiederholen, chronifizieren, bis sie sich nur noch an die letzten fünf Minuten erinnern wird. Verurteilt dazu, in der Gegenwart zu leben. Dann würde sie sich wenigstens dutzende Wochenendseminare auf sogenannten Seminar-Schlössern ersparen, in denen genau das geprobt wird: Die Gefäße von Erinnerung und Erwartung ausschütten, lediglich aus der Schale der Gegenwart trinken.

Und sofort ist da eine zweite Stimme, die sagt: Du bist hysterisch. Erinnere dich, was ist passiert? Und sie sieht ein Bier vor sich, ein Glas Wein, ihre Finger, die den kalten Stiel des Weinglases umfangen – Bier auf Wein, das lass sein, Wein auf Bier, das rat ich dir. Und sie hört Gelächter, Kaskaden hellen Lachens wie von fern, dabei ist es immer nur ihre Stimme, ihr Lachen.

Gretas Knöchel ist stark angeschwollen und schimmert blaugrau im kalten Licht der Badezimmerleuchte. Sie taucht einen Streifen Toilettenpapier in kaltes Wasser, bedeckt damit ihren Knöchel und wickelt trockenes Toilettenpapier darum.

Dann humpelt sie durch die Dachkammer, die kaum größer ist als der Flur in ihrer Wohnung. Wenn sie den Schrank öffnete, würde die Tür an den Bettrahmen stoßen, doch das hat sie ohnehin nicht vor, denn es gibt nichts, das sie hineinhängen könnte.

Man wird sie bereits vermissen, so wie sie vermisst, was bis gestern zu ihr gehörte. Auf einem gelben Nierentisch liegt ihre Handtasche mit weit aufgerissenem Maul. Sie kramt in der Tasche, das Handy ist nicht da, sie legt alles auf das Tischchen: die Prospekte für starre Endoskope, für flexible Endoskope, die Schlüssel, ihr Kosmetiktäschchen, das Etui mit den Kundenkarten. Kein Handy. Ihre Louboutins ragen unter dem Bett hervor. Sie haben ein paar Kratzer abgekriegt, nichts Dramatisches.

Greta setzt sich auf den einzigen Stuhl, sieht aus dem Fenster. Ein Strommast. Ein Parkplatz, auf dem zwei Autos stehen. Dahinter Felder. Blumentröge als Abgrenzung. Eine schnurgerade Straße, die bis an den Horizont reicht. Alles hier sieht aus, als sei es abgestellt und irgendwann vergessen worden.

Hinter der Bar steht eine zerknautschte Frau in Glitzerleggings mit einem Piercing im Nasenflügel.

»Entschuldigung«, flüstert Greta. »Wo bin ich hier?«

»Guten Morgen«, sagt die Frau, allem Anschein nach die Wirtin, doch Greta kann sich nicht erinnern, sie am Vorabend gesehen zu haben. Die Frau pflückt eine halb gerauchte Zigarette aus einem Marilyn-Monroe-Aschenbecher, zieht daran und legt sie anschließend mit einer zärtlichen Geste zurück in die Vertiefung.

Es riecht nach Rauch und Industrieruine. Nach altem, schwerem Öl.

»Das ist die Pension Bergruh«, sagt die Frau. »Meine Pension«, so als hätte Greta die Absicht, ihr diese Bruchbude streitig zu machen.

»Bergruh«, sagt Greta. »Aber hier sind doch keine Berge.«

»Genau deshalb.« Die Wirtin deutet auf eine Tasse. »Kaffee? Ist in der Übernachtung inbegriffen.«

Die Kaffeemaschine keucht.

»Bei uns haben Sie Ruhe vor den Bergen. Dieses Hinaufklettern und Hinunterfallen ist doch der reine Unfug, finden Sie nicht? Und alles nur, weil den Leuten langweilig ist. Weil sie nicht mehr wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Langeweile.« Sie hustet. »Der schlimmste Fluch.« Dann sagt sie: »Setzen Sie sich, ich bringe Ihnen den Kaffee zum Tisch.«

»Darf ich telefonieren?«

Die Wirtin zeigt auf einen froschgrünen Apparat in der Ecke der Gaststube. Der Apparat steht auf einem gehäkelten Lappen. Wählscheibe. So etwas hat Greta das letzte Mal in ihrer Kindheit gesehen. Sie steckt ihren Zeigefinger in das Loch mit der Null.

Sie versucht es zunächst bei Björn, seine Nummer kann sie auswendig. Freizeichen. Heb ab, Björn, na los, heb ab, mein Junge! Sie sieht auf ihre Uhr, knapp nach neun. Die ersten Besucher sind bestimmt schon am Messestand aufgetaucht, ein paar Kunden haben es sich auf den Sofas bequem gemacht. Martina würde darauf achten, dass die Prospektständer immer prall gefüllt sind. Vielleicht würde jemand nach ihr fragen. Wo ist eigentlich Frau Kaminsky, ich vermisse Frau Greta, wo ist Ihre Marketing-Spezialistin, die Blonde, Sie wissen schon, und Björn würde irgendeine Lüge auftischen: wichtiger Kundentermin, Besprechung beim italienischen Mutterkonzern, kommt bestimmt bald, setzen Sie sich doch schon mal, bei Fragen können Sie mich jederzeit kontaktieren, darf ich Ihnen Orangesaft bringen.

Nach dem zehnten Läuten legt Greta den Hörer zurück auf die Gabel. Bei Martinas Nummer ist sie sich unsicher, sie versucht drei Varianten, doch alle enden in der Fehlermelodie. Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Sie probiert es bei MEDICALUX.

Guten Tag, Sie rufen außerhalb unserer Bürozeiten –

Natürlich. Es ist Samstag.

Was Greta jetzt braucht, ist eine Stimme, die ihr sagt: Es ist alles in Ordnung, atme ein und aus, keine Panik. Alles wird gut, alles, alles, alles wird gut.

Sie wählt Georgs Nummer, zu ihrer Überraschung hebt er sofort ab.

»Ich bin’s«, sagt sie. »Greta.«

»Was ist das für eine Nummer?« Er keucht, als würde er verfolgt.

Sie kann seine Schritte hören, sieht ihn über den Gang laufen, die Stirn gerunzelt wie immer während des Telefonierens, die rechte Hand steckt in der Tasche seines Anästhesistenmantels, er trägt seine gelben Crocs, die im Rhythmus seiner Schritte quietschen.

»Hast du einen Moment?«

»Schlecht, gerade ganz schlecht«, sagt er. Stimmengewirr im Hintergrund. Das nervöse Piepsen eines Apparats. »Wie läuft die Messe?«

»Ich bin nicht auf der Messe. Wir hatten –«

»Muss...



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