E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Stratz Das freie Meer
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2851-5
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe.
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-80-272-2851-5
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Buch 'Das freie Meer' von Rudolf Stratz ist ein Meisterwerk der deutschen Literatur des späten 19. Jahrhunderts. Es erzählt die Geschichte eines jungen Seemanns, der auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer die Weltmeere bereist. Stratz' literarischer Stil ist geprägt von einer detaillierten Beschreibung der maritimen Umgebung und einer tiefen psychologischen Analyse der Charaktere. Das Werk hebt sich durch seine realistische Darstellung des Seemannslebens von anderen Werken seiner Zeit ab und zeigt Stratz' Genialität als Schriftsteller. Der Autor schafft es, den Leser in die Welt der Ozeane einzutauchen und die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu spüren. Rudolf Stratz, selbst ein leidenschaftlicher Seemann, bringt seine persönlichen Erfahrungen und Emotionen in das Buch ein. Seine Liebe zum Meer und seine Reiselust sind in jedem Wort spürbar. Mit 'Das freie Meer' bietet Stratz den Lesern eine einzigartige Perspektive auf das Leben auf hoher See und regt zum Nachdenken über Freiheit und Abenteuerlust an. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich für maritime Literatur und psychologischen Realismus interessieren.
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»Haben Sie die Vermittlung angerufen?« »Befehl, Herr Hauptmann! Eben meldet sich die Etappe.«
Es schnarrt von weither in den belgischen Kriegsfernsprecher.
»Hier Stationskommandant! ... Bitte gehorsamst um Entschuldigung: hat vielleicht ein Marinekraftwagen heute an Ihrer Tankstelle Benzin gefaßt?«
»Ein junger Marineoffizier, mit einem Sarg auf dem Auto? Der kam aus Sluysbeke schon vor einer Stunde hier durch ... Warum?«
»Die Witwe des gefallenen Kameraden und ihre Schwester warten hier auf der Station. Der Leutnant zur See, der den Sarg bringt, ist ihr Bruder. Ich bin gar nicht auf Damen eingerichtet. Es ist hier ein toller Betrieb ...«
»Na – seien Sie mal hier vorne! Bei Ihnen herrscht ja noch der dickste Friede.«
»Wenigstens kann ich den Damen melden, daß das Auto gleich da sein wird?«
»Frohlocken Sie nicht zu früh. Die Straße ist unter aller Würde. Auf Wiederhören!«
»Auf Wiederhören! Danke gehorsamst, Herr Oberst!«
Der Hauptmann trat aus der Telefonzelle seiner belgischen Eisenbahnstation in das herbstliche Regensprühen und die Windstöße über der weiten Ebene. Er stieg, gewohnheitsgemäß die bespornten Stiefel über die am Boden gespannten Telefon- und Telegrafennotdrähte hebend, quer über die Schienen. Die zitterten dumpf. Ein rotes Kreuz in weißem Feld nach dem anderen rollte langsam auf grauen Güterwagen vorbei und brachte die Verwundeten von Ypern. Schwerer noch dröhnten die Nachbarstränge. Auf ihnen keuchten in entgegengesetzter Richtung die Munitionszüge an die ferne Front. Truppentransporte dazwischen. Weithin lagen auf der Strecke hinten noch drei, vier Züge im freien Feld und warteten. Man sah die ausgestiegenen Gruppen der Offiziere, wie sie, die Hand vor den Augen, ungeduldig nach dem roten oder grünen Einfahrtszeichen spähten. Wieder grollte der Boden unter der Wucht eines durchrollenden Granatentransportes. Verstummte. Dafür kam aus der Ferne der unbestimmte, kaum hörbare Donner des Todes von Ypern. Der Herbstwind stöhnte. Zwischen dem Grau der Krieger auf dem Bahnsteig flatterten schwarze Trauerflore. Der Stationskommandant drängte sich zu ihnen durch.
»Ihr Herr Bruder ist bald hier!«
Johanna Ter Meer stand neben ihrer Schwester und schlug sich den Schleier aus dem Gesicht, das sich in seiner blassen Regelmäßigkeit und seinen blonden Haaren noch schmaler und zarter von der dunklen Umrahmung abhob.
»Und dann wird der Zug hier fahren?«
»Ich werd' das Menschenmöglichste tun, um ihn zwischen zwei Lazarettzügen abzuschieben ... Was gibt's? Die Linienkommandantur ist am Fernsprecher? Ich komme! Entschuldigen die Damen ...«
Der Stationskommandant stürzte davon. Der Zug auf dem Nebenstrang, von dem er gesprochen, glich einer Rumpelkammer auf hundert Rädern. Halb zerschmetterte belgische Autos standen auf den Loris, französische Geschütze mit zersiebten Schutzschildern, niedergebrochene Feldküchen, ein durchlöcherter Ponton, zerbrochene englische Gewehre füllten einen Güterwaggon, kranke Pferde einen anderen. Im letzten Wagen saß friedlich harrend eine Schar Krankenschwestern. Ein Johanniter mit weißem Spitzbart zwischen den weißen Kragenausschlägen lief den Zug entlang.
Ein plötzliches Brausen erfüllte den Bahnhof. Ein Zug lief ein. Ein nagelschuhtrampelnder, lachender, drängender Schwall von grauen Helmen, braunen Gesichtern, grauen gerollten Mänteln, braunen Tornistern, grauen Röcken, braunen Gewehrkolben, grauen Hosen, braunen Fäusten überschwemmte die Verpflegungsstation, durchflutete vielhundertköpfig das mächtige Holzgebälk mit seinen Reihen brusthoher Tische ohne Bänke, fing an, stehend und hungrig, sich dabei die Beine von der langen Fahrt vertretend, zu löffeln.
Johanna Ter Meer trat mit ihrer Schwester in den Wind und Regen vor dem Stationsgebäude, unter dessen Nordach eine Reihe alter belgischer Weiber saß und Kartoffeln schälte. Frau von Rüdenberg war einen halben Kopf größer und einige Jahre älter als sie. Ihre bleichen Züge erschienen wie leblos unter dem Witwenschleier. Sie starrte unverwandt auf die schnurgerade, aufgeweichte Landstraße vor ihr, auf der zu beiden Seiten sich die Bäume unter dem grauen, regentriefenden Himmel im Sturm bogen.
Hinter dem verwaschenen Ruß des ausgebrannten Hauses am Hügel lief etwas hervor wie eine flinke graue Maus, glitt den Weg entlang, wurde immer größer.
»Da ist er!«
»Ist ihm denn etwas passiert, daß er immer so im Zickzack fährt?«
»Das ist wegen der Granatlöcher in der Straße«, sagte einer der Krieger, die mit den Schwestern zusammen Wasser holten und ihnen die Kübel trugen. »Bei dem Regen kann keiner wissen, ob das 'ne Pfütze ist oder ein tieferer Trichter.«
Auf dem Bahnhof entstand plötzlich Schweigen. Es bildete sich von selbst eine Gasse. Soldaten waren herbeigeeilt und trugen zu sechst den weißen hölzernen, mit ein paar Astern geschmückten Sarg des gefallenen Rittmeisters hinüber zum Zug. Drüben fuhr das wieder eingestiegene Bataillon gen Ypern weiter. Das stählerne Hurra der Lebenden verklang mit den Grüßen vom Bahnsteig, dem Winken der Schwestern im Brausen des Zuges voll vergilbten Laubgewinds und verwischter Kreideinschriften, verlor sich gen Westen in der Weite. Dann setzte sich auch der zweite Zug, der die Trümmer und Opfer des Krieges gen Osten heimführte, langsam in Bewegung.
»Laß Sibylle ganz in Ruhe, Hans.«
Johanna Ter Meer sagte es leise zu ihrem Bruder.
Der Oberleutnant zur See, Freiherr von Forchheim, war erst in der zweiten Hälfte der Zwanzig. Aber sein glattrasiertes junges Marinegesicht schien seiner Schwester Johanna um vieles älter geworden, seit sie ihn, noch im Frieden, zuletzt gesehen. Antwerpen lag darauf. Die Dünen. Die Yser. Der Krieg, der eben wieder draußen als geköpfter Kirchturm im Nebelgrau, als ein kleines schwärzliches Pompeji eines ehemaligen Dorfes vor den regenblinden Scheiben vorbeizog, der den Wagen erzittern ließ, wenn die Räder über die Schwellen der hölzernen Notbrücken neben gesprengten Steinpfeilern rumpelten, der in dem tiefen Schweigen herrschte, wenn der Zug, der Fliegergefahr wegen verdunkelt, stundenlang in der hereingebrochenen Finsternis auf freier Strecke hielt.
»Begleitest du Sibylle nach Deutschland, Johanna?«
»Ja, gewiß.«
»Du warst noch gar nicht dort seit dem Krieg?«
»Bisher ging es ja nicht. Jetzt erst verkehren ja wieder richtige Züge.«
Es gab einen Krach, einen Stoß, daß sie sich an den Holzbänken des Abteils dritter Klasse festhalten mußten, um nicht herunterzufliegen. Der Zug ruckte zur Weiterfahrt ohne Bremsen und Lichter an, rollte an entgleisten Lokomotiven, an stummen, vermummten Landsturmwachen in einsamer Nacht vorbei, kam glücklich durch das sonst stets verstopfte Schaerbeck nach Brüssel.
Schwere deutsche Soldatentritte hallten vereinzelt unter der mächtigen, tot und leer daliegenden Glaswölbung der Bahnhofshalle, eine Wache schützte den Eingang, Landsturmmänner und belgische Bürgergarde mit blauroten Armbinden sperrten den Platz davor ab, Doppelposten standen daneben vor dem Palasthotel, eine Schar grauer Feldautos war an dessen Eingang aufgefahren. Brüssel war im Krieg. Brüssel war in deutscher Hand.
Der Leutnant von Forchheim hatte alles wegen der morgigen Überführung der Leiche des Schwagers geordnet und folgte jetzt seinen Schwestern in das Hotel. Er ging an der Wachtstube am Eingang rechts vorbei, an dem großen Saal, der jetzt des Abends voll war von Massen von Offizieren in Feldgrau und ein paar weißen Kitteln von Feldärzten darunter, und stieg dann, aus seinem Zimmer kommend, die paar Stufen zu dem kleinen Luxusrestaurant hinten hinauf.
Auch hier war alles besetzt. Der Johanniter hatte sich seine Oberschwester zum Abendbrot eingeladen und saß mit ihr und anderen, Exzellenzen und Herren, deutschen Provinzgouverneuren und Kreischefs von außerhalb, am runden Tisch. An einem anderen Österreicher und preußische Kavalleristen. Daneben Ypern: Herren aus den Schlamm- und Wassergräben Flanderns, die ihre kotbespritzten Mäntel und Mützen in dem beinahe ebenso unkenntlichen Auto gelassen hatten und, ehe sie wieder die Nacht hindurch an die Front zurückjagten, hier stumm wie in einer fremden Welt saßen, wenig aßen, Sekt tranken und gleichgültig den Seitentisch wie einen Affenkäfig betrachteten. An dem thronten zwei Jüngelchen von der Brüsseler Goldenen Jugend in ihren Vatermördern, ihren weibisch in den Hüften geschnittenen Abendjäckchen und kokett geknöpften Lackschuhen, verlebt und blasiert inmitten der wettergebräunten deutschen Offiziere, schlürften ihre Austern und schickten eben den Schloßabzug zurück, weil dem Bordeaux noch zwei Grad Wärme fehlten.
Ein Tisch in der Mitte war nur von einem einzelnen Marineoffizier besetzt. Er schaute gelassen vor sich hin und rauchte. Er hatte ein bartloses, scheinbar sehr ernstes Gesicht, aber dabei einen still-humoristischen Ausdruck in den hellblauen Augen. Wer eintrat, wandte unwillkürlich nach dem Gruß noch einmal den Kopf nach ihm. Denn er trug bereits das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Das war in diesen ersten Monaten des Krieges bei der Marine, deren Hauptteil noch keine Gelegenheit gefunden hatte, sich auszuzeichnen, eine große Seltenheit. Auch der junge Forchheim blickte zurück und erkannte den anderen. Der winkte ihm mit der Hand.
»Na«, sagte er langsam und mit dem Tonfall der Wasserkante. Es schien ihm zur Begrüßung genug.
»Guten Abend, Herr Kapitän!«
Der am Tisch trug statt der einen breiten goldenen Ärmeltresse...




