E-Book, Deutsch, 338 Seiten
Stransfeld Gesellschaften
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2904-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der (un)abwendbare Niedergang
E-Book, Deutsch, 338 Seiten
ISBN: 978-3-6951-2904-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Krieg gegen alle, sah einst Thomas Hobbes das Individuum, bevor die Staatsbildung gelang. Dabei profitierten bereits frühesten Lebensformen von Gemeinschaften, die einzelnen Mitglieder wie in der evolutiven Fortentwicklung der Gattung. So wurde auch der erste Mensch in eine familiale Gemeinschaft hinein geboren. Dank Initiative, Flexibilität und wohl auch Aggressivität hat der Mensch sich an die Spitze der Evolution und der Nahrungsketten gesetzt. Er erwies sich als derart erfolgreich, dass ihm inzwischen droht, an den Grenzen der Ressourcen auszuzehren. Die Möglichkeit des Scheiterns an sich selbst ist allerdings in keiner Verfassung der Welt zeitig bedacht worden. Das Buch beschäftigt sich mit den Gründen, die in die prekäre Lage geführt haben. Diese sind so elementar und antriebsstark, dass sich die Frage aufdrängt: Hat der Mensch als Kulturwesen noch eine Überlebenschance? Sie wird allenfalls in Maßnahmen zu finden sein, die im Sinne des Prinzip Verantwortung von Hans Jonas gegenwärtige Schranken von Recht und Ethik in verstörender Weise durchbrechen müssen, um der Größe und Tücke der Probleme gerecht zu werden.
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1. Wie alles begann
So eröffnet die abendländische Bibel. Der ursprüngliche Text in der jüdischen Tora lautet jedoch: Tatsächlich entspricht dieses Bild eher dem realen Geschehen in der Genese unseres Planeten. Es währte Dutzende Millionen Jahre, bis aus einem zunächst lockeren Elementengemisch dank zunehmender Schwerkraft ein fester, heißer Ball wurde, dessen Kruste stabil genug war, um Strukturen zu bilden. Und früher als man es bis vor kurzem vermutet hatte, entstand Leben auf der immer noch von heftigen inneren Dynamiken strapazierten Oberfläche. Inzwischen hatte nämlich das aus dem Weltall stetig eingefangene Wasser Ozeane gebildet. Darin vollzog sich wohl die früheste Lebensschöpfung.
Und wenn auch der heiße, flüssige Erdkern aus Eisen und Nickel immer wieder kraft seiner Bewegungen die Situation auf der Oberfläche destabilisierte, waren eben diese Verhältnisse der Entstehung des Lebens vorausgesetzt. Denn der unruhige Kern bildete ein Magnetfeld (heute Van-AllenGürtel genannt). Es schützt seitdem den Planeten vor einem Großteil der zerstörerischen Strahlung von Sonne und Kosmos. Anderenfalls wäre es kaum zur Bildung lebender Organismen gekommen.4
Was ist überhaupt Leben? Ist es Produkt einer gewöhnlichen Fortentwicklung toter Materie – überall im Universum? Oder ist es einem seltenen Aufeinandertreffen spezifischer Verhältnisse und Ereignisse entsprungen? Oder entstammt es einer „Saat“ aus dem Weltraum und entzieht sich damit zunächst einmal einer Bestimmung? Wir wissen es nicht und werden es womöglich niemals erfahren.
„Leben ist ein Zustand fernab des Gleichgewichts“, formulierte Erich Jantsch knapp und bündig. Es ist auf stetige Energiezufuhr angewiesen, um sich zu erhalten. Empathischer kann man von einem Wunder sprechen. Galt doch mehr als zwei Jahrtausende das Verständnis des Aristoteles, dass der Übergang von der Ruhe in Bewegung durch ein direkt einwirkendes Äußeres zustande kommt. Im Christentum verfestigte sich die Vorstellung, dass Gott zu Beginn seiner Schöpfung einen unermesslichen Anstoß gegeben hat, der alle Zeiten hindurch weitergegeben wird. Mit Isaac Newtons Erkenntnis der fernwirkenden Gravitation verlor die „Stoßtheorie“ aber in der Physik ihre Bedeutung.5
Leben ist jedoch eigenaktiv, stellt ein sich selbst organisierendes und antreibendes System dar. Es dient in alldem einem Zweck: Selbsterhalt. Das unterscheidet Organismen grundsätzlich von der in sich passiven anorganischen Materie. Allerdings ist der Unterschied nicht als absoluter Gegensatz zu verstehen, wie es zunächst erscheinen mag.
In den 1830er Jahren ritt der englische Ingenieur John Scott Russell eines Tages an einem der vielen Treidelkanäle entlang. Dabei bemerkte er eine Welle. Einige Meter breit und etwa einen halben Meter hoch, begleitete sie ihn kaum verändert über mehrere Kilometer und sogar über einen Abzweig des Kanals hinweg. Ungefähr zur gleichen Zeit beschrieb Michal Faraday erstmals wissenschaftlich das Phänomen der „stehenden Welle“.
Heute bezeichnet man solche Phänomene mit Ilya Prigogine als „dissipative Strukturen“. Es handelt sich um „.6 Für seine Arbeiten hat Prigogine 1977 den Nobelreis für Chemie erhalten. Es existieren also bereits in der sogenannten toten Materie Strukturen, die sich dank ständiger Energieaneignung über längere Zeit selbst erhalten. Handelt es sich also lediglich um einen graduellen Unterschied?
Mitnichten, denn für das Leben ist das Selbsterhaltungsprinzip über die Existenz der gegebenen Struktur ausgedehnt: Es pflanzt sich fort. Das heißt, dass es eine Information über den Aufbau seiner selbst und dessen Erstellung abgibt. Zwar schöpft es seine Bausteine aus demselben Korb wie die sonstige Materie – wird aber zu etwas drastisch Anderem.
Zum frühesten Leben gibt es mehrere Erzählungen. Eine beginnt in der Tiefsee in der Nähe von heißen Quellen oder Vulkanen. Diese unwirtlichen Umgebungen bildeten gleichwohl ein Milieu, in dem vermutlich frühesten Lebensformen – Archaebakterien – ihr Auskommen fanden. Die andere Erzählung handelt von Cyanobakterien. Deutlich früher als bis vor kurzem angenommen, fassten sie vor annähernd 4 Milliarden Jahren zunächst in den flachen Schelfgewässern Fuß. Dies im wörtlichen Sinn. Sie bildeten auf dem Grund des flachen Meeres größere Gebilde, Termitenhügeln ähnelnd, in denen sie mittels Photosynthese Lebensenergie gewannen. Gewiss spekulativ, kann dennoch die Annahme gewagt werden, dass das „Fußfassen“ überlebensdienlich war. Nur die lichtdurchfluteten Schelfgewässer boten Gewähr für eine kontinuierliche Photosynthese. Wären sie nicht am Boden verankert, hätten Strömungen sie wohlmöglich in tiefere Schichten mitgeführt, in denen sie nicht lebensfähig gewesen wären.
Schließlich gibt es eine Sicht, die grundsätzlich an die Entstehung des Lebens heranführt. Leben setzt die Bildung sehr großer Molekülketten voraus, lautet das Grundverständnis.7 Das sei aber im Meer nicht möglich, da Wasser wie eine Schere auf die Ketten wirkt, sie also wieder zerteilt. Erst hinter einer Schutzhülle seien die Voraussetzungen gegeben. Der Aufbau der Schutzhülle setzt jedoch sehr komplexe Moleküle voraus, die ohne Schutz aber nicht gebildet werden können… Danach dürfte es Leben eigentlich gar nicht geben.
Es sei eben nicht im Wasser entstanden, sondern auf dem Land – in tiefen Höhlen, die Schutz vor der intensiven Strahlung boten, lautet ein Erklärungsversuch. Und hat sich dann ins Meer begeben?8
Jedenfalls war es zur Existenz gelangt. Und so entfaltete sich über Jahrmillionen eine Lebenswelt von Bakterien. Durch die Ausgasungen von Vulkanen hatte sich bereits zuvor eine Atmosphäre gebildet; sie bestand vornehmlich aus Wasserstoff, Kohlendioxyd und wohl auch aus Stickstoff. Das änderte sich im Verlauf von zwei Milliarden Jahren entscheidend. Im Prozess der Photosynthese durch die Cyano-Bakterien wurde kontinuierlich Sauerstoff freigesetzt. Als ubiquitär verfügbarer Energieträger war dieses Gas für bewegliche Organismen höchst geeignet. Allerdings nicht für die damals vorhandenen. Für sie war Sauerstoff größtenteils giftig und so vollzog sich die „große Sauerstoffkatastrophe“. Das vorhandene Leben wurde fast vollständig ausgelöscht. Die wenigen anpassungsfähigen Exemplare bildeten die Grundlage für die gesamte heute existierende Lebenswelt.
Zunächst blieb das Wasser Hort des Lebens. Im Laufe der nächsten Jahrhundertmillionen vollzog aber ein weiterer Wandel. Stetig wurde die Atmosphäre mit Sauerstoff, Abfallprodukt der Photosynthese, angereichert. Die nunmehr erreichte Dichte führte zur Bildung einer Ozonschicht in der Stratosphäre. Damit war ein weiterer Filter geschaffen, vornehmlich wirksam gegen die gefährliche UV-B-Einstrahlung. Vor 700 Millionen Jahren wurde es daher dem Leben im Prinzip möglich, die Meere zu verlassen. Es währte jedoch annähernd 200 Millionen Jahre9, bis zunächst den Pflanzen der Schritt aufs Land gelang. 100 Millionen Jahre später folgten Amphibien, sowohl im Wasser wie auf dem Land existenzfähig. Daraus ist in weiteren 400 Millionen Jahren die Lebenswelt hervorgegangen, wie wir sie heute vorfinden.
Kurzgefasst: Das Zusammentreffen besonderer Bedingungen war der Entstehung von Leben auf der jungen Erde vorausgesetzt. Und es ist durchaus fraglich, ob derartige Bedingungen an anderen Orten des Universums gegeben waren oder sind – jedenfalls um Leben zu ermöglichen, wie wir es verstehen. Dieses Leben blickt auf eine Geschichte und Entwicklung im Lauf von fast vier Milliarden Jahren zurück und wurde mehrfach fast bis zur Auslöschung herausgefordert, so bereits aufgrund der „Großen Sauerstoffkatastrophe“. Erst spät, in den letzten 10 Prozent der bisherigen Erdgeschichte, gelang die Expansion auf das Land. Dann aber erreichte die Evolution eine Dynamik, die alles Vorangegangene übertraf.
Nicht zuletzt durch Diversifizierung ist es der Evolution gelungen, allen Gefährdungen eines Untergangs zu entgehen. Die Vielfalt der Genome ist eine Schatzkammer, in der - bisher - auf interschiedlichste Herausforderungen Antworten gefunden wurden. Deren Erhalt kommt daher hohe Dringlichkeit zu.
1.1 Frühe Formen der Gesellung
Von Beginn an hatte sich das Vorhandensein anderen Lebens als äußerst nützlich erwiesen. Gesellung ist nicht lediglich eine mögliche Form der Existenz. Sie war und ist vielmehr für den Erhalt und vor allem für die Fortentwicklung von Leben von essentieller Bedeutung. Einzelwesen im „Naturzustand“ verharrten in...




